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Porträt
Li Tieqiao (李铁桥)

Li Tiqiao
Li Tiqiao | Foto: James Wasserman

Im September 2011 wird der Saxophonist Li Tieqiao Peter Brötzmann und Xu Fengxia (徐凤霞) auf ihrer China-Tournee begleiten und mit ihnen unter anderem in Wuxi, Hangzhou und Peking auftreten.

Li Tieqiao, geboren 1973 in der Provinz Hunan, lebt heute in Peking und ist als Saxophonist und Konzert-Kurator in der freien Musikszene tätig.

Li Tieqiao spielte in seinen Anfängen als Saxophonist bei der experimentellen Rockband Glorious Pharmacy. Während eines Norwegen-Aufenthalts zwischen 2005 und 2007 kam er mit Free Jazz und Improvisationsmusik in Berührung. Seit November 2007 kuratiert und organisiert Li Tieqiao in Peking die Konzertreihe Im Osten lärmen, im Westen angreifen (nach einem der „36 Strategeme“: shengdong-jixi 声东击西, Anm. d. Übers.). Die Konzertserie, die bis heute einmal im Monat stattfindet, widmet sich in erster Linie der freien Improvisationsmusik und streift dabei experimentelle Musik, Avantgarde-Jazz und Electronic Noise. Durch das Projekt verfügt Li Tieqiao mittlerweile über einen weitreichenden Einfluss in der experimentellen chinesischen Musikszene, denn er setzt sich aktiv für den Austausch zwischen verschiedenen Musikrichtungen aus Ost und West sowie eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen der Musik und anderen Kunstformen ein.

Li Tieqiao war in der Vergangenheit an zahlreichen CD-Produktionen beteiligt, u.a. an Please Enlarge My Cousin‘ Photograph (2005), Live in Nanjing (2006) und Wind of Lunacy (2008).

Im Dezember 2009 ging Li Tieqiao als Saxophonist in Belgien, Deutschland und den Niederlanden auf Europa-Tournee. Im September 2011 wird er den renommierten deutschen Musiker Peter Brötzmann und die in Deutschland lebende Musikerin Xu Fengxia (徐凤霞) auf ihrer China-Tournee begleiten und mit ihnen unter anderem in Wuxi, Hangzhou und Peking auftreten.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich bereite mich auf die China-Tournee mit Peter Brötzmann und Xu Fengxia im September vor. Es ist für mich eine große Ehre, mit einem Altmeister wie Peter Brötzmann gemeinsam auf der Bühne stehen zu dürfen. Peter Brötzmann ist in Deutschland, ja sogar der ganzen Welt, eine Musiklegende. Mittlerweile ist er 70 Jahre alt und tritt immer seltener auf. Es ist also ein sehr großes Glück, dass er in China Konzerte geben wird.

Außerdem komponiere ich die Musik zu einer modernen Tanzszene in einem sehr experimentellen französischen Kunstfilm.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Ich habe zwischen 2005 und 2007 in Oslo gelebt. Dort ergaben sich auch meine ersten Berührungspunkte mit Deutschland, denn 2006 begann ich in Oslo, mit deutschen Musikerfreunden aus Köln gemeinsam aufzutreten. Gleich darauf brach ich im Sommer 2006 mit ein paar Freunden nach Berlin zu meiner ersten Deutschland-Reise auf. Ich war damals begeistert, was für eine freie und dichte künstlerische Atmosphäre in Berlin herrscht. Das Leben in Berlin ist nicht teuer und es gibt viele Orte, an denen sich Künstler frei entfalten können. Ich war auf Musikpartys, die nonstop über 24 Stunden gingen, habe den Enthusiasmus der jungen Leute erlebt und hatte das Gefühl, dass die Deutschen gegenüber Fremden noch etwas herzlicher sind als die Norweger. Ich fand das toll.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Nachdem ich einige Male an deutschen Musikfestivals teilgenommen hatte, war das, glaube ich, die Entdeckung, dass man sich in der deutschen Musikszene in seinem individuellen Anspruch an die Musik nicht beirren lässt. So geht es beispielsweise bei der Organisation von Musikfestivals oder ähnlichen Veranstaltungen nicht einfach stur darum, wie groß das Event wird, vielmehr hält man an dem eigenen Musikstil fest und plant die Abläufe äußerst gewissenhaft. Ich denke, das waren wichtige Anregungen für meine spätere Organisation von Konzerten.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

