Bildende Kunst und Design Schriftzeichen und Urheberrecht

Das Schriftzeichen „Fu“ Glück in unterschiedlichen Stilen
Das Schriftzeichen „Fu“ Glück in unterschiedlichen Stilen | Foto: Zhang Yanlin © ImagineChina

Eine Schrift zu entwerfen und für den Gebrauch in Textverarbeitungsprogrammen zu digitalisieren, ist ein zeitaufwändiges Unterfangen. Umso wichtiger ist es, diese Leistungen zu schützen.

Der folgende Artikel wurde erstmals am 24. Mai 2012 bei Southern Weekend veröffentlicht. 

Seit dem Jahr 2004 betätigte sich der 50-jährige, körperlich behinderte Bauer Cui Xianren (崔显仁) als Straßenkünstler, indem er mit bunter Kreide selbst gestaltete Schriftzeichen auf das Straßenpflaster kalligraphierte und dafür Spenden von Passanten annahm. Im Laufe der Zeit brachte er es damit auf ein monatliches Einkommen zwischen 700 und 800 Yuan. Durch ein über einen Mikroblog im Internet hochgeladenes Foto, das ein Freund von ihm aufgenommen hatte, machten ihn im Oktober 2011 die Angestellten der Firma Founder Type in Qingdao ausfindig. Sie boten ihm 50.000 Yuan dafür, dass er 1.000 Schriftzeichen schrieb – denn so einen Stil wie seinen hatten die Leute von Founder Type noch nie zuvor gesehen.

Die 1.000 von Cui entworfenen Zeichen wandelte Founder Type zunächst in eine Computerschrift um und entwarf weitere 5.763 Schriftzeichen: insgesamt 6.763 chinesische Zeichen und somit alle gängigen Schriftzeichen, die auch im nationalen Normsatz für vereinfachte chinesische Schriftzeichen von 1980 (GB 2312-80) enthalten sind. Schließlich wurde unter dem Namen „Founder Xianren Simplified“ eine neue Schriftart auf den Markt gebracht.

„Ach, auch mit Schriftarten kann man Geld verdienen!“, lautete die erste Reaktion von vielen Internetanwendern, als diese Geschichte die Runde machte. Dabei klang vor allem Überraschung durch: „Oh, auf Schriften gibt es auch ein Copyright!“ Die paar Prozesse, die Founder Type zuvor um das Copyright von Zeichensätzen geführt hatte, waren dem Unternehmen von vielen Leuten als „pure Raffgier“ ausgelegt worden. Dabei kann im Typografie-Gewerbe von Raffgier nun wirklich keine Rede sein, es ist vielmehr so, dass die Branche bereits stark geschrumpft ist und nur die wenigsten Schriftdesigner von ihrem Beruf leben können.

Am 23. April 2012, nur eine gute Woche, nachdem die Nationale Copyrightbehörde die Öffentlichkeit zu ihrer Meinung zum „Copyright-Gesetz der Volksrepublik China“ in seiner neuen Fassung befragt hatte, starteten Schriftfirmen gemeinsam mit der Chinese Information Processing Society of China eine Rechtsschutzinitiative für die Branche. Man rief dazu auf, den Rechtsschutz des Schriftdesigns über zwei Wege zu realisieren: Zum einen sollte das Schriftdesign im Copyright-Gesetz eindeutig als künstlerisches Werk deklariert werden; zum anderen sollte klargestellt werden, dass eine Schrift auch ein Computerprogramm ist.

Kunst oder Computersoftware?

Doch was macht es für einen Unterschied, ob man eine Schrift als Kunstwerk oder als Computerprogramm schützt?

