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Fokus: Das Kapital
Der freie Markt im Konfuzianismus

Markttag
Markttag | © Tianfei / ImagineChina

Markt hat in China eine lange Geschichte. Schon lange vor der Entstehung des modernen Kapitalismus entstand in der konfuzianischen Tradition ein Diskurs über Markt, Besteuerung, Privateigentum und gesellschaftliche Wohlfahrt.

Von Qiu Feng (秋风)

Wenn man den Begriff „Kapital” in einem weiten Sinne als Privateigentum in einem Handelssystem versteht, als ein Produktionssystem und ein System zur Verteilung von Wohlstand auf der Basis von Privateigentum und Warenaustausch, dann hatte bereits das China der „Epoche der kämpfenden Reiche“ (403-221 v. Chr.) ein kapitalistisches System hervorgebracht. Zieht man zudem in Betracht, dass dies eine Epoche der Säkularisierung und der Individualisierung war, so kann man behaupten, dass sie die früheste „Moderne“ war.

In dieser Epoche hat sich die konfuzianische Schule herausgebildet. Wie ich in den kürzlich erschienenen ersten zwei Bänden der Administrationsgeschichte Chinas (Hainan Publishing House, 2012) detailliert beschrieben habe, war das Feudalsystem der Zhou (1046–256 BC) die Klassische Zeit Chinas. Konfuzius (vermutlich 551- 479 v. Chr.) lebte in dieser Epoche des Niedergangs der feudalistischen Traditionen, ihn bewegte vor allem die Frage, wie nach dem Untergang der Zhou-Kultur ein gutes Verwaltungssystem aussehen könne –wie also eine moderne Gesellschaft organisiert sein sollte. Grundsätzlich kann man sagen, dass der Konfuzianismus ein modernes Gedankensystem ist, das sich aber natürlich aus der Klassik entwickelt hat und dessen Verständnis von Moderne auf einer Verbindung mit der klassischen Epoche beruht. Dieses Gedankensystem hat etwas verloren, aber auch etwas hinzugewonnen, die Vergangenheit wurde nicht völlig negiert, der Konfuzianismus ist somit ein Weg der Mitte.

Auch zur neuen kapitalistischen Produktionsweise und zum System der Wohlstandsverteilung hat der Konfuzianismus immer einen Standpunkt der Mitte vertreten: Er akzeptiert sie, aber mit Einschränkungen.

Diese Position wird sehr deutlich in dem Abschnitt Die große Gemeinsamkeit beschrieben, einem Text aus dem Liji, der in den letzten hundert Jahren häufiger zitiert wurde:

Zur Zeit, als der große Weg herrschte, war die Welt gemeinsamer Besitz. Man wählte die Tüchtigsten und Fähigsten zu Führern; man sprach die Wahrheit und pflegte die Eintracht. Darum liebten die Menschen nicht nur ihre eigenen Eltern und versorgten nicht nur ihre eigenen Kinder. Die Alten konnten in Ruhe ihrem Ende entgegensehen; die kräftigen Männer hatten ihre Arbeit; die Witwer und Witwen, die Waisen und Kinderlosen und die Kranken hatten alle ihre Pflege; die Männer hatten ihre Stellung und die Frauen ihr Heim. Die Güter wollte man nicht ungenützt verlorengehen lassen; aber man suchte sie nicht unter allen Umständen für sich selbst aufzustapeln. Die eigene Kraft wollte man nicht unbetätigt lassen; aber man arbeitete nicht um des eigenen Vorteils willen. Mit allen Listen und Ränken war es zu Ende; man brauchte sie nicht. Diebe und Räuber, Mörder und Totschläger gab es nicht. Darum hatte man zwar draußen Tore; aber man schloß sie nicht. Das war die Zeit der großen Gemeinsamkeit. (Richard Wilhelm: „Li Gi“, Diederichs Köln 1981, S. 56)

Hier möchte ich nur auf jene Sätze eingehen, in denen es um Wohlstand geht. „Güter“ und „Kraft“ werden als Grundressourcen beschrieben, gemeint sind die natürlichen Ressourcen und die menschliche Arbeitskraft. Wenn diese Ressourcen beide angemessen genutzt werden und ihre Wirkung entfalten können, dann kann sich der Reichtum mehren und die Gesellschaft wird wohlhabend sein. Doch wie ist dies zu erreichen? Die Konfuzianer glauben, dass das Recht auf Privateigentum sowie der Markt einer effizienten Verwendung der Ressourcen zuträglich sind.

