Graffiti und Streetart in China Die Stadt als Kommunikationsraum

Zhang Dali (张大力): Dialogue 1995-1998
Zhang Dali (张大力): Dialogue 1995-1998 | © Zhang Dali

Graffitiwriter machen sich mit Ihren Schriftzügen den städtischen Raum jenseits von Kommerz und Politik zu eigen. In China stehen Sie damit in einer langen Tradition des öffentlichen Schreibens.

Als der gerade aus Italien nach China zurückgekehrte Künstler Zhang Dali (张大力) 1995 begann, auf den Überresten der rasant schwindenden Pekinger Altstadt, den Hutongs (胡同), sein stilisiertes, schwarzes Konterfei zu sprühen, wurde die Öffentlichkeit Chinas mit einem Phänomen bekannt, welches das Erscheinungsbild der westlichen Metropolen seit über drei Dekaden prägt: Graffiti und Streetart. In den folgenden drei Jahren vermehrten sich die gesprühten Köpfe Zhangs auf über 2000, stets begleitet von dem Pseudonym AK 47 und später 18 K auf Gebäuden, die für den baldigen Abriss markiert waren. Die Fotografien dieser Aktion gelangten unter dem Titel Dialogue in westliche Galerien und machten den Künstler als ersten Graffitimaler Chinas berühmt. Zhang Dali verstand seine illegale Intervention im offenen Raum der chinesischen Hauptstadt als ganz individuelle Kritik an der massenhaften Schleifung und Überbauung der alten Stadtviertel. Das aufgesprühte Profil des Künstlers auf den Mauerresten fungierte zum einen als Hinweis auf die städtebaulichen Prozesse und darüber hinaus als letzter Zeuge einer physischen Anwesenheit nicht nur des Künstlers, sondern auch der ehemaligen Bewohner der noch kurz zuvor von Leben erfüllten Hutongs.

Die Begeisterung, mit der weltweit die Jugend die Sprühdose in die Hand nimmt und ihre persönlichen Spuren im städtischen Umfeld hinterlässt, überträgt sich nunmehr auch auf die Zentren der chinesischen Urbanisierung auf eine nicht sehr große, dafür aber umso enthusiastischere Graffitiszene. Ausgehend von Hongkong über Shenzhen und Guangzhou im Süden des Landes, drang Graffiti bis in den Norden vor. Die seit einiger Zeit verstärkt in den Bildern auftauchenden Rezitationen von Motiven der klassischen chinesischen Malerei und die Verwendung der eigenen, chinesischen Schrift sind der Beginn einer Emanzipation von den westlichen Vorbildern. Das erklärte Ziel der Künstler ist es, die Welt des Graffitiwritings in der Zukunft mit einem chinesischen Stil zu bereichern.

Die Stadtverwaltungen Chinas zeigen sich gegenüber der neuen Ausdrucksform überraschend tolerant. In Shenzhen etwa erklärte das Städtische Kulturbüro die Wandbilder zur Kunst und unterstützte ein Treffen heimischer und internationaler Maler im Jahr 2007 und 2008. Und auch wenn das Bemalen einer nicht genehmigten Wand auch in Shenzhen nach wie vor geahndet wird, erfüllt die zu erwartende Strafe von 200 Yuan (ca. 20 Euro) eher eine symbolische als tatsächlich abschreckende Funktion. Graffiti in China ist „in“ und, solange es sich nicht eindeutig politisch positioniert, auch von offizieller Seite akzeptiert. 

„Tizi“ – „die Macht schreibt“

Nun ist das Schreiben im offenen Raum in China keine Erfindung des letzten Jahrzehnts. Die seit der kaiserlichen Ära bestehende Tradition des „Tizi“ ist bis heute lebendig und beliebt. „Tizi“, dies ist die Inschrift von der Hand einer politisch und gesellschaftlich einflussreichen Person an einem öffentlichen Ort. Die großen Inschriften auf Felsen und an bewunderten Naturschönheiten oder die zahlreichen, in Stein gemeißelten, Kalligraphien an repräsentativen Gebäuden und Plätzen zeugen von der Verbreitung dieses Brauches. Eine vergleichbare Kultur der öffentlichen Rede, wie sie die europäische Antike hervorbrachte und welche die abendländische Gesellschaft – und damit deren Verständnis des öffentlichen Stadtraumes – maßgeblich prägte, findet sich in China nicht. Die Himmelssöhne der chinesischen Geschichte übermittelten ihre Dekrete an die untergebene Beamtenschaft stets in schriftlicher Form. Diese Ausrichtung des politischen Geschäfts auf das geschriebene Wort führte denn auch zu dem bis heute gültigen Ausspruch: „Die Macht schreibt.“ Von den Begründern des neuen Chinas wurde diese Aussage beherzigt. Mao Zedong und dessen Nachfolger zeigten sich als eifrige Kalligraphen, deren Handschriften sich über das ganze Land verteilt finden.

