Fokus: Kulturelles Gedächtnis Rotgardisten bitten um Entschuldigung

Junge Rotgardisten bekämpfen ihre Lehrer, Shanghai 1966
Junge Rotgardisten bekämpfen ihre Lehrer, Shanghai 1966 | © Autor: Wang Youqin, Southern Weekend www.infzm.com

Der Kommentator Pan Duola (潘多拉) fragt, ob sich die individuellen Reuebekundungen ehemaliger Rotgardisten, über die im Herbst 2010 verschiedene Medien berichteten, zu einer Selbstreflexion auf nationaler Ebene steigern könnten.

Vor kurzem berichteten verschiedene Medien, darunter Southern Weekend und China Youth Daily, darüber, dass sich die über 60-jährige Shen Xiaoke (申小珂), ehemalige Rotgardistin und Schülerin der Pekinger Fremdsprachenschule sowie andere ihrer Klassenkameraden in einem Brief bei der damaligen Parteisekretärin ihrer Schule, der heute 87-jährigen Cheng Bi (程璧), entschuldigt hätten. Auch ehemalige Rote Garden der an die Peking-Universität und die Pekinger Universität für Bergbau und Technologie angeschlossenen Mittelschulen baten ihre pensionierten Lehrer um Entschuldigung. Die Entschuldigungswelle löste eine heftige Reaktion in der Gesellschaft aus, vor allem in intellektuellen Kreisen.

In der vor 40 Jahren von Mao Zedong (毛泽东) initiierten „Kulturrevolution“ denunzierten und schlugen jene 17- bis 18-jährigen Rotgardisten mit fanatischer, blinder Leidenschaft auf brutale Art und Weise ihre Lehrer und Schulleiter – offiziellen Statistiken zufolge töteten die Roten Garden in der Region Peking 1.772 Menschen – und verursachten eine entsetzliche menschliche Tragödie. Nun haben endlich einige wenige von ihnen einen Schritt getan, um diesen schmachvollen Abschnitt der Geschichte zu überwinden und sich öffentlich bei den Lehrern entschuldigt, die sie verletzt und gedemütigt haben. Für diese dem eigenen Gewissen folgende Selbstreflexion und die Selbstheilung der Seele benötigt man zweifelsohne großen moralischen Mut. Die Entschuldigung der ehemaligen Rotgardisten erfolgte unaufgefordert und ohne jeglichen Druck von außen und in dem Wissen, dass sie ihnen keine Vorteile in Bezug auf ihren Ruf oder die eigenen Interessen bringen würde. Die Entschuldigung reicht an ein „Reueempfinden“ heran, in welchem eine gewisse religiöse Bedeutung mitschwingt. In Anbetracht des Fehlens einer religiösen Tradition sowie religiöser Gefühle in China ist solch eine religiöse Konnotation besonders lobenswert.

Es ist nicht leicht, in der Vergangenheit begangene Verbrechen und Fehler bitterlich zu bereuen und die Person, die man verletzt hat, aufrichtig um Entschuldigung zu bitten. Das liegt hauptsächlich daran, dass Reuegefühle und eine Entschuldigung die Verneinung eines bestimmten Abschnittes der eigenen Vergangenheit bedeuten. Und die eigene Geschichte sowie die getroffenen Entscheidungen zu negieren ist für jeden Menschen sehr schmerzhaft. Viele Rotgardisten denunzierten und schlugen damals ihre Lehrer, doch bis heute hat sich nur ein Bruchteil von ihnen öffentlich bei den Opfern entschuldigt. Die meisten stellen sich immer noch stumm und taub und schweigen wie ein Grab, so als ob nichts geschehen wäre. Aus Sicht vieler Rotgardisten, die sich nicht entschuldigt haben, wurden sie in der wahnsinnigen und chaotischen Periode der Kulturrevolution gegen ihren Willen in diese Sache hineingezogen. Sie fühlen sich daher ebenfalls als Opfer und betrachten die Verbrechen, die sie begangen haben, gleichzeitig als Verbrechen der Gesellschaft. Deswegen müssten sie nicht speziell für ihre Straftaten Reue empfinden oder sich in besonderer Weise bei den Lehrern entschuldigen, denen sie Schaden zugefügt haben.

