Proteste gegen Gentrifizierung Gerecht, aber auch borniert

Haus in der Kastanienallee am Prenzlauer Berg in Berlin
Haus in der Kastanienallee am Prenzlauer Berg in Berlin | © www.colourbox.com

Viele Kreative in Deutschland wehren sich gegen Gentrifizierung – geht es nur um den Erhalt eines romantischen Hintergrunds für das eigene Selbstbild statt um Visionen für eine bessere Stadt?

Dieser Artikel erschien erstmals am 12. Juli 2010 unter dem Titel Was ihr wollt - Warum der Protest gegen die Gentrifizierung gerecht ist aber auch reichlich borniert im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

Die Gentrifizierung spukt sogar durch den Lifestyle-Blog eines großen deutschen Telefonanbieters. 2010, so wird dort behauptet, sei „Der letzte Sommer in Berlin“. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sei auch die letzte Altbauwohnung der Stadt saniert – jetzt kämen nicht mehr nur Studenten, Musiker und Künstler, sondern auch ein „saturierteres BWLer-Milieu“, es stiegen die Mieten und die berühmte, einzigartige Clubkultur Berlins sei „auf dem absteigenden Ast“.

So weit, so bekannt. Eine vulgäre Stadtsoziologie wie diese ist mittlerweile zum Verlegenheits-Diskurs unter vielen 25- bis 45-Jährigen geworden – wenn es nichts mehr zu sagen gibt, redet man eben über Berlin. Oder über Hamburg, wo auch die Mächte des deutschen Indie-Pop zur Hetzjagd auf die Gentrifizierung geblasen haben: der Malerpapst Daniel Richter, der Regiezar Fatih Akin, die Gitarrenkönige von Tocotronic, außerdem Ted Gaier, Rocko Schamoni und DJ Koze: „Wir“, so hieß es in einem im vergangenen Jahr von Hamburg aus in die Welt geschleuderten Manifest, „die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die kleine-geile-Läden-Betreiber und ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer“ möchten nicht länger dazu benutzt werden, tote Stadtteile wiederzubeleben und Investoren und kaufkräftigere Bewohner anzulocken. „Not In Our Name“, rufen sie. Mit gemischten Erfolg. Der Verkauf des Hamburger Gängeviertels wurde wegen der medienwirksamen Proteste rückgängig gemacht. Bei einem ähnlich gelagerten Bürgerbegehren in Berlin stimmten 87 Prozent gegen das Großprojekt Mediaspree. Andererseits wollte eine große Mehrheit das heruntergekommene, zwischenzeitlich für Kulturprojekte genutzte Frappant-Gebäude in Hamburg-Altona doch lieber abreißen, um Platz für den weltweit ersten City-Ikea zu schaffen. Außerdem wird in Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf und Dresden trotz allem saniert, restauriert und privatisiert. Unbeeindruckt von allen Krisen, den finanziellen und den moralischen, machen die Städte weiter wie bisher. 

Wo das Geld zu Hause ist, will man dann doch nicht wohnen

Entsprechend wütender wird der Protest – oder putziger. Während in Berlin bereits die Geländewagen und Neubauten brennen und sogar ein „Carloft“ gebaut wurde, in dem man seinen Porsche Cayenne sicher neben seinem Wohnzimmer parken kann, störten im Februar etwa 100 „Psychokinetiker“ das Immobilien Symposium Hamburg. Mit Hilfe eines „Jahrtausende alten Karma-Reinigungs-Rituals“ wollten sie das Tagungshotel in den Weltraum beamen. „Und tatsächlich“, freuten sich befreundete Blogs, löste sich das Gebäude „aus seinen Fundamenten und schwebte sekundenlang über der Erde.“ Erforscht und benannt wurde Gentrifizierung zuerst in England und Nordamerika. Während in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts Millionen Weiße aus der Mittel- und Oberschicht in die Vorstädte zogen und sich in der Architektur eine geometrisch kühle, internationale Moderne durchsetzte, entdeckten einige Pioniere den Charme der maroden alten Arbeiterquartiere in der Stadt. Diese ersten „Gentrifier“ haben die Brownstones in New York und die Victorians in San Francisco vor dem Abriss bewahrt. Sierenovierten den städtischen Altbau und machte ihn zu dem, was er heute ist: Zum ultimativen Kleinmädchentraum und Wohnideal.

