Fokus: Web 2.0 Das deutsche Theater im digitalen Zeitalter

Inszenierung „Trust“ am Werkmünchen in München, Regie: Markus Schlappig
Foto: Astrid Ackermann

Stellt das Web 2.0 eher eine Chance oder eine Bedrohung für das deutsche Theater dar? Eine „Bestandsaufnahme der Theaterwissenschaftlerin Tina Lorenz.

Das Theater in Deutschland – und zwar sowohl die freie Szene als auch Stadt- und Staatstheater – hat den Anspruch, gesellschaftliche Prozesse nicht nur abzubilden, sondern auch mitzuformen und mitzudenken. Es will Teil eines Diskurses sein, der schon längst nicht mehr nur in analogen Räumen stattfindet, sondern sich mehr und mehr ins Virtuelle verlagert. Dieser Anspruch stellt das Theater vor das schier unlösbare Problem, seinen analogen Erlebnisraum in irgendeiner Form an die virtuellen Plattformen anzuschließen, in denen sich immer größere Teile unserer Gesellschaft aufhalten. Das wird momentan auf zwei Arten versucht: zum einen, indem moderne Diskurse wie Computerspiele, Web 2.0 und digitales Leben in das Bühnengeschehen einfließen. Zum anderen, indem die neuen Medien in die Öffentlichkeitsarbeit der Theater integriert werden. Das funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Die Kompetenz, sich sowohl in die Darstellende Kunst als auch in das Web 2.0 einzudenken, ist – gelinde gesagt – ausbaufähig.

Feldversuche: Social Media auf der Bühne

So beobachtete die Netzgemeinde Ende 2011 amüsiert, wie das Hamburger Thalia Theater in einem radikalen Versuch der Bürgerpartizipation und Demokratisierung seinen Spielplan im Netz frei wählen ließ. Diese in der Theorie hervorragende Idee wurde relativ schnell von Dramatikern mit Eigeninteresse und großem Facebook-Freundeskreis gekapert und ad absurdum geführt – man hatte am Thalia Theater schlicht die Willkürlichkeit des Netzes und den damit einhergehenden Kontrollverlust unterschätzt. Trotz alledem muss dieser Versuch als bahnbrechend gewertet werden und es wäre schön, wenn frühe Misserfolge nicht in eine mittelfristige Schockstarre mündeten.

Ein anderer Trend, der momentan auf deutschen Bühnen anzukommen scheint, ist das visuelle Aufgreifen von ästhetischen Signifikanten der aktuellen globalen Protestbewegung: eines der wichtigsten Zeichen dieser Bewegung, sei es der Occupyprotest oder eine Anti-ACTA-Demo, ist die Guy-Fawkes-Maske, die oft zur Bebilderung dieser durch das Internet koordinierten politischen Grassroots-Bewegung dient. Dass die Guy-Fawkes-Masken intermedial über einen Comic und einen Film zum Zeichen der politischen Schwarmbewegung Anonymous geworden ist, wissen die wenigsten Theatermacher, die dieses Zeichen in ihren Inszenierungen einsetzen. Und so erfährt die Übersetzung von bedeutungshaltigen Zeichen im digitalen Raum eine Sinnentleerung im analogen Theaterraum.

Die Maske tauchte zuerst in einem Comic auf, der dann 2005 als „V for Vendetta“ mit Natalie Portman verfilmt wurde. Durch diese Verfilmung hat die Maske Symbolcharakter erhalten (Kampf einer gesichtslosen Guerillagruppe gegen ein übermächtiges Staatssystem), aber erst die Verwendung der Masken als Zeichen der Netzaktivistengruppe Anonymous, die ihrerseits ihre Entstehungsgeschichte dem Internet verdankt, macht die Maske zu einem Symbol der Anonymität und des politischen Aktivismus mit Fokus auf Freiheits- und Internetthemen. Wenn man die Maske jetzt entweder völlig konnotationslos oder als visuelles Symbol der Occupy-Proteste verwendet, missachtet man den kompletten Symbolgehalt und erzählt eine Geschichte auf der Bühne, die weit über das hinausgeht, was Regisseur und Inszenierung eigentlich erzählen wollen. Deshalb ist die Verwendung der Masken in Inszenierungen als Symbol einer generellen Politisierung mangels tieferen Verständnisses der Internetkultur dahinter zu kurz gegriffen.