2006 wurde ich mit Freunden eingeladen, in einem Club in einem sehr kleinen Dorf bei Frankfurt aufzutreten. Der Inhaber führte diesen Club schon seit Jahrzehnten, man kann sagen, dass der Club sein persönliches Hobby ist. Was mir vorher unvorstellbar schien, war, dass in diesem Club in einem scheinbar so abgelegenen Ort schon etliche berühmte Musiker aus aller Welt gespielt hatten, natürlich als sie noch jung und unbekannt waren. Als der Club-Inhaber von den Geschichten aus der Vergangenheit erzählte, war ich total aufgewühlt, aber auch erstaunt, und empfand es als große Ehre, so unerwartet auf einer Bühne zu stehen, auf der schon so viel Prominenz aufgetreten ist. Dieses Gefühl des Aufgewühltseins ist mir besonders in Erinnerung geblieben, und das Erlebnis zeigt auch, wie populär Neue Musik in Deutschland ist.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Eigentlich ist mir nichts sehr Unerfreuliches zugestoßen. Im Winter 2009 war ich mit dem Zug unterwegs nach Weimar. Als ich auf der Fahrt umsteigen musste, stieg ich an der falschen Haltestelle aus und landete an der Bahnstation eines kleinen Ortes. Ich hatte viel Gepäck dabei, insbesondere schwere Musikinstrumente und konnte mich kaum vom Fleck bewegen. Ich wollte mich erkundigen, wie ich mit dem Zug nach Weimar weiterreisen könnte, aber an dem Bahnhof sprach niemand Englisch. Irgendwann fand ich endlich einen Mitarbeiter der Bahn, der gerade aus seinem Büro kam. Der sprach Englisch, meinte aber nur, er habe Feierabend und kümmerte sich nicht weiter um mich. Ich fühlte mich damals sehr hilflos, vor allem weil ich mich nicht verständigen konnte. Das war schon ein etwas unangenehmes Erlebnis.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

In Dortmund habe ich einmal eine Art Schweinebraten gegessen, so ein gegrilltes Spanferkel. Es schmeckte köstlich und man sagte mir, das sei ein ganz typisches deutsches Essen. Den Namen des Gerichts habe ich noch extra von der Speisekarte abgeschrieben und in anderen deutschen Gasthäusern danach gefragt, doch leider ohne Erfolg.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Für mein Gefühl sind es die Autobahnen, auf denen es kein Tempolimit gibt, und dass sich die überwiegende Mehrheit der Deutschen auf diesen Straßen mit großer Selbstverständlichkeit streng an die Verkehrsregeln hält. Man könnte hier von einem typisch deutschen Phänomen sprechen. Es zeigt auf sehr bezeichnende Weise, wie sich im Verständnis der Deutschen Freiheit und das strikte Einhalten von Regeln verbinden.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Die Wertschätzung, die man der Musik entgegenbringt und die musikalische Allgemeinbildung. Ich habe den Eindruck, dass die Deutschen im Allgemeinen über Musik recht gut Bescheid wissen. Es ist wirklich einzigartig, dass musikalisches Wissen in der Bevölkerung so verbreitet ist und das Volk einen hohen kulturellen Bildungsstand hat. Das hat bestimmt seine Zeit gebraucht.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem deutschen Saxophonisten, um zu sehen, wie er übt und wie er auf der Bühne frei improvisiert.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Ich würde den Respekt und die Offenheit für die Kunst mit nach Hause nehmen. Ich habe das Gefühl, dass viele chinesische Musiker lernen müssen, die Musik und Kunst der Anderen mehr zu respektieren.

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