Porträt Ursula Krechel

Ursula Krechel
Ursula Krechel | © Ursula Krechel

Die Autorin des Romans Shanghai fern von wo, der vom Schicksal jüdischer Exilanten aus Deutschland und Österreich handelt, besuchte China erstmals 1980.

Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Sie war Theaterdramaturgin und lehrte an verschiedenen Hochschulen, zuletzt an der Universität der Künste Berlin. Seit 1977 veröffentlichte die in Berlin lebende Autorin zwölf Gedichtbände sowie mehrere Bände Prosa, Essays und Theaterstücke. Zuletzt erschienen 2005 der Lyrikband Stimmen aus dem harten Kern sowie 2006 Mittelwärts: Ein Band mit einem einzigen Langgedicht der Autorin, das Reflexionen über das Reisen und das andere Zeitempfinden in der Ferne zum Thema hat.

2009 stellt sie auf verschiedenen Lesereisen ihren aktuellen Roman Shanghai fern von wo vor. Der Roman befasst sich mit dem Schicksal jüdischer Exilanten aus Deutschland und Österreich, für die Shanghai nach den Pogromen 1938 einer der letzten Zufluchtsorte wurde. Nach langjährigen Recherchen hat die Autorin einige Schicksale der damals 18.000 Neuankömmlinge nachgezeichnet und diesen in ihrem Roman, stellvertretend für viele Andere, eine Stimme gegeben. Für den Roman Shanghai fern von wo erhält Ursula Krechel im September 2009 den höchstdotierten deutschen Literaturpreis, den Joseph-Breitbach-Preis.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Ich reise viel mit meinem Roman Shanghai fern von wo und arbeite an einem neuen Gedichtband.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit China?

Ich habe als Studentin schon relativ viel ostasiatische Kunstgeschichte betrieben, die Konzentration, die Abstraktheit von Gegenständen nahm mich gefangen. Zum ersten Mal bin ich 1980 nach China gereist, das war die Zeit, in der sich die Lager nach der Kulturrevolution öffneten, die Zeit, in der Menschen leise zu sprechen begannen über ihre "Landverschickung". Es war eine dramatische Zeit mit vielen Begegnungen, die ich mein Leben lang nicht vergessen habe.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit China Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Seit dieser ersten Reise habe ich immer wieder chinesische Literatur gelesen. Und mir gesagt: Wenn ich etwas von China begreife, so möchte ich mit den Augen der europäischen jüdischen Emigranten sehen lernen, die 1938/1939 in Shanghai strandeten und die sich zeitlebens dankbar an ihre Rettung erinnerten. Sie kamen mit zehn Reichsmark und mussten sich eine neue Existenz aufbauen.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in China?

Die ungeheure Weite der Landschaft in der Provinz Qinghai.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in China?

Als ich das erste Mal in China war, gab es gerade die Kampagne "Nicht auf den Boden spucken". Dreißig Jahre später erlebte ich in Beijing immer noch alte Männer, die es schafften, haarscharf an meiner Schulter vorbeizuspucken. Ob dies Unachtsamkeit oder eine stille Aggression gegen eine allein reisende Europäerin ist, vermag ich nicht zu sagen.

6) Haben Sie eine chinesische Lieblingsspeise?

Allein täglich Reis zu essen, ist mir ein Vergnügen.

7) Was ist für Sie „typisch Chinesisch“?

Ich weiß nicht, was „typisch Deutsch“ ist, dementsprechend interessiert mich auch nichts „typisch chinesisches“. Ich bin als Schriftstellerin an dem Individuellen, Spezifischen interessiert.

8) Welche Kulturleistung aus China beeindruckt Sie am meisten?

Bei meiner ersten Reise faszinierte mich etwas ganz Einfaches: Dass und wie es gelingt, so viele Menschen zu sättigen. Heute fasziniert mich der komplizierte Weg zwischen kultureller Aneignung westlicher Werte und eigenständigen Umsetzungen.

9) Mit wem in China würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem Kalligraphen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus China würden Sie gerne in Deutschland übernehmen?

Es imponiert mir, dass Chinesen in allen möglichen Lebenslagen, auch in unbequemen Körperhaltungen, schlafen können. Bei meiner letzten Reise sah ich einen Mann vom Fahrradsattel bis zum Fahrradanhänger ausgestreckt balancierend schlafen. Beneidenswert. Für Europäer ist der Schlaf eher eine ungeschützte Situation, bei der man sich ungern zeigt oder die man peinlichst vor Zeugen vermeidet.