Fokus: Aufklärung Die Aufklärung aus chinesischer Perspektive

Kant und Konfuzius DE 125
Kant und Konfuzius DE 125 | Zeichnung: Lao Du

Prof. Huang Liaoyu (黄燎宇) spricht über die Wurzeln von Gleichheit in China, über Bauernaufstände und religiöse Toleranz und fragt: „Ist Aufklärung nach China bringen zu wollen nicht vielleicht gleichbedeutend damit, Eulen nach Athen zu tragen?“

Die folgende Rede hielt Prof. Dr. Huang Liaoyu (黄燎宇), Leiter der Germanistik an der Peking-Universität, im November 2009 in Tübingen. Anlass war das Symposium Aufklärung für die Zukunft - ein deutsch-chinesischer Dialog über Kant und die deutsche Philosophie der Gegenwart, veranstaltet von Prof. Dr. Dr.es h.c. Otfried Höffe (Institut für Philosophie) und Prof. Dr. Achim Mittag (Asien-Orient-Institut), Universität Tübingen.

Meine Damen und Herren!

Heute sind wir hier versammelt in Tübingen, in der Stadt der Theologen und Philosophen und zwar im Rahmen eines Philosophenkongresses. Tritt man hier als Germanist auf, drängt sich einem sofort die Erinnerung auf, dass in unserem säkularisierten Zeitalter die Philosophie das ist, was die Theologie in Zeiten vor der Aufklärung im Reich der Wissenschaften war, nämlich die Königin der Wissenschaften. Bei dieser Erinnerung hat man wohlweislich seinen wissenschaftlichen Anspruch zu mäßigen und als Vermittler oder Popularisierer zu wirken. Das ist übrigens vorgegeben durch das Metier: Als Literaturmann sollte man dazu dienen, zwischen dem Geistigen und dem Praktischen zu vermitteln – nach Thomas Mann ist die Literatur gleichermaßen wie die Politik das dritte Reich zwischen den zwei Bereichen; als Auslandsgermanist ist man automatisch Kulturvermittler, der die Pflicht hat, mitzuwirken beim Bau der Verständigungsbrücken zwischen der deutschen und seiner Heimatkultur. Angesichts der real existierenden Hierarchie innerhalb der Wissenschaften könnte ein unter die Philosophen geratener Germanist also nichts Besseres tun, als Botendienste zu erledigen und Botschaften vom Olymp der Philosophen zum nicht-philosophischen Flachland zu überbringen, wenn die Philosophen einen Hermes bräuchten… Ich bitte um Entschuldigung für diese pedantische, nicht unbedingt vom Geiste der Aufklärung erfüllte Vorbemerkung.

Das Thema unserer Veranstaltung ist Aufklärung. Es gibt wohl kaum ein zweites Thema, das weltweit so oft diskutiert wird, das die Köpfe und die Gemüter so andauernd beschäftigt und erhitzt. Aber das ist gut so. Denn in den Erforschungen und Diskussionen über Aufklärung sucht man nicht nur Antworten auf das Woher und Wohin unserer heutigen Welt, vielmehr wird durch das Verhältnis oder Missverhältnis des jeweiligen Landes zur Aufklärung bestimmt, wer wem in der Weltgemeinschaft etwas sagen darf. Dass es in 99 von 100 Fällen die Europäer sind, die den anderen bzw. den morgenländischen Erdbewohnern die Leviten lesen, liegt vornehmlich daran, dass sie auf eine Epoche der Aufklärung zurückblicken können. Sie, lieber Herr Höffe, Sie haben auch gesagt, Europa darf auf das lange siècle de lumières stolz sein. Europa gilt folgerichtig als die Heimat, als der Kontinent der Aufklärung schlechthin, obwohl, darauf haben Sie, lieber Herr Höffe, auch hingewiesen, Aufklärung kein europäisches Sonderphänomen der Neuzeit ist. Daher verwundert es nicht, dass die Europäer am liebsten mit den aufklärerischen Geboten den Rest der Welt beglücken wollen.

