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Porträt
Zhu Jianhua (朱建华)

Zhu Jianhua
Zhu Jianhua | © Zhu Jianhua

Mit Dr. Zhu Jianhua wurde im August 2010 erstmals ein Chinese zum Vorsitzenden der Internationalen Vereinigung für Germanistik gewählt.

Zhu Jianhua wurde 1956 in Shanghai geboren und studierte Germanistik an der Shanghaier Fremdsprachenhochschule und an der Tongji-Universität. Zahlreiche längere Deutschlandaufenthalte führten ihn u.a nach Bochum, wo er 1987 an der Ruhr-Universität promovierte, nach Darmstadt und in viele andere Universitäts-städte. Seit 1993 ist er Professor für Germanistik an der Tongji Universität und derzeit Stellvertretender Leiter der Fremdsprachenfakultät der Tongji-Universität.

Im August 2010 wurde Prof. Zhu Jianhua zum Präsidenten der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) gewählt. Es ist das erste Mal, dass ein Chinese Präsident der IVG ist. Die Wahl zum Vorsitzenden ist verbunden mit der Ausrichtung des nächsten IVG-Kongresses 2015.

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Durch die Wahl zum IVG-Präsidenten habe ich noch mehr zu tun als üblich. Um mich besser auf alle anstehenden Aufgaben vorbereiten zu können, bin ich auch seit kurzem nicht mehr Dekan der Deutschen Fakultät. Während meines Deutschlandaufenthalts im Sommer 2010 habe ich sieben deutsche Universitäten besucht wegen partnerschaftlicher Zusammenarbeit und verschiedenster Projekte, die meist mit Deutsch als Fach- und Fremdsprache zu tun haben. In China bin ich derzeit noch mit verschiedenen Projekten beschäftigt, z. B. „Fachsprachenforschung“ beim Erziehungsministerium, „Forschung zur deutschen Terminologielehre“ beim China National Committee for Terms in Sciences and Technologies, Überarbeitung des Lehrwerks „Klick auf Deutsch“, und bin zuständig für eine Arbeitsgruppe, die die Duden-Grammatik ins Chinesische übersetzt. Außerdem muss ich natürlich unterrichten.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland?

Mit dem Deutschlernen habe ich 1973 angefangen, damals hatte ich keine Wahl. Nach dem Beitritt Chinas in die UNO 1972 sollten Experten für verschiedene Sprachen ausgebildet werden und von 1.300 Mittelschulabgängern meiner Schule wurden drei ausgesucht, die Japanisch, Englisch und Deutsch studieren sollten. Das erste Mal in Deutschland war ich dann erst 1983 mit einem Promotionsstipendium.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Anfangs hatte ich eigentlich gar keine Vorstellung und Erwartungen. Als ich dann aber zum ersten Mal nach Deutschland kam, war Deutschland für mich eine ganz andere Welt, besonders die Supermärkte und die Autobahnen beeindruckten mich tief. Dann wurde mir Bochum so sehr zur zweiten Heimat, dass es mir schwerfiel, 1987 zurückzugehen. Inzwischen war auch meine Frau in Deutschland angekommen. Ich sagte mir dann aber, dass ich in China doch nützlicher sein würde. Als ich 1990 zum zweiten Mal nach Deutschland kam – eigentlich wollte ich nach Darmstadt – bin ich zuerst direkt nach Bochum zurück und meine deutschen Freunde empfingen mich mit: „Der verlorene Sohn ist zurück“.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland?

Es gibt sehr viele. Am meisten haben mir immer meine Reisen in die kleinen Städte mit ihren Besonderheiten gefallen. Die meisten Chinesen denken, weil Deutschland so ein weit entwickeltes Land ist, müsste es viele riesengroße Städte haben. Wenn sie dann hinkommen, sind sie enttäuscht. Aber das ist es, was Deutschland ausmacht, die kleinen Städte mit ihren wunderschönen Fachwerkhäusern und Burgen.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Da gibt es zum Glück nicht viel zu erzählen. Ein einziges Mal war ich etwas verwirrt: Als ich im Rathaus in Darmstadt war, um mich abzumelden, fragte mich die Mitarbeiterin, ob ich nicht traurig sei, dass ich wieder nach China zurück müsse. Sie dachte wohl, für alle Ausländer sei es das größte Ziel, für immer in Deutschland zu bleiben. Wie könnte ich aber traurig sein, wenn ich in mein Heimatland zurückfahre?!

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Nürnberger Bratwürstchen und Eisbein mit Sauerkraut. An dem Tag, als meine Frau 1986 zu mir nach Deutschland kam, führte ich sie zum ersten Mal in ein deutsches Restaurant und habe für sie Eisbein mit Sauerkraut bestellt. Sie war über eine Woche mit dem Zug unterwegs gewesen und hatte nur schlechtes Essen bekommen, deshalb ist Eisbein für uns ein besonderes Symbol für Deutschland und bleibt bis heute für meine Frau eine schöne Erinnerung.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Fachwerkhäuser und das Reinheitsgebot für Bier.

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Erziehung, Bildung und die Bildungsideale von Humboldt.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Mit einem deutschen Koch.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Den Sinn für Ordnung und die Gewissenhaftigkeit. Die Bevorzugung von Vernunft gegenüber Emotionalität und das Gemeinschaftsbewusstsein.

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