Fokus: Heimat Alai: Über Heimat und anderes mehr

Zeichnung: Lao Du
Zeichnung: Lao Du

Der Schriftsteller Alai (阿来) äußert Zweifel gegenüber den üblichen verklärten und verklärenden „Heimat“-Bildern in chinesischer Literatur und Kunst: „Die Bilder von einem glücklichen Zuhause ähneln einander – so als hätten sie alle voneinander abgeschrieben.“

Der folgende Beitrag wurde erstmals in der Ausgabe Nr. 81 der SOHO Xiaobao veröffentlicht.

Mich beschäftigt zunehmend eine Frage: Was ist das für eine Heimat, die die Chinesen im Sinn haben?

Diese Frage birgt noch andere Fragen: Ist Heimat bloß eine leere Worthülse, oder verbirgt sich dahinter eine Wahrheit, der man durch Nachdenken auf die Spur kommen kann? Ist sie ein abstraktes moralisches Symbol oder eine konkrete geographische und kulturelle Gegebenheit?

Tatsächlich hege ich immer tiefere Zweifel am literarischen Ausdruck von „Heimat“ im Chinesischen. Immer wenn die Notwendigkeit besteht, über Heimat zu sprechen, fühle ich mich augenblicklich verloren, und ein Gefühl der Einsamkeit und Trübsal ergreift mich. Vieles an gefühlvoll-lyrischer Literatur, nicht nur Gedichte und Lieder, sondern auch Prosa, ja sogar Kunstwerke ganz anderer Art sprechen, sobald sie das Thema Heimat berühren, mit derselben süßlich-affektierten Stimme zu uns. Im deklamatorischen Singsang dieser Stimme nimmt die jeweilige Heimat unserer Landsleute stets die gleichen Züge an: Die Sitten sind altehrwürdig und lauter, die Menschen schlicht und rechtschaffen; sprechend sind die Blumen und die Gewässer zärtlich. Wenn ich durch unser Land reise, durch Orte, denen es größtenteils sowohl an kultureller wie auch an natürlicher Schönheit mangelt, kommt mir oft unvermittelt zu Bewusstsein, dass dies die Heimat irgendeines Literati ist, besungen in einem Gedicht oder Lied oder in einem Gemälde verewigt. Wie ernüchternd fällt die Wirklichkeit dagegen aus! Einmal befuhr ich im Zustand dieser Verwirrung am „Ort X“ auf einem Touristenschiff einen verdreckten Fluss und hörte, wie der Reiseführer mechanisch die Verse der lokalen Literaten aufsagte, welche die Schönheit des Flusses besangen – da schloss ich unwillkürlich die Augen und gab mich einer absurden Vorstellung hin: Wenn unsere Kultur so hochentwickelt wäre, dass sie allerorten bedeutende Literaten hervorbrächte, deren jeder die Schönheit seiner Heimat priese, und wenn man nun all diese papierenen Ergüsse wie ein Puzzle zusammenfügte, dann würden alle Flüsse unseres Landes kristallklar funkeln, alle Berge in grünem Kleid prangen, und keine Wüste würde mehr die Städte und Dörfer bedrängen; ein paradiesisches Frühlingsidyll, erfüllt vom Gesang der Vögel und dem Duft der Blumen, hielte allenthalben Einzug. Noch der letzte Winkel des kleinsten Dorfes würde in regenbogenhaftem Glanz erstrahlen, und Baudelaires Blumen des Bösen fänden keinen schmutzigen Grund, auf dem sie erblühen könnten.

Also kommt man nicht um die Schlussfolgerung herum, dass die Heimat, so wie sie in der überwältigenden Mehrheit literarisch-künstlerischer Darstellungen in China erscheint, ein Truggebilde ist, geboren aus einer kleinmütigen, matten Phantasie. Was die allerersten und die allerletzten Wohnstätten der Menschheit angeht, so sind die herrlichsten von ihnen schon von den unterschiedlichsten Religionen und Ideologien beschrieben worden, und das auf eine ebenso erschöpfende wie kühne Weise und in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Wenn wir Heutigen dagegen die weitgehend imaginäre Schönheit unserer Heimat preisen, fehlt uns dieser altehrwürdige Halt, und wir wärmen bloß manche der Worte unserer Vorfahren wieder auf. Deshalb strotzt unsere Literatur nur so vor falschen Heimatbildern. Wie wir all das, was Heimat ist – Dörfer, Städtchen, Gassen, Höfe –, behandeln sollen: ob als objektive Gegenstände (und sei es auch nur unserer Erinnerung) oder als subjektive Bilder, das ist längst mehr als eine Frage der Schreibtechnik: Es ist eine Frage der Moral. Um eine alte Phrase abzuwandeln: Nicht das Sein bestimmt alles, sondern die Einstellung.