Für viele Europäer ist China ein Land, das auch mit den aufklärerischen Ideen belehrt und beglückt werden sollte. Das sieht man an der aktuellen Chinakritik aus dem Westen, die ich, da ich kein Elfenbeinturm-Bewohner bin, mit Spannung verfolgt habe. Dabei habe ich folgende Merkwürdigkeiten beobachtet: Erstens vermehrt und verschärft sich die Chinakritik in dem Maße, wie sich China nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer und zivilisatorischer Hinsicht entwickelt, und die Härte und die Intensität solcher Kritik kann ein dünnhäutiges Volk wie die Chinesen tatsächlich schlecht verkraften. Zweitens: Je mehr wir Chinesen ins kapitalistische Weltsystem integriert sind, je mehr wir uns dem Westen annähern, desto deutlicher und demonstrativer geht der Westler auf politische und moralische Distanz zu uns. Das ist uns sehr peinlich, und wir sind ratlos und verlegen. Drittens: Die meisten Chinakritiker pflegen von jener hohen geistigen Warte, die offenbar erst durch die europäische Aufklärungsbewegung möglich geworden ist, China zu sehen und zu beurteilen und reden häufig so über China, als ob das Reich der Mitte noch nie von der Sonne der Aufklärung beschienen worden wäre. Das erscheint mir am fragwürdigsten. Denn Manches spricht dafür, dass die Sonne der Aufklärung auch im Morgenland aufgegangen ist. Das wissen in Deutschland auch einige Philosophen und Sinologen. Herr Schmidt-Glintzer und Herr Mittag zum Beispiel haben zusammen einen Aufsatz verfasst, der wie folgt anfängt: „Über Aufklärung sprechen heißt über China reden; denn die europäische Aufklärung ist ohne China undenkbar.“ Wie schön wäre es, wenn dieser Satz von seiner geistigen Exklusivität befreit werden könnte!

Meine Damen und Herren, beim sino-europäischen Dialog über kulturell-politische Themen passiert es oft, dass die einen, und das sind die Europäer, mit dem Anspruch der universellen Gültigkeit und Anwendbarkeit ihrer Maßstäbe und Wertvorstellungen kommen, und dass die anderen, und das sind die Chinesen, mit kulturrelativistischen oder kulturessentialistischen Argumentationen kentern. Meiner Meinung nach muss es nicht jedes Mal zu dieser gewohnten Konstellation kommen, beim Thema Aufklärung schon gar nicht. Heute Abend zum Beispiel werde ich zwar anders klingen als Herr Höffe, aber ich werde weder die universelle Gültigkeit der aufklärerischen Ideale, zu denen Gleichheit, Toleranz, praktische Vernunft und Diesseitszugewandtheit gehören, bezweifeln, noch werde ich die Inkompatibilität der chinesischen Tradition zu den Wertvorstellungen der europäischen Aufklärung betonen. Vielmehr möchte ich Sie, meine Damen und Herren, auf ein paar bemerkenswerte Züge oder Phänomene der chinesischen Kultur aufmerksam machen, damit Sie die Frage beantworten helfen können, ob man Eulen nach Athen trägt, ob man also – um eine Metapher mit Lokalkolorit zu benutzen – Theologen und Philosophen nach Tübingen schickt, wenn man Missionare der europäischen Aufklärung nach China sendet.

Lassen Sie uns zuerst mal sehen, wie es um die Idee der Gleichheit in China bestellt ist. Meiner Meinung nach kann Gleichheit als das erste Gebot der Aufklärung bezeichnet werden, da ohne die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen weder eine Vorstellung von Menschenrechten noch von Toleranz da sein kann. China ist – mit gelinder Übertreibung – seit eh und je ein Land der Gleichheit. Hier hat die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen sehr früh und ohne jegliche geistige Vorbereitung durch die Religion in den Köpfen der Menschen Wurzeln geschlagen. Während die christliche Religion die Europäer für die Gleichheitsidee reif gemacht hat – den Zusammenhang hat Herr Kablitz im vergangenen Jahr in Peking überzeugend dargestellt, haben die chinesischen Konfuzianer gleichsam intuitiv, ja instinktiv zu ihr gefunden, und zwar lange vor der Christianisierung Europas. Dieser eigentlich sehr moderne Gedanke, der notwendigerweise zum Postulat der Chancengleichheit und des Leistungsprinzips führt, ist deshalb im Reich der Mitte entstanden, weil die Begründer des Konfuzianismus, namentlich Konfuzius, Menzius und Xun Zi, alle Leistungsethiker sind, und weil sie alle darin übereinstimmen, dass nur Leute mit Tugend und Talent Beamte werden sollen. So wurden bereits in der Han-Dynastie (ca. 200 Jahre v. Chr.) Beamte nach Leistungsprinzip ausgewählt, was im Allgemeinen als der erste Ansatz für das im 7. Jahrhundert etablierte System der Beamtenprüfung gilt, das bekanntlich über die vielen Jahrhunderte hinweg gut funktioniert hat und erst gegen Ende des Kaiserlichen Reiches, also im Jahr 1905, abgeschafft worden ist.

