Fokus: Auszeit Den Stecker ziehen

Mischpult

Mitten im heißgelaufenen Kulturbetrieb der Stadt kommt plötzlich dieser Cut mit der beginnenden Ferienzeit, und schon befinde ich mich mit allen anderen im Sommerloch! Das ist auch der Startschuss für meine eigene Auszeit in den Bergen Südfrankreichs.

Mitte des Jahres in Düsseldorf. Die musikalischen Projekte haben sich entwickelt, das nervöse Erwarten möglicher Aufträge ist einem beruhigenden Flow von Aktivität gewichen. Das Jahr ist überschaubar geworden.

Der Sommer hält Einzug

Mit den steigenden Temperaturen wächst die Lust, rauszugehen, ein bisschen am Kulturbetrieb der Stadt teilzuhaben. Im Winter fällt das Mobilisieren schwer, aber das Leben findet wieder mehr und mehr draußen statt, und mit dem Rad ist man hier sehr schnell am Ziel. Da lässt die Konzentrationsfähigkeit für die eigene Arbeit schnell mal nach. Und doch ist all dies ein gewünschter und unerlässlicher Input. Alles fließt auf unbestimmte Art mit in die eigene Arbeit ein. Mit Konzerten im Salon des Amateurs oder der Kit Bar, der Düsseldorf Quadriennale, Ruhr Triennale, dem Open Source Festival, etc... lässt sich der Sommer auch hier in NRW ganz gut aushalten.

Der Break

Dann der Cut. Oder eigentlich eher ein Fade Out mit dem Beginn der Ferienzeit: Noch ein Konzert, noch ein paar neue Skizzen für das eigene Projekt, die letzten Vorbereitungen für anstehende Herbstproduktionen, und auf einmal mehren sich die automatischen Antworten mit Abwesenheitsnotizen auf E-Mails und die Vertröstungen durch Anrufbeantworter werden häufiger. Die organisatorischen Fragen, die noch geklärt werden sollen, bevor auch ich einige Zeit weg bin, erzeugen immer eine gewisse Unruhe, aber ich tröste mich mit der Sicherheit darüber hinweg, dass auch mein Büro mal unbesetzt bleiben darf – ohne, dass die Welt untergeht.Und schon befinde ich mich gemeinsam mit allen anderen im Sommerloch. Nach der virilen Zeit davor nun der seltsame kulturelle Stillstand, das Innehalten? Urlaubszeit. Da fahren die Veranstalter alles runter und die Menschen gerne weg. Auch ich werde nicht hierbleiben. Drei Wochen lang ist meine Produktionsstätte außer Betrieb. Doch bevor die Stecker gezogen werden, will immer noch was erledigt werden und so stolpere ich gerne mal, noch in voller Fahrt, in die eigene Auszeit hinein.

In der Auszeit

Diese schickt mich mit der Familie auf den Weg in und durch die Pyrenäen. Erst zum Mittelmeer, dann durch die Berge bis zum Atlantik. Der Hund muss hierbleiben, die Freunde kommen mit. Camping und seit Jahren schon: Frankreich. Das ist der Plan, Details finden sich. Zelt, Schlafsäcke und das Kletterequipment für Sport- und Mehrseil-Routen sind im Gepäck. Camping. Möglichst fern von touristischer Verdichtung.

Nach ein paar Tagen sind die Gedanken an die (liegengebliebene) Arbeit erfahrungsgemäß verpufft, aber Wifi ist trotzdem immer willkommen. Nicht nur zum Eruieren der regionalen Bergwege.

So manch erfreuliche Nachricht oder Dringlichkeit kommt dann doch genau in dieser Zeit an. Totale Abschottung kann ich mir nicht erlauben. Deshalb bleibe ich im Stand-by-Modus.

Und so