Fokus: Heimat Chinas Elite zieht es fort

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Foto: Huo Haijun | © ImagineChina

„Hauskauf in Peking? Wandern Sie doch lieber aus!“ Diese Werbeanzeige auf der Messe Auto China im April 2010 in Peking illustriert einen Trend, dem die chinesische Elite seit einigen Jahren folgt.

„Hauskauf in Peking? Wandern Sie doch lieber aus!“ Diese Werbeanzeige auf der Messe Auto China im April 2010 in Peking illustriert einen neuen Trend in der chinesischen Elite und birgt gewaltigen Zündstoff. Zum einen kostet ein Quadratmeter Wohnfläche innerhalb der zweiten Ringstraße in Peking durchschnittlich 30.000 Yuan (ca. 3.800 EUR), zum anderen haben die USA die Vergabe von Visa der Kategorie EB-5 vereinfacht, um Investoren aus aller Welt die Einbürgerung zu erleichtern. Mit einer Investitionssumme von mindestens 500.000 Dollar kann man bereits eine Greencard beantragen. Das bedeutet also, dass jeder, der eine Immobilie innerhalb der zweiten Pekinger Ringstraße besitzt, theoretisch die notwendigen Bedingungen erfüllt, um in die USA auswandern zu können.

Soll man nun also lieber eine Immobilie kaufen oder auswandern? Offenbar hat die Elite der chinesischen Mittelschicht ihre Wahl bereits kollektiv getroffen. Laut einem Bericht der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften über „Weltpolitik und Sicherheit“ aus dem Jahr 2007 ist China gegenwärtig global der Staat mit der höchsten Abwanderung ins Ausland. Seit dem Beginn der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik im vergangenen Jahrhundert verzeichnet die dritte große Auswanderungswelle im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine steigende Tendenz.

Drei Auswanderungswellen der jüngeren Zeit

Die erste Migrationswelle kam in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ins Rollen, als China erstmals seine Tore öffnete. Damals nahmen Scharen junger Menschen aus Wenzhou, Fujian und Guangdong größte Schwierigkeiten in Kauf, um ins Ausland zu gelangen, sei es dass sie Sibirien mit dem Zug durchquerten oder sich „Schlangenköpfen“ genannten Schmugglergangs anvertrauten und illegal ohne Tageslicht unter Deck eines Schiffes mehrere Wochen lang zusammengepfercht auf wogender See unterwegs waren, um illegal nach Europa einzuwandern. Dort arbeiteten sie schwarz oder warteten auf Amnestie, manche schlossen sich sogar ausländischen Söldnertruppen an, um eine andere Staatsangehörigkeit annehmen zu können.

Die zweite Migrationswelle setzte zu Beginn der 1990er Jahre ein und wurde in der Fernsehserie Beijinger in New York realitätsgetreu dargestellt. Einen Großteil dieser Auswanderer stellten hochgebildete Fachkräfte und Intellektuelle, die aus bekannten politischen Gründen die Entscheidung getroffen hatten, ihre Heimat zu verlassen. Im Vergleich zur gegenwärtigen dritten Migrationswelle fanden die früheren Auswanderer deutlich weniger Beachtung.

Jene Chinesen, welche ihr Heimatland in Kürze verlassen werden oder diesen Schritt bereits getan haben, sind gekennzeichnet durch beachtliche Vermögen, hohe Intelligenz und überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit. Sie erwarten sich von der Übersiedlung ins Ausland ein ausgezeichnetes Bildungsangebot, saubere Luft, sichere Lebensmittel, Mobilität und Entscheidungsfreiheit, die Möglichkeit, freien Kapitaltransfer, und allgemein ein Gefühl der Sicherheit.

Infolge der Vereinfachung der Einwanderungsformalitäten in den Zielländern wurden in den vergangenen 10 Jahren immer mehr Chinesen in Australien, Singapur und den USA eingebürgert. In der Mittelschicht nahezu aller großen chinesischen Wirtschaftsmetropolen hat sich inzwischen übereinstimmend der Eindruck verbreitet, dass dort jeder heutzutage mindestens einen Bekannten hat, der oder die gerade dabei ist, Auswanderungspapiere zu beantragen oder bereits ausgewandert ist.