Meine Damen und Herren, die Kaiserliche Beamtenprüfung ist eine großartige Erfindung. Sie hat die Mentalität der Chinesen und die Geschichte Chinas so tief und so nachhaltig geprägt wie keine zweite Einrichtung. Zunächst ist sie im Geiste der Gleichheit geboren worden und gewährt wiederum dem Prinzip der Gleichheit institutionelle Unterstützung. Durch das Prüfungssystem wird den Kindern des einfachen Volkes der Weg zum sozialen Aufstieg geebnet, und ein kluger und fleißiger Bauernsohn kann folglich über Nacht Reichsminister werden. Ausgeschlossen von dieser Prüfung sind allein die Söhne der Spielleute und der Prostituierten infolge des rigorosen Moralismus der Konfuzianer. Durch diese Prüfung hat die chinesische Gesellschaft eine so hochgradige Demokratisierung erfahren, dass ein Adelsstand im europäischen Sinn nicht entstehen konnte, und dass sie keine Stände- noch Klassengesellschaft, sondern eine im Hinblick auf soziale Aufstiegsmöglichkeiten offene Gesellschaft geworden ist. Zum Glück. Es ist doch bekannt, dass der europäische Adel bis ins Zeitalter der Aufklärung hinein nicht nur die hohen öffentlichen Ämter monopolisiert, sondern sich auch strikt gegen die restliche Bevölkerung abgegrenzt hat. Davon zeugt auch der Werther-Roman von Goethe. Zu den Leiden des jungen Werthers gehört erstaunlicherweise auch seine Beleidigung durch die Adligen. „Sie wissen unsere wunderbaren Verhältnisse; die Gesellschaft ist unzufrieden, merke ich, Sie hier zu sehen.“ Mit diesem Satz ist ein kluger, ehrgeiziger und sensibler Bürgersohn aus der Mitte der Adligen rausgeworfen worden. Angesichts des Werther-Schicksals sind wir besonders stolz auf unsere Tradition der Kaiserlichen Beamtenprüfung und froh, dass sie im gegenwärtigen China lebendig bleibt in der Form der Staatlichen Hochschulzugangsprüfung, an der jährlich acht bis neun Millionen Schulabsolventen bei Sommerhitze und innerer Hitze teilnehmen. Dass diese Prüfung den heutigen Chinesen als Bastion der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit dient, lässt sich nicht zuletzt daran erkennen, dass trotz heftigster pädagogischer Bemängelung ihre Abschaffung gänzlich unvorstellbar ist, und dass trotz der Abwesenheit des Himmelssohnes als Prüfer (wie ehemals beim Palastexamen) und fehlender Todesstrafe für den Prüfungsbetrug den prüfungsbezogenen Korruptionen am wenigsten Spielraum gelassen wird.

Die Kaiserliche Beamtenprüfung hat außerdem ein Wesentliches dazu beigetragen, dass Bildung und Gelehrsamkeit im Reich der Mitte ein so hohes Ansehen genießen wie nirgends auf der Welt, ja dass man mit ihnen buchstäblich Kult treibt. Daher sind die chinesischen Kaiser und ihre Minister im Durchschnitt kultivierter und gebildeter als ihre europäischen Amtskollegen, und viele von ihnen sind ernstzunehmende und bewundernswerte Dichter und Kalligraphen, die einen Platz in der Kunst- und Literaturgeschichte beanspruchen können. Der Kult der Bildung und Gelehrsamkeit hat jedoch seine Kehrseiten. Einerseits hat er den Konfuzianer befestigt und bestärkt in seiner geistesaristokratischen Grundhaltung, von der ein berühmter Spruch von Menzius zeugt. Menzius, der normalerweise als der große Mitleidsethiker betrachtet wird, sagte einmal:„Der geistig Arbeitende regiert und der körperlich Arbeitende wird regiert; dieser ernährt und jener lässt sich ernähren.“ Dieser Spruch, der in seiner lakonischen Härte und Strenge kaum zu übertreffen ist – nicht einmal durch die Aphorismen von Nietzsche – gehört zweifellos zu den populärsten Sprüchen des Konfuzianismus. Auswendig kennt ihn jeder lese- und schreibkundige Chinese, auch jeder zweite analphabetische Chinese versteht ihn seinen Söhnen zu vermitteln. Durch diese etwas überzogene Leistungsethik werden freilich das Konkurrenzbewusstsein und die Strebermentalität gefördert, die in vielen Fällen unästhetisch und ungesund wirkt. So lässt sich die Kindheit fast eines jeden arrivierten Literaturbeamten der Kaiserzeit wie folgt beschreiben „Er war von klein auf ehrgeizig und ernst und so fleißig, dass er, um seine Bücher zu beleuchten, sich Glühwürmchen vorrätig in der Tasche hielt, und sich, um wach zu bleiben, mit der Ahle in den Schenkel stach...“

