Fokus: Nacht Ein Reich von eigenem Recht

Orange Record Spinning
Orange Record Spinning | Foto (Ausschnitt): © Colourbox.de

Tobias Thomas hat als DJ vier Kontinente bereist. Was erweckt für ihn die Nacht zum Leben? 

Das grundsätzliche Verhältnis eines DJs zur Nacht ist klar: Die Nacht, das ist sein Raum. Die Zeit „from dusk till dawn”, von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen, ist seine Sphäre. Die Zeit der Untoten und Vampire, aber eben auch die der ganz normalen Nachtschichtarbeiter, die in den mal mehr, mal weniger kulturellen Gewerben des Vergnügens, der Zerstreuung, des Hedonismus und der Alltagsflucht ihren Dienst tun. Menschen, deren jahrtausendealte innere Uhr dauerhaft auf dem Kopf steht. Die nicht wie ein Arzt oder ein Pförtner zur Nachtschicht gezwungen sind, sondern aus freien Stücken gegen die natürliche, chronobiologische Ordnung rebellieren. Sie machen die Nacht zum Tag. Und gerne auch mal umgekehrt.Kein Wunder, dass diesen Menschen im Alltag immer noch mit einem gewissen Misstrauen begegnet wird. Derjenige, der nicht um 10 Uhr vormittags aus seinem Hotelzimmer auschecken möchte, weil er es erst kurz zuvor – nach getaner Arbeit – betreten hat, der bringt die normierten Abläufe der Tagmenschen auf geradezu provozierende Art und Weise durcheinander. Die „Arbeit vor dem Frühstück“ hat das ein Kollege, der deutsche DJ und Buchautor Hans Nieswandt, einmal sehr treffend genannt. 

Im Schutze der Nacht

Nun sind mit dieser Umkehrung der gewohnten Verhältnisse natürlich Dinge untrennbar verknüpft, die weit über die Nicht-Einhaltung bestimmter gesellschaftlicher Übereinkünfte hinausgehen. Nicht umsonst bezeichnet man die eingangs beschriebene Welt als „Nachtleben“. Schließlich sind es die Bars und Clubs, die Künstler und Musiker, die die Nacht erst zum Leben erwecken. Die Licht ins Dunkel bringen. Die unermüdlich und immer wieder aufs Neue Orte der Zuflucht, der zwischenmenschlichen Wärme und der sozialen Interaktion erschaffen: Schutzräume.

Heute, nach vielen Jahrzehnten popmusikalischer und soziokultureller Umwälzungen, nennt man diese Welt respektvoll: Clubkultur. Und längst wird dieser Kultur und ihren Protagonisten in Literatur, Film, Kunst und bis in die Universitäten hinein gehuldigt, ist sie doch nach wie vor ein Topos voller geheimnisvoller Codes und ungelöster Rätsel.

Fest steht: In den Räumen dieser Clubkultur lebt und bewegt es sich anders als bei Tage, es gelten andere Regeln und Gesetze; scheinbar überall riecht es nach neuen Möglichkeiten. Es ist ein Reich von eigenem Recht. Transzendenz liegt über dem Nachtleben wie ein riesiges Heilsversprechen: Was mir bei Tage nicht gelingt, das ermöglicht mir die Nacht. Was ich mir bei Tageslicht niemals zutrauen würde, das wage ich vielleicht im Schutz der Dunkelheit.

Als eine unerschöpfliche Matrix des ewigen Suchens und Findens erscheint die Clubkultur vielen als einer der letzten Orte für gesellschaftliche Utopien und Experimente. Gerade deshalb wird das nokturne Treiben immer wieder von den mächtigen Herrschern des Tages als Bedrohung empfunden und dementsprechend schikaniert (oder wahlweise unter Schlagwörtern wie „Kreativwirtschaft“ oder „Standortmarketing“ von der Politik vereinnahmt).

Die Sirenen der Nacht

Ich selbst wurde vor über 25 Jahren nicht nur deshalb ein DJ, weil mich dieses damals noch sehr junge und kaum näher definierte Handwerk in musikalischer, kultureller oder gar technologischer Hinsicht reizte. Noch vor der bewussten Entdeckung dieser faszinierenden Tätigkeit hinter den Plattenspielern (heute CD Player, digitale Konsolen etc.) hatten mich die Sirenen der Nacht längst vollständig verführt. So wie andere junge Menschen nach nur einem Theater-Besuch in die Welt des Schauspiels eintauchen, sich vom zauberhaften Geruch einer alten Bibliothek oder von der hektischen Betriebsamkeit eines Börsenparketts ihre Berufung ableiten, so erging es mir mit den Lichtern, den Sounds, den Gesichtern und Genüssen der Nacht. Welche Saiten da genau in einer Seele zum Schwingen gebracht werden, mag für immer ein kulturwissenschaftliches Rätsel bleiben. Ich zumindest war in höchstem Maße erregt, angefixt, von nun an süchtig.

Seit diesen Tagen des Erwachens hat ein gefühltes Drittel meiner Lebenszeit bei Nacht stattgefunden. Arbeit und Vergnügen, soziale Kontakte und Freundschaften, Liebe und Leidenschaft, Euphorie und Verzweiflung, Abgründe und Absturz – all das fand für mich immer dann statt während ein Großteil der restlichen Menschheit in Morpheus' Armen weilte. Zu den hochgradig gesundheitsschädlichen Auswirkungen des Lebens gegen die (innere) Uhr kamen schließlich extensive Reisen in alle Ecken des Planeten hinzu, denn irgendwo auf der Welt wird immer gerade die Nacht zum Tag gemacht. Statt erholsamem Schlaf nach komplett durchwachten Nächten blieb oft nur ein kurzes Dämmern, gegen die Kabinenwand eines Flugzeugs oder die harten Schultern eines Sitznachbarn gelehnt. So lernte ich schnell, dass die Verzückungen der Nacht nicht selten mit einem bösen Erwachen einhergehen können, und wenn es nur die Auswirkungen eines ordentlichen Jetlags sind.

Im Leben der Nacht

Dass die zwischen den Orten und Zeiten gemachten Erfahrungen, die in der Hitze der Nacht gefassten Entschlüsse und noch im Dunste von Alkohol oder Drogen klar greifbaren Erkenntnisse im ersten Licht des Tages zu nichts als zu Staub zerfielen, hält mich dennoch nicht davon ab, bis zum heutigen Tag – oder sollte ich sagen: bis zur heutigen Nacht? – an die soziale Kraft und die geradezu revolutionären Energien dieser Kultur zu glauben.

„Es gibt kein Gestern im Leben der Nacht", schrieb Rainald Goetz einst in seiner Erzählung „Rave" (Suhrkamp, 2001). Ein Satz, an den ich oft denken muss, wenn mich beim Verlassen eines Clubs einmal mehr die ersten Sonnenstrahlen treffen.