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Fokus: Stadtwärts! Landwärts!
Eine alte Kampfkunst stärkt den sozialen Zusammenhalt im ländlichen China

Kampfkunstgruppen zeigen im Rahmen von Gratisvorstellungen ihr Können in Dörfern der ganzen Region
Kampfkunstgruppen zeigen im Rahmen von Gratisvorstellungen ihr Können in Dörfern der ganzen Region | Foto: Raymond Ambrosi

Inmitten der massiven Landflucht gibt eine ehemals verbotene Volkskampfkunst neue Impulse für die Entwicklung von kommunalen Strukturen und sozialem Zusammenhalt.

Von Raymond Ambrosi

Obwohl vor allem als Kampfkunst bekannt, steht Meihuaquan (梅花拳, Pflaumenblütenboxen) auch für einen religiösen Kult mit eigenständigen Initiationsriten und komplexer Kosmologie, der in tausenden Dörfern in über hundert Kreisen Nordchinas verbreitet ist. Meihuaquan besteht aus zwei Aspekten – einem wuchang (武场) genannten Bereich, der sich mit Kampfkunst befasst und als „öffentliches Gesicht“ der Religionsgemeinschaft dient, sowie einem zumeist im Geheimen ausgeübten, wenchang (文场) genannten rituellen Bereich, der der Verehrung von Gottheiten dient. Doch Struktur und Glaubensvorstellungen des Meihuaquan sind äußerst vielfältig ausgeprägt. In einigen Regionen ist Meihuaquan vor allem eine Kampfkunst und hat kaum eine religiöse Bedeutung. In anderen Regionen steht die Religion im Mittelpunkt, und die Mehrzahl der Anhänger erprobt sich unter Umständen gar nicht in der Kampfkunst.

Die Rückkehr einer verbotenen Kampfkunst

Volkskampfkunst und Volksglauben wie Meihuaquan wurden von den Ming-Kaisern durch Erlasse, die bis zum Niedergang der Qing-Dynastie Bestand hatten, verboten, doch von Anhängern jahrhundertelang heimlich weiter praktiziert. Obwohl Meihuaquan für die Region von kultureller Bedeutung ist, gibt es kaum historische Aufzeichnungen darüber. Da die Obrigkeit die Volkskultur ächtete, blieben deren Anhänger im Verborgenen und wagten nicht, ihre Aktivitäten zu dokumentieren.

Nach 1950 wurden Regionen, in denen Meihuaquan hauptsächlich eine Kampfkunst darstellte, vom Staat weitestgehend ignoriert und waren in der Ausübung der Kampftradition relativ frei. Doch Regionen, in denen Meihuaquan auch mit religiösen Praktiken einherging, erfuhren oft schlimme Repressionen. Ende der 1980er-Jahre lockerte der Staat in den meisten Regionen die gegen Meihuaquan verhängten Restriktionen, mit der bemerkenswerten Ausnahme des Verwaltungsgebietes der Stadt Handan* (邯郸市) in der Provinz Heibei. Aufgrund historischer Ereignisse in diesem Gebiet ergriff die Stadtregierung konzertierte Maßnahmen zur Bekämpfung des Pflaumenblütenboxens bis zum Jahr 2006, als der Staatsrat der Volksrepublik China die Kampfkunst Meihuaquan zu einem landesweiten immateriellen Kulturerbe erklärte. Da der Staat nur den der Kampfkunst gewidmeten wuchang-Bereich zum Kulturgut erhob und die Augen vor den innerhalb des wenchang-Bereiches illegal ausgeübten religiösen Praktiken verschloss, bekam Meihuaquan einen halblegalen Status.

Weil ihnen die neugewonnene Rechtmäßigkeit der Kampfkunst als Gelegenheit für die Wiederbelebung und Bewahrung des Meihuaquan erschien, scharte eine Gruppe entschlossener Organisatoren in Minghe (洺河村) schnell Unterstützer um sich. Innerhalb von Monaten hatten sie die finanziellen Mittel gesammelt und die Erlaubnis der Regierung für den Bau eines Meihuaquan-Ausbildungszentrums eingeholt, in dem die ländliche Jugend kostenfrei in der Kampfkunst unterrichtet wurde. Da der Staat den Anhängern des Volksglaubens den Bau von Tempeln untersagt, diente das Zentrum auch als heimliche Kultstätte zur Ausübung der mit der Kampfkunst verbundenen religiösen Praktiken.