Individuen machen für die eigenen Vergehen häufig die Gesellschaft verantwortlich, was vermutlich eine Art Selbstverteidigungs- und Selbstschutzinstinkt ist. Umso bemerkenswerter ist es, dass das Bitten um Entschuldigung einiger weniger Rotgardisten im heutigen China vom mutigen moralischen Reueempfindungen einzelner Individuen ausgegangen ist. Würde man eine solche Selbstreflexion auf nationaler Ebene initiieren und vorantreiben wollen, würde man sich allerdings noch mit vielen großen, essentiellen Problemen konfrontiert sehen.

Die Selbstreflexion auf nationaler Ebene ist eine kollektive Reuebekundung. Sie repräsentiert ein Land, eine Regierung oder die Regierungspartei und im Namen dieser werden die Verbrechen und Fehler, die das Land in der Vergangenheit begangen hat, bereut. Das Land entschuldigt sich bei den Menschen, denen in der Vergangenheit aufgrund der Handlungen des Landes, der Regierung oder der Regierungspartei Schaden zugefügt wurde. Beispielsweise besuchte der ehemalige Bundeskanzler der BRD, Willy Brandt, am 7. Dezember 1970 das ehemalige Judenghetto in der Warschauer Altstadt. Er kniete vor dem Judengedenkstein nieder und brachte seine tiefe Betroffenheit und sein Beileid für die polnischen Juden zum Ausdruck, die während des Zweiten Weltkriegs von den deutschen Nazis ermordet wurden. Mit diesem welterschütternden „historischen Kniefall“ wurde ein gutes Beispiel für ein kollektives Reueempfinden auf nationaler Ebene gesetzt. Ein weiteres Beispiel ist die Teilnahme des russischen Regierungschefs Putin an der 70-jährigen Gedenkfeier zum Massaker von Katyn am 7. April 2010. Er kniete mit dem rechten Bein nieder und beugte sich herunter, um das Glasgefäß auf die Stufen des Denkmals zu stellen. Der Kniefall Putins wurde von den Medien als „Verkörperung der aufrichtigen Selbstreflexion der Russen in Bezug auf das Massaker von Katyn“ bewertet.

Könnte China mithilfe einer ähnlichen „klassischen Geste” wie dem Kniefall Brandts und Putins feierlich im Namen des Landes, der Regierung oder der Regierungspartei eine nationale Selbstreflexion und kollektive Reue bekunden?

Wenn eine Selbstreflexion auf nationaler Ebene und eine kollektive Reuebekundung stattfinden würden, müsste sich China nicht nur bei den Abertausenden Regierungsbeamten, Intellektuellen und einfachen Leuten entschuldigen, die während der Kulturrevolution verfolgt wurden, sondern auch bei den 550.000 während der Anti-Rechts-Kampagne als Rechtsabweichler gebrandmarkten Intellektuellen. China müsste sich nicht nur bei den 20 bis 30 Millionen Bürgern entschuldigen, die während der „dreijährigen Naturkatastrophe” (dem sogenannten „Großen Sprung“ 1958-1961, Anm. d Übers.) starben, sondern auch bei den 20 bis 30 Millionen Bürgern, die während des Chinesischen Bürgerkriegs im 20. Jahrhundert ums Leben kamen.

