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Literaturübersetzung
Den Literaturnobelpreisträger übersetzen

Das Landleben verbindet Mo Yan und eine seiner deutschen Übersetzerinnen Martina Hasse.
Das Landleben verbindet Mo Yan und eine seiner deutschen Übersetzerinnen Martina Hasse. | Foto: Privat

Das herausragende Merkmal eines Literaturübersetzers, der einen gerade frisch gebackenen Literaturnobelpreisträger übersetzt, ist: keine Zeit. Sofort alles, was Zeit kostet, beiseite schaffen. Übersetzen, sonst gar nichts mehr tun.

Von Martina Hasse

Kolossal, dass Mo Yan (莫言) jetzt diesen Preis bekommen hat. Ich freue mich sehr für ihn. Er hat ihn in jeder Hinsicht verdient. Natürlich freue mich sehr, dass ich ihn übersetze.

Mo Yans Literatur ist Weltliteratur. Er selber schrieb einmal, was ein gutes Werk auszeichnet, was ihm wichtig ist:

„Gute Romane sollten dissonant sein. Das Dargestellte sollte mehrdeutig bleiben. Das Geschehen im Roman sollte sich in vielen Fällen diametral zur subjektiven Meinung des Autors entwickeln. Zwischen Gut und Böse, schön und hässlich, Liebe und Hass sollten die Grenzen verschwimmen. In so einer Grauzone entfaltet ein Autor seine Fähigkeiten. Man kann behaupten, dass ein sehr dicht geschriebener Roman von den Menschen generationenlang immer wieder falsch verstanden werden kann. Ein so genanntes ‚falsch verstehen‘ meint ‚falsch verstehen‘ in Bezug auf die subjektive Autorenmeinung. Aber den Autor misszuverstehen und sein Werk ‚falsch‘ zu lesen, ist der besondere Reiz der guten Literatur. Ein herausragender Roman sollte wie ein in der Tiefsee reisender Wal sein … Wer ihn lesen will, der lese, wer nicht, der lasse es bleiben!“ (Nachwort Der Überdruss)

Der Preis wird die gesamte chinesische Schriftstellerschaft nach vorn bringen, und er wird der chinesischen Literatur in Deutschland, wo sie es bisher schwerer als zum Beispiel in Frankreich hat, gut tun.

Ich lernte Mo Yan kennen, als die chinesische Ausgabe des Überdruss erschien. 2007 waren es 20 Jahre seit der Erstaufführung des Roten Kornfelds unter Zhang Yimous (张艺谋) Regie mit Gong Li (巩俐) und mit Mo Yans Drehbuch. Wir träumten im Sommer 2006 in Hamburg – deutlich vor der Berlinale 2007 – dieses Jubiläum zum Anlass zu nehmen und Mo Yan nach Hamburg zur China Time einzuladen. Hatte doch Zhang Yimou in seiner Verfilmung des Roten Kornfelds (红高粱) die magische Farbregie aus Mo Yans Romanen sichtbar gemacht.

Gerade war Mo Yans neuer Roman Shengsi Pilao (生死疲劳)erschienen. Wahrscheinlich habe ich ihn deshalb gleich gelesen. Vielleicht wollte ihn aber auch einladen, weil ich sein neues Buch gelesen hatte. Das erinnere ich nicht genau. Jedenfalls nahm es mich sofort gefangen – glaube ich doch an Wiedergeburten und Karma. Ich dachte nur: Diesen Roman möchtest du übersetzen. 2006 war aus Mo Yans Besuch in Hamburg leider nichts geworden, aber zwei Jahre später war es so weit, dass er Hamburg besuchte. Den Überdruss habe ich in Deutschland vorgestellt und die Verlagssuche auf mich genommen. So haben wir es für die zwei in Deutschland nachfolgenden Bücher, Die Sandelholzstrafe (檀香刑) und die Frösche (蛙) auch gemacht.

Mo Yan zu übersetzen, ist dem Literaturübersetzer eine wahre Freude, denn man kann während des Übersetzens mitfiebern, mitlachen, mitweinen. Beim Überdruss hat man diese Freude über das gigantische Ausmaß einer Textlänge von 500.000 Schriftzeichen. Gigantisch ist am Überdruss auch, dass Mo Yan ihn sich in nur ungefähr einem Monat von der Seele schrieb. Ich brauchte etwas mehr als ein Jahr zum Übersetzen.

