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Vertrauen
Das Messer im Rücken und 110

Burglar
Burglar | Foto: © Colourbox

Die deutsch-ungarische Autorin Terézia Mora über Vertrauen, Uniformen und gläserne Messer.

Neulich hat ein Dieb beobachtet, wie ich das Haus meiner Großeltern verließ, um ins Thermalbad zu gehen. Wenige Minuten später überwand er das unverschlossene Tor, den (einfach zu freundlichen) Haushütehund, die unverschlossene Eingangstür und noch eine weitere und räumte meine Handtasche aus, während meine Großmutter im Nachbarraum war. Meine Familie hat mich drei Tage lang davon abgehalten, zur Polizei zu gehen. Erst ging es darum, ich würde mich bestimmt irren, ich hätte mein Portemonnaie, mein Handy und meine Kamera nur verlegt. Und außerdem, hieß es, könne man der Polizei sowieso nicht vertrauen. Und ich: war mir zwar sicher, Sachen nicht verlegt zu haben, hatte aber tatsächlich auch kein Vertrauen in die Polizei. All das passierte im Urlaub, in Ungarn. Ich habe drei Tage gebraucht, bis ich mich vom Bann befreit hatte und doch noch zur Polizei gegangen bin, die – natürlich – nichts tun konnte, außer mir ein Protokoll für die Versicherung zu geben. Wäre mir all das in Deutschland geschehen, wo ich lebe, hätte ich nicht länger als wenige Minuten überlegt, bevor ich die Polizei gerufen hätte. Nicht, weil ich davon ausgegangen wäre, sie würden den Dieb fassen (leider passiert das nicht sehr häufig), aber zumindest wäre ich sicher gewesen, dass alles, was sie um die Sache herum tun, korrekt wäre. Was es auch in Ungarn war, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Vollständigkeit = Fairness.

Warum stand ich zuerst trotzdem unter einem Bann? Nun, wer den Film 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage von Cristian Mungiu noch nicht gesehen hat, sollte das unbedingt nachholen. Neben all den anderen tiefgreifenden Aussagen über unser Menschsein erzählt dieser Film auch davon, was für einen Umgang diejenigen, die in einer Diktatur leben, von offizieller und halboffizieller Seite gewohnt sind. Nicht nur Polizisten, auch Portiers, Hotelrezeptionisten, Ärzte, Lehrer, Verkäuferinnen, Kellner, Briefträger, ja sogar Geistliche haben respektlos bis drohend mit uns geredet. Wer auch nur die geringste Macht hatte, drohte demjenigen, der weniger hatte, und, die, die sich ganz unten in der Pyramide befanden, verloren verständlicherweise das Zutrauen ins System, in ihre Mitmenschen und mitunter sogar in sich selbst. Nachdem ich Ungarn verlassen hatte, brauchte ich Jahre, bevor ich keine Panikreaktionen mehr zeigte, wenn ich eine Behörde betreten oder eine bewachte Grenze überschreiten musste. Wenn du in einer Diktatur aufwächst, lernst du, dass du dich auf Offizielle, aber auch auf Privatleute nur bedingt verlassen kannst, weil das ganze System auf Misstrauen aufbaut. Du kannst deinen Erwachsenen wie auch den Gleichaltrigen nur bedingt vertrauen. Wie wird so ein Mensch? Was hält ihn aufrecht? Viel hängt vom Glück ab. Den unberechenbaren, richtungslosen Bewegungen der Gnade.

Die 25 Jahre, die ich mittlerweile in einem sicheren Staat verbracht habe, haben manche meiner Wunden kuriert, andere nicht. Ich habe keine Angst mehr vor den Mitarbeiterinnen des Einwohnermeldeamtes (Wieso? Weil sie sich 25 Jahre lang gesetzestreu und höflich gezeigt haben) die Beklemmung (manchmal gesteigert bis zu ohnmächtiger Wut), bei von Uniformierten durchgeführten Kontrollen wird vermutlich nie vorbei sein. Das liegt in der Natur der Sache. Uniform sagt: Vorsicht. Könnte sie nicht auch sagen: Hier bist du in Sicherheit? Doch, natürlich, manchen sicher auch das. Mir sagt sie das leider nicht, meine früh gemachten anderweitigen Erfahrungen gehen zu tief.

