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Porträt
Yan Jun (颜峻)

Yan Jun (颜峻)
Yan Jun (颜峻) | Foto: Bryan Spencer

Yan Jun wurde 1973 in Lanzhou in der westchinesischen Provinz Gansu geboren. Er graduierte am Department of Chinese Language and Literature der Northwest Normal University. Heute lebt und arbeitet er in Peking.

Yan Jun ist ein musikalisches Allroundtalent: Seit vielen Jahren ist er aktiv als Musikkritiker, Kurator von Musik- und Kunstveranstaltungen und als Improvisationsmusiker. Zudem schreibt er auch Gedichte. Als Musikkritiker hat Yan Jun nahezu eine Million chinesischer Schriftzeichen zu Papier gebracht; für den „Chinese Underground Rock“ der 1990er-Jahre war er einer der wesentlichen Impulsgeber. Als Kurator von Independent-Musik- und Kunstveranstaltungen engagiert sich Yan Jun seit einigen Jahren für die Erzeugung und Verbreitung von experimenteller Musik und Klangkunst; er ist Gründer des Labels Sub Jam und Kurator des Musikfestivals Mini Midi (dem frühesten Musikfestival dieser Art in China). Als Klangkünstler und Improvisationsmusiker hat Yan Jun frei improvisierende Gruppen wie Tie Guan Yin und Pisces Iscariots ins Leben gerufen.

Yan Jun war oft Gast auf Musikfestivals in Deutschland, darunter in Berlin bei der transmediale, in Köln bei Frischzelle – dem Festival für Intermediale Performance und bei der MusikTriennaleKöln. 2010 trat Yan Jun im Rahmen einer Deutschland-Tour als Elektroniksolist in Berlin, Köln und Wuppertal auf.

Yan Jun arbeitete bereits viele Male mit deutschen Elektronikmusikern, die in China gastierten, zusammen, zuletzt Anfang März 2012 mit dem Musiker Olaf Hochherz, mit dem er gemeinsam den vom Goethe-Institut unterstützten Miji-Workshop für Improvisationsmusik Half Animals leitete. Dabei formierte sich das Ad Hoc Improv Committee, das dann bei dem Festival Sally Can´t Dance auftrat.


1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Vor allem mit den Auftritten zweier Musikgruppen. Die eine ist das von mir ins Leben gerufene Ad Hoc Improv Committee mit rein experimenteller, rein improvisatorischer Musik. Die andere ist The Tea Rockers Quintet mit vergleichsweise traditioneller Musik. Im Mittelpunkt steht dabei ein Teemeister, der bei jedem Auftritt unterschiedliche Teezeremonien live performt, während wir übrigen vier Musiker entsprechende Musik dazu spielen.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Als ich in den 1990er Jahren begann deutsche Rockmusik zu hören. Damals hat mich die Band Einstürzende Neubauten sehr beeindruckt. Im Jahr 1999 nahm ich dann zum ersten Mal in Peking an dem Jazzfestival von Udo Hoffmann teil. Dort hörte ich erstmals deutsche Bands live spielen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Die elektronische Musik in Deutschland hat mich stark beeindruckt, beispielsweise die in den 1950er Jahren um Karlheinz Stockhausen entstehende elektronische Musik. Diese Musik konnte man zur damaligen Zeit als sehr avantgardistisch bezeichnen, mit einem dennoch starken Geschichtsbewusstsein, gleich einem ganz eigenen geistigen Reich. Ich denke, dass ich daraus auch reiche geistige Erlebnisse gewinnen konnte.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Vor einiger Zeit traf ich einmal in Berlin an einem einzigen Tag bei verschiedenen Gelegenheiten auf 10 Freunde von mir, die alle gerade erst nach Berlin gezogen waren, und nur ein einziger von ihnen war Deutscher. Berlin zieht derzeit Künstler aus der ganzen Welt an. Ich liebe in Berlin dieses Gefühl, als kämen alle von auswärts, das Gefühl eines von der Alltagsroutine losgelösten neuen Lebens.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Da war ein deutscher Musiker, der nie auf meine E-Mails antwortete. Wenn es in einer E-Mail um mich ging, ich ihn um irgendetwas bat, bekam ich nie eine Antwort; sobald es aber um ihn ging, ließ die Antwort nicht lange auf sich warten...

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Einen ziemlich tiefen Eindruck hat bei mir der Döner Kebab in Deutschland hinterlassen. Der stammt natürlich aus der Türkei und man bekommt ihn an vielen Orten der Welt. Dann ist da noch das Bier: Einmal aß ich in einem Restaurant in Köln. Dort war es üblich, dass das Bierglas, sowie man etwas daraus getrunken hatte, von dem aufmerksamen Kellner unaufgefordert aufgefüllt wurde, es sei denn, man deckte das Glas mit einem Bierdeckel ab und signalisierte damit, nicht mehr trinken zu wollen.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Eine Verbindung aus dem Streben nach einem Gefühl für elementarste Materialien einerseits und der Betonung des Reflektierens andererseits. In der visuellen Kunst beispielsweise ist für mich ein „typisch deutsches“ Kunstwerk wahrscheinlich ein Block aus Eisen oder Zement oder aus irgendeinem anderen möglichen Material, frei von jeglicher Verzierung, sehr kühl, mit großer visueller Wirkungskraft. Dieses Gefühl für Materialien steht für etwas Unverfälschtes, etwas Ursprüngliches, und so folgt der reinen visuellen Wirkung dann die Betonung des Reflektierens, die Suche nach den äußersten Grenzen des Denkens. In der Musik ist das im Grunde auch so. Deutschland ist eines der Ursprungsländer der Elektromusik, wo unter Einsatz des Synthesizers aus elementarsten Schwingungen Klang erzeugt wird, das ist das Gefühl für klangliches Material.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Das Kommunistische Manifest. Als ich jung war, meinte ich darin einen geistigen Ansporn spüren zu können, eine geistige Kraft für den Versuch, das Unmögliche zu tun.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem befreundeten Musiker aus Deutschland, er heißt Nicolas Bussmann. Zum einen würde ich gerne einmal die Arbeitsbedingungen eines deutschen Musikers persönlich erleben, sie unterscheiden sich sehr von den Arbeitsbedingungen eines chinesischen Musikers. Er kann auf sehr gute Musikausrüstungen zugreifen, alles sehr verlässlich. Zum anderen wohnt Nicolas Bussmann in Berlin in einem Viertel mit einer überwiegend türkischstämmigen Bevölkerung. Dort gibt es viele interessante türkische Geschäfte, kleine Buchläden und kleine Verlage. In dieser Umgebung fühle ich mich sehr wohl.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Haltung, die dazu befähigt, sich mutig der Wirklichkeit zu stellen. Selbst wenn diese Wirklichkeit traumatisch und schmerzvoll sein sollte, dennoch in der Lage zu sein, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nichts zu verschleiern und vor nichts die Augen zu verschließen. Im Grunde genommen stehen diese Haltung und die Musik in einem Zusammenhang. Ich wünsche mir, dass es auch in China mehr Musik mit weniger Verzierungen gäbe, schlichter, realistischer, mit mehr „Materie“.

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