Natürlich kam es zu Spannungen zwischen den neuen und alten Nachbarn. Die gut ausgebildeten Neulinge brachten immer mehr Geld in die alten Stadtviertel. Damit kamen auch die Läden und Clubs und immer weitere Nachzügler. Schritt für Schritt, Renovierung für Renovierung stiegen die Mieten und der ökonomische Druck auf die Nachbarn nahm zu. Damit wurde auch die Kluft zwischen Arm und Reich konfliktträchtiger. In den neunziger Jahren konnte Rudy Giuliani schließlich allein durch das Versprechen zum Bürgermeister von New York gewählt werden, die Stadt endlich „aufzuräumen“. Mit James Q. Wilsons „Broken Windows“-Theorie in der Tasche übte die New Yorker Polizei Zero Tolerance bereits gegenüber Kleinvergehen. Damit wurde ein Signal gesetzt: Die Vorstadt beginnt bereits hier. Das Ergebnis zeigt die Fernsehserie „Sex and the City“ – ein Manhattan voll berufstätiger, weißer Frauen, die shoppen, essen gehen und daten. Die Gefahr war gebannt.

Mit Figuren wie Rudy Giuliani begann die zweite Phase der Gentrifizierung. Die Ehre für die sinkenden Kriminalitätsraten gebührt wahrscheinlich anderen – vor allem großen ökonomischen und demographischen Trends. Dennoch begann in den neunziger Jahren etwas Neues: Die Politik förderte nun aktiv die Privatisierung und Luxussanierung ganzer Stadtteile. Auch die zwischenzeitlich verarmten deutschen Städte paktierten mit den Großinvestoren, die in den Innenstädten Betongold gefunden hatten. Das ist die Turbo-Gentrifizierung, gegen die sich die Kreativen aus Hamburg wehren: Die Ära der neuen Luxus-Apartmenthäuser, Townhouses, Lofts, Hotel- und Business-Türme. Ideologische Rückendeckung gewährt der amerikanische Ökonom Richard Florida. Ihm zufolge haben Städte ohne Schwule und Rockbands im internationalen ökonomischen Wettrüsten keine Chance. Das Geld will eben nur da zu Hause sein, wo auch die Kreativen wohnen. Darum veranstalten immer mehr Rathäuser Schwulen-Paraden, Fanmeilen und Kunst-Festivals. Nur die Kreativen selbst sind sich für so etwas leider zu schade. Sie verachten die weniger coolen Nachzügler, die Radikalen verachten die neuen „Bonzen“, und gemeinsam verachten sie die neuen Mamas mit ihren teuren Kinderwägen. Der Tenor ist immer der gleiche – wo das Geld zu Hause ist, will man dann irgendwie doch nicht wohnen. 

Die Aufgabe der neuen Gentry sollte erst mal Selbstkritik sein

Dass sich ausgerechnet die Kreativen wehren, unterscheidet die Lage heute von der klassischen Gentrifizierung. Es geht um einen Clash der Einkommen und Kulturen, aber es geht schon lange nicht mehr um Arbeiter, die es heute kaum noch gibt, oder um Zuwanderer und Arme, deren Aufstand anders aussehen würde. Die Front verläuft weiter oben: Angeführt von gut vernetzten Künstlern und Aktivisten, verteidigen Freiberufler und Kreative „ihr“ Viertel gegen den Zuzug von Rechtsanwälten und Unternehmensberatern. Beide verfügen über Bildung, aber die einen haben mehr Zeit, die anderen mehr Geld. Die einen sind manchmal schon lange da und haben in den Nischen der Stadt ihre eigene alternative Kultur geschaffen, die anderen sind neu, werden aber von Investoren erwartet, die genauso schnell denken und handeln wie der Kapitalmarkt. Und beide suchen die Optionsdichte, wie sie nur die Innenstädte bieten. So entsteht Streit.

