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Porträt
Lutz Reitemeier

Lutz Reitemeier
Lutz Reitemeier | ©Lutz Reitemeier

Die fünfte Zusammenarbeit des Kameramanns mit dem chinesischen Regisseur Wang Quan’an, die Romanverfilmung White Deer Plain, wird im Frühjahr 2011 fertiggestellt.

Lutz Reitemeier, Jahrgang 1963, arbeitete zunächst in verschiedenen Positionen bei diversen Filmproduktionen, bevor er einige Jahre als Kameraassistent im Dokumentar- und Spielfilmbereich unterwegs war – unter anderem zusammen mit Roland Emmerich und Werner Herzog. Seit 1994 ist er als Kameramann tätig. Für Solveig Klaßens Dokumentarfilm Jenseits von Tibet – Eine Liebe zwischen den Welten kam Lutz Reitemeier erstmals 1998 als Kameramann nach China. Nach weiteren Dokumentarfilmen in China begann 2002 die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Regisseur Wang Quan’an (王全安), mit dem er The Story of Ermei und Tuyas Hochzeit (Goldener Bär, Berlinale 2007) drehte. Die fünfte Arbeit mit Wang Quan’an und Lutz Reitemeier als Director of Photography wird mit der Romanverfilmung White Deer Plain im Frühjahr 2011 fertiggestellt und voraussichtlich Ende 2011 in die chinesischen Kinos kommen.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Mit den Dreharbeiten zu dem historischen Spielfilm White Deer Plain von Wang Quan‘an, ich war jetzt gerade fünf Monate in China. Der Filmtitel geht auf das bekannte, gleichnamige Buch des Autors Chen Zhongshi (陈忠实), eine Familiensaga, zurück. Die Handlung spielt ab der Zeit kurz vor dem Kaisersturz bis hin zur Machtergreifung durch Mao 1949. Der Roman stand ja einige Zeit auf dem Index und durfte erst ein paar Jahre nicht veröffentlicht werden, nachdem er in den 90er Jahren geschrieben worden war, da auch Sex-Szenen sehr freizügig beschrieben wurden und das Buch erfreulich frei von einseitiger Mao-Verehrung ist.. Dann wiederum dauerte es noch einmal einige Jahre, bis es verfilmt werden durfte. Wang Quan‘an hatte bei der Vergabe die Nase vorn, er stammt ja auch aus der Gegend, in der das Buch spielt: Shaanxi.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Da gab es genau genommen zwei Berührungen. Einmal war das 1998 für den Dreh Jenseits von Tibet – eine Liebe zwischen den Welten. Da ging es um die Geschichte eines Mönchs, der nach Nepal flieht. Wir landeten in Peking, bevor es weiter nach Lhasa ging. „Mein“ Peking von damals sah da völlig anders aus als das von heute, es war kurze Zeit später für mich schon nicht mehr wiedererkennbar. Das zweite Mal war ich kaum ein dreiviertel Jahr später wieder in China. Ich besuchte meine damalige Freundin, die zu dieser Zeit in Peking wohnte.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Wenn man eine Zeitlang in Peking wohnt, in dieser dichten Anzahl von Menschen mit der gleichzeitigen Freundlichkeit und Toleranz – das hatte Auswirkung auf meine Einschätzung meiner Wahlheimat Berlin: Berlin kam mir nach meiner Rückkehr im Vergleich vor wie ein Luftkurort mit der Möglichkeit kompletter Entspannung. Früher war mir Berlin zu groß, nach China war das anders. Ich konnte Frieden schließen mit Berlin.

