Fokus: Mauern 2177 - das Gefühl zu Ersticken

Pace
Foto: Giant Humanitarian Robot, CC-BY-2.0, via flickr

Eine Kurzgeschichte von Zhong Chufu.

Hongkong im Jahr 2177, 22 Uhr: Die U-Bahn hat schon mal bessere Zeiten gesehen, dicht an dicht drängen sich Arbeiter auf dem Heimweg: Männer, Frauen, Alte und Junge, die meisten haben einen gebeugten Rücken und sehen müde aus. Schweigend hören sie auf das monotone Rattern des Zuges über die alten Gleise. In dieser bedrückten Atmosphäre schaukelt die U-Bahn dahin, wie ein Bild aus längst vergessener Zeit. Im 5. Waggon auf der linken – über und über mit Rostflecken bedeckten – Bank sitzen Fahrgäste, die sich nicht so um Rost auf ihren Hosen kümmern. Ein alter Mann stützt beide Hände auf einen billigen Plastikstock und versinkt in seinen Träumen, wobei auch sein Kopf immer tiefer sinkt. Die Frau rechts neben ihm, in kurzem Rock und Seidenstrümpfen, fürchtet, der alte Schwerenöter könne umkippen und lehnt sich unwillkürlich nach rechts. Auch dickes Make-up kann weder Ödeme und Falten, noch den Ausdruck von Ekel in ihrem Gesicht verdecken. Die Frau verursacht einen Dominoeffekt, denn auch die rechts von ihr sitzenden Passagiere neigen sich alle nach rechts, als ob die Bahn immer schneller führe.

Ganz am Ende der Bank sitzt ein Mann in einem bequem aussehenden hellen Anzug, zwar etwas abgewetzt, aber sauber und gepflegt. Seine großen Augen sind vor Müdigkeit nur halb geöffnet. Augenringe und Nasenfalten haben sich tief eingegraben und zeichnen sein Gesicht. Im linken Ohrläppchen trägt er einen metallenen Stecker, der irgendwie technisch aussieht, in der Mitte hat er ein kleines Loch. Das ist ungewöhnlich, denn dieser Mann inmitten der Arbeiter wirkt wie ein in die Luft gehauchtes Zigarettenwölkchen, das jeden Moment verschwinden könnte. Ungewöhnlich ist auch, dass der Mann einen Kanarienvogel bei sich hat, der so gar nicht in diese bedrückte Atmosphäre zu passen scheint. Dieser Kanarienvogel, der zwischen seinen Beinen steht und sich neugierig umblickt, ist seine Tochter; ein vier- bis fünfjähriges Mädchen, dessen dunkles, kurzes Haar hin- und herwippt. Wie alle Kinder kennt sie keine Müdigkeit und kann so die vor Müdigkeit leblosen Erwachsenen nicht begreifen. Sie dreht den Kopf und versteckt ihr Gesicht verschüchtert im Arm des Vaters. Einen Moment später streckt sie sich zu seinem linken Ohr, so dass ihr Mund den Ohrstecker fast berührt, um ihm ihre Entdeckung mitzuteilen: „Papa, die hübsche Frau da drüben guckt mich an.“

Zärtlich legte er der Tochter die Hand auf den Kopf und richtet sich ein wenig auf, um jene hübsche Frau zu sehen. Er späht durch die im Waggon stehenden Menschen hindurch und erblickt eine hübsche junge Frau, die unmerklich lächelt. Sie ist wirklich schön, mit schimmernder glatter Haut, unauffällig, aber elegant gekleidet und freundlich blickend. Als sich ihre Blicke kreuzen, lächelt sie ihn an. Er erschrickt – die Reichen nehmen nur selten die U-Bahn, wo nur will sie hin?

Die Neugierde des kleinen Mädchens ist noch nicht gestillt und sie sieht sich weiter um. In dem Gedränge erkennt sie das eigentliche Problem: „Papa, warum tragen alle Ohrstecker, aber die Frau nicht?“ Nichts zu machen, früher oder später würde sie es doch erfahren. Der Mann seufzt, sieht seiner Tochter in die Augen und entgegnet traurig: „Weil sie eine von oben ist.“

„Was heißt das, von oben?“

„Die Leute von oben wohnen auf der Erde.“

„Auf der Erde kann man auch wohnen?“ Das Mädchen geht jeden Tag in den Kindergarten bei Sai Wan, dem vierten Hongkonger Ring. Abends fährt sie gemeinsam mit dem Vater in ihr tiefgelegenes Zuhause. Für sie ist der Tag das, was oben und die Nacht das, was unten ist.