Im Jahr 2008 entdeckte Founder Type, dass der US-amerikanische Konzern Procter & Gamble die zwei chinesischen Schriftzeichen „ 飘柔“ (piaorou: „weich und geschmeidig“) der Schriftart „Founder Crude Qian Simplified“ auf einer Flasche Shampoo benutzt hatte, ohne dafür einen Cent zu zahlen. Founder Type ging vor Gericht und verklagte Procter & Gamble auf 500.000 Yuan Entschädigung. 2011 verlor Founder den Prozess in zweiter Instanz. Die Urteilsbegründung der ersten Instanz hatte gelautet, dass die Schrift „Founder Crude Qian Simplified“ nach dem Copyright-Gesetz zwar den Ansprüchen eines Kunstwerks genüge und als Ganzes geschützt werden könne, die einzelnen Schriftzeichen des Fonts allerdings nicht unter den Rechtsschutz eines Kunstwerks fielen. Im Urteil der zweiten Instanz umging man die Frage, ob es sich bei einzelnen Zeichen um Kunstwerke handelt. Man befand, dass Procter & Gamble im „stillschweigenden Einverständnis“ von Founder Type gehandelt habe.

Huang Xuejin (黄学钧), stellvertretender Geschäftsführer von Founder Type, bezeichnet die Rechtslage in der Schriftbranche schlichtweg als „chaotisch“. Die Prozessurteile über Rechtsverletzungen bei Fonts folgten keiner einheitlichen Logik, sie widersprächen sich sogar.

Dem einzelnen Schriftzeichen, dem Schrifttypensatz und der Fontsoftware stehen auf der anderen Seite jeweils das Kunstwerk, die Datenbank und das Computerprogramm gegenüber, dabei hängt alles zusammen: Die einzelnen Schriftzeichen werden von Schriftdesignern Stück für Stück gezeichnet, dieser Prozess des Zeichnens entspricht der Schöpfung eines Kunstwerks; für einen Schrifttypensatz werden die gezeichneten Glyphen, also die grafischen Darstellungen eines Schriftzeichens, dann in einer Kombination aus Computercodes und Dateien umgesetzt; die Fontsoftware wiederum entspricht einer Reihe von Befehlscodes, die es dem Anwender ermöglicht, den Font mit den einzelnen Schriftzeichen anzuzeigen und anzuwenden. Die Verbindung zum Kunstwerk und dessen Anwendung liegt also in der Nutzung der Fontsoftware, über die man am Computer Schriftzeichen anzeigen und auswählen kann.

So gesehen, fällt in einem Schrifttypensatz die Arbeit von zwei Spezialisten zusammen: Der künstlerische Akt des Schriftdesigners und die Programmierung des Computerprogrammierers.

Sollte die Typografie nicht als eine künstlerische Schöpfung geschützt werden, können die Rechte der Schrifterfinder nicht garantiert werden und es werden sich keine Designer mehr finden, die bereit sind, sich Schriften auszudenken; und sollten Fonts nicht als Computerprogramme geschützt werden, wird der Arbeit der Programmierer nicht der gebührende Rechtsschutz zuteil und niemand wird mehr dazu bereit sein, die Schriften der Designer zu einer Software zu entwickeln, die von der Allgemeinheit genutzt werden kann.

So hat das „Piaorou-Urteil“ die gesamte Typografie-Branche bis ins Mark erschüttert. Viele Schriftunternehmen sehen schwarz und meinen, dies könnte dem ohnehin schon stark um sich greifenden Usus der Schrifttypen-Piraterie weiter Vorschub leisten. Einige lamentieren sogar, damit sei der „Tod des Schriftdesigns“ besiegelt.

Der Grafikdesigner Ying Yonghui (应永会) gilt innerhalb der Schriftbranche als „Kleinunternehmer“. 2005 hatte er im Internet bei der japanischen Schriftfirma Kinkido Type Laboratory einen Font mit den von ihm geliebten klassischen chinesischen Schriftzeichen entdeckt. Ying Yonghuis Interesse war geweckt und er begann, das Design von Schriftzeichen zu erforschen.

