Porträt Ulrich Kautz

Aufgenommen bei der Pekinger Buchmesse 2007
Aufgenommen bei der Pekinger Buchmesse 2007 | © Ulrich Kautz

Ulrich Kautz, Übersetzer chinesischer Autoren wie Yu Hua (余华) und Yan Lianke (阎连科), ist im Jahr des Gastlandauftritts Chinas bei der Frankfurter Buchmesse 2009 besonders gefragt.

Dr. Ulrich Kautz (高立希) studierte von 1957 bis 1961 Diplom-Übersetzer und -dolmetscher für Englisch und Chinesisch am Dolmetscherinstitut der Leipziger Karl-Marx-Universität. Von 1961 bis 1966 arbeitete er als Dolmetscher und Übersetzer für Chinesisch und Englisch an der DDR-Botschaft in Peking, von 1973 bis 1976 war er Chefdolmetscher an der DDR-Handelsvertretung in der chinesischen Hauptstadt. Von 1976 bis zu seiner Auflösung nach der deutschen Wiedervereinigung widmete sich Dr. Kautz im Fachbereich Chinawissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin der Lehre und Forschung im Bereich der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern für das Sprachenpaar Deutsch/Chinesisch.

Ulrich Kautz hat unzählige Fachpublikationen zu Fragen des Übersetzens veröffentlicht - sein größter Beitrag für den deutsch-chinesischen Kulturaustausch dürfte aber in der Übersetzung chinesische Gegenwartsliteratur liegen. Zu den von Ulrich Kautz übersetzten Autoren zählen Deng Youmei, Wang Meng, Wang Shuo, Yu Hua und Yan Lianke, um nur einige zu nennen. Als Experte für chinesische Literatur ist Ulrich Kautz im Jahr des Gastlandauftritts Chinas bei der Frankfurter Buchmesse besonders gefragt.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Der bevorstehende Gastland-Auftritt Chinas auf der Frankfurter Buchmesse 2009 wirft seine Schatten voraus. Konkret bedeutet das für mich eine Fülle von Aktivitäten, die mein beschauliches Rentner-Dasein ausfüllen. So war ich z. B. vom 5.-23. 5. als Mitglied einer Delegation von drei Schriftstellern, einem Kritiker und einem Literaturübersetzer aus deutschsprachigen Ländern (wOrtwechsel) in Shanghai, Hangzhou und Nanjing. Die Begegnungen mit chinesischen Schriftstellern, Verlegern und anderen Kulturschaffenden sowie Universitätsangehörigen habe ich in bester Erinnerung. Fast unmittelbar danach war ich dann mit Yu Hua, dessen Roman Brüder in meiner Übersetzung am 12. 8. 2009 im S. Fischer Verlag erscheinen wird, auf Pressereise, eine interessante, aber auch sehr anstrengende Erfahrung - allein an einem Tag waren sieben einstündige Interviews zu dolmetschen! Daneben fiel ausgerechnet in diese Zeit die Korrektur des Manuskripts zu einem weiteren Buch, das ich übersetzt habe: Der Traum meines Großvaters von Yan Lianke, das am 1. 8. im Ullstein Verlag erscheinen wird. Das ist jetzt aber alles erledigt, und nun sitze ich wieder an meinem neuen Projekt, der Übersetzung von Wang Gangs Inglisch – bis dann im Oktober der eigentliche Stress beginnt: die Frankfurter Buchmesse, auf der ich diverse Verpflichtungen wahrzunehmen habe...