Wie Orhan Pamuk einmal sagte: „Wenigstens einmal in unserem Leben geraten wir ins Nachdenken, mit der Folge, dass wir die Umgebung, in die wir geboren sind, einem prüfenden Blick unterziehen.“ Unsere literarische Heimat jedoch ist nur selten diesem kritischen Blick ausgesetzt gewesen; sie ist bloß ein fiktives Bild, das eine kleinmütige Phantasie genährt hat.

Ohne die Stelle nachgeschlagen zu haben, erinnere ich mich grob, dass Aristoteles gesagt hat, die Literatur oder das Nachdenken könne eine „kathartische“ Wirkung haben, aber diese „Katharsis“ wird „durch Mitleid und Furcht erlangt“, nicht durch Heuchelei und Sentimentalität. Vielleicht ist mein eigenes Schreiben auch deshalb mitten im realen Leben angesiedelt: Weil ich, ob bewusst oder unbewusst, stets einer einfachen, direkten Darstellung von Heimat aus dem Weg gehen wollte. Jedenfalls habe ich mich nie selbst betrogen, habe nie erklärt, wie innig ich meine Heimat liebe.

Nicht gewillt zur Heuchelei, bin ich zugleich nicht fähig zum Mitleid.

In meiner Jugend malte ich mir aus, ich wäre eine Waise und zöge auf rastloser, ewiger Wanderschaft durch Dörfer und Städte – glücklich und frei. Freiheit bedeutete mir nicht das Sprengen aller Fesseln, sondern an niemanden außer mich selbst gebunden, um niemanden außer mich selbst besorgt zu sein. Und Glück hieß nicht materieller Wohlstand, wohl aber die Befreiung von der steten drückenden Sorge um das eigene Auskommen, von einem Leben um des Überlebens willen, einem Daseinskampf wie unter Tieren.

Ich lebte in einem abgelegenen Dorf im Hochland von Sichuans Nordwesten. Das Licht war durchscheinend, das Wasser klar, die Blumen blühten zur rechten Zeit, und der Schnee auf den hohen Bergen hinter dem Dorf wuchs oder schmolz im Wechsel der Jahreszeiten. Aber was hatte das Leben für einen Sinn, wenn es nur um des nackten Überlebens willen geführt wurde? Gerade zu der Zeit, als meine Generation jung war, waren die Landadligen und Gebildeten, die dem Leben auf dem Land einst noch ein wenig Reiz verliehen hatten, so gut wie verschwunden, und fast jeder war auf eine tierhafte Daseinsstufe gesunken. Die Bäume, Blumen und Gräser haben weder Sinnesorgane noch Gedanken, sie welken und gedeihen im unwandelbaren Einklang mit dem Rhythmus der Jahreszeiten. Sollten die Menschen hingegen ihr reiches Empfindungsvermögen ausgebildet haben, um in ständiger Anspannung und Sorge nur ihrem Mund und Magen zu dienen? Eine solche Heimat, so dachte ich, könnte kein normaler Mensch wirklich lieben. Hinzu kam, dass damals gerade die Wälder, der meine Heimat ihre Schönheit verdankte, weiträumig abgeholzt wurden. In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte die Zahl der Holzfäller bei uns längst die Zahl der ursprünglichen Einwohner überschritten. Wie so viele Chinesen unternahm auch ich in meiner Jugend viele Anstrengungen, um meinem Geburtsort zu entkommen. Doch als wir als Schüler – nicht nur an der Schule selbst, sondern auch durch eigene Lektüre – in den Bannkreis der chinesischen Sprache gerieten, schien uns ein ungeschriebenes Gesetz zu bedeuten, ein Mensch müsse seine Heimat lieben – andernfalls hätte er als moralisches Wesen jedes Recht verwirkt. Diese Situation ähnelt ein wenig der bei manchen Abstimmungen: Auch wenn die Regel besagt, man könne genauso gut dafür wie dagegen stimmen, so ist sich doch ein jeder im Klaren, dass er, wenn er nicht zustimmend die Hand hebt, ein Ketzer ist, ein schräger Vogel, ein Dummkopf, der die Zeichen der Zeit nicht zu lesen versteht.

