Fokus: Nacht Sterne und Nächte

05h 12m 70, 1990 (Bildausschnitt)
05h 12m 70, 1990 (Bildausschnitt) | Courtesy: Thomas Ruff

In Bildserien wie „Sterne“ oder „Nacht“ begibt sich Thomas Ruff auf fotografische Erkundungen der Dunkelheit. Im Gespräch erzählt er von der Wahrnehmung der Nacht in seiner Kunst.

Was für ein Verhältnis hast Du als Mensch zur Nacht? Ein rationales nach dem Motto: Die Sonne geht nun mal jeden Abend unter und am Morgen wieder auf? Oder – auch – ein eher romantisches? Findest Du es gut, wenn das Licht verschwindet und die Wahrnehmung eine andere wird oder bist Du froh, wenn es am Morgen wieder hell wird und die „Schatten der Nacht“ sich zurückziehen?

Als Mensch habe ich zuerst einmal kein Verhältnis zur Nacht, vor allem kein romantisches. Ich liebe das Licht zu allen Tageszeiten. Wenn es dann Abend wird, verschwindet das Blau des Himmels – wenn es denn da war –, die Sonne geht unter und der Mond, die Sterne und die Planeten kommen zum Vorschein. Und der Mensch hat sich natürlich eigene Lichtquellen geschaffen, die interessant aussehen können ...

Auf jeden Fall interessiert es Dich, in die vermeintliche Dunkelheit der Nacht mit Mitteln hineinzusehen, die über die Möglichkeiten des menschlichen Auges hinausgehen – und das, was Du so siehst, als – fotografisches – Bild festzuhalten. Du hast Dich seit der Jugend mit Astronomie beschäftigt, und die Serie Sterne hat hier ihren Ursprung. Was siehst Du beim Blick durch das Fernrohr oder wenn Du für Deine Bilder „Motive“ aus dem Archiv des European Southern Observatory auswählst: die Organisation des Kosmos, das Paradox des "Sehen- und doch nicht genug Erkennen-Könnens" oder eine abstrakte Komposition?

Wenn es dunkel wird, stößt die Wahrnehmung des Auges an Grenzen. Aber der Mensch hat sich Prothesen geschaffen, um dieses Manko zu überwinden, zum Beispiel mit Hilfe des Restlichtverstärkers das Dunkel aufzuhellen, oder er vergrößert mit Hilfe des Fernrohrs seine Pupille um ein Vielfaches und kann damit weiter in das Weltall schauen und noch lichtschwächere Objekte erkennen. Ich habe beides benutzt, um die zusätzlichen Möglichkeiten der prothetischen Bildgenerierung auszuloten. Die Bilder, die ein Teleskop liefert, haben eine eher abstrakte Anmutung. Man schaut quasi auf ein „zweidimensionales“ Bild, die Sterne bilden Muster, die wir wiederum mit uns bekannten Bildern assoziieren, ohne die tatsächliche räumliche Tiefe erkennen zu können. Das Sehen ist permanent der Notwendigkeit ausgesetzt, zu reflektieren, was es gerade sieht.

  • Nacht 10 III, 1992 Courtesy: Thomas Ruff
    Nacht 10 III, 1992
  • Nacht 1, II, 1992 Courtesy: Thomas Ruff
    Nacht 1, II, 1992
  • Nacht III, 1993 Courtesy: Thomas Ruff
  • Nacht 14 I, 1993 Courtesy: Thomas Ruff
  • Nacht 20 I, 1995 Courtesy: Thomas Ruff
  • 17h 38m/-30°, 1990 Courtesy: Thomas Ruff
  • 05h 12m 70, 1990 Courtesy: Thomas Ruff
  • 16h 30m - 50°, 1989 Courtesy: Thomas Ruff

Warum haben die Bilder aus der Serie „Sterne“ ein vertikales Porträt-Format und kein horizontales Landschafts-Format? Und warum sind diese Bilder so groß, weit mehr als zwei Meter hoch?

Als ich die Negative der ESO endlich hatte, war ich total gespannt auf die erste Vergrößerung. Die Negative waren damals die besten, höchstaufgelösten Aufnahmen, die es weltweit vom nächtlichen Sternenhimmel gab. Meine Vorstellung orientierte sich an einem Panoramafenster zum Weltall, und den ersten Abzug hatte ich deshalb als Querformat gemacht. Ich betrachtete ihn immer wieder über zwei Wochen in meinem Atelier, war jedoch enttäuscht von der Wirkung. Das Bild sah trotz der fantastischen Schärfe und des Detailreichtums eher langweilig aus. Also beschloss ich, den Abzug wegzustellen, und um Platz zu sparen, drehte ich ihn in die Vertikale – und plötzlich wurde aus dem Fenster eine Tür: Es war, als könnte ich durch diese Tür das Weltall betreten. Ich habe dann die Größe etwas modifiziert, um die Bilder noch opulenter zu machen.