Es ist etwas dran am Protest gegen die Gentrifizierung – der Kampf um die eigene Stadt ist berechtigt. Doch so verständlich die Nostalgie nach besetzten Häusern, muffigen Proberaumbunkern, Clubs in feuchten Souterrains und unsanierten Altbauten auch klingt – so verdreht ist sie auch. Denn wer den Orten, die zeitweilig aus dem Markt gefallen waren, und in denen man freier, autonomer, unabhängiger sein konnte, hinterhertrauert, der wünscht sich letztlich auch die alte Bundesrepublik, klare Feindbilder und das Wählscheibentelefon zurück.

Sollen die liebgewonnenen Alternativ-Viertel jedoch wirklich dauerhaft zu vergessenen Ghettos für Bunte, Arme und sonstwie Marginalisierte werden? Und in welchem Gehege dieses Vergangenheitszoos wohnen dann die rivalisierenden Zuhälterbanden und Drogendealer, die Arbeits- und Obdachlosen, deretwegen St. Pauli einst saniert wurde? „Die Selbstmarginalisierungsstrategie der Coolness“, schrieb das HATE Magazin aus Berlin kürzlich zum Thema, „ist auch auf den türkischen Spätkauf, die Hartz-IV-Eckkneipe und die Autonomenrandale für ihre Produktion einer rauen Echtheit des Unterschieds angewiesen.“ Das ist genau das Problem: Viel zu oft geht es nur um die Erhaltung eines romantischen Hintergrunds für das eigene Selbstbild – statt um die Vision für eine bessere Stadt. Wer die Wohngemeinschaften von Prekariat und Avantgarde mit den bösen neuen „Premium-Glaszähnen“ konfrontiert, lässt sich zudem auf eine Moderne-Schelte ein, bei der schnell ganz falsche Freunde im Spiel sind. Aber nicht nur in dieser Hinsicht ist die neue Stadtguerilla irritierend konservativ. Sie ärgert sich nicht nur darüber, wozu man sie benutzt. Auf ihre modischen Schlipse getreten fühlt sie sich vielmehr auch deshalb, weil man sie überhaupt benutzt. Und hinter dieser Angst vor dem Sell-Out hinter dem eigenen Rücken versteckt sich ein zutiefst klassisches, bürgerliches Kunstverständnis, demzufolge es dem wahren Künstler allenfalls um „interesseloses Wohlgefallen“ geht, er aber ansonsten nicht mehr als ein souveräner Nichtsnutz ist.

Die Selbstmarginalisierung der Coolness

„Not In Our Name“ zu rufen, heißt allzu oft, sich selbst aus der Verantwortung zu entlassen. Wer grundsätzlich gegen Aufwertung ist, perpetuiert die Armut. Wer das Neue ablehnt, lehnt auch die Großstadt ab, deren Reiz gerade in ihrem ständigen Wandel liegt. Gebraucht werden nicht nur billige Ateliers und Proberäume, sondern interessantere Pläne für den Wandel als die der gegenwärtigen Investoren. Kein Abwehrkampf, sondern eher eine neue Offensive. Die Aufgabe der neuen Gentry sollte deshalb erstmal Selbstkritik sein. Sonst passiert wieder nur das Altbekannte: Verdrängung. Die klassische Gentry, der niedere englische Landadel, zu dem seit dem späteren 19. Jahrhundert auch Akademiker zählten, privatisierte im Vorfeld der Industrialisierung die öffentlichen Weiden und löste damit die massive Landflucht aus, durch die das städtische Proletariat entstand. Jetzt treibt die neue Gentry aus Journalisten, Malerpäpsten, Webdesignern und jungen Ärzten die Armen wieder aus den Städten heraus.