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Deutsche in China
Abenteurer, Missionare und Studenten

Tafel Ehemaliger Wohnsitz des deutschen Pfarrers Qingdao
Qingdao Kirche & Gouverneursresidenz | © Kirche: picture-alliance/dpa, Gourverneursresidenz: picture-alliance/akg-images/Bruce Connolly

Sie kamen als Gastarbeiter und Kolonialherren, als Missionare und Ärzte, als Architekten, Kaufleute, Militärs, Emigranten und Studenten: ein kurzer Streifzug durch die Geschichte der Deutschen in China.

Gastarbeiter am chinesischen Kaiserhof


Ältere Spuren deutscher "Expats" finden sich ausgerechnet an einer der meistbefahrenen Verkehrsstraßen in Beijing: Am alten kaiserlichen Observatorium, südwestlich der heutigen Kreuzung am Jianguomen, arbeiteten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert europäische Jesuiten, darunter einige Deutsche, wie beispielsweise der aus Köln stammende Adam Schall von Bell (1592-1666). Als Experten der Astronomie und Mathematik genossen sie die Wertschätzung der Ming- und Qing-Kaiser. Ihr eigentliches Ziel jedoch, die Verbreitung des Christentums in China, erreichten sie nicht. Im Gegenteil: Durch die Jesuiten erfuhr ein staunendes Europa Näheres über den Konfuzianismus und das kaiserliche China.
 

Qingdao und seine Deutschen


Ausgezogen, um in China zu missionieren, war im Jahre 1899 auch Richard Wilhelm: Wie viele andere Deutsche, die in das damalige deutsche Pachtgebiet in der Jiaozhou-Bucht (Provinz Shandong) entsandt worden waren, ließ er sich in Qingdao nieder: einer von deutschen Architekten erbauten Stadt, in der noch 1913 nur etwa 2000 deutsche Zivilisten und ebenso viele Soldaten lebten. Die Deutschen arbeiteten in der Verwaltung oder als Ingenieure in Industriebetrieben, wie etwa der Deutsch-Chinesischen Seiden-Industrie-Gesellschaft. Andere waren als selbständige Ärzte, Apotheker oder Handwerker tätig. Wieder andere vertraten große Firmen (Export-Import-Handel, Deutsch-Asiatische Bank, Schantung-Eisenbahn- und Bergbau-Gesellschaft).

Es gab eine Schule für deutsche Schüler – aber es wurden auch Bildungseinrichtungen für Chinesen gegründet, darunter eine Lehrlingsschule auf der Werft, eine Mädchenschule und eine deutsch-chinesische Hochschule: denn nach Abschaffung des kaiserlichen Prüfungssystems in China (1905) beabsichtigte die deutsche Kolonialpolitik, ein spezifisch deutsches Kulturprogramm in Konkurrenz zu den anglo-amerikanischen Bildungseinrichtungen in China umzusetzen. Solches Kolonialbewusstsein wurde allenfalls durch einzelne engagierte Persönlichkeiten durchbrochen, wie das Beispiel des Missionars Richard Wilhelm zeigt: Er knüpfte Kontakte zu chinesischen Gelehrten und übersetzte die chinesischen Klassiker ins Deutsche. Später lehrte er an der Peking-Universität, wurde zum Mitbegründer der deutschen Sinologie und warb unermüdlich um ein gleichberechtigtes Verständnis der chinesischen Kultur.
 

Abenteurer und Militärs


Deutsche in China: Das waren Kulturvermittler wie Richard Wilhelm oder jene Ärzte, die aus privaten Spendengeldern die später berühmte "Tongji"-Universität in Shanghai gründeten. Es waren aber auch Offiziere, die – auf Betreiben Sun Yat-sens und dessen Nachfolgers Chiang Kai-Shek – als militärische Berater in den 1920er und 1930er Jahren die Streitkräfte der Kuomindang reorganisierten. Häufig handelten sie nicht im Auftrag der deutschen Regierung, sondern auf Weisung rechtsextremer Kreise aus der deutschen Schwerindustrie und der Reichswehr. In den 1930er Jahren folgten dann Rüstungsexporte im Tausch gegen Rohstoffe. Hitlers Pakt mit Japan beendete diese Zusammenarbeit. Mao Zedong und seine Guerillaarmee wurden übrigens ebenfalls von Deutschen beraten – etwa von Otto Braun, der im Auftrag der Komintern in das von Mao beherrschte Jiangxi-Sowjetgebiet gereist war.
 

Last Exit Shanghai


Das kriegsgeschüttelte China bot noch einer anderen Gruppe von Deutschen Unterkunft: Es waren jüdische Emigranten, die sich zwischen 1937 und 1941 vor dem sicheren Tod in ihrer Heimat deshalb nach Shanghai retten konnten, weil man dorthin ohne Visum einreisen konnte. Während einige Flüchtlinge an ihrem neuen Wohnort kleine Geschäfte, Schneidereien, Cafés betrieben, litten andere unter extrem beengten Wohnverhältnissen, schlechter Hygiene und Hunger. Und doch gelang es ihnen, ein kulturelles Leben aufzubauen: mit Schulen, deutschsprachigen Zeitungen, Theater- und Kabarettaufführungen und Sportwettkämpfen. In späteren Jahren verschärfte sich indes die Lage: 1943 zwang die japanische Verwaltung, alle Juden, die nach 1937 eingereist waren, in ein bewachtes Ghetto zu ziehen, das erst im September 1945 befreit wurde.
 

China studieren…


Heutzutage ist Shanghai wieder ein beliebter Aufenthaltsort deutscher "Expats": Etwa 8000 Deutsche, so berichtete 2006 das "Hamburger Abendblatt", leben in dieser Region: Geschäftsleute, Angestellte deutscher und chinesischer (!) Firmen, sowie Studenten, die im Rahmen unterschiedlicher Austauschprogramme ein oder mehrere Semester an einer chinesischen Universität verbringen. Das war noch vor dreißig Jahren völlig anders. Den wenigen Deutschen war es – wie auch anderen westlichen Ausländern – nur eingeschränkt möglich, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen. Erst die Reformpolitik brachte die ersehnte Liberalisierung. Und erst in unseren Tagen, so scheint es, bietet sich für Deutsche und Chinesen gleichermaßen die Chance, einander unbefangen zu begegnen.

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