In Wahrheit ist Heimat bloß eine geographische Gegebenheit, über deren Schönheit zuallererst die natürlichen Voraussetzungen entscheiden; sie ist nur ein Fleck auf der Landkarte. Aus purem Zufall kommt jemand irgendwo auf die Welt, und in der Folge gewinnt dieser Ort für ihn eine besondere emotionale Bedeutung, und er nennt ihn „Heimat“; damit setzt er eine Entwicklung in Gang, in deren Verlauf sich eine ganze Reihe imposanter Begriffe herausbildet, deren zwei imposanteste und unabwendbarste „Volk“ und „Nation“ sind – „unserem Land hat man das Etikett des Lebens aufgedrückt“. Dass man die Heimat nicht frontal in den Blick nehmen, dass man nicht objektiv über sie schreiben kann, liegt auch an dem eigenartigen Gefühl, das diese zwei großen Wörter hervorrufen. Eingedenk der Begriffskette von Zuhause – Volk – Nation wird die Heiligkeit des eigenen Geburtsorts vollends unerschütterlich, genau wie umgekehrt, im Rückgang von der Nation über das Volk zum Zuhause, der heimatliche Flecken Erde zum Altar geweiht wird. Und so etablieren wir unweigerlich unser traumschönes Bild von einer verklärten Heimat. Die Bilder von einem glücklichen Zuhause ähneln einander, und die Heimatdarstellungen bieten letztlich nichts Neues – so als hätten sie alle voneinander abgeschrieben.

Das Zeitalter, in dem wir leben, hat die alte, traditionelle Ordnung – die verkommen war, aber zumindest noch eine gewisse menschliche Wärme hatte – gnadenlos zerstört, ohne dass eine neue kulturelle Umgebung gemäß den Idealen der Revolutionäre Gestalt angenommen hätte. Unter all den volltönenden Namen hat man allein den Begriff des „Menschen“ gänzlich vergessen. Auf dem Land ist man ein Teil der Sippe, und der eigene Status wird je nach dem Platz im Geflecht der Blutsbande benannt und anerkannt, genauso wie man im gesamtgesellschaftlichen Apparat nicht als eigenständiges Individuum, sondern nach der Bedeutung der Funktion, die man innerhalb des Apparats ausübt, Anerkennung erlangt. Deshalb ist dem Menschen nichts anderes übrig geblieben, als diskret zu verschwinden, und auch die wirklichen Empfindungen und Erfahrungen aus seiner Heimat sind verschwunden.

Indem wir eine falsche Heimat heucheln, verweigern wir in Wahrheit ein authentisches Erinnern; das aber bedeutet: Wir haben das Gedächtnis verloren.

Dieser Gedächtnisverlust rührt zweifellos daher, dass wir es nicht gewohnt sind, in uns zu gehen, und dass es uns am Mut zum Nachdenken fehlt.

Und so greift der Gedächtnisverlust von einem kleinen Punkt aus immer weiter um sich und breitet sich allmählich im Bewusstsein aus wie eine Wasserlache, bis er schließlich wie eine dunkle Wolkendecke den Himmel der Vernunft verhüllt und uns dem äußeren Anschein nach in lauter poetische, sinnliche, gefühlvolle Gemüter verwandelt hat, die einer in sich äußerst stimmigen Sprache frönen und sich an den Trugbildern ihres eigenen Geistes berauschen. Und so weitet sich auch der Gedächtnisverlust von einem kleinen Flecken Heimat bis hin zum Volk und zur Geschichte der Nation; unsere Kultur wird dadurch zu einer Kultur der Heuchelei. Wenn wir uns einer rationalen, reflektierten Betrachtung der Heimat als einer realen Gegebenheit verschließen, verlieren wir mit der Zeit auch die Fähigkeit, die Kultur und die Geschichte, ja unsere gegenwärtige Wirklichkeit überhaupt zu reflektieren.

Der Dichter und Schriftsteller Alai, Alai Alai | © Alai dessen Mutter Tibeterin und dessen Vater moslemischer Hui ist, wurde 1959 im Kreis Barkam (chinesisch: Ma’erkang), Autonomer Bezirk Ngawa (chinesisch: Aba), im Nordwesten der Provinz Sichuan geboren. Alai schloss ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Barkam ab und arbeitet derzeit als Chefredakteur der Zeitschrift Science-Fiction-Welt in Chengdu. 1982 begann er mit dem Schreiben von Gedichten, ehe er sich Mitte der 80er Jahre der Prosa zuwandte. Zu seinen wichtigsten Werken gehören der Gedichtband Der Lengmo-Fluss, die Erzählbände Das Blut vom letzten Jahr und Der Silberschmied im Mondschein, der Roman Roter Mohn (auf Deutsch erschienen im Unionsverlag, Neuauflage 2005, in der Übersetzung von Karin Hasselblatt) und der Essay Die Treppe der Erde. Im April 2011 erschien im Unionsverlag der Roman Ferne Quellen, übersetzt von Marc Hermann.