„Ja, die Frau wohnt in einem großen Haus auf der Erde.“

Das Mädchen sieht die Frau an, und plötzlich kommt ihr eine neue Frage in den Sinn: „Papa, ich habe auch keinen Ohrstecker, bin ich also auch von oben?“

Er denkt: Du bist noch klein, deine Nieren arbeiten noch nicht so gut, deshalb musst du noch keinen tragen. Und er sagt: „Für Papa bist du von ganz ganz oben, der allerwichtigste Mensch auf der Welt.“ Während er spricht, kitzelt sein Bart die Tochter. Das Mädchen jauchzt auf und und wird immer ausgelassener. Dem Mann wird schwer ums Herz.

„Und Mama? Ist die auch von oben?“, fragt die Kleine.

„Das weiß Papa nicht“, sagt er kurz angebunden. Seine Frau war mit einem anderen durchgebrannt und wohnte jetzt in einer Villa. Sie aber wohnen wie die ärmsten drei Millionen Hongkonger unter der Erde. Wenn er an die Wohnung denkt, bekommt er Angst. Angst wovor, vor den Wänden dort? Er hat sie wieder vor Augen und sein leicht gebeugter Rücken schmerzt plötzlich.

Die U-Bahn erreicht den Bahnhof. Vater und Tochter folgen dem Menschenstrom, der von automatischen Laufbändern in alle Richtungen des unterirdischen Raumes verteilt wird. Auf dem Weg nach Hause suchen sie noch eins der öffentlichen Ankleidehäuser auf und duschen. Er nimmt die Tochter auf den Arm, und sie betreten ein kleines weißes Kabinett. Sie ziehen sich aus. Die Kleine zittert vor Kälte und drängt sich an den Vater. Dann kommt plötzlich ohne Vorwarnung aus allen Richtungen heißes Wasser. Das Mädchen schreit auf, nirgends kann man sich verstecken. Wie Schweine auf dem Weg zum Schlachthof werden sie überbrüht, dann kommt ein warmer Wind und schnell sind sie wieder trocken. Beim Hinausgehen putzen sie sich noch die Zähne an einer endlos scheinenden Reihe von Waschbecken, gehen zum Kleiderschrank und weiter zum Lift. Um die schmutzige Kleidung brauchen sie sich nicht zu kümmern, sie werfen sie in die Körbe vor dem Schrank, die Regierung wird sie dann waschen. Auf den Straßen beschallen diese Ankleidehäuser einen permanent mit den staatlichen Aufforderungen zur besseren Hygiene: „Waschen Sie sich, bevor Sie nach Hause gehen, wechseln Sie täglich die Kleidung, beugen Sie Krankheiten vor und gehen Sie gesund zur Arbeit ...“

Dann besteigen sie einen schmalen Lift, der die Form einer Gelatinekapsel hat. Die Tochter kann es kaum erwarten. Statt eines Lifts gleicht die Konstruktion einem jener Spielautomaten, bei denen man mit einem ferngesteuerten Greifarm ein Stofftier vom Boden fischt, denn kaum haben sie den Sicherheitsgurt angelegt, kommt eine riesige Zange, packt die Kapsel und befördert sie in noch tiefere Regionen. Die Tochter liebt dieses Gefühl, es ist wie Seilbahnfahren in den Bergen, sie kann gar nicht genug davon bekommen. Der Lift hält und fährt nach unten, und mit einem unschönen Geräusch werden sie unsanft abgesetzt. Sie sind zu Hause. Die Türen der Kapsel öffnen automatisch, dann fallen sie auf ihr Bett. Mit einem Pfeifton verschwindet die Kapsel in der Dunkelheit. In dem Moment, als der Lift verschwindet, schließen sich die Automatiktüren des Hauses, es klingt, als reibe Metall auf Metall. Sie sind eingeschlossen in einem zwei Meter langen, ein Meter hohen und ein Meter breiten Raum, der nur mit einem Bett ausgestattet ist. Das ist der Platz, an dem sie sich erholen und neue Kräfte sammeln sollen. Den Strom stellt die Regierung, aber der Mann hasst es, das Licht anzuschalten. Er hasst die grauen dicken Wände, die bedrohlich nah sind, als wollten sie die Menschen zur Reue zwingen. In der Dunkelheit nimmt er die Tochter in den Arm, streicht ihr übers Haar, während seine Hand an der Wand links vom Kopfkissen nach etwas tastet. Die Wand fühlt sich glatt an, aber nicht kalt. Schließlich findet er die Schlafinjektion und will die Spritze gerade in den Ohrstecker einführen.

„Papa, ich hatte gestern einen Traum“, die Tochter schmiegt sich eng an ihn. „Ach ja?“, die Hand des Mannes verharrt in der Luft.

„Im Traum war ich auf der Erde, der Himmel war voller Wolken und der Mond war auch da. Und dann hatte ich einen Stein auf der Brust, er erdrückte mich fast, ich hatte Angst“.