Die Vielfalt und Ästhetik japanischer Schriftarten sind unter chinesischen Typografen und Grafikdesignern kein Geheimnis. Im Zeichensatz des japanischen Industriestandards JIS sind auf Level eins und zwei über 6300 gängige Kanji-Zeichen enthalten, ähnlich wie im GB 2312-80 der gängigen chinesischen Schriftzeichen. Allerdings gibt es bis heute nur 421 chinesische Schriftfonts im Vergleich zu 2.973 japanischen.

Die 1990er Jahre waren die goldene Ära des chinesischen Schriftdesigns. Da in der Drucksatztechnik ein neues Zeitalter anbrach, herrschte auf dem Markt eine enorme Nachfrage nach Computerschriften. In ganz China gab es nur ein paar Dutzend mehr oder weniger große Schriftenhersteller, wobei die einzelnen Firmen damals unterschiedliche Systeme für den Drucksatz benutzten. Founder Type hatte etwa ein Drucksatzsystem für Zeitungen und die China Academy of Printing Technology eines für Bücher. Aufgrund der technischen Grenzen waren die einzelnen Systeme untereinander nicht kompatibel, weswegen jede Firma nur die Entwicklung der eigenen Fonts vorantrieb. Die Anzahl der Fonts für die chinesische Schrift wuchs in dieser Zeit von 100 auf 130.

Nachdem die Kompatibilitätsprobleme der Fonts behoben und die Programmierungscodes von Schriftdesign entschlüsselt waren, waren auch die Schriftpiraten schnell zur Stelle. 2003 ging Founder Type wegen seines Fonts „Orchid Pavilion“ erstmals juristisch gegen die Raubkopierer vor. Auch zuvor war Piraterie innerhalb der Schriftbranche keine Seltenheit gewesen, aber die kleineren Schrifthersteller wehrten sich fast nicht.

Die Schriftpiraten bedrängten die Typografie-Branche dermaßen, dass von ein paar Dutzend Schriftunternehmen schließlich nur noch eine Handvoll übrig blieb. Auf ein nennenswertes Produktionsvolumen brachten es überhaupt nur Founder Type und Hanyi. Die 1993 gegründete Firma Hanyi brachte 1995 die ersten 56 chinesischen Fonts auf den Markt und wurde damit zum seinerzeit größten Unternehmen für chinesische Schriften in Asien. 2002 hatte sich Hanyi auf 130 Fonts gesteigert, aber seit 2002 hat die Firma keinen einzigen neuen Schrifttypensatz mehr auf den Markt gebracht. In den letzten zehn Jahren hat kaum mehr ein Kunde freiwillig eine Copyrightgebühr an Hanyi gezahlt.

Jedes Schriftzeichen ist handgemacht

„Niemand vermittelt den Menschen, dass eine Schrift auch geistiges Eigentum ist, das geschützt werden sollte“, meint Huang Xuejin. „Einerseits möchte man, dass die Designer sich noch mehr Schriften ausdenken, um unser Leben zu bereichern und die Städte schöner zu machen, andererseits will man sie nicht dafür bezahlen. Im Ausland hingegen ist die Vorstellung, dass eine Schrift auch Geld kostet, bereits weit verbreitet.“

„Jedes Schriftzeichen entspricht einer eigenen Type. Es sind insgesamt 6.736 chinesische Schriftzeichen, die Zeichen für Zeichen erstellt werden müssen“, erklärt Zhu Zhiwei (朱志伟), Chefdesigner von Founder Type im Interview mit Southern Weekend. Der im Verlagswesen gebräuchliche Standardfont GBK umfasst sogar 21.003 chinesische Schriftzeichen. Der bekannte japanische Schriftdesigner Isao Suzuki (铃木功) und seine zwei Assistenzdesigner hatten ein Jahrzehnt gebraucht, um den „AXIS Font“ nach dem Modell einer mingzeitlichen Schrift zu entwickeln. 