Die andere Nebenwirkung des Kultes der Bildung und Gelehrsamkeit ist die Verweichlichung der chinesischen Mentalität. Das kann man beobachten an den vielen chinesischen Kaisern und hochrangigen Mandarinen, die mehr Interesse für Tinte und Pinsel haben als für Schwert und Schleuder. Mitunter hat man sogar den Eindruck, dass das platonische Ideal vom Philosophenkönig im Reich der Mitte Wirklichkeit geworden wäre, wenn die chinesischen Kaiser mehr Sinn für den Sport, wenn sie mehr Sinn für das Olympische gehabt hätten. Damit sind wir bereits bei der Kehrseite des Kultes der Bildung und Gelehrsamkeit im chinesischen Kaiserreich. Er geht nämlich merkwürdigerweise mit der Geringschätzung der Körperstärke und des Militärstandes einher. Im chinesischen Kaiserreich hatten die gelehrten Mandarine stets eine höhere Stellung als die Kriegsmandarine. Und dadurch ist auch ein gewaltiger Unterschied zwischen China und Europa entstanden: Hier ist der Kriegsdienst den Adligen vorbehalten, der Bauer hat nicht das Recht noch die Ehre, Waffen zu tragen; dort heißt es im Volksmund, gutes Eisen sollte nicht zu Nägeln verarbeitet werden, gute Söhne sollten nicht zum Soldaten-Schicksal verurteilt sein. Wir können uns gut vorstellen, dass ein Bushido-Kodex oder teutonische Kriegertugenden im Reich der Mitte Gegenstand der Verachtung gewesen wären. Der Kult der Bildung und Gelehrsamkeit bei gleichzeitiger Verachtung der Körperertüchtigung und der Gewaltanwendung führt freilich zur Verweichlichung der chinesischen Mentalität und zur Schwächung der Schlagkraft der Militärs. Die Folge ist, dass China immer wieder durch die verachteten Barbaren und Nomaden besiegt und erobert worden ist – trotz der Großen Mauer, die mehr ein architektonisches Ornament als ein nützliches Bollwerk war. Dass die robusten und kriegstüchtigen Barbaren im Endeffekt fast ausnahmslos von den dekadent schwächlichen Han-Chinesen assimiliert worden sind, ist vielleicht ein Beweis dafür, dass tatsächlich so etwas wie Macht oder Kraft durch Milde existiert. Also sind wir Chinesen höchstens milde Chauvinisten.