Zusammengehörigkeit durch Meihuaquan

Die schnelle Errichtung des Zentrums im Jahr 2007 – des ersten seiner Art in Heibei – zeigte, dass Meihuaquan eine rasante Neubelebung bevorstand, obwohl die spirituelle Kampfkunstform vorher nahezu ausgelöscht worden war. Um diesen Prozess aus nächster Nähe mitzuerleben, begann ich eine Langzeit-Feldforschung in Minghe, wo die Hälfte der Familien „Schüler“ oder Anhänger des Meihuaquan sind, obwohl nur eine kleine Anzahl von ihnen die Kampfkunst tatsächlich praktiziert. Die Erbauung des Ausbildungszentrums wurde von Schülern des Dorfes und der Nachbarschaft unterstützt und trug maßgeblich zur Regeneration der religionsorientierten wenchang- und der kampfkunstorientierten wuchang-Traditionen bei, wodurch Verbindungen zwischen Familien, Gruppen und Dörfern entstanden. An der Spitze der Meihuaquan-Gemeinschaft stehen Meister der wenchang-Rituale. Sie folgen einer Konfession, die einer Konzentration von Entscheidungsgewalt ausdrücklich entgegenwirkt und Wert auf gemeinschaftliche Entscheidungsfindung legt – Glaubenssätze, die schnell den Respekt und die Unterstützung der Gemeinde gewannen.

Unmittelbar nach der Eröffnung kamen die Leiter des Ausbildungszentrums überein, kostenfreien Kampfkunstunterricht anzubieten. Innerhalb von Tagen nahmen hunderte Jugendliche das Training auf, und innerhalb von Monaten demonstrierte die Kampfkunstgruppe des Dorfes im Rahmen von Gratisvorstellungen ihr Können in Dörfern der ganzen Region. Jede Nacht diente das Zentrum Jung und Alt als Ausübungsort für kampfkunstbezogene wuchang- und religiöse wenchang-Aktivitäten. Im Garten des Tempels widmet man sich der Kampfkunst – dem „öffentlichen Gesicht“ des Meihuaquan. Mehr als hundert Schüler trainieren hier unter den Augen ihrer Eltern und Großeltern. Ihr Lehrer, der für seine Kampfkunst- und Lehrfähigkeiten bekannt ist, kommt täglich zum kostenfreien Unterricht und folgt damit einer Konfession des Meihuaquan, laut derer die Annahme von Geld oder Geschenken untersagt ist, um der Kommerzialisierung der religiösen Traditionen entgegenzuwirken.

Gleichzeitig werden in den Innenräumen des Zentrums verschiedene wenchang-Praktiken ausgeübt. Einige Gläubige knien vor dem Schrein, danken den Gottheiten und bitten sie um Hilfe – um die Erhaltung der Familie, um Glück, um Genesung von einer Krankheit, um eine sichere Reise und ein stabiles Arbeitsverhältnis ihrer Kinder, die sich in weitentfernten städtischen Ballungszentren als Wanderarbeiter verdingen. Andere Gläubige suchen Rat bei Wahrsagern, wieder andere versammeln sich um den Fernseher, diskutieren über die Entwicklung des Meihuaquan und schauen Lehrfilme über buddhistische und konfuzianistische Moral. Diese Aktivitäten werden für eine Stunde unterbrochen, wenn sich eine große Gruppe versammelt, um aus den heiligen Schriften zu psalmodieren. Diese vorwiegend aus Frauen bestehende Gruppe wurde kurz nach der Erbauung des Tempels gegründet; sie machten ältere Dorfbewohner ausfindig, die sie in den traditionellen Schriften und Melodien unterweisen konnten. Melodische Gesänge, mit denen die Gottheiten des chinesischen Volksglaubens gepriesen und um Schutz gebeten werden, wehen in den Garten hinaus und erfüllen das Kampfkunsttraining mit einem Gefühl des Heiligen. Zum ersten Mal gibt es ein Zentrum, in dem sich die Schüler als Gemeinschaft versammeln können und das Jugendlichen, Frauen und Männern gemeinsame Freizeitaktivitäten ermöglicht. Das vielfältige Angebot beschäftigt die Gläubigen, zieht neue Anhänger an und erneuert das Interesse zwischen Familien, die schon vorher dem Meihuaquan-Glauben angehangen, ihn jedoch in den Jahrzehnten der Repression fallen gelassen hatten.