„Es ist nichts passiert, Süße, es ist nur ein Traum. Warum hast du am Morgen nichts davon gesagt?“ Er streicht ihr übers Haar.

„Heute Morgen habe ich mich nicht daran erinnert. Erst jetzt im Bett ist es mir wieder eingefallen.“

„Papa ist ja da. Ich helfe dir, den Stein wegzuheben. Jetzt schlaf aber. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“ Einen kurzen Moment später hört man ihr leises Schnarchen.

Er aber kann nicht einschlafen: Noch ist sie klein, doch in ein paar Jahren wird der Raum für zwei nicht mehr groß genug sein. Aus dem Kind wird eine junge Frau werden, die nicht mehr mit ihm in einem Bett schlafen kann. Was soll er tun? Er kann sich nicht vorstellen, die Kindesmutter zu fragen. Er hat Rückgrat. Wer hätte je gedacht, dass er sich für seine Tochter so verbiegen und seine Ideale aufgeben würde, bis er auch das letzte bisschen Würde verliert? Bloß nicht daran denken, es bringt nichts. Er führt die Injektion in den Ohrstecker ein, er hört das Ansauggeräusch und weiß, dass die Schlafmedizin bereits in seinen Körper strömt. In dem kurzen Moment, bevor ihre Wirkung einsetzt, denkt er an den Traum seiner Tochter. Mit geöffneten Augen versucht er sich an den Himmel zu erinnern, sein Blau, seine Weite und Höhe.

Stattdessen umfängt ihn undurchdringliche Dunkelheit, die Mauern strecken drohend ihre Tentakeln aus. Er hat das Gefühl, die Wände stürzen aus allen Richtungen auf ihn ein und erdrücken ihn.

Er hat das Gefühl zu ersticken.

1841: Die Engländer besetzen Hongkong und beginnen mit dem Verkauf von Boden, um die niedrigen Steuern der Stadt zu finanzieren.

1853: Hongkong wird die erste Stadt weltweit, in der Häuser verkauft werden, Beginn des Hongkonger Immobilienmarktes.

1898: In einem Zusatzvertrag fallen auch die Halbinsel Kowloon und die New Territories an Großbritannien. Die in der Bucht von Hongkong stationierten Qing-Truppen und die Festung Kowloon verbleiben unter chinesischer Souveränität. Da sie sich innerhalb der britischen Kolonie befinden, werden die Soldaten nach und nach abgezogen. Die Zuständigkeit zwischen der Hongkonger Regierung, der britischen Regierung oder der Regierung der Republik China bleibt im 20. Jahrhundert ungeklärt. Nach dem Angriff Japans auf China und der Gründung des neuen China kommen immer mehr illegale Einwanderer nach Hongkong und lassen sich in der sogenannten „Walled City“ in Kowloon nieder. Die Bevölkerungszahl und die Immobilienpreise steigen. Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts wohnen mehr als 30.000 Menschen auf 25.000 Quadratmetern. Eine solche Bevölkerungsdichte gab es nie zuvor.

Ende des 20. Jahrhunderts: Die freie Marktwirtschaft und der ökonomische Aufschwung Asiens machen Hongkong zur prosperierenden Weltmetropole.

Beginn des 21. Jahrhunderts: Hongkong wird zur Stadt mit den höchsten Immobilienpreisen. Die Einwohner verfügen durchschnittlich über 15 Quadratmeter Fläche, damit gehört die Stadt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten weltweit. Mehr als 100.000 Menschen haben nur vier Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung.

Mitte des 21. Jahrhunderts: Mit der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung fallen Grund und Boden zunehmend in die Hände von Spekulanten. Hongkongs Bevölkerung wächst auf mehr als 10 Millionen.

Dreißiger Jahre des 22. Jahrhunderts: 75% des Bodens und der Immobilien gehören 5% der Bevölkerung. Im Jahr 2132 beginnt die britisch-königliche Immobiliengesellschaft mit dem Hausverkauf nach Volumen und nicht mehr nach Grundfläche. Der Haustyp „Niedrigdecke“ (Etagenhöhe unter 1,80 Metern) findet bei der armen Stadtbevölkerung besonders großen Anklang. Innerhalb von zehn Jahren wird Hongkong die Stadt mit der höchsten Rate an Buckligen weltweit. Im Jahr 2237 ziehen Tokyo, Peking, Mumbai und weitere Metropolen nach.

Siebziger Jahre des 22. Jahrhunderts: Der Immobilienmarkt unter der Erde wird entwickelt. Die ärmsten 2,2 Millionen Hongkonger müssen unter die Erde ziehen. Die Stadt entwickelt eine Extremteilung.