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Porträt
Yu Jian (于坚)

Yu Jian
Yu Jian | © Peter Schneckmann

Im Oktober 2011 befand sich Yu Jian auf Lesereise in Deutschland, wo er seinen Gedichtband Akte 0 vorstellte.

1954 im südchinesischen Kunming geboren, wo er bis heute lebt, versteht sich Yu Jian geographisch, politisch und kulturell als ein Dichter der Peripherie. Während der Kulturrevolution wurde sein Bildungsweg unterbrochen; für ein Jahrzehnt musste er in einer Fabrik arbeiten, ehe er von 1980 bis 1984 an der Universität von Yunnan in Kunming Chinesische Sprache und Literatur studieren konnte. In dieser Zeit begann er auch seine Gedichte zu veröffentlichen und erlangte wachsende Bekanntheit. Spätestens Mitte der 80er Jahre hatte er sich als einer der Mitbegründer und Autoren der einflussreichen inoffiziellen Lyrikzeitschrift Sie (Tamen) auf der nationalen literarischen Bühne etabliert. Gleichzeitig wies ihm – nach seinem Universitätsabschluss 1984 – der Staat die Arbeit zu, der er bis heute nachgeht: als Redakteur der Zeitschrift Literatur- und Kunstkritik in Yunnan (Yunnan wenyi pinglun).

Seit Mitte der 90er Jahre findet er auch offiziell Anerkennung und ist mit einer Reihe bedeutender Preise ausgezeichnet worden – so unter anderem 2002 mit dem Preis der Chinesischen Medien als bester Lyriker. 2004 erschien eine Werkausgabe in fünf Bänden, die auch das essayistische und literaturkritische Schaffen des Autors umfasst. Heute gilt Yu Jian als einer der wichtigsten zeitgenössischen chinesischen Lyriker.

Zusammen mit dem im Westen noch wenig bekannten Han Dong (韩东), Jahrgang 1961, einem der Mitbegründer der Zeitschrift Sie, repräsentiert Yu Jian die in den frühen 80er Jahren einflussreichste Gegenbewegung zur hermetischen Lyrik: die sogenannte „umgangssprachliche“ Richtung. Ihre Vertreter wollen den pathetischen, hohen Ton der Hermetiker herunterfahren und die alltägliche Wirklichkeit mit einer alltäglichen Sprache erfassen.

Yu Jian ist in verschiedene westliche Sprachen übersetzt worden. Seit kurzem liegt eine Auswahl seiner Gedichte auch auf Deutsch vor (Akte 0, übersetzt von Marc Hermann, erschienen im Horlemann Verlag 2010). Auf Einladung von Peter Schneckmann / „Drachenbrücke – Gesellschaft für Kulturaustausch mit Asien“ und dem Konfuzius-Institut Duisburg-Essen unternahm Yu Jian im Oktober 2011 eine Lesereise durch Deutschland.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich habe eine Lesereise unternommen und dabei unter anderem Frankfurt, Dortmund, Duisburg, Berlin und Düsseldorf besucht.

Ich freue mich darüber, dass mein Gedichtband Akte 0 auf Deutsch erschienen ist und hier Anklang gefunden hat. Chinesisch und Deutsch sind beides großartige Sprachen, und ich fühle mich tief geehrt, dass meine Werke in die Muttersprache von Goethe übersetzt worden sind.

Ich möchte mich auch bei meinem Übersetzer Marc Hermann, den ich vorher nicht kannte, bedanken. Erst durch meine Gedichte haben wir uns kennengelernt. Auf meiner Lesereise haben mir viele Zuhörer gesagt, wie hervorragend er übersetzt hat.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Sehr früh: in meiner Jugend während der Kulturrevolution. Ich las zum einen die allgemein zugänglichen Werke von Marx, zum anderen aber auch die Gedichte von Goethe und Heine, die damals verboten waren und nur im Untergrund kursierten.

Sowohl Marx als auch Goethe haben mich in vielerlei Hinsicht beeinflusst – besonders Goethe. Die Gespräche mit Goethe von Johann Peter Eckermann habe ich viele Male gelesen. Die chinesische Übersetzung ist auch sehr gut.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Deutschland hat mein Denken in vielerlei Hinsicht beeinflusst – anfangs in Gestalt von Marx, Goethe, Kafka, Brecht, später in Gestalt von Heidegger.

Mein Langgedicht Akte 0 wurde schon 1996 ins Deutsche übersetzt.

Das traditionelle Gedankengut der deutschen Kultur hat einen tiefen Einfluss auf mich ausgeübt. Auch Hölderlins lyrische Anrufung der Götter hat mich inspiriert. Das chinesische Denken weist viele Berührungspunkte mit Heideggers Denken auf.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl. Ich habe haufenweise deutsche Freunde, die mit Freuden alles Erdenkliche für mich tun. Das berührt mich sehr.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Als ich durch den Zoll ging, wurde ich aufgefordert, meinen Koffer zu öffnen, damit er durchsucht werden konnte.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Der Frankfurter Apfelwein schmeckt nicht schlecht.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Abgesehen von der bedeutenden philosophischen Tradition wohl die Arbeitsmoral der Deutschen, die sich nur mit dem Besten zufrieden gibt. Aber setzen sich die Deutschen nicht zu sehr unter Druck, wenn sie außergewöhnliche Leistungen derart hochschätzen?

Das alte Duisburger Hüttenwerk, das in einen Themenpark umgewandelt wurde, hat bei mir ebenfalls einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Wohl durchdachte und geplante präzise Arbeit hat dazu geführt, dass diese Industrieanlage wie ein Gehirn aussieht. Auch wenn es sich um bloße Geräte handelt, reicht die Empfindung, die sie auslösen, ins Abstrakte, Transzendente. Sie sind ein Wunderwerk der Industriekultur.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Die Philosophie. Ich mag die deutsche Philosophie sehr.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Goethe.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Die Arbeitsmoral, die gewissenhaft und sorgfältig, überlegt und leidenschaftlich ist.

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