Der Besitz und die Zurschaustellung einer Kalligraphie von einem prominenten Autor werden auch heute noch als Hinweis auf gute Kontakte geschätzt. Der Schreibende selbst erhält im Gegenzug jenen Wert, der ebenso das Ziel eines jeden Graffitimalers ist: Ruhm.

Die „Tizi“ sind in der chinesischen Stadtlandschaft ein wichtiges Element der öffentlichen Kommunikation. Allerdings handelt es sich dabei eher um einen Monolog als um einen Dialog, ist es doch einer kleinen Elite vorbehalten, ihre Schrift und sich selbst in dieser Form zu präsentieren. Wie in den meisten Metropolen der Welt ist auch in China die Möglichkeit der Stadtgestaltung und damit der Kommunikation eng mit einer politischen und ökonomischen Potenz verbunden. 

Okkupation des Stadtraumes

Graffiti und Streetart können da ein Gegengewicht bilden. Der New Yorker Graffitimaler Ramm.el:zee beschrieb bereits in den 1980er Jahren die verschlungenen und oftmals nur mit Mühe zu entziffernden Schriftzüge der Sprüher als ein Mittel der Umkehrung etablierter Hierarchien in der Gesellschaft. Die durch eine von Entscheidungsprozessen ausgeschlossene Minderheit im Stadtraum angebrachten Zeichen stellen die Mehrheitsgesellschaft vor ein Rätsel, da diese die demontierte Schrift nicht zu lesen vermag und somit von deren Verständnis ausgeschlossen bleibt. Diese Form der Drehung des bestehenden Machtgefüges um 180° lässt sich im selben Maße auf die Vereinnahmung der Stadt übertragen. 

Die Protagonisten des Graffitiwriting und der Streetart bespielen mit ihren Werken offene Räume des urbanen Umfeldes, die von der Stadtplanung in keiner Weise als öffentliche Räume konzipiert wurden. Nichträume schlechthin, wie Bahnlinien, Abrissgelände, Unterführungen, Brücken, Brachflächen und dergleichen mehr, werden von den Künstlern belebt und damit erst zum öffentlichen Raum - öffentlich im Sinne einer Nutzung durch Bevölkerungsteile bei gleichzeitiger fehlender (beziehungsweise vernachlässigter) staatlicher und ökonomischer Kontrolle. Diese Erschließung ist jedoch meist temporär, bedingt durch unterschiedliche Faktoren wie Neubebauung, einsetzende staatliche Kontrolle oder ganz einfach durch die Entdeckung neuer Malflächen durch die Künstler selbst.

Durch diese Form der nicht-politischen und nicht-kommerziellen Landnahme werden zuvor unbeachtete Nichträume in sozial relevante Orte transformiert. Die Betonung liegt hier auf dem Gegensatz zur politischen und kommerziellen Landnahme. Diese geschieht unter staatlicher oder ökonomischer Autorität. Die Graffitiwriter und deren Schriftzüge eignen sich den städtischen Raum in zweierlei Formen an. Zum einen ist dies die tatsächliche physische Präsenz des Malers an einem Ort, der im Normalfall weitestgehend ignoriert wird. Die Rede ist hier von solchen Räumen, die regelmäßig durch die Maler frequentiert und bespielt werden. Deren Anwesenheit belebt den Ort und kann mitunter das Interesse weiterer Besucher wie Freunde, Zuschauer, interessierte Betrachter und bisweilen sogar der Medien auf sich ziehen kann. Die zeitlich eingeschränkte körperliche Anwesenheit des Malers wird durch die von ihm hinterlassenen Schriftbilder visuell manifestiert. Der Schriftzug tritt als Repräsentant seines Urhebers auf und zeigt allen sichtbar: „Ich war hier“.

Der öffentliche Raum ist nicht nur in China vornehmlich ein Ort des Konsums. Die visuellen Attribute der Stadt fordern größtenteils zum Kauf auf und liefern Produktinformation. Die Graffitiwriter lehnen dies ihrerseits nicht bewusst ab. Allerdings bewerben sie durch ihre Werke nur ein einziges Subjekt: die eigene Person.

Mit der fortschreitenden Technisierung der Moderne verlagert sich die öffentlichen Kommunikation zunehmend vom städtisch-architektonischen Raum der Stadt in den der neuen Medien, allen voran das Internet. In diesen Medien findet Öffentlichkeit im Sinne von Partizipation einer breiten Bevölkerung statt. Die Bedeutung des materiellen Stadtraumes als Kommunikationsträger schwindet damit. Die Kunst der Straße dagegen ist ohne diesen undenkbar. 

Die neue Generation der chinesischen Graffitimaler hat mit einer gezielt gesellschaftlichen Aussage im Sinne Zhang Dalis Dialogue-Serie wenig gemein. Ästhetik und Kreativität in der Gestaltung sind die Kriterien, nach denen sie ihre Werke schaffen und beurteilen. Indem diese Bilder jedoch einen Platz in der Stadt für sich behaupten, der ihnen ursprünglich gar nicht zugestanden wurde, und mit deren steter Betonung des individuellen „Ich“ bleibt der Akt des Malens selbst relevant und zeigt immer wieder aufs Neue, wem die Stadt gehört.