Die Idee der Gleichheit drückt sich nicht nur in der Erfindung und der Popularität der Beamtenprüfung aus, sondern auch in den vielen Bauernaufständen der chinesischen Kaiserzeit. Diese Aufstände sind phänomenal. Denn sie kommen so oft vor, nehmen so großen Umfang an und haben so viel zerstörerische Kraft wie sonst nirgendwo auf der Welt. Gleichzeitig zeugen sie auch davon, wie alt die Gleichheitsidee in China ist und wie tief sie in den Köpfen der Chinesen sitzt. Denn schon beim ersten nachweislichen Bauernaufstand in China, der 206 v. Chr. unter der Anführerschaft von Chen Sheng und Wu Guang ausbrach und die Qin-Dynastie bis in die Grundfesten erschütterte (der Begründer dieser Dynastie hat die Große Mauer bauen lassen und liegt immer noch in Xi’an begraben, beschützt durch die herrliche Terracotta-Armee), lassen sich die Aufständischen begeistern und ermutigen durch die laut erhobene rhetorische Frage: „Sind die Könige und die Fürsten als Könige und Fürsten geboren?“ Dass jeder es zum Fürsten, zum König oder zum Kaiser bringen kann, davon sind die Bauernanführer der späteren Dynastien ebenfalls fest überzeugt. Schließlich wollten sie alle in den Kaiserpalast ziehen und dort residieren (Den imposanten Kaiserpalast in Peking verdanken wir übrigens der Ming-Dynastie, die durch Zhu Yuanzhang, einen Bauernanführer, begründet wurde). Einigen von ihnen ist es tatsächlich gelungen, mit Pomp den Thron zu besteigen. Daher verwundert es nicht, dass in fast allen Bauernaufständen im alten China, die zum Wechsel der Dynastie geführt haben,Gleichheit zum bewegenden Losungswort geworden war. Das finde ich sehr, sehr bemerkenswert, zumal Vergleichbares bei den europäischen bzw. deutschen Bauernaufständen nicht vorkam. Deutsche Bauernanführer sind viel bescheidener in ihren Zielsetzungen, ihre Einflüsse und Erfolge sind auch viel geringer. Weder Thomas Müntzer noch Michael Kohlhaas wären darauf verfallen, Papst zu werden oder Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die größere geistige und politische Unbescheidenheit der chinesischen Bauernrebellen resultiert offenbar aus ihrem vielleicht übersteigerten Selbstbewusstsein, aus ihrer innersten Überzeugung, dass jedermann König und Fürst werden könne. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Bauernrevolutionen der Kaiserzeit oft von den gescheiterten Kandidaten der Beamtenprüfung entfesselt und geführt worden sind. Huang Chao zum Beispiel, der Anführer des Aufstandes der „Gelben Turbane“, an dem die Tang-Dynastie Ende des 9. Jahrhunderts zugrunde gegangen ist, ist ein ehrgeiziger Kandidat bei der Beamtenprüfung gewesen; dabei hat er auch schon viele Hürden überwunden, aber er hat es nicht zum Jinshi gebracht, dem am meisten begehrten akademischen Grad, der dem Doktortitel von heute entspricht. Hong Xiuquan, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Taiping-Aufstand angezettelt und geführt und vorübergehend in Nanjing eine eigene Dynastie begründet hat, ist ebenfalls ein gescheiterter Prüfling. Die auffallende Rolle, die die erfolglosen Kandidaten der Kaiserlichen Beamtenprüfung bei den Bauernrevolutionen spielen, wirft schon ein bedenkliches Licht auf die bewusstseinsbildende Funktion dieser Prüfung.

Meine Damen und Herren, ich bin kein philosophischer Idealist, um die Gleichheitsidee zum Haupt- oder zum alleinigen Grund für die vielen Bauernrevolten zu erklären. Revolution ist kein Spaß, auch kein Denkspiel. Das weiß man bei minimaler Kenntnis des historischen Materialismus. Natürlich sind es in erster Linie Misere, Ungerechtigkeit und Ausweglosigkeit, die die Bauern zu Rebellen machen. Ich habe auch nicht die Absicht, die chinesischen Bauernaufstände zu beschönigen oder mit ihnen zu prahlen. Dagegen spricht auch das Gebot der Höflichkeit und Diskretion: Ich weiß, Deutschland ist ein revolutionsarmes Land, und die Deutschen favorisieren erfahrungsgemäß Revolutionen, die im Kopfe oder auf dem Papier stattfinden. Von der Französischen Revolution haben sich bekanntlich sowohl die Aufklärer als auch die Romantiker in Deutschland in der überwiegenden Mehrheit mit Ekel und Furcht abgewendet. Was es uns Chinesen so schwer macht, die großen Bauernrevolutionen einhellig und vorbehaltlos zu loben und zu bejahen, sind die Schrecken, die sie verbreitet haben. Denn die chinesischen Bauernkriege waren, wie oben angedeutet, zu brutal und blutig, zu viele Menschen wurden durch sie getötet – beispielsweise starben allein im Taiping-Aufstand schon 20 Millionen Menschen –, zu viele Häuser, Paläste und Städte wurden durch sie zerstört, zu viel Unruhe und Erschütterung brachten sie in die Gesellschaft. Angesichts der verheerenden Folgen der Bauernaufstände können wir manchmal nicht umhin zu fragen, ob es doch besser gewesen wäre, wenn die chinesischen Bauern etwas von der Schicksalsfrömmigkeit ihrer europäischen Standesgenossen gelernt hätten.