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Mit China kam ich zum ersten Mal als Grundschüler in der DDR in Berührung, als auf einem Schulheft ein Holzschnitt, ein Bild chinesischer Bauern, als Zeichen der Verbundenheit mit dem neu hinzugewonnenen „sozialistischen Bruderland“ abgedruckt war. Der erste Chinese, den ich kennen und sehr schätzen lernte, war mein Lehrer Wang Mai, bei dem ich während der ersten beiden Jahre meines Studiums am Dolmetscher-Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig 1957/1958 Unterricht hatte. Nach China selbst bin ich dann im September 1961 gleich nach Antritt meiner ersten Arbeitsstelle in der Botschaft der DDR gekommen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich habe mich seit dem ersten Tag meines Studiums intensiv mit China, den Chinesen und der chinesischen Kultur beschäftigt – und das bis zum heutigen Tag. Wenn ich die zahlreichen längeren und kürzeren Aufenthalte in China zusammenrechne, komme ich bestimmt auf 17 oder 18 Jahre. Hinzu gerechnet werden müssen natürlich auch die restlichen Jahre meines Lebens seit meinem 18. Lebensjahr, in denen ich mich beruflich abgesehen von einer kurzen Unterbrechung ständig mit China beschäftigt habe, als Übersetzer und Dolmetscher, mehr noch als Lehrer von Übersetzern und Dolmetschern an der Humboldt-Universität Berlin, dem Goethe-Institut und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie als Übersetzer chinesischer Belletrisitk seit 1980. Auch das Leben meiner Frau und (teils) meiner Kinder, die mich während dreier jahrelanger Beijing-Aufenthalte begleiteten, wurde in hohem Maße von der Begegnung mit China und den Chinesen geprägt.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Ich hatte sehr viele schöne Erlebnisse in China, sodass es mir schwerfällt, das schönste zu benennen. Eine der angenehmsten Erfahrungen war jedenfalls die Verleihung des Preises für besondere Verdienste um das Chinesische Buch im Ausland durch das chinesische Kulturministerium auf einer festlichen Veranstaltung mit ca. 2000 Gästen anlässlich der Buchmesse Beijing Ende August 2007. Diese Auszeichnung erfreute mich besonders, weil damit zum ersten Mal ein Übersetzer aus dem Chinesischen geehrt wurde.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Bei der Frage nach dem unerfreulichsten Erlebnis in China fällt mir die Antwort leicht. Mein erster China-Aufenthalt 1961–1966 war aus verschiedenen Gründen keine besonders schöne Zeit, vor allem, weil wegen der Auseinandersetzung zwischen China einerseits und der Sowjetunion und ihren Verbündeten, darunter die DDR, andererseits die Kontakte mit Chinesen entweder eher frostig waren – die offiziellen Begegnungen – oder schlichtweg nicht stattfanden – Kontakte mit Privatpersonen. Damals waren ja weder den Chinesen noch mir als DDR-Bürger solche Kontakte gestattet. Der „Höhepunkt“ dieser schwierigen Nicht-Kontakte waren dann bei meiner Abreise aus Beijing zwei symbolische Ohrfeigen von mich umringenden Rotgardlern, die damit zeigen wollten (bzw. mussten), was sie von mir „Revisionisten“ hielten.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Meine Lieblingsspeise ist ein ganz simples, aber äußerst wohlschmeckendes Gericht der wunderbaren Sichuan-Küche: Yuxiang Rousi.

7) Was ist für Sie „typisch chinesisch“?

Typisch chinesisch ist für mich die Direktheit und Unkomplizierthei im Umgang der Chinesen miteinander und auch mit (ihrer Sprache kundigen) Fremden, wobei die Kommunikation sehr oft in einer für deutsche Ohren gewöhnungsbedürftigen Lautstärke erfolgt.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Die Frage nach der eindrucksvollsten chinesischen Kulturleistung ist für mich wieder sehr schwer zu beantworten. Vielleicht darf ich nicht nur eine, sondern wenigstens zwei von den vielen für mich besonders bewundernswerten chinesischen Kulturleistungen nennen? Sie sind immerhin sehr eng miteinander verbunden: Schrift und Sprache zum einen und bildende Kunst zum anderen. Bei beiden bewundere ich die Bewahrung von Traditionen über viele Jahrhunderte hinweg, die zugleich aber einhergeht mit stetiger Weiterentwicklung und Verfeinerung.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, mit wem in China ich gerne einen Tag tauschen würde – und möchte das auch gar nicht tun.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Wer weiß, ob ich nicht ohnehin schon mehr Gewohnheiten oder Ideen aus China übernommen habe, als mir bewusst ist? Sinologen wird ja oft nachgesagt, sie seien „selbst schon halbe Chinesen“... Nachahmenswert finde ich auf jeden Fall die Bescheidenheit und Genügsamkeit, die für viele Chinesen - sofern sie nicht gerade zu den Neureichen gehören - typisch ist.