Dennoch bietet sich das Netz, wenn man es denn kritisch hinterfragt und sich damit ausreichend auseinandersetzt, für performative Experimente an. So versuchte sich die Regisseurin Antje Schupp 2011 an einer Studie über Identität im Netz mit ihrem Stück Public Republic. Die Zuschauer, bei Eintritt aufgefordert, Angaben über ihre Social Media-Profile zu machen, sahen sich mit Schauspielern konfrontiert, die aufgrund der gewonnenen Daten ihre eigenen Lebensentwürfe auf der Bühne rekonstruierten und so eindrucksvoll bewiesen, wie weit die Identitätsbildung im Internet mit Hilfe sozialer Netzwerke schon fortgeschritten ist.

Die Frage nach der Abbildung digitaler Lebensentwürfe auf der Bühne ist allerdings mit der Einbindung sozialer Netzwerke als Requisite oder erweiterten Bühnenräumen nicht zu beantworten. Vielmehr müssen neue Themen gefunden werden, Stücke, die sich mit inhärent digitalen Themen beschäftigen, performative Experimente, die den Generationenwechsel verdeutlichen. Aber das braucht vermutlich seine Zeit – hier stehen die Theater wie die Dramatiker noch ganz am Anfang.

Das Netz ist kein Einwegkanal

Bleibt die zweite Möglichkeit: die Nutzung und Erschließung der neuen Medien neben der Bühne. Hier zeigt sich momentan noch die größte Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis des Theaters als Kulturtempel bürgerlicher Prägung, in dem einige wenige Kunstgenuss für eine hoffentlich breit gestreute Rezeptionsgruppe produzieren, und dem Selbstverständnis des Internets als Partizipationsraum, in dem jeder Empfänger gleichzeitig auch Sender ist und dieses Recht mehr oder minder lautstark verteidigt. Gerade hier, wo soziale Medien momentan noch als Marketinginstrument benutzt werden, als Einwegkanal, um ein passives Publikum zu erreichen, könnte etwas wirklich Neues entstehen – eine echte Kommunikation zwischen Publikum und Künstler, gleichberechtigt und auf Augenhöhe.

Doch noch ist das Feld hart umkämpft, und mit durchaus verhärteten Fronten: Die momentanen Theatergänger einerseits, die ohne die ständige Verbindung zum Internet auskommen, und die sich kopfschüttelnd einer Gruppe von Menschen gegenüber sehen, die in den heiligen Theaterhallen scheinbar geistesabwesend in leuchtende Smartphone-Displays starren. Dass in diesem Szenario dann immerhin wieder junge Leute in der Oper sitzen, fällt eher jenen auf, die es zumindest auf einen Versuch ankommen lassen möchten – denn das Theater, das wissen wir alle, verjüngt sich nicht von alleine. Wenn der momentane Trend zur analogen Radikalisierung und digitalen Lieblosigkeit anhält, stirbt Theater nicht nur einen Publikumstod, sondern verliert auch jede Anspruchshaltung an eine aktive Teilnahme der gesellschaftlichen Diskursbildung.

Um das zu verhindern, ist es vielleicht an der Zeit, dass nicht nur die Generationen aufeinander zugehen und voneinander lernen und neue Diskurse ins Theater tragen, sondern dass wir uns auch von dem bürgerlichen Ideal einer Hochkultur verabschieden, für die es nur genau eine einzige Rezeptionsweise gibt. Denn was nach Geistesabwesenheit aussieht, könnte auch höchste Konzentration sein. Das merkt man aber erst, wenn man fragt.

Diese Art von Kommunikation, der Zuschauer untereinander, der Zuschauer mit den Theatermachern und der Institutionen miteinander, kann das Web 2.0 unterstützen. Wenn man es darauf ankommen lässt und mit einer gehörigen Portion Toleranz und gutem Willen von allen Seiten aufeinander zugeht.