Meine Damen und Herren, wenn ich hier die größere revolutionäre Kompetenz und Bereitschaft der Chinesen unterstreiche, so möchte ich Sie bloß daran erinnern, dass die Aufklärung nicht bloß als Mutter der Vernunft, sondern auch als Mutter der Revolution fungieren kann. Aus geschichtlichen Erfahrungen weiß man zum Beispiel, dass der Gedanke der Gleichheit ein revolutionäres Element enthält, dass er revolutionär machen und Revolutionen herausfordern kann. Wie die Forderung nach égalité zu den wichtigsten Voraussetzungen der Französischen Revolution zählt, so ist die Idee der Gleichheit zweifelsohne eines der Motive der chinesischen Bauernrevolutionen. Das ist übrigens in beiden Fällen kein Zufall. Denn Aufklärung lebt von der Kritik, Aufklärung ist Kritik. Das ist allbekannt. Dass es von der Waffe der Kritik zur Kritik der Waffe nur ein Schritt weit ist, weiß aber nicht jeder. Ein Deutscher, ein Dialektiker der Kritik, war sehr enttäuscht, dass man in Deutschland diesen Schritt nicht getan hat. Daher konnte er auch nie ohne Verachtung von dem Träger der deutschen Aufklärung, dem Bürgertum also, sprechen. Dieser enttäuschte Deutsche ist, wie viele von Ihnen wissen, kein anderer als Karl Marx.

Meine Damen und Herren, zum Schluss komme ich auf einen evidenten Wesenszug der chinesischen Kultur zu sprechen, der zunächst von den Europäern, dann von uns selber mit großer Ambivalenz gesehen wird. Die Rede ist von dem Verhältnis oder Unverhältnis der Chinesen zum Transzendentalen und zur Religion. Ich muss zugeben, dass ich hier in Tübingen nicht ohne Befangenheit über dieses Thema sprechen kann, weil die Stadt der Theologen und Philosophen aus meiner Sicht eine Gegenwelt zu China darstellt.

Bitte lassen Sie mich in diesem Zusammenhang zuerst Gottfried Wilhelm Leibniz zitieren. Leibniz war bekanntlich ein China-Verehrer bzw. China-Schwärmer, und sein Werk Novissima Sinica ist eigentlich eine große Hymne auf China. Was ich aber erstaunlich finde, ist, dass sich der Verfasser der Novissima Sinica als ein hellsichtiger Schwärmer und Hymniker erwiesen hat, und dass er, obwohl er China nur vom Hörensagen kennt, so schnell und so prägnant die Wesenszüge der chinesischen Gesellschaft und Kultur erfasst hat wie kaum ein zweiter. Da hat er nicht nur hingewiesen auf die absolute Überlegenheit der Chinesen auf dem Gebiet der praktischen Philosophie, also in den Lehren der Ethik und Politik, da hat er nicht nur mit Bewunderung festgestellt, wie sinnreich bei uns Chinesen alles auf den öffentlichen Frieden und auf die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen hin angelegt ist. Vielmehr hat er das folgende Fazit gezogen: „Wäre ein weiser Mann zum Schiedsrichter nicht über die Schönheit von Göttinnen, sondern über die Vortrefflichkeit der Völker gewählt worden, würde er den goldenen Apfel den Chinesen geben, wenn wir sie nicht gerade in einer Hinsicht, die aber freilich außerhalb menschlicher Möglichkeiten liegt, überträfen, nämlich durch das göttliche Geschenk der christlichen Religion.“ Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie diese Worte lesen oder hören. Mich hat dieser Satz jedoch irritiert und betrübt. Chinesen sind kein religiöses, kein christliches Volk, deshalb können sie den goldenen Apfel nicht bekommen. Das ist die schlichte Aussage dieses konjunktivisch formulierten Satzes. Da sind wir sehr beunruhigt. Wir befürchten nämlich, dass man von unserer religiösen Desinteressiertheit auf unsere geistige Unzulänglichkeit schließt. Unsere Befürchtung ist leider nicht unbegründet. Denn was bei Leibniz höchstens als freundliches Bedauern vorkommt, wird bei späteren deutschen Philosophen zur Verachtung, ja zur Verurteilung des Chinesentums. Hegel, der einflussreichste China-Verächter, hat auf seine rüde Weise die philosophische Inkompetenz der Chinesen verkündet, und diejenigen, die weniger rüde sind als Hegel, fragen leise oder im Stillen, ob die Chinesen überhaupt willig und fähig wären zu geistigem Aus- und Aufflug. Schließlich müssen die deutschen Sinologen bis heute noch mit der gleichsam natürlichen Versuchung kämpfen, die chinesische Philosophie in Anführungszeichen zu setzen. Von derartiger Infragestellung der philosophischen Kompetenz der Chinesen sind wir so schwer betroffen, dass es für uns gar keine Selbstverständlichkeit ist, mit erhobenem Haupt im Hain der Philosophen spazieren zu gehen.