Die Serie „Nacht“ entstand mit Hilfe eines Restlichtverstärkers, wie er insbesondere für militärische Zwecke entwickelt wurde, um bei der Aufklärung und im Gefecht in der Dunkelheit mehr zu sehen. Deine Bilder allerdings wirken eher unspektakulär, normal, fast friedlich.

Das Merkwürdige an der Serie Nacht ist, dass sie mit State-of-the-art-Technologie fotografiert ist und trotzdem an Fotografien aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Durch ihre mäßige Auflösung und den Hell-Dunkel-Kontrast sehen die Aufnahmen aus, als wären sie mit einer veralteten Technik aufgenommen. Das liegt an der 80.000-fachen Verstärkung der letzten vorhandenen Lichtelektronen (= Restlicht), die nachts noch durch die Gegend fliegen. Tatsächlich zeigen die Bilder Situationen und Dinge, die mit dem bloßen Auge oder mit konventioneller Fototechnik nicht sichtbar sind. Ich habe diese Art von Bildern zum ersten Mal 1990/91 während des zweiten Golfkrieges im Fernsehen gesehen und war sofort fasziniert von der Technologie. Da es bei diesem Krieg um die Ölinteressen der westlichen Industriestaaten ging, habe ich die Stadt, in der ich lebe, kurzerhand zum Kriegsgebiet erklärt und Aufnahmen in und um Düsseldorf herum gemacht. Dabei entstanden ganz unterschiedliche Bilder. Zum einen „kriegswichtige" Objekte wie Brücken, Industriegebäude oder Bahngleise. Ich habe aber auch Aufnahmen von Hinterhöfen gemacht, die ein wenig an Hitchcocks Film Das Fenster zum Hof erinnern und durch das in grünes Licht getauchte Ambiente eher Orte des Verbrechens oder manchmal expressionistische Filmkulissen assoziieren lassen.

Hinter Deiner Faszination durch bildgebende Technologien stehen also konkrete inhaltliche Interessen. Könntest Du das etwas ausführen?

Mir geht es natürlich nicht nur um Technologie oder das mediale Erscheinungsbild der Fotografie. Alle meine Bildserien sind durch und durch autobiographisch geprägt und beziehen sich auf die Erfahrungen und Lebenssituationen meiner Generation. In den Interieurs habe ich zum Beispiel die Umgebung, in der meine Generation aufgewachsen ist, dokumentiert. Serien wie Sterne, Cassini und ma.r.s. existieren, weil ich eine große Affinität zur Astronomie habe. Die Porträts setzen sich mit der Identität meiner Generation in Zeiten des Überwachungsstaates auseinander. Es gibt Serien wie die Substrate oder jpeg, die mehr das Technische oder Mediale und unseren Umgang damit reflektieren. Es gibt aber auch solche, die sich explizit mit der Geschichte der Fotografie beschäftigen – wie die Fotogramme oder die Negative. Im Prinzip geht es in all meinen Bildern darum, wie der Mensch wahrnimmt. Was sieht er, wie sieht er und was machen die gesehenen Bilder mit ihm? Für mich ist dies immer wieder ein neuer Versuch zu begreifen, wie die Welt funktioniert.

Der deutsche Fotokünstler Thomas Ruff, Jahrgang 1958, begann schon während seines Studiums der Fotografie in Düsseldorf seine Praxis konzeptueller Fotografie in Serien. Bis 2006 leitete er an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf die ehemalige „Becher-Klasse“, die als „Düsseldorfer Fotoschule“ benannt eine wichtige Gruppe der Fotokunst darstellt. Nach verschiedenen Fotoreihen zu Porträts und Gebäudeansichten folgten ab 1989 Aufnahmen des Sternenhimmels, in den Folgejahren weitere Nachtaufnahmen mit einem Nachtsichtgerät sowie die Serie Stellar Landscapes mit Bearbeitungen von NASA-Bildern des Planeten Mars. Thomas Ruff erhielt verschiedene Auszeichnungen.