Wie aus Zahlen der Beijing Entry & Exit Service Association hervorgeht, hatte sich die Anzahl der Chinesen, welche 2009 mit einem Visum der Kategorie EB-5 als sogenannte Investitionsmigranten in die USA gingen, gegenüber 2008 von 500 auf 1000 verdoppelt. Im Jahr 2010 wurden 41 % der von der US-Einwanderungsbehörde innerhalb des ganzen Jahres ausgestellten EB-5 Visa an Bewerber vom Festland China vergeben.

Daten der kanadischen Ausländerbehörde zufolge betrug die Quote für Investitionsimmigranten 2009 2.055, davon 1.000 für Einwanderer vom chinesischen Festland. Schon 2010 machten wohlhabende chinesische Einwanderer nach Kanada über 62% aller Investitionsmigranten aus, ihre Zahl erreichte 2.020.

Qi Lixin (齐立新), Präsident der Beijing Entry & Exit Service Association, erläutert, dass Einwanderungsanträge in der Kategorie Investitionsimmigranten durch Chinesen in Kanada, Australien und Singapur besonders erfolgreich seien. In Kanada liege die festgesetzte Mindestinvestitionsgrenze bei 400.000 kanadischen Dollar (ca. 2,35 Mio. RMB), in Australien bei 800.000 australischen Dollar (ca. 4,54 Mio. RMB) und in Singapur bei 1,5 Millionen Singapur-Dollar (ca. 9,62 Mio. RMB).

Außerdem richten wohlhabende chinesische Familien ihr Augenmerk seit zwei Jahren zunehmend auf Europa, jene Region mit den strengsten Einwanderungsvorschriften. Zhang Jieru (张洁茹), Rechtsanwaltsassistent einer Dienstleistungsagentur für Zuwanderer in den Niederlanden, erklärt, dass reiche Chinesen zu den besten Kunden der Agentur geworden seien. Jedes Jahr übernimmt die Agentur die Kosten für Flugtickets und Hotelunterkunft, um wohlhabende chinesische Geschäftsleute in die Niederlande einzuladen und vor Ort Investitionsprojekte in Augenschein zu nehmen.

Bildung steht als Grund ganz oben

In Umfragen gibt ein Großteil der Auswanderungswilligen das Bedürfnis nach Sicherheit und erstklassige Bildungsmöglichkeiten für die eigenen Kinder als wichtigste Gründe für das Auswandern an. Allerdings kann sich in China kaum jemand vorstellen, dass viele gut ausgebildete Auswanderer die Vorteile ihres in China mit Wohlstand oder Reichtum Hand in Hand gehenden gesellschaftlichen Status und Ansehen aufgeben und im Ausland ein ruhiges und beschauliches Lebens führen. Aber die Zukunft ihrer Nachkommen ist ihnen diesen Preis wert. Meist hoffen sie, dass ihre Kinder in der Fremde in ihre Fußstapfen treten können und ebenso erfolgreich sein werden wie sie selbst es ehemals in China waren. „Ich opfere mich auf, damit die Nächsten glücklich sein können“, lautet das Fazit vieler Chinesen wie beispielsweise des Akademikers Ma Shu, der vor 10 Jahren nach Kanada ausgewandert ist.

Als sich Ma Shu im Jahr 2001 für die Auswanderung nach Kanada bewarb, stellte er einen Antrag in der Kategorie qualifizierte Arbeitskräfte und Fachpersonal, obwohl er als hochrangiger Manager einer Firma in Kanton tätig war und zu jener Zeit über ein Vermögen von mehr als 10 Millionen RMB verfügte. Ma Shu ist ein typischer Vertreter der Akademiker-Elite aus der chinesischen Mittelschicht: Absolvent einer renommierten Hochschule, mit Anfang 30 bereits Seniormanager in einer Kulturfirma in Kanton; er verfügt über umfassende Erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit und hat eine eigene Firma aufgebaut.

Allerdings kann nicht jeder gut ausgebildete chinesische Auswanderer den Statusverlust verkraften. 2005 sorgten unter den chinesischen Einwanderer in Kanada zwei Vorfälle für Wirbel: Ein Chinese aus der Provinz Hubei, welcher als Student Examensbester gewesen war, fand nach seiner Promotion lediglich eine Anstellung als Arbeiter in einer Fabrik. Er nahm sich aufgrund dessen mit einem Sprung von einem Gebäude das Leben. In einem anderen Fall wurde ein ebenfalls promovierter Chinese von seiner Firma entlassen und sprang daraufhin von einer Brücke in den Tod.