Bei ruhigen Überlegungen müssen wir zugestehen, dass für uns doch Grund zur Selbstreflexion und Selbstbeschämung besteht. Denn warum sollte man eine Philosophie nicht in Anführungszeichen setzen, in der man so etwas wie die Ideenlehre und die Willensmetaphysik, so etwas wie den Weltgeist und das Ding an sich vermisst? Kann man überhaupt philosophieren, wenn man nie vom Empirischen absieht? Am schlimmsten ist, dass wir weder Gott noch den Teufel noch den Tod kennen, und dass bei uns die drei Entitäten von Anfang an entweder nicht wahrgenommen oder ausgeblendet worden sind. „Sei ein guter Sohn daheim und ein guter Bürger draußen!“ Durch diesen Imperativ kommt das ganze konfuzianische Menschheitsideal zum Ausdruck. Von der Gotteskindschaft spricht man nicht, von dem Versuch ganz zu schweigen, die Gotteskindschaft als etwas Begehrenswertes darzustellen. Der Tod zum Beispiel, den Schopenhauer als den eigentlich inspirierenden Genius oder den Musageten der Philosophie betrachtet, steht seit Jahrtausenden draußen vor den Toren des Palastes des chinesischen Denkens, ohne Einlass erlangt zu haben. Das liegt vornehmlich daran, dass Konfuzius gelehrt hat, man brauche den Tod nicht zu kennen, wenn man das Leben noch nicht gut genug kenne. Dem Teufel geht es auch nicht besser als dem Tod, was seine Popularität im Reich der Mitte betrifft. Er erscheint nämlich nicht in der Gestalt des tragödienträchtigen und respektgebietenden Dämons, vielmehr ist er in eine Vielzahl komischer Geister verwandelt worden, die man am Frühlingsfest mit Feuerwerk zu vertreiben pflegt. Für ihn interessiert sich also kein denkender Mensch. Bedauerlicherweise hat im Reich der Mitte das Göttliche dasselbe Schicksal ereilt. Gott ist nämlich auch keine singuläre Erscheinung und muss in China mit einer Heerschar anderer Gottheiten den Himmel teilen – Gegenstand der Anbetung bilden in China viele und verschiedenste Götter. Schuld daran ist die Unfähigkeit der Chinesen, zwischen Glauben und Aberglauben zu unterscheiden und der fehlende Sinn für die Rangordnung der Götter und der Religionen. Hinzu kommt, dass man pragmatisch, also dass man nach dem Motto „Not lehrt beten“ mit den Göttern umzugehen pflegt. So sind wir bei der polytheistischen Rohheit und Leichtsinnigkeit stehen geblieben, so haben wir es nicht bis zur monotheistischen Feinheit und Ernsthaftigkeit gebracht. Das ist sehr bedauernswert. Denn die Absenz von Gott, Tod und Teufel führt nicht allein zur philosophischen Anämie der Chinesen, sondern auch zur Verengung, Verflachung und Verarmung unserer geistigen Welt. Wir leben in einer eindimensionalen und monotonen Welt und sind folgerichtig nichts als Empiriker, Pragmatiker, Ethiker, Utilitaristen, Materialisten, Atheisten. Die Welt der Europäer ist aber dreidimensional. Sie haben nicht nur eine Welt vor sich, sondern auch eine Welt über sich und noch eine in sich; der europäische Geist bewegt sich folglich frei zwischen den Welten und den Sphären, daher sind Europäer auch noch Kosmologen und Ontologen, Philosophen und Theologen.