Aber alles in allem habe ich doch unfassbares Glück gehabt. Meiner Generation, die beim Fall des Eisernen Vorhangs gerade volljährig wurde, ist das Geschenk gemacht worden, sich nicht einrichten zu müssen in einem nicht-vertrauenswürdigen System. Es gibt keine – keine – Diktatur, keine Autokratie, der man vertrauen könnte. Während meine Erfahrungen mit der Demokratie mich davon überzeugt haben, dass ich mehr Gründe habe, ihr zu vertrauen, als es nicht zu tun.

Das funktioniert auch im Privaten nicht anderes. Man hat Vertrauen zu dem, den man als vertrauenswürdig kennengelernt hat, und zwar, wenn es gut läuft, wenn man nicht aus einem schweren Mangel heraus zu handeln gezwungen ist, so, dass man Unbekannten erst einmal Vertrauen vorschießt und diesen Vorschuss je nach gemachten Erfahrungen korrigiert. Ja, das ist Arbeit, das ist Risiko, das ist anstrengend. Allerdings ist es so, dass, je weniger Kontakt man hat, umso weniger Vertrauen hat man auch. (Siehe: Der Fremdenhass ist in jenen Gegenden am größten, in denen es die wenigsten Fremden gibt.) Obwohl die Gefahren bei Vermeidung von Kontakt geringer zu sein scheinen, zeigt die Erfahrung, dass ich mich umso sicherer fühle, je vielfältiger meine Kontakte sind. All das, was ich hier sage, gilt in Friedenszeiten. Es gilt für freie Gesellschaften. In einer Diktatur, im Krieg, auf der Flucht gelten andere Gesetze (ich schreibe das im Sommer 2015, während die größte Zahl Flüchtlinge seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa unterwegs ist). Der Flüchtling flüchtet, wenn nicht vor dem Tod, so vor der Dysfunktionalität der Systeme, in denen er sonst zu leben gezwungen wäre. Der Mensch ist einer, der nicht längere Zeit in Ruinen leben kann. Wenn ich die Wahl habe, lebe ich in einem sicheren Staat. Wenn ich die Wahl habe, lebe ich mit Menschen zusammen, die mir kein Messer in den Rücken rammen. Jedem ist das mit dem metaphorischen Messer schon passiert. Manche sind darüber bitterer als die bitterste Pille. Dabei lohnt es sich nachzuzählen. Ich habe es gemacht. Es war überwältigend. Drei, die ich kenne, tragen mit Gift gefüllte gläserne Messer unter ihrer Kleidung (ich weiß es, weil ich sie jeweils aus meinem Rücken ziehen durfte), aber die meisten, die allermeisten, mit denen ich Kontakt habe: sind nicht so. Natürlich denkt jeder in erster Linie an sich selbst. Natürlich. Du doch auch. Von dort bis zum Messer ist es aber noch ein sehr, sehr weiter Weg. Meiner Erfahrung nach gehen ihn die meisten nicht. Sie haben andere, bessere oder zwingendere Wege zu gehen. Und wenn es mal nicht so wäre, wenn die Drei plötzlich in der Überzahl wären, was würde ich dann tun? Das, was jeder tun würde, der nicht schon gelernt hat, vollkommen hilflos zu sein: Ich würde mich, wie ein wahrer Held, und wie jeder, der ein gutes Leben haben will, auf die Reise begeben und mir Alliierte suchen, also welche, denen man vertrauen kann. Ohne Vertrauen ist kein gutes Leben möglich, so einfach ist es.

 

Die Schriftstellerin Terézia Mora wurde 1971 in Sopron in Ungarn geboren und wuchs zweisprachig ungarisch und deutsch auf. 1990 ging sie nach der politischen Wende zum Studium der Hungarologie und Theaterwissenschaft nach Berlin. Nach einer Ausbildung zur Drehbuchautorin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie dffb machte sie sich seit 1998 als freie Autorin einen Namen. Parallel ist sie seit vielen Jahren als Übersetzerin aus dem Ungarischen tätig. Terézia Mora arbeitet derzeit an dem dritten Band ihrer Trilogie um den IT-Spezialisten Darius Kopp, einer Fortsetzung der bereits erschienenen Romane Der einzige Mann auf dem Kontinent und Das Ungeheuer. Die mehrfach preisgekrönte Autorin wurde zuletzt 2013 mit dem Deutschen Buchpreis für ihren Roman Das Ungeheuer ausgezeichnet.

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