Der Grafikdesigner Guang Yu (广煜) wurde von Founder Type beauftragt, den Font „Basic Pixel“ zu entwerfen. Mithilfe von Photoshop zeichnete er 607 Zeichen, die beinahe alle Radikale und Strichbestandteile chinesischer Zeichen beinhalten. Auf Grundlage dieser 607 Zeichen erstellten die Angestellten von Founder Type die restlichen gut 6.000 Zeichen, die wiederum Guang Yu zur Überprüfung vorgelegt wurden. So arbeitet man Hand in Hand.

Sobald alle digitalen Schriftzeichentypen einen fertigen Entwurf haben, müssen die Zeichen kodiert werden, wobei jedes Schriftzeichen seinen eigenen Code erhält. Anschließend werden die codierten Schriftzeichen in einen Vektorfont umgesetzt, der garantiert, dass die Zeichen frei skaliert werden können, ohne dabei verzerrt oder unscharf zu erscheinen. Dieser Prozess dauert noch einmal ein Jahr, bis schließlich die Software für den Font erstellt werden kann. Seitdem Guang Yu mit dem Design von „Basic Pixel“ für Founder Type begann, sind drei Jahre vergangen. Bis heute ist die Schrift noch nicht erschienen.

Wenn die Schrift einmal veröffentlicht wird, wird Guang Yu als Designer nicht nur das Recht auf seine Namensnennung als Urheber haben, sondern auch 30 Jahre lang zu 10 Prozent an allen Gewinnen beteiligt werden, die sich aus dem Verkauf der Schrift oder aus Rechtsklagen ergeben. Bei dem Font „Founder Xianren Simplified“ hingegen fließen für 50 Jahre nach dessen Veröffentlichung sämtliche Gewinne aus dem Verkauf der Schrift an den Bauern Cui Xianren. Founder Type möchte den Bekanntheitsgrad dieser Geschichte dazu nutzen, einer breiteren Öffentlichkeit den Wert von Schriftdesign nahe zu bringen. Den Menschen soll bewusst werden, dass Kreativität das Leben und Schicksal eines Menschen verändern kann, allerdings nur dann, wenn die Rechte des Urhebers umfassend geschützt werden. 

Founder Type, der gegenwärtig größte Schriftenhersteller in China, stützt sich auf zwei Haupteinnahmequellen. Erstens zahlt die Nachrichten- und Verlagsbranche für die Nutzung der Fonts. Größere Medien verwenden über hundert Fonts von Founder Type und zahlen dafür pro Jahr 50.000 Yuan Gebühren; Zeitungen mit relativ geringer Auflage bringen jährlich immerhin 20.000 Yuan ein und auf Zeitschriftenverlage entfallen 20.000 Yuan pro Jahr. Bei Büchern wird pro Titel eine Autorisierungsgebühr von 500 Yuan bezahlt oder der Verlag erwirbt eine komplette Lizenz, bei der sich der Preis nach der Anzahl der erscheinenden Titel bemisst. Das zweite sind Konzerne wie Microsoft, Samsung, Coca-Cola oder der Molkereiriese Yili, die Vollmachten über die Nutzung von Fonts erwerben. Beide Anteile machen etwa 50:50 der Einnahmen aus, letztere bringen etwas mehr.

Founder Type vertreibt die Fontsoftware darüber hinaus auch an private Nutzer, aber da sich die Gewohnheit des Raubkopierens hartnäckig hält, sind die Einnahmen aus diesem Segment beinahe zu vernachlässigen. Gibt man in der Suchmaschine Baidu „Download Founder Crude Qian Simplified“ ein, bekommt man über 2,5 Millionen Antwortseiten. Die Unternehmen haben kaum eine Möglichkeit, ihre Rechte zu schützen.

Im Vergleich dazu liegen die Einnahmen der amerikanischen Firma Monotype in diesem Jahr bei über 100 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen ist mittlerweile an der NASDAQ gelistet. Momentan hat Monotype übrigens auch über hundert Fonts für chinesische Lang- und Kurzzeichen in seinem Sortiment.