Meine Damen und Herren, Sie sehen, die chinesische Welt ist eine Welt der Immanenz, sie ist natürlich kein fruchtbarer Nährboden für Philosophie und Theologie; wir Chinesen sind trotz oder gerade wegen der Anbetung vieler Götter Gottlose und haben folglich keinen Anteil an Gottesgnaden. Unsere theologische und philosophische Situation ist alles andere als günstig und erfreulich. Daran können wir aber nichts ändern. Konfuzius und seinesgleichen haben uns von Anfang an einen Weg gezeigt, der nicht zu Gott führt, und der auch ohne göttliche Erleuchtung ist. Diesen vielleicht falschen Weg sind wir Jahrtausende gegangen, von diesem Weg sind wir auch schwer abzubringen. Das ist bereits durch die auffallende Erfolglosigkeit der christlichen Missionen in den vergangenen drei- bis vierhundert Jahren bewiesen worden. Außerdem ist es jetzt für uns sowieso zu spät, umzukehren. Am wichtigsten ist aber, dass wir inzwischen gelernt haben, unsere alte Kultur im Lichte neuer Welterfahrungen zu betrachten. Heute sehen wir immer mehr positive Seiten unserer Kultur und immer weniger Grund, uns ganz nihilistisch zur eigenen Kultur und Tradition zu verhalten. Der lange geschichtliche Weg, den wir auf den Fingerzeig von Konfuzius gegangen sind, ist vielleicht gar nicht so falsch, wie wir uns bisher gedacht haben. Denken wir mal an das Schicksal der Gläubigen und Ungläubigen in der Vergangenheit jeweils in China und in Europa, dann brauchen wir uns nicht mehr allzu heftige Vorwürfe zu machen wegen unserer religiösen Gleichgültigkeit und polytheistischer Praktika. Zwar ist ein Polytheist oder Gleichgültiger dem Theologen noch schlimmer als ein Atheist, aber der Gleichgütige ist auch viel toleranter als andere. Hegel hat, als er China als „das Land der absoluten Gleichheit“ bezeichnete, bestimmt nicht daran gedacht, dass in diesem Land die Gleichheitsidee sich auch auf die göttliche Sphäre erstreckt. In Europa sind vor Gott alle Menschen gleich, wenn alle Menschen an den christlichen Gott glauben; in China sind alle Götter gleich vor dem Menschen, gleichviel, wessen Götter sie sind. Ein Dichtwerk wie Nathan der Weise, das für deutsche bzw. europäische Geistesgeschichte von epochaler Bedeutung gewesen ist, hätte kein chinesischer Dichter schreiben können. Das wäre bei uns unnötig gewesen. Denn aus rein religiösen Gründen sind im China der Kaiserzeit weder Buddhisten noch Daoisten oder sonstige Gläubige verfolgt worden; bei uns hat es auch keine Kreuzzüge – egal in welche Himmelsrichtung – gegeben, es hätte sie auch nicht geben können. In dieser Hinsicht können die europäischen Aufklärer sehr zufrieden mit uns sein, wenn sie bei ihrer Forderung der Toleranz konsequent bleiben. Blicken wir zurück auf die Geschichtsentwicklung seit der europäischen Aufklärung, und schauen wir noch ein bisschen nach vorne, dann brauchen wir uns nicht allzu viele Sorgen zu machen wegen unserer Gottesferne oder Unerfahrenheit im Transzendentalen. Seit der Aufklärung wird die Welt der Europäer zunehmend säkularisiert und profanisiert, sie wird zunehmend entmystifiziert und entzaubert. Europa wird dementsprechend prosaisch und „chinesisch“. Warum? Weil die Aufklärung auch noch dazu dient, den Geist des Menschen vom Jenseits zum Diesseits zurückzuführen und damit – dieser Zusammenhang wird ungern und selten erwähnt – dem Kapitalismus den Weg zu ebnen, der von Natur aus trocken und profan, prosaisch und langweilig, unästhetisch und unromantisch ist. Dass seit seiner Umstellung auf die globalisierte kapitalistische Marktwirtschaft China dem Ausland zuweilen vorkommt wie ein aus seinem Element geworfener Fisch, der wieder ins Wasser geworfen, oder wie ein gefangener Tiger, der in den Dschungel zurückgelassen wird, kommt auch nicht von ungefähr. Mit einem Wort: Im Zeitalter des Kapitalismus droht die europäische Welt, eindimensional zu werden. Allein das bereitet einem schon Unbehagen, allein das ist schon ein zureichender Grund, den Wegöffner des Kapitalismus, also die Aufklärung, zu kritisieren. In Wirklichkeit hat in Europa spätestens seit der Romantik die Aufklärungskritik ihre Stimme immer wieder erhoben. Man denke an das berühmte Novalis-Wort: „Die Welt muss romantisiert werden“, man denke an die Aufklärungskritik im Zauberberg, die der Anti-Aufklärer Naphta mit folgenden Vokabeln formuliert hat: „Philisterei und bloße Ethik, irreligiös“ oder „schäbige Lebensbürgerlichkeit“. Dass derartige Aufklärungskritik offenbar leicht in die Kritik an einem Diesseits-Volk wie den Chinesen verwandelt werden kann, ist leicht verständlich.

Meine Damen und Herren, die sogenannte moderne Welt ist eine für den Kapitalismus geschaffene Welt, als solche ist sie aber das Werk der Aufklärung. Liebe Aufklärer, was nun?