Es mag vielleicht überraschen, dass sich hierzu der Philosoph Menzius (孟子, ca. 370- ca. 290 v. Chr.) am allerdeutlichsten geäußert hat. So forderte er den Schutz des Privateigentums mit den folgenden Worten:

Ohne beständigen Lebensunterhalt ein beständiges Herz zu bewahren, das vermögen nur die Gebildeten. Beim Volk ist es nun so, dass es ohne beständigen Lebensunterhalt auch kein beständiges Herz hat. Ohne ein beständiges Herz aber wird es ausschweifend und pervers. Am Ende wird es nichts geben, was es nicht tun wird. (Henrik Jäger, Den Menschen gerecht, Ammann, 2010, S.79)


Deswegen muss der weise Herrscher „das Eigentum des Volkes regeln“. Zum Warentausch am Markt schreibt Menzius Folgendes:

Wenn es keine Zirkulation der Produkte und keinen Austausch von Dienstleistungen gibt, so dass ein Defizit bei dem einen Menschen durch den Überschuss eines anderen Menschen ausgeglichen werden kann, dann werden die Bauern zu viel Korn haben (, das verdirbt) und die Frauen werden zu viel Tuch haben (, das verschimmelt). Wenn es jedoch die Zirkulation gibt, dann können Handwerker und Wagenmacher alle die für sie notwendige Nahrung bekommen“. (Neuübersetzung H. Jäger)


Hier beschreibt Menzius eine Theorie von Arbeitsteilung und Warentausch, ein System der „Zirkulation der Produkte und des Austausches von Dienstleistungen“ das dazu dient, dass jeder die Produkte und Dienstleistungen bekommen kann, die er benötigt.

So kann der freie Austausch von Waren den Nutzen aller Menschen mehren, weswegen die einzige angemessene Politik im Umgang mit dem Handel eine Politik der Freiheit ist. In einer idealen Gesellschaft gibt es für Menzius deswegen folgende Ordnung:

Wenn einer die Märkte zwar beaufsichtigen lässt, aber keine Grundsteuer erhebt, so sind alle Kaufleute auf Erden froh und wünschen auf seinen Märkten ihre Güter zu stapeln. Wenn einer an den Pässen die Durchreisenden zwar aufschreiben lässt, aber keine Abgaben von ihnen erhebt, so sind alle Wanderer auf Erden froh und wünschen, auf seinen Straßen zu wandern. (Neuübersetzung H. Jäger)


Diese Ausführungen haben die Tradition der konfuzianischen Wirtschaftspolitik begründet. Konfuzianer aller Dynastien waren gegen hohe Steuern. Auch haben sich Konfuzianer immer dagegen ausgesprochen, dass die Politik sich in die Marktprozesse einmischt: In dem Werk Großes Lernen wird dieses Prinzip mit folgenden Worten präzisiert: „Für ein Land ist nicht der Profit der (wahre) Profit, sondern die Gerechtigkeit“. Hieraus folgte für die Konfuzianer ein rundum gültiger konstitutioneller Grundsatz: Der Staat soll nicht mit dem Volk um Profit konkurrieren. In der Abhandlung von Salz und Eisen, einem konfuzianischen (Wirtschafts-)Klassiker, wird ebenso deutlich betont, dass die Finanzadministration nicht in die Marktprozesse eingreifen soll.

Allerdings befürwortet der Konfuzianismus auch nicht eine Politik des liberalen Laissez-faire. Wie in Die große Gemeinsamkeit beschrieben, „sucht man nicht, die (Waren) unter allen Umständen für sich selbst aufzustapeln“ und „man arbeitet nicht um des eigenen Vorteils willen“. Wenn die Menschen sich so verhalten, dann nicht, weil sie vom Staat dazu gezwungen werden, sondern weil es in ihrer Natur liegt! Das Menschenbild im Konfuzianismus ist ein ausgeglichenes. Sieht man sich den Abschnitt über die Große Gemeinsamkeit genauer an, so kann man entdecken, dass der Text durch eine siebenfache Negation gegliedert ist. Ich glaube, dass die modernen Interpreten diese siebenfache Negation alle übersehen und deswegen in ihrem Verständnis der Großen Gemeinsamkeit vollkommen irregeleitet sind. Die Erklärung dieser siebenfachen Negation unterstreicht die Ausgeglichenheit und Harmonie des konfuzianischen Ideals. Wir können hier zwei Bedeutungsebenen unterscheiden:

Erstens soll aller Wohlstand, den ein Mensch produziert, selbstverständlich ihm gehören, und er schafft ihn auch für sich selbst. Dies gilt in besonderem Maße für die gewöhnlichen Menschen, die Konfuzius „Kleine Menschen“ nennt und Menzius „die Regierten“ nennt. Konfuzianer haben nie ein kollektives oder staatliches Eigentumssystem befürwortet.

Allerdings glauben die Konfuzianer auch, dass es in des Menschen Natur liegt, in und für eine Gesellschaft zu leben. Diese „Gesellschaftlichkeit“ ist Teil der menschlichen Existenz. Die „Menschlichkeit“, von der Konfuzius redet, beschreibt eine respektvolle Haltung der Menschen im Umgang miteinander. Und Menzius sagt, dass jeder Mensch Mitgefühl für andere hat. Auf Grund dieses inhärenten Mitgefühls leben die Menschen in einer Gemeinschaft und haben ein grundlegendes Bewusstsein dieses Gemeinschaftsgefühls. Von Anfang an produzieren sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gemeinschaft.

Hieraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Erstens wird ein wohlhabendes Mitglied einer Gesellschaft aufgrund seines natürlichen Mitgefühls seinen Reichtum mit anderen teilen. Das gehört zu seiner Natur als Mitglied der Gemeinschaft. Das bedeutet, dass eine Gesellschaft in jedem Fall einen Mechanismus der Umverteilung entwickeln wird, zum Beispiel in Form von Einrichtungen der öffentlichen Wohlfahrt und karitativen Einrichtungen. Seit Mitte der Han-Zeit hat die chinesische Gesellschaft tatsächlich verschiedene weitreichende solche Mechanismen etabliert, die alle Menschen umfassten und von der konfuzianischen Elite organisiert wurden.

Zweitens haben die Konfuzianer immer auch eine begrenzte staatliche Politik der Umverteilung befürwortet, da die gesellschaftliche Umverteilung mitunter einige Lücken aufweist. Aber die staatliche Wohlfahrt sollte subsidiären Charakter haben. Da nicht alle Menschen in den Genuss der gesellschaftlichen Wohlfahrt kommen, sollte die Regierung ein Existenzminimum für alle garantieren. Dies würde durch Steuern finanziert, die allerdings nicht mit Gewalt eingezogen werden sollten, da die Grundlage dieses Systems die Philosophie der menschlichen Natur ist, die wiederum verlangt, dass der Prozess der Steuereinnahme demokratisch sein solle.

Deswegen haben die Konfuzianer nicht von der „Wohlfahrt des Staates“, sondern von der „Wohlfahrt der Gesellschaft“ gesprochen. Diese „Wohlfahrt der Gesellschaft“ beschränkt sich jedoch auf „Witwer und Witwen, Waisen und Kinderlose und Kranke“. Arbeitsfähige Menschen sollten nicht auf die Unterstützung des Staates hoffen, denn für die Konfuzianer war die Familie die wichtigste Grundlage der gesellschaftlichen Wohlfahrt. Die Regierung sollte demnach nur verantwortlich für jene sein, die keine vollständige Familie haben, sowie für schwere Ausnahmefälle wie Behinderte und Kranke.

Wenn diese Forderungen verwirklicht wären, dann würden „die Menschen nicht nur ihre eigenen Eltern lieben und nicht nur ihre eigenen Kinder versorgen, sondern auch die Eltern und Kinder anderer Menschen, und könnten so in Einklang mit ihrer eigentlichen Natur leben.

Die oben beschriebenen Ideen der konfuzianischen Schule zu Kapital, Warentausch bzw. Handel und Wohlfahrt sind Ideale, die zumindest teilweise verwirklicht wurden. Durch die Erneuerung des Staatskonfuzianismus unter Kaiser Wu von Han und Dong Zhongshu wurde die konfuzianische Elite in die Lage versetzt, das „kapitalistische“ System der „Epoche der kämpfenden Reiche“ zu zähmen. Durch die Senkung der Steuern und den Schutz des Privateigentums konnten die konfuzianischen Beamten ein geordnetes Funktionieren des Marktes gewährleisten, andererseits schufen sie, gestützt auf die Selbstverwaltung der Gesellschaft, ein umfassendes Wohlfahrtssystem.

So entstand ein typisch konfuzianisches System der Produktion und der Verteilung, die man mit den Worten von Sun Yatsen (孙中山) als „Volkswohlfahrt“ bezeichnen kann. Grundsätzlich beruht dieses System auf der Annahme, dass Menschlichkeit und Mitgefühl in der menschlichen Natur liegen. Verwirklicht kann diese Lehre durch ein System gesellschaftlicher Selbstorganisation werden, in dem die konfuzianische Gentry den Kern der Selbstverwaltung bildet.

Wenn es bei Menzius heißt: „Es ist nur Weniges, was den Menschen vom Tier unterscheidet“, dann ist mit diesem „Wenigen“ das „Herz“ gemeint. Das Herz ist die Essenz des Menschen, mit dem Herzen sollte der Mensch die Dinge kontrollieren. Die Dinge trennen die Menschen, das Herz führt sie zusammen. Unter der Obhut des Herzens können die Menschen sich auch zu einer größeren Gemeinschaft vereinen. Die Probleme, die der reine Kapitalismus verursacht, entstehen dadurch, dass die Dinge im Mittelpunkt stehen und nicht der Mensch. Die Konfuzianer sind überzeugt, dass die Systeme zum Schutz des Privateigentums und des Warenaustausches letztendlich immer dem Ziel des gegenseitigen Respekt und der Freiheit der Menschen dienen müssen. Wenn man das Kapital und den Warentausch aus der Sicht des Menschen als eines der Gemeinschaft verpflichteten Wesens betrachtet, dann kann die einzige Schlussfolgerung nur eine „Volkswohlfahrt“ konfuzianischer Prägung sein – allerdings natürlich nur im politischen Rahmen einer Verfassung.

Qiu Feng arbeitet als unabhängiger Forscher in Peking. Er ist Forschungsmitglied des Cathay Institute for Public Affairs (CIPA) und beschäftigt sich vor allem mit Theorien des klassischen Liberalismus und der österreichischen Wirtschaftsschule. 2004 erschien sein Buch Warum Markt? im CITIC Verlag.

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