Eine Entschuldigung dient der Bitte um Vergebung, eine Reuebekundung der Aussöhnung, doch Vergebung und Versöhnung erfordern eine Vorbedingung, nämlich die völlige Offenlegung der Wahrheit über die historischen Fakten. Damit bringt man die gute Absicht „die Geschichte zu respektieren und gemeinsam die Zukunft gestalten“ zum Ausdruck. Polen hat Deutschland nach dem „Kniefall Brandts“ verziehen, ebenso hat Polen Russland nach dem „Kniefall Putins“ verziehen. Die Nord- und Südstaaten Amerikas haben sich nach dem Sezessionskrieg ausgesöhnt und auch die Versöhnungspolitik Südafrikas hat zur Aussöhnung von Schwarz und Weiß beigetragen. In all diesen Fällen wurde auf beiden Seiten der sich aussöhnenden Parteien, also dem, der sich entschuldigt und dem, der vergibt, ein grundlegender Konsens in Bezug auf die Wahrheit der historischen Tatsachen erzielt. Man plagt sich nicht weiter mit der Frage herum, wie man sich aus der Verstrickung von Recht und Unrecht und dem Wirrwarr von Wahrheit und Fälschung der historischen Tatsachen herauskatapultieren kann. Doch die Erkenntnisse, die China aus der bitteren Lektion der Kulturrevolution gezogen hat, sind bei Weitem nicht tiefgreifend genug. Der Abkehr von der Anti-Rechts-Kampagne haftet noch immer der Beigeschmack eines „positiven Ausgangs“ an und es gibt immer noch einige „Rechtsabweichler“, die bisher nicht rehabilitiert wurden. Die sogenannte „dreijährige Naturkatastrophe“ wird immer noch hauptsächlich als eine von der Natur und nicht vom Menschen herbeigeführte Katastrophe dargestellt. Und bis heute fehlt eine objektive, proaktive und aufklärende Analyse der Ursachen der Unvermeidbarkeit der zwei Chinesischen Bürgerkriege.

Warum China letzten Endes zögert, die komplette Wahrheit über historische Ereignisse wie die Kulturrevolution, die Anti-Rechts-Bewegung und den Chinesischen Bürgerkrieg aufzuzeigen, liegt daran, dass die Regierungspartei immer noch der Auffassung ist, dass die Legitimität ihrer Macht zu einem Großteil auf eine „historische Zwangsläufigkeit“ zurückgeht. Die Regierungspartei befürchtet, dass, wenn die gesamte Wahrheit vieler historischer Fragen aufgedeckt würde (beispielsweise Mao Zedongs Fehler vollkommen offengelegt würden, diese „historische Zwangsläufigkeit“ höchstwahrscheinlich geschwächt oder sogar negiert werden würde, und somit auch ihre Regierungslegitimität geschwächt oder sogar ganz abgesprochen werden würde. Da es zum jetzigen Zeitpunkt und auch in Zukunft schwierig sein wird, neue Argumente für die Legitimität zu finden, wird es der chinesischen Regierungspartei – ausgehend vom Instinkt der Selbstverteidigung und des Selbstschutzes und um zu verhindern, dass ihr in großem Maße die natürlichen Ressourcen der Regierungslegitimität ausgehen – wohl kaum gelingen, die vollständige Wahrheit der historischen Tatsachen zu präsentieren.

Ohne Wahrheit aber gibt es keine Versöhnung; wenn keine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ wie in Südafrika eingerichtet werden kann, wird es China kaum gelingen, eine kollektive Reue und eine Atmosphäre der Entschuldigung auf nationaler Ebene zu schaffen.

Obwohl es von der Entschuldigung der Rotgardisten bis hin zu einer Entschuldigung auf nationaler Ebene noch ein relativ weiter Weg ist, wurde doch ein erster Schritt in Richtung einer Reuebekundung aus der chinesischen Zivilbevölkerung getan und es zeigt deutlich, dass auch Chinesen ein Reueempfinden hegen und ein Aussöhnungspotential besitzen.

Man kann hoffen, dass, sofern immer mehr Chinesen reumütig sind und dieses Empfinden größere Dimensionen annimmt, auch nach und nach ein Bewusstsein des Staates, der Regierung und der Regierungspartei hin zu einem kollektiven Reueempfinden entstehen und wachsen kann, so dass am Ende nach einer Selbstreflexion im Namen des Landes eine Entschuldigung für die Menschen ausgesprochen wird, die seit den 1930er Jahren Schaden erlitten haben und gedemütigt wurden.