Ma Shu ist der Ansicht, dass das Bildungssystem in China daran schuld ist. „Hierarchie und sozialer Status sind im Bewusstsein der Chinesen sehr tief verankert“, meint er, „im Westen jedoch herrscht die Überzeugung vor, dass alle Menschen von Geburt an gleich sind.

Mobilität ohne Verzicht auf die chinesische Staatsbürgerschaft

Ling Xiaojun (Name von der Redaktion geändert) ging 2007 als Investitionsmigrant nach Singapur und nahm auch Frau und Kinder dorthin mit. Geschäfte macht er weiterhin auch in Shanghai. „Wenn die Rendite in Singapur 15 % erreicht, kann man sich schon sehr glücklich schätzen. In China aber sind solche Erträge an der Tagesordnung. China ist doch das Renditeparadies für die ganze Welt“, sagt Ling.

Ling Xiaojun steht stellvertretend für jene Investitionsmigranten, die nicht auf ihre chinesische Staatsbürgerschaft verzichten möchten. „Das tut man höchstens, wenn man in China nichts zu verlieren hat und bereit ist, seinen Lebensabend im Ausland zu verbringen.“ Ling meint, dass die überwiegende Mehrheit der Auswanderer lediglich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis benötige. Der Unterschied zwischen dieser und der Staatsbürgerschaft läge lediglich in den politischen Rechten im Gastland. Wer die chinesische Staatsbürgerschaft behält, kann weiterhin unbeschränkt in China Geschäfte machen und gleichzeitig ungehindert um die ganze Welt fliegen. Der Unterschied zwischen einem chinesischen Pass und dem einer Großmacht ist, dass man mit einem chinesischen Pass nur in 13 Staaten ohne Visum einreisen kann. Mit einem kanadischen Pass aber kann man 125 Länder visafrei bereisen, mit einem australischen 120, mit einem US-amerikanischen 130, mit einem singapurianischen 122 und mit einem Pass der Sonderverwaltungszone Hongkong 110 Länder. Im Falle von erneuten politischen Unruhen in China wäre es auch mit einer unbefristete Aufenthaltserlaubnis möglich, das Land schnell zu verlassen.

Auch in den meisten Immigrantenfamilien in der Kategorie der qualifizierten Arbeitskräfte und Fachpersonal behält mindestens ein Familienmitglied die chinesische Staatsbürgerschaft, um Jobchancen offen zu halten. Dieses Phänomen erinnert an die Migrationswelle, die Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Hongkong ausbrach. Jene Familien, in denen der Mann seine Hongkonger Staatsbürgerschaft behielt, wurden als Kosmosfamilie bezeichnet. Die Frauen dieser Familien kümmerten sich im Ausland um die Kinder, während ihre Männer nach wie vor in Hongkong arbeiteten und Geschäfte machten.

Einige Emmigranten wollen ihren Reichtum sichern

Eine weitere Gruppe von Migranten mit noch stärkerem finanziellen Hintergrund scheut die Öffentlichkeit eher. Für diese neureiche Gesellschaftsschicht, deren beliebteste Auswanderungsziele in Kanada Toronto und Quebec und in Australien Sydney und Melbourne sind, steht die Sicherung ihres Vermögens an erster Stelle. Sie leben sehr zurückgezogen in luxuriösen Wohnvierteln, nehmen nie an Veranstaltungen chinesischer Clubs und Interessenverbände teil, und manche ändern sogar ihren Namen.

Ein Rechtsanwalt, der Auswanderer vertritt, enthüllte in einem Interview, dass er einmal von einer chinesischen Behörde aufgefordert worden sei, sie bei der Überprüfung eines seiner Kunden zu unterstützen. Es hieß, dass dieser, nachdem er China bereits verlassen hatte, verdächtigt wurde, mehr als 100 Mio. RMB öffentlicher Gelder veruntreut zu haben. Der Rechtsanwalt lehnte diese Aufforderung ab: „Es ist die Pflicht eines Anwalts, die Privatsphäre seiner Mandanten zu schützen.“