Mo Yan und ich haben den Bezug zum Land gemeinsam. Ich bin im Cloppenburger Land geboren und aufgewachsen, im norddeutschen, platten Land, wo man Mundart spricht, früher fast alle Bauern waren und alle viele Kinder haben. Mo Yans Herz hängt an Gaomi und seine Literatur spiegelt das Leben im Gaomiland, im Norden Chinas, in den ehemaligen deutschen Pachtgebieten, Kiautschou (heute: Jiaozhou) in Shandong, wider. Seit meinem Studium lebte ich in Hamburg und an anderen Orten, Mo Yan lebt in Peking.

Die Übersetzungsarbeit bestand beim Überdruss in großen Teilen aus Recherche nach den richtigen deutschen Begriffen. Um eine korrekte Umsetzung in die jeweilig richtige deutsche Sprache zu gewährleisten, holt sich der Übersetzer des Öfteren fachlichen Rat. Dürfte der Literaturübersetzer, wie ein Autor es darf, im Buch einen Dank aussprechen, hätte ich es sicherlich gern getan und viele Namen genannt.

Spezielle Quellen aus der Zeit der Kulturrevolution, Sammlungen der Slogans, die bei Kampagnen verwendet wurden, Quellensammlungen des damals wie heute vielbenutzten Politjargons stellte mir das Giga in Hamburg bei der Übersetzung des Überdrusses für einen längeren Zeitraum zur Verfügung. Die Bundeswehr, die Luftwaffe – auch für die Frösche half mir die deutsche Luftwaffe – und Hamburger Waffenhandlungen unterhielten sich mit mir über Waffentechnisches, militärische Ränge, Einzelheiten bei historischen Pistolen.

Fachliches vom Ackerbau, die Raine, die Gewanne, das Pflügen, Eggen, Säen. Das Dorf und die Bauernhäuser, Abwasser, Kanalisation. Viehhaltung, Obstanbau, Feldbau, bei der Viehhaltung Nutzvieh, Schirrungen, verschiedene Wagen, auch die großen Einachser, diese großen einrädrigen chinesischen Schubkarren, die ersten Motorpflüge und andere technische Neuerungen bei Landmaschinen, Rindvieh und Ochsen, Esel, Mulis und Pferde als Zugtiere und bei den Schweinen und anderem Viehfütterung, Beschneidung durch die Viehschneider und Aufzucht. Dazu befragte ich, wenn Probleme besprochen werden mussten, ehemalige Schulfreunde aus Cloppenburg, die inzwischen Tierärzte sind oder den Hof übernommen haben, fragte den großen Demeter-Bauern vor den Toren Hamburgs, von dem ich mein Gemüse kaufe, fragte Wissenschaftler aus dem Museumsdorf Cloppenburg, zum Vieh half mir ein Eselzuchtgestüt, zu Gute kam mir, dass ich einspännig Kutsche fahren kann, bei den Schweinen fragte ich die Bauern und nahm Kontakt mit Schweineliebhabern auf, indem ich in ihren Blogs beitrat. Von diesen Liebhabern, die Schweine als Haustiere halten, ließ ich mir viel über Verhalten und Psyche von Schweinen erzählen. Zu technischen Details früher Landmaschinen gab mir wunderbarerweise ein befreundeter Ingenieur und Maschinenschlosser und die wissenschaftliche Leitung des Museumsdorfs oft hilfreiche Auskunft.

Mir kommt in Zusammenhang mit der Verleihung des Nobelpreises an Mo Yan der Jetpilot – Jetpilot zu sein gilt als Inbegriff der Traumkarriere in China – aus seinem neuen Roman, den Fröschen, in den Sinn. Mo Yan als Literaturnobelpreisträger macht diesem Jetpiloten in seinem Roman Frösche jetzt den Rang abspenstig!

Seine Romanfiguren Goldphönix (Jinfeng) und Kangmei aus dem Überdruss und Renmei aus den Fröschen, diese langbeinigen Schönheiten, werden Augen machen, wenn sie hören, dass Mo Yan Nobelpreisträger geworden ist.