Auch von der Arbeit her hat mich China verändert: Denn vor meiner China-Erfahrung machte ich eher Dokumentarfilme, keine Spielfilme. Ich hatte zunächst Bedenken, nun in China unbedingt einen Spielfilm mit Wang Quan’an drehen zu sollen. Ich ging ja nicht als allwissender Expat dorthin. Die sprachlichen Probleme konnte ich dann mit einer sehr guten Übersetzerin und einem Dolmetscher lösen, der übrigens gleichzeitig auch ein beteiligter Schauspieler war. Die positive Art des Regisseurs nahm mir dann alle sonstigen Ängste. Das ist auch chinesisch für mich – das Zupackende, diese Einstellung „das kriegen wir hin!“.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Die Dreharbeiten für den ersten Film mit Wang Quan’an, The story of Ermei, waren für mich das Schönste. Der Erfolgsdruck war sehr hoch, aber es lief alles sehr gut, das war eine glückliche Phase, eine sehr intensive Arbeitszeit. Abgesehen vom Beruflichen habe ich natürlich damit einhergehend sehr gute Erinnerungen an Bekanntschaften während dieser Zeit. Das öffnet einen hin zu einer Freundlichkeit, die man gerne zurückgibt. Schön ist es auch immer wieder, nach ein paar Monaten wieder einmal in Peking zu landen, die Autobahn nach Peking reinzufahren und zu sehen, was sich wieder verändert hat.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Ich hatte keine schlechten Erlebnisse. Und ich trenne sehr zwischen persönlichen Erfahrungen, die ich gemacht habe, sehr guten Erlebnissen, die mich sagen lassen, dass ich China, die Menschen dort überaus schätze – und anderen Dingen wie fehlende Freiheit, oder Zensur in sehr vielen Bereichen, fehlende Rechtsstaatlichkeit und Demokratie etc., die ich nie gutheißen werde. Hier zwinge ich aber keinem ein Gespräch auf. China muss die nächsten Jahre selbst herausfinden, wie es weitermachen möchte. Das hat aber nichts mit meinen positiven Gefühlen zu Chinesen und der chinesischen Kultur zu tun.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Ich liebe das chinesische Essen generell. Ich futtere meist auch noch weiter, wenn alle längst schon fertig sind – bin aber trotzdem recht dünn. Normalerweise ist mein Vorgehen so: Frisch in China angekommen, esse ich meistens einige Tage vor allem Jiaozi, dann kommt Pekingente dran oder sehr gerne auch Hot Pot. Gerne mag ich auch das verschiedene Gemüse oder den Fisch. Glutamat schätze ich allerdings nicht so sehr, das hat die chinesische Küche ja auch gar nicht nötig und man kann es ja problemlos ansprechen, dass man das nicht im Essen haben möchte.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Da komme ich auch wieder auf das Essen. Die Chinesen blühen immer gleich auf, wenn es Richtung Essen geht. Auch am Set – sie haben dann das Essen in der Hand, grüßen sich, man tauscht Blicke und alle strahlen dann! Ob es an der Geschichte Chinas mit den vielen Hungersnöten liegt oder einfach an der „Volkspsyche“ – ich weiß es nicht.

Als typisch chinesisch empfinde ich derzeit auch den Konsum, also die Freude daran. Bei uns ist das Materialistische ja eher negativ besetzt – vielleicht ist das freudige Konsumieren in China in etwa so ähnlich, wie es das bei uns in den 50er Jahren gab.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Ich bin sehr empfänglich für Architektur, daher ist es für mich vor allem die Chinesische Mauer. Fast jedes Mal, wenn ich in Peking bin, mache ich einen Ausflug dorthin. Schon aus diesem Grund würde ich eher einmal nach Peking als nach Shanghai ziehen! Für mich ist das ja eher „typisch deutsche“ Rausgehen in die Natur dort wunderschön, mit diesen geradezu märchenhaft überwucherten alten Mauern – da bin ich auf Tuchfühlung mit der chinesischen Kultur.

Außerdem ist meine Lieblingsdynastie ja die Tang-Dynastie. In Xi‘an gibt es aus etwas späterer Zeit noch eine 14 km lange Stadtmauer, die oben drauf dreispurig befahrbar war; und das zu einer Zeit, als im Westen in dieser Richtung noch nicht so viel los war!

Wenn man etwas Anderes auch als „kulturelle Leistung“ bezeichnen mag, so sind das für mich die wirtschaftliche Öffnung und die Reduzierung der Armut in den letzten Jahrzehnten. Das finde ich sehr beeindruckend.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit der Hauptfigur meines letzten historischen Spielfilms White Deer Plain, dem Clan-Führer Bai aus der Zeit kurz nach dem Sturz des letzten Kaisers. Diese Zeit, wo so viel im Umbruch war und alles neu gestaltbar schien, würde ich gerne erleben.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Das Entspannte, Freundliche und Rationale, das ich in China kennenlernte – davon könnte Deutschland mehr haben. Man sollte sich von der frischen Energie, die dort herrscht, anstecken lassen. Die Arbeit mit chinesischen Teams ist außerdem nicht so verbissen – in der Ruhe liegt die Kraft. Außerdem gefällt mir die Familienorientierung in China. Man hat da ja auch keine Agrargesellschaft mehr und schafft es trotzdem, die Familie wichtig zu nehmen.

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