Viele Dorfkinder lernen die Glaubenssätze des Meihuaquan durch das Kampfkunsttraining. Vor jeder Übungsstunde knien die Schüler vor den Meihuaquan-Gottheiten nieder und rezitieren den Moralkodex der Glaubensgemeinschaft. Obwohl die Schüler hauptsächlich von einem Lehrer unterrichtet werden, lernen sie auch von anderen Praktizierenden und Älteren. Das steht im Einklang mit einer Tradition des Meihuaquan, die zur Ausbildung bei mehreren Meistern ermutigt. Innerhalb von Monaten nach der Gründung begann die Kampfkunstgruppe des Dorfes, im ganzen Kreis zu Anlässen aufzutreten, die von kleineren Dorffesten bis zu von mehreren Dörfern gemeinsam organisierten Vorführungen mit tausenden Zuschauern reichten. Diese Auftritte übermittelten die unausgesprochene Botschaft, dass Meihuaquan nicht länger unterdrückt wurde und ein Ausbildungszentrum von der Regierung genehmigt worden war. Gleichzeitig boten sie Gelegenheit zur Vernetzung, denn junge Kampfsportler trafen Gleichgesinnte aus anderen Dörfern und konnten ihre soziale Welt weit über die Grenzen dessen ausdehnen, was ihnen ohne die Kampfkunst möglich gewesen wäre. Die Glaubensführer frischten alte Beziehungen auf und knüpften neue zu hunderten Schülern in den Dörfern und Städten mehrerer Provinzen.

Ein Motor für den Wandel der Gemeinde

Eine korrupte, unzuverlässige und ineffektive Dorfverwaltung führte – verstärkt durch den Mangel an alternativen zivilgesellschaftlichen Führungsformen innerhalb der Gemeinde – zu einem gravierenden Zerfall der öffentlichen Infrastruktur. Nach drei Jahren des Bestehens konnten die leitenden Köpfe Meihuaquans aufgrund des breiten Respekts, den man sich durch die Bemühungen zur Wiederbelebung der Tradition in der Gemeinde erworben hatte, Sozialprogramme auf den Weg bringen. Man begann mit kleineren Vorhaben, hob Brunnen aus und beauftragte die Kampfkunstschüler damit, den Schnee von den Dorfstraßen zu räumen und nach einem Wintersturm nach älteren, bettlägerigen Einwohnern zu schauen. Unter dem Beifall der Gemeinde nahm man größere Projekte zur Verbesserung des dörflichen Bildungswesens in Angriff und baute mit Hilfe einer Nichtregierungsorganisation eine Bibliothek. Ein Jahr darauf wurde der Bau einer gemeinnützigen Grundschule fertiggestellt. Da seit langem bekannt war, dass die schlechten Straßen des Dorfes eine Gefahr für die älteren Einwohner und ein Hindernis für die heimische Industrie darstellten, sorgte man für die Befestigung eines Großteils der Dorfstraßen. Das war die erste materielle Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur seit über zehn Jahren.

Durch die jahrzehntelange Unterdrückung konnten die Anhänger des Meihuaquan nicht als eine im öffentlichen Leben aktive Gemeinschaft in Erscheinung treten. Das änderte sich mit der Einrichtung des Zentrums als einem Ort von Aktivitäten, die Schüler in gemeinschaftlicher Arbeit und gemeinschaftlichen Zielen vereinten. Die Kampfkunstvorführungen in der Region verbanden das Dorf mit entfernten Siedlungen und verstärkten das Bewusstsein der Dorfbewohner, einer größeren Gemeinschaft anzugehören, die sich durch das gemeinsame Anliegen definierte, die Gesellschaft zu verbessern. Sobald das Zentrum ein ausreichendes soziales Vertrauen unter den Schülern und der Gemeinde erworben hatte, nahm es zivilgesellschaftliche Züge an; die Meihuaquan-Schüler begannen gemeinsam, Projekte zum Nutzen der gesamten Gemeinde umzusetzen. Die Rückkehr der Glaubenssätze und Kampfkunst des Meihuaquan spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiederbelebung von Aspekten wie Freizeit, soziale Integration, Zusammenarbeit, Gemeinschaftssinn und soziales Vertrauen, die durch eine jahrhundertelange Regierungspolitik zerstört wurden, die sich gegen Basisorganisationen richtete und den Menschen den Zugang zu traditionellen Institutionen verwehrte, durch die sie am öffentlichen Leben teilhaben und ein Zugehörigkeitsgefühl und ein Gefühl der Würde entwickeln konnten. Durch die Ergreifung gemeinschaftsorientierter Projekte, mit denen anstelle von kapitalistischen, profitorientierten Bestrebungen ein soziales Verantwortungsgefühl erzeugt wird, hat Meihuaquan in Minghe eine wichtige Vorreiterrolle bei Bildung und Erhalt von sozialem Vertrauen sowie bei der Ausdehnung des öffentlichen Raumes übernommen.

*Zum Schutz von Persönlichkeitsrechten wurden die Namen von Orten und Personen geändert.

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