Man stelle sich vor, dass aus Anlass des Gaomier Rote Mohrenhirse Kunst- und Kulturfestivals, was gerade wieder zu Ende gegangen ist, am Gaomier Himmel Purzelbaum schlagende Düsenjets zur Feier des Gaomier Nobelpreisträgers in weißen Wolkenstreifen „Literaturnobelpreis im Gaomiland“ an Gaomis azurblauen Himmel schrieben.

Schon beim Jetpiloten lobte der Vater Kaulquappes in den Fröschen:

父亲端起一杯酒,咕咚干了,把酒杯往桌子上一墩,说,飞行员,是人中龙凤,当年你姑奶奶找那个男的,王小倜,站着像一棵青松,坐著如一口铜钟,走起路来虎虎生风……那小子,如果不是一时糊涂飞去了台湾,现在,空军司令没准就是他了……

„Jetpiloten sind die Drachen und Phönixe unter den Menschen. Als sich deine Großtante ihren Jetpiloten Wang Xiaoti aussuchte …, hättste mal sehen sollen, der stand fest auf dem Boden wie eine Föhre, saß schwer auf dem Stuhl wie eine Bronzeglocke und bewegte sich mit der Wucht eines brüllenden Tigers. Wenn der nicht diesen Aussetzer mit Taiwan gehabt hätte, wäre der jetzt Befehlshaber der Luftwaffe. Da kannst du von ausgehen!“ Wie wird der Vater da erst den Nobelpreisträger loben!

2008 saß Mo Yan bei uns in Hamburg am Küchentisch, unser alter Schäferhund erhob sich, als wir aufbrachen. Gemeinsam hoben wir die alte Dame ins Auto, denn der Hund wollte ja mit, als wir auf die Sause fuhren, an die Elbe, sich den Wind um die Nase blasen lassen. Den Schnaps hatten wir im Kofferraum natürlich dabei, denn wenn Nordchinesen bei den norddeutschen Fischköppen zu Besuch sind, darf ein Doppelkorn mit von der Partie sein. Unser Haushund ist zwar kein typischer deutscher Schäferhund mit der schwarzen Decke, aber ein „Deguo quanbai langquan“, nämlich ein weißer Schäferhund, schneeweiß, mutig, verständig.

Buti mochte Mo Yan sofort. Und Mo Yan Buti auch, war doch schon im Überdruss ein deutscher Schäferhund als Vererber am Werk und der Hund stolz auf seinen deutschen Vater,

咱家是一条生龙活虎的、继承了本地大白狗与德国黑背狼犬优良基因的猛犬,高密县的狗王。

„Mit Verlaub, ich bin Alpharüde des Rudels unseres Kreises Gaomi! Ich trage die herausragenden Gene eines deutschen Schäferhundes und einer weißen Gaomi-Hündin weiter. Ich bin drachen- und tigergleich.“

Wir machten eine Spazierfahrt in Norddeutschland, vor den Toren Hamburgs, in Wedel und in Horst. Aber nicht mit einer silbern blitzenden Audilimousine, die im Schritttempo beim Ximenschen-Anwesen im Überdruss vorfährt, cruisten wir da durchs Alte Land in Europas größter Obstplantage, sondern wir fuhren im allerkleinsten Opel, der auch nicht silbern war, aber metallic-grün.

In Horst sind wir Schweine streicheln gewesen, Demeter genießen. Der Bauer Scharmer erzählte: „Eine chinesische Schwiegertochter, die hab ich auch zu Haus! Vor Jahren hatten wir hier eine chinesische Delegation auf dem Bauernhof zu Besuch, die wollten was über die gute Demeter-Landwirtschaft lernen. Wir mit unserem jahrhundertealten Bauernhof sind ja jetzt gemeinschaftlich gemeinnützig organisiert, könnte man ja fast Kommune nennen … Als ich das Wort Kommune übersetze, geht bei Mo Yan die Kinnlade runter, unmerklich nur.

Welch wunderschöner Bauernhof, grüne Felder, reife Äpfel, die Mo Yan vom Baum pflückt, die Kühe haben zum Schubbern ein Bürstenrad an der Wand und ein Blumenmeer duftet und blüht vorm Altenteil der Scharmers. Wir haben den Ausflug sehr genossen. Man hatte sich in Horst, nachdem man den Überdruss gelesen hatte, auch sehr für das Schweinefutter und die Zusammensetzung der Schlempe interessiert, die der Golddrache (Jinlong) im Buch für die Schweine gemacht hatte, auch für einiges Grüngemüse …

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