Fokus: Heimat Gibt es noch eine Ost-Identität?

Carlo Ljubek, Max Simonischek in „we are blood”
Carlo Ljubek, Max Simonischek in „we are blood” | © Bettina Stöß

Der Regisseur und Intendant des Berliner Gorki Theaters, Armin Petras, schreibt seit über zehn Jahren Stücke, von denen sich viele mit der DDR vor und nach dem Fall der Mauer beschäftigen. Im Interview beantwortet er Fragen zu einer speziellen Ost-Identität, 22 Jahre nach der Wende.

Armin Petras, Jahrgang 1964, ist Regisseur und Intendant des Berliner Gorki Theaters. Unter dem Pseudonym Fritz Kater schreibt er seit über zehn Jahren Stücke, von denen sich viele mit der DDR vor und nach dem Fall der Mauer beschäftigen: Fight City. Vineta, zeit zu lieben zeit zu sterben, we are camera. Jasonmaterial, Sterne über Mansfeld oder Heaven (zu tristan). Ein Gespräch über die Mentalität des Ostens 22 Jahre nach dem Mauerfall.

Armin Petras, Sie sind als fünfjähriges Kind mit Ihrer Familie vom Sauerland nach Ostberlin gegangen, haben dort Ihre Kindheit und Jugend verbracht und die DDR 1988, ein Jahr vor dem Fall der Mauer, verlassen. Das Thema DDR hat Sie nie losgelassen. Vor drei Jahren haben Sie das Projekt Über Leben im Umbruch gestartet. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Soziologen Heinz Bude hat das Alltagsleben und die Befindlichkeiten in der brandenburgischen Stadt Wittenberge erforscht, parallel dazu sind einige Auftragsstücke fürs Maxim Gorki Theater entstanden, darunter auch das Fritz-Kater-Stück we are blood. Hat sich dabei das Bild einer Ost-Identität herauskristallisiert, die allgemeinverbindlich sein könnte? Gibt es die überhaupt noch, 20 Jahre nach der Wende?

Ja, die gibt es. Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt, Ost-Identität gibt es so lange, bis der letzte gestorben ist, der noch in der DDR geboren wurde. Jetzt bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das nicht noch weitergeht. Ich sehe heute 14-, 15-Jährige, die eine Ost-Identität haben, ohne die DDR je kennengelernt zu haben. Andererseits gibt es natürlich DDR-sozialisierte Leute, die Unternehmensberater in London oder New York sind. Ich habe in Chile einen Unternehmer getroffen, der noch in Suhl ein DDR-Abitur gemacht hat. Natürlich ist auch das ein sehr komplexes All, das in viele Richtungen explodiert.

Das werden trotzdem die Ausnahmen sein. Mit welchen Begriffen würden Sie das Lebensgefühl der Mehrheit beschreiben? Ist das immer noch ein Gefühl von Ausgeschlossensein und zweiter Klasse?

Ich würde das gar nicht nur negativ beschreiben. Natürlich ist die Wende als ein Grundgefühl des Einschlags da, und natürlich gibt es eine gewaltige topografische Veränderung: relativ menschenfreie Zonen mit übergroßen Baumärkten und Autobahnen. Aber es gibt auch ein Selbstbewusstsein, Menschen, die sagen, wir haben noch ein Gefühl der Gemeinschaftlichkeit. In dem Dorf in Brandenburg, in dem ich lebe, gibt es zum Beispiel ein Freibad, das nicht mehr in Betrieb ist. Aber am Becken werden trotzdem am 3. Oktober, dem Tag der Einheit, Deutschlandfahnen gehisst. Da fühlen sich Leute als Deutsche und als Ostdeutsche. Und das ist doch total normal! In Großbritannien kann man sich auch gleichzeitig als Commonwealth-Mitglied und als Walliser fühlen. Ich gebe zu, die ostdeutsche Geschichte ist deutlich kürzer als die walisische. Trotzdem: 40 Jahre Geschichte, die so deutlich unterschieden war vom Westen Deutschlands, graben sich natürlich ein: Die Stellung der Frau war anders, die Mitsprache, eine Kultur der Improvisation. Es gab eine andere Ästhetik, man kann das auf allen Ebenen verfolgen, und die Soziologen um Bude konnten das sehr präzise beschreiben.

 

Ist der Schmerz über abgebrochene oder zerstörte Biografien aber nicht auch immer noch konstituierend für die ältere Generation, die dort sitzt?

Doch, total. Das kann man nicht statistisch belegen, aber von meinem Gefühl her würde ich sagen: Es gibt in der Generation der 45- bis 75-Jährigen ca. 20 bis 25 Prozent Wendegewinner, 25 Prozent Leute, die sagen, es ist, wie es ist und die das Beste draus machen, und gut die Hälfte, die sich als Wendeverlierer fühlt. Ganz klar.

Gibt es große familiäre Verwerfungen, weil eine nachwachsende Generation die Biografien ihrer Eltern und Großeltern gar nicht mehr verstehen kann?

Da gibt es ganz verschiedene Haltungen. Von „Lasst uns in Ruhe mit eurem DDR-Scheiß“ bis zu Mitleid. Wenn einer 1990 mit 52 Jahren seinen Job verloren hat in der Firma, in der er 30 Jahre lang gearbeitet hatte, weil die zugemacht wird, und wenn der nie wieder eine Arbeit findet, dann ist das ein Problem, bis man tot ist. Daran ist keiner unbedingt Schuld, aber das ist ein Fakt. Wie überlebt man so einen Umbruch? Und so ein Umbruch dauert eben nicht zwei, sondern eher dreißig Jahre, eine Generation. Mindestens.

 

Wie erklären Sie sich den vergleichsweise hohen Anteil an Rechtsradikalismus als Verarbeitungsstrategie in einem Landstrich mit kaum existenter Migrationsrate?

Radikalismus entsteht immer, wenn Wertesysteme zusammenbrechen. Das löst Angst aus. Und junge Leute suchen dann Werte, die eine Struktur wieder festlegen.

 

Aber wäre ein linker, antikapitalistischer Reflex da nicht sehr viel naheliegender?

Für eine nicht-intellektuelle Schicht bietet die Rechte sehr viel klarere Positionen, an denen man sich festhalten kann.

 

In we are blood, Ihrem letzten Stück, in dem Mensch und Natur in einer durchökonomisierten Welt unversöhnlich scheinen, formulieren Sie die Notwendigkeit eines neuen „Wir-Gefühls“: „Chor werden“, heißt es da. Ist das als gesamtgesellschaftliche Perspektive nicht ein sehr utopisches Denken?

Ich habe mich vom utopischen Denken längst komplett verabschiedet. Jedenfalls im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen Utopie. Für mich war das wichtigste Resultat des Wittenberge-Projekts, dass ich das auch gar nicht mehr für notwendig halte in der Welt, in der wir leben. Es geht viel mehr um lokale, um begrenzte, um temporäre Netze von Menschen und Ideen, die sich in dieser globalisierten Welt zusammentun, um sich sinnvoll auszudrücken und so etwas wie Heimat bilden. Eine Probebühne mit fünf Leuten drauf wird für mich immer ein Bild dieser Idee sein.