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Fokus: Sex! Sex? Sex …
Die Ära postrevolutionärer Sexualisierung

Illustration: Chris Warner-Coburn
Illustration: Chris Warner-Coburn

Gegenwärtig vollzieht sich in der chinesischen Sexualkultur ein radikaler Umbruch. Allerdings äußert sich dieser Wandel nicht als sexuelle Revolution.

Von Pan Suiming (潘绥铭)

Wollte man den Wandel der Sexualkultur allein auf individuelles Verhalten, auf die Moral oder irgendeine geistige Strömung zurückführen, wäre das wenig überzeugend. Vielmehr muss der Sex als eine elementare und notwendige menschliche Handlung innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Systems betrachtet werden. Dabei kann die moderne chinesische Sexualkultur in ihrer Genese und Entwicklung in vier Phasen unterteilt werden.

Der Wandel der Sexualkultur

Die erste Phase setzte mit der Gründung der Volksrepublik ein. Hinsichtlich der Sexualgesetzgebung zeigte sich, dass man im Neuen China den in der Republikzeit eingeschlagenen Weg der Christianisierung, vor allem in drei Punkten nicht weiter verfolgte: Erstens wurde in der Volksrepublik Ehebruch nicht zur offiziellen Straftat erklärt, während dieser in der tausende Jahre alten christlichen Tradition monogamer Ehe strafrechtlich sanktioniert worden war. Schließlich hatte man in China auch gerade erst das über zwei Jahrtausende währende System polygamer Ehe, bei der ein Mann mehrere Frauen haben konnte, abgeschafft. Zweitens wurde Homosexualität formell nicht unter Strafe gestellt, denn während die gleichgeschlechtliche Liebe im Christentum als ein „Vergehen gegen Gott“ betrachtet wurde, war der chinesischen Kultur solch ein Gedanke fremd. Drittens gab es keine im Gesetz verankerte Sanktionierung „anormalen Sexualverhaltens“ wie im Christentum, welches Verbindungen zwischen dem Sexualleben der Menschen und dem religiösen Glauben herstellte. Der Konfuzianismus hingegen hatte per se niemals konkrete sexuelle Verhaltensregeln definiert. Auch wenn diese drei Grundsätze in der Praxis der Rechtsprechung, insbesondere während der Kulturrevolution, häufig gravierend verletzt werden sollten, eröffneten sie dem nationalen Rechtssystem doch Spielräume für zukünftige Veränderungen. Außerdem unterzog die chinesische Regierung die verschiedenen religiösen Organisationen zu Beginn der Volksrepublik auf allen Ebenen einer grundlegenden Reform. Unter der Parole, „den feudalistischen Aberglauben austreiben“ (破除封建迷信), wurde jeglicher Volksglaube zersetzt, was zur Folge hatte, dass man de facto auch der sexuellen Tabuisierung die institutionelle Grundlage entzog.

In der zweiten Phase, während der Kulturrevolution, trieb man die „Kultur der Entsexualisierung“ auf die Spitze. Aber so wie die Sexualmoral eng mit den politischen Kämpfen der damaligen Zeit verknüpft war, sollte sie sich im weiteren Verlauf auch ganz natürlich den veränderten politischen Verhältnissen anpassen. Außerdem musste dieser Irrsinn irgendwann ein Ende finden; und so erwachte man nicht nur aus einem Albtraum, die Kritik an der vorangegangenen Asexualität wurde auch zu einem wichtigen Movens bei der Reform der Sexualkultur.

Nach der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik setzte die dritte Phase in der Entwicklung der modernen Sexualkultur ein. Die fundamentalste Veränderung war dabei unbestreitbar die Ein-Kind-Politik. Sie entkräftete die Theorie von der „Sexualität zum alleinigen Zweck der Reproduktion“ von Grund auf und beförderte den „sexuellen Hedonismus“. Außereheliche Aktivitäten gingen zwar erheblich zurück, weil man Angst hatte, dass möglicher illegitimer Nachwuchs bekannt würde, aber sexuelle Handlungen, die nicht der Fortpflanzung dienten (unter anderem Masturbation und Homosexualität) konnten nun objektiv als vernünftig angesehen werden.

Gegenwärtig befinden wir uns in der vierten Phase sexueller Veränderungen, einem Wandel der sich auf allen Ebenen der Gesellschaft vollzieht: Die Anerkennung der Privatsphäre hat dazu geführt, dass die öffentliche Gewalt mittlerweile nur noch lokal eingeschränkt und „undercover“ auftritt. Der Präzedenzfall für diesen Prozess wurde 2002 in der Provinz Shaanxi geschaffen, als ein Ehepaar verhaftet wurde, weil es in den eigenen vier Wänden Pornovideos anschaute. Nachdem die Medien berichteten, wie die Polizei die Wohnung gestürmt hatte, um das verheiratete Paar wegen Pornokonsums festzunehmen, kristallisierte sich im Zuge der öffentlichen Entrüstung ein allgemeiner Konsens heraus: die staatlichen Autoritäten dürften nicht willkürlich in die Privatsphäre eindringen. Die örtlichen Sicherheitsbehörden schienen diesen Grundsatz zu akzeptieren, denn sie entschuldigten sich und zahlten eine Entschädigung. Auch wenn seitdem die Gesellschaft immer lauter fordert, gegen außereheliche Affären, sexuelle Bestechung, Vergewaltigung in der Ehe oder sexuelle Belästigung vorzugehen, wurden diese Dinge formal weder gesetzlich verboten noch dem Zuständigkeitsbereich der öffentlichen Sicherheitsbehörden zugeordnet. Ganz im Gegenteil, auch der aktuelle Straftatbestand von „Unzucht in Gruppen“ wird in letzter Zeit mehr und mehr in Frage gestellt. Und obwohl Escort-Service, erotische Massagen und die Verbreitung von pornographischen Artikeln schon lange verboten sind, haben sie tatsächlich in den seltensten Fällen eine Bestrafung durch die öffentliche Sicherheit zur Folge. Selbst bei der Prostitution, die weithin als „großes Übel“ (洪水猛兽) verteufelt wird, ist die Zahl der Verhaftungen durch die öffentliche Gewalt von 240.000 im Jahr 2001 auf etwa 80.000 im Jahr 2008 zurückgegangen.

Der Wandel des Menschen

So wie sich einerseits alle Veränderungen des Sexualverhaltens sowohl auf die Sexualkultur als auch auf den Alltag der Menschen auswirken, so sind sie andererseits auch das Ergebnis individueller menschlicher Entscheidungen und wurzeln daher in den Veränderungen der Menschen selbst.

Entscheidend ist hierbei der Wandel bei den jüngeren Leuten. Ihre Generation, die als die sexuell aktivste gilt, wurde in die Ära der Reform- und Öffnungspolitik hineingeboren und erlebte ihre Adoleszenz in der Mitte der 1990er Jahre, als in China die sexuelle Revolution ihren Höhepunkt erreichte. Infolgedessen hat diese Generation bereits eine völlig andere sexuelle Prägung erfahren als ihre Eltern. Das zeigt sich in folgenden Aspekten: Erstens können die meisten von ihnen den Geist der sexuellen Askese während der Kulturrevolution nicht mehr nachvollziehen und noch weniger können sie sich vorstellen, danach zu leben. Die konfuzianische Sexualphilosophie aber scheint ihnen in noch märchenhaftere Sphären entrückt. Zweitens war die sexuelle Revolution der 1980er und 1990er Jahre mehr destruktiv als konstruktiv und hat bei ihren Eltern Unsicherheiten über die geltende Sexualmoral hinterlassen. Deshalb wurde der jungen Generation in ihrem Heranwachsen selten eine uniforme und konsequente sexuelle Erziehung zuteil. Drittens geht es im Leben der jüngeren Generation immer weniger um die Befriedigung existentieller Bedürfnisse, sondern immer mehr um Konsum. Sie sind in einer Informationsgesellschaft aufgewachsen, die übersättigt ist mit Pornofilmen und Realbeispielen sexuellen Verhaltens, in einer kulturellen Atmosphäre, in der unter dem gesellschaftlichen Konkurrenzdruck verstärkt ein dezidierter Egoismus um sich greift. Ihre Sexualkultur steckt in einem Dilemma: Es gibt weder Vorbilder noch Feindbilder, weder die Obhut der Gesellschaft noch persönliche Ideale, weder ein Gefühl der Unterdrückung noch der Freude. 

Entscheidend war auch der Umbruch bei den sozialen Geschlechterrollen. Das Coming-out der Homosexuellen stellte sämtliche existierende Konzepte und Konnotationen von Sexualität auf den Kopf. Obwohl der Akt, sich offen zu der eigenen Homosexualität zu bekennen, einer Revolte gegen die „heterosexuelle Hegemonie“ gleich kam, ging es dabei letztlich vor allem um Gleichberechtigung. Für die Heteros allerdings geriet die Welt aus den Fugen. Auf der Suche nach einer Beziehung oder einem Ehepartner und sogar einem One-Night-Stand, müssen sie nicht allein in Erwägung ziehen, dass der andere homosexuell sein könnte, sondern auch bisexuell, transsexuell, transgender, Transvestit oder anderes. Folgerichtig blieb eine neue sexuelle Revolution aus, es gab schlichtweg keinen Bedarf dafür. Jegliche Parolen und Maßnahmen einer oktroyierten Sexualmoral waren bereits ausgehöhlt worden, man hatte sie diskreditiert und ad absurdum geführt.

Die heimlichste, wenn auch ebenso wichtige sexuelle Veränderung vollzog sich hingegen in den Betten. Der Wandel der Menschen manifestiert sich in der Verschiebung vom „Geschlechtsverkehr“ hin zum „Liebesspiel“. Während sich ersterer auf alle Tiere angefangen von Insekten bis hin zu Säugetieren anwenden lässt, resultiert letzteres aus dem Fortschritt der menschlichen Zivilisation. Nachdem sich die Chinesen über die letzten Jahre mit scheinbar unbegrenzten Liebestechniken auseinandergesetzt haben, kann es nicht mehr bei einer intakten und konformen Vorstellung über den Sex bleiben, und sei es auch nur über den, der sich in den Schlafzimmern abspielt. Die Idee darüber, was Sexualität ist, zerfällt in ein weites Spektrum an Aktivitäten, die sich weder kategorisieren noch zählen lassen.

Die Ausdehnung der Sexualität

In den letzten Jahren hat sich die Sexualkultur in nie dagewesener Weise ausgedehnt: Der sogenannte „intime Konsum“ (Verhütungs- und Potenzmittel sowie die Körperpflege von der Fußmassage bis zur Kopfwäsche) hat Hochkonjunktur; im Internet erleben Liebe und Sex eine rasante Entwicklung; „sichtbarer Sex“ (Sexvideos und erotische Fotos) sind mittlerweile sehr verbreitet und immer mehr Chinesen benutzen Sexspielzeug. Heute bedeutet der Wandel der Sexualkultur nicht nur ein Mehr an Sex, sondern vor allem die Ausdehnung des Sexuellen. 

Kurzum: Der Wandel der Sexualkultur war in den letzten Jahren mehr als eine Revolution. Sie entwickelt sich hin zu mehr Diversität, und das, weil die Chinesen selbst mehr Pluralität wagen

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