Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Politik des Zählens – Zensus in China
Politik des Zählens – Zensus in China

Zugvögel
Zugvögel | Foto: © Image China

Die genauesten Bevölkerungszahlen für China stammen aus den nationalen Volkszählungen. Nach jedem Zensus kann man beobachten, dass viele zuvor gewonnene Daten angepasst werden und es zu plötzlichen Richtungswechseln in der Politik kommt. Allerdings kommt es unter Umständen auch vor, dass ein Zensus falsche Daten liefert und politische Fehlentscheidungen zur Folge hat.

Von Chenqin

Die Daten über die chinesische Bevölkerung speisen sich heutzutage aus verschiedenen Quellen. Zum einen gibt es die vom Ministerium für Öffentliche Sicherheit jährlich veröffentlichte Statistischen Daten über die Bevölkerung nach Kreisen und Städten (全国分县市人口统计资料) zum anderen die vom Staatlichen Statistikamt jährlich durchgeführte Stichprobenerhebung zum demografischen Wandel. Außerdem können über die jeweiligen Amtsstellen genauere Informationen über bestimmte Altersgruppen eingeholt werden. So gibt das Erziehungsministerium beispielsweise Auskunft über die Einschulungsraten und die Sozialbehörde über den Sozialversicherungsstatus in der Stadt oder auf dem Land. Allerdings müssen sich alle der hier genannten Bevölkerungsdaten der in jeder Dekade einmal durchgeführten nationalen Volkszählung unterordnen.

Die Korrektur vorliegender Bevölkerungsdaten

Die Kosten für die nationale Volkszählung von 2010 beliefen sich auf insgesamt acht Milliarden chinesische Yuan. Durch diesen enormen finanziellen Aufwand konnte bei dem Volkszensus ein extrem hoher Deckungsgrad von 100 Prozent erreicht werden. So war sichergestellt, dass diese Erhebung im Vergleich die genauesten Daten lieferte.

Ist eine nationale Volkszählung erst einmal abschlossen, setzt stets die Revision zuvor gewonnener Bevölkerungsdaten ein. Das beste Beispiel dafür ist Shanghai. Das Statistische Jahrbuch der VR China 2010 (中国统计年鉴) gab für Shanghai im Jahr 2009 die Einwohnerzahl von 19,21 Millionen an. Nur zwei Jahre später jedoch, im Statistischen Jahrbuch der VR China 2012, waren für 2009 in Shanghai 22,1 Millionen Einwohner vermerkt. Die Bevölkerungszahl war also in zwei aufeinanderfolgenden Jahrbüchern für ein und dieselbe Stadt und für dasselbe Jahr um 2,89 Millionen nach oben korrigiert worden. Der Grund für diese Anpassung war ganz offensichtlich die nationale Volkszählung von 2010, die der Stadt Shanghai eine Einwohnerzahl von 23,03 Millionen bescheinigte. Wäre nämlich die erste Bevölkerungszahl für das Jahr 2009 für korrekt befunden worden, hätte das bedeutet, dass die Einwohnerzahl in Shanghai innerhalb eines Jahres um fast vier Millionen gewachsen wäre. Anstatt solch eine Schlussfolgerung zu akzeptieren, räumten die Statistikbehörden für die vergangenen Jahre lieber erhebliche Lücken bei den Stichproben zur Shanghaier Bevölkerungsentwicklung ein. Natürlich sind nicht alle Provinzen und Städte dazu bereit, ihre eigenen zurückliegenden Statistiken entsprechend der Ergebnisse der nationalen Volkszählung zu berichtigen. Beispielsweise war laut dem Statistischen Jahrbuch der Provinz Guangxi die Zahl der Einwohner mit dauerhaftem Wohnsitz (常住人口) zwischen 2005 und 2009 von 46,6 Millionen langsam auf 48,56 Millionen angestiegen, wohingegen durch den Zensus im Jahr 2010 für die Provinz ein plötzlicher Rückgang auf 46,1 Millionen festgestellt wurde. Darüber, dass nun 2,48 Millionen Menschen aus der Statistik verschwunden waren und die Gesamtbevölkerung von Guangxi über Nacht auf den Stand von vor fünf Jahren zurückgefallen sein sollte, konnte man nur den Kopf schütteln.   

Abgesehen von den Zahlen zur Gesamtbevölkerung kann der nationale Zensus auch neue Erkenntnisse über die Struktur der Bevölkerung liefern. Im Zuge der steigenden Mobilität der Menschen verlieren die Behörden für Öffentliche Sicherheit in den einzelnen Städten immer mehr den Überblick über die Einwohner, die sich ohne angeborenes Wohnrecht vor Ort langfristig niederlassen. Da diese Bevölkerungsgruppe von den Sicherheitsbehörden statistisch nur schwer erfasst werden kann, geben sie bei der Meldung der Bevölkerungszahlen stets an, es würde sich bei den Daten lediglich um die Einwohner „mit lokaler Haushaltsregistrierung“ (本地户籍) handeln. Da aber das Ministerium für Öffentliche Sicherheit gleichzeitig auch die Behörde zur Registrierung der Haushalte ist, sollte man annehmen, dass zumindest die Daten über die Haushaltsregister korrekt sind. Bedauerlicherweise ist auch das nicht der Fall. 2010 hatte das Ministerium für Öffentliche Sicherheit den Anteil der nicht-bäuerlichen Haushalte an der chinesischen Gesamtbevölkerung  mit 34,17 Prozent angegeben, wohingegen die sechste Volkszählung ergab, dass die Quote der Haushalte mit bäuerlicher Haushaltsregistrierung (户口) nur bei 29,14 Prozent lag. Aus dieser Differenz ergibt sich, dass fünf Prozent der chinesischen Bevölkerung, also fast 70 Millionen Chinesen, obwohl sie nach wie vor einen bäuerlichen Hukou haben, von den öffentlichen Sicherheitsbehörden als nicht-bäuerliche Haushalte eingestuft werden.

Politische Reaktionen auf die Bevölkerungsdaten

Im Zuge der zunehmenden Mobilität der Menschen nehmen die Statistiken zur sogenannten „Wanderbevölkerung“ (流动人口) eine zunehmend zentrale Stellung innerhalb der nationalen Volkszählungen ein. Während im Zensus von 1990 noch anzugeben war, ob man „seit über einem Jahr vor Ort lebt, beziehungsweise den Ort seiner Haushaltsregistrierung seit mindestens einem Jahr verlassen hat“ wurde diese Zeitspanne im Jahr 2000 auf ein halbes Jahr verkürzt und im Jahr 2010 wurde nur noch der „Wohnort zum Zeitpunkt der Erhebung“ abgefragt. Man hat die Kriterien für die Erfassung der Wanderbevölkerung also immer mehr gelockert. Die Gesamtzahl der chinesischen Wanderbevölkerung ist - ohne Berücksichtigung der Menschen, die mit urbanem Hukou innerhalb einer Stadt umziehen -   sprunghaft angestiegen. Während die Zahl der Migranten im Jahr 1990 bei gut 20 Millionen lag, stieg sie im Jahr 2000 auf 103 Millionen und im Jahr 2010 auf 221 Millionen. In Großstädten mit einem relativ hohen Bevölkerungsanteil an Zugewanderten wie Peking oder Shanghai wurde die statistische Erfassung der zugereisten Bevölkerung nach der Volkszählung von 2010 erheblich ausgeweitet. So wurden in Shanghai 2,89 Millionen und in Peking 2,12 Millionen Menschen mehr erfasst.

Mit der Anhebung der Statistik setzte auch ein politisches Umdenken ein. Shanghai ist dafür ein charakteristisches Beispiel. Vor 2010 waren dort die Einschulungsbedingungen für die schulpflichtigen Kinder der Zuwanderer relativ locker, so dass der Anteil von Wanderarbeiterkindern in den Grund- und Mittelschulen über die Jahre immer mehr anstieg. Als man sich nach Veröffentlichung der Daten des sechsten Zensus bewusst wurde, dass die Zahl der Migranten weitaus höher war als erwartet, wurde die Einschulung von Kindern der Wanderarbeiter in der Stadt Shanghai allmählich strenger gehandhabt. Ursprünglich brauchten die Arbeitsmigranten, wollten sie ihr Kind an einer Schule anmelden, nur einen Nachweis über eine flexible Beschäftigung, jedoch keine Aufenthaltserlaubnis. Um das Jahr 2013 wurde die flexible Arbeitsbescheinigung immer seltener anerkannt, wohingegen die Dauer der Aufenthaltserlaubnis immer wichtiger wurde. Seit 2015 kann sein Kind nur noch einschulen, wer für mindestens drei Jahren über eine Aufenthaltserlaubnis verfügt.

Dieser politische Richtungswechsel könnte die Schulbildung von Kindern, die nach Shanghai kommen, gefährden. Natürlich kann das kaum dem Umstand zur Last gelegt werden, dass die nationale Volkszählung korrekte Zahlen vorgelegt hat. Die Frage, die man sich eigentlich stellen muss, lautet: Warum sind die Bevölkerungsdaten für Jahre, in denen kein nationaler Zensus stattfindet, so wenig verlässlich?

Die von der Statistik vergessenen Kinder

Auch wenn die nationalen Volkszählungen per se als Messlatte für die Bevölkerungsdaten und als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, liegen sie doch nicht immer richtig. Die vier nationalen Volkszählungen von 1953, 1964, 1982 und 1990 gelten als Marksteine der chinesischen Statistik. Obwohl die statistischen Verfahren damals noch unausgereift waren und die finanziellen Mittel begrenzt, waren die vier ersten Volkszählungen der Volksrepublik schon äußerst exakt. Beim fünften Zensus allerdings gab es ein Problem. Der „Zensus Nr. 5“ hatte die Zahl der Einjährigen für das Jahr 2000 nämlich mit 11,5 Millionen angegeben. Für das Erziehungsministerium war die Zahl dieser Altersgruppe eine erfreuliche Nachricht. Bedeutete sie doch, dass es bei diesen Kindern – die im Jahr 2005 schulpflichtig würden -  keine größeren Einschulungsprobleme geben dürfte. Schließlich hatten die Jahrgänge, die einige Jahre zuvor eingeschult wurden, immer bei 14 bis 15 Millionen gelegen. So gesehen sollte die flächendeckende Erfüllung der Schulpflicht keine Schwierigkeiten bereiten. Für die mit der Familienplanung befassten Behörden allerdings hatten diese Daten etwas kompliziertere Folgen. Dass die Zahl der Kinder so schnell zurückging, schien einerseits zu belegen, dass die Geburtenplanung relativ erfolgreich umgesetzt wurde. Allerdings legte die extrem niedrige Geburtenrate auch nahe, die Arbeitsziele der Geburtenplanung sowie die Funktion der Institutionen einer Revision zu unterziehen. Um zu demonstrieren, dass sie nach wie vor über eine wichtige Existenzberechtigung verfügt, hat die Staatliche Kommission für Bevölkerung und Familienplanung die durch den Zensus ermittelten Zahlen der Kinder deshalb lange nicht anerkannt.

Erst Jahre später wurden den Menschen die gravierenden Fehler der fünften Volkszählung bewusst. Im Jahr 2005 meldeten sich 16,71 Millionen Kinder in China an den normalen Grundschulen an. Fast fünfzig Prozent mehr als von der Volkszählung vorhergesagt. Unter dem hohen Druck der Ein-Kind-Politik hatten sich zahlreiche Familien bei der Volkszählung dazu entschlossen, ihren überzähligen Nachwuchs zu verheimlichen. Hätte das Erziehungsministerium die Grundschulressourcen für das Jahr 2005 tatsächlich gemäß der prophezeiten 11,5 Millionen Grundschüler geplant, hätte das unvorstellbare Folgen gehabt. Andererseits zeigt dieses zahlenmäßige Missverhältnis auch, dass die chinesische Geburtenrate nicht so niedrig lag wie in der fünften nationalen Volkszählung mit 1,22 Kinder je Frau angegeben. Stellt sich nur die Frage, ob diese Nachricht für die Staatliche Kommission für Bevölkerung und Familienplanung nun eine Enttäuschung war oder ob sie erleichtert aufatmete.

Top