Porträt Yang Yanyi (杨燕宜)

 Yang Yanyi
Yang Yanyi | © Yang Yanyi

Neun Jahre hat Prof. Yang Yanyi in Deutschland gelebt - heute lehrt sie als Professorin für Musikpädagogik am Shanghai Conservatory of Music.

Yang Yanyi, Professorin für Musikpädagogik und Musiktherapie am Shanghai Conservatory of Music, ist Expertin für komparatistische musikpädagogische Forschung zu Deutschland und China. Nach neunjährigem Aufenthalt in Deutschland schloss sie ihr Studium an der Universität Kiel mit der Promotion zum Thema Musikerziehung in China. Zielsetzungen, Methoden und ästhetische Grundlagen ab. Diese Arbeit erschien 1995 in Buchform beim Wißner-Verlag in Augsburg. In China hat sie als Koautorin an dem Band A Survey of German Music Education (Shanghai Education Press 1999) mitgearbeitet.

Professor Yang Yanyi arbeitet seit vielen Jahren eng mit Prof. Dr.Dr.Dr. Wolfgang Mastnak von der Hochschule für Musik und Theater München zusammen, unter anderem übersetzt sie seine Fachpublikationen ins Chinesische.

Auch außerhalb der Hochschule engagiert sich Yang Yanyi auf vielfältige Weise für die Verbreitung der Musikpädagogik in China, sowohl im akademischen und internationalen Austausch als auch im Bereich Weiterbildung von Lehrern und Dozenten.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bin gerade mit der Übersetzung des Buches Musikpsychologie von Professor Wolfgang Mastnak von der Münchener Hochschule für Musik und Theater fertig geworden. Dieses Jahr machen vier Masterstudenten ihren Abschluss bei mir hier in Shanghai. Ich betreue ihre Masterarbeiten und hoffe, mit ihnen zusammen die drei Jahre des Lehrens und Lernens zu einem guten Abschluss zu bringen. Daneben sitze ich auch an einigen Forschungsarbeiten, denn Hochschuldozenten müssen jetzt neben der Lehre auch Vorgaben in der Forschung erfüllen.

2) Wo und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Mit ungefähr neun Jahren. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland studiert. Als ich neun Jahre alt war, zog meine Großmutter von Shanghai nach Peking, um mich zu betreuen. Sie erzählte mir viele interessante Geschichten über ihr früheres Leben in Deutschland. Wir haben zu Hause auch einige alte Fotos, die ihre Erlebnisse in Deutschland dokumentieren. Als ich in Deutschland war, wollte ich meiner Großmutter etwas Besonderes zum 90. Geburtstag schenken. Ich schrieb einen Brief an die Stadtverwaltung von Darmstadt und erkundigte mich, ob die Anmeldeformulare meiner Großeltern noch vorhanden seien, ich habe ihnen natürlich auch die Gründe für mein Anliegen mitgeteilt. Die Deutschen haben gründlich gesucht, aber da im 2. Weltkrieg sehr viele Akten verbrannt sind, fanden sie nichts mehr.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Leben und Studium in Deutschland haben mir eine ganz andere Art des Denkens und eine andere Art mit Dingen umzugehen eröffnet. Die Deutschen sind vernünftig, sie philosophieren gern und haben den Mut, über sich nachzudenken. Ihr Fleiß und ihr Verantwortungsgefühl bei der Arbeit und ihre Begeisterung für das Leben haben bewirkt, dass ich viele Adjektive, die ich in meiner Kindheit gelernt habe und die eine positive Bedeutung haben, viel besser begreife, zum Beispiel „gewissenhaft“ und „perfektionistisch“. Früher wurde mir in meiner ganzen Erziehung vermittelt, dass chinesische Frauen fleißig und tapfer seien, aber ich wusste nicht genau, was damit gemeint war; erst durch deutsche Familien ist mir die Bedeutung dieser Worte klar geworden. Viele deutsche Hausfrauen, die ich kenne, verausgaben sich stillschweigend für die Familie und entwickeln sich dabei gleichzeitig auf jede erdenkliche Art und Weise weiter. Sie führen ein sehr abwechslungsreiches und selbstbewusstes Leben.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

In den letzten drei Jahren in Deutschland lebte ich mit meinem Mann in dem kleinen Ort Steinheim bei Frankfurt. An unserem letzten Weihnachtsfest in Deutschland gingen wir auf den Weihnachtsmarkt in Steinheim. Wir tranken Glühwein und unterhielten uns mit Freunden. Plötzlich erklangen von der nahen Burg Trompetenklänge. Ein alter Mann, wahrscheinlich ein Trompeter vom Rhein, stand oben auf der Burg und spielte ein Weihnachtslied, eine feierliche Melodie erklang aus der goldenen Trompete und schwang zwischen den alten Stadtmauern. In diesem Moment schienen die neun Jahre, die ich in Deutschland verbracht hatte und meine Liebe zu diesem Stück Erde, wo ich ein weiteres Mal erwachsen geworden war, gänzlich in diesen erhabenen Trompetenklängen mitzuschwingen. Jedes Mal, wenn ich daran zurückdenke, empfinde ich es als wunderschön.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Ich erinnere mich an keines. Es gab sicherlich einige, aber nur sehr wenige und die waren auch nicht so gravierend, deshalb fällt mir keines ein.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Um Weihnachten herum wird hoch oben im Norden Deutschlands geräuchertes Fleisch vom Schweinskopf verkauft, es heißt Schweinebacke und ist ziemlich fettig; in feine Scheiben geschnitten isst man es auf Brot, es schmeckt köstlich. Vor einigen Jahren besuchte mich eine deutsche Freundin in Shanghai. Vor ihrem Abflug rief sie mich an und fragte, ob ich irgendetwas bräuchte. Ich sagte, dass ich gern Schweinebacke essen würde, sie ist vor Lachen fast in Ohnmacht gefallen.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Die Ordnung. Egal, ob man die deutsche Gesellschaft oder irgendein Individuum betrachtet, man kann immer eine innere Ordnung bemerken. Dank dieser Ordnung leben die Deutschen ziemlich ruhig und angepasst. Dieses Prinzip erfährt auch in der klassischen Musik Deutschlands und Österreichs seine volle Verkörperung.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Abgesehen von der Philosophie und der Musik beeindruckt mich am meisten der Stolz der Deutschen auf ihre eigene Kultur und auf die europäische Kultur. Sie können heftig auf die Regierung schimpfen und das System kritisieren, aber wenn man über die westliche Kultur redet oder über einige große deutsche Persönlichkeiten, dann leuchten ihre Augen, als würde man über die eigene Heimat und Familie reden.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich würde gerne einen Tag mit einer Blumenverkäuferin tauschen. Die Deutschen machen sehr geschmackvolle Blumengebinde, schlicht, ohne stillos zu sein; abwechslungsreich, aber nicht ungeordnet, man kann sich lange an ihnen erfreuen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Aufrichtigkeit der Deutschen. Die ganze Welt weiß, dass die Deutschen sehr pünktlich sind. Nicht, weil sie unflexibel sind, sondern weil sie der Meinung sind, dass einmal verabredete Dinge tatsächlich gemacht werden müssen. Sie werden nicht, nur um das Gesicht zu wahren, zustimmen, Angelegenheiten zu regeln, die nicht zu regeln sind oder die sie nicht bereit sind zu regeln. Aber sobald sie zugesagt haben, dass sie eine Sache machen werden, setzen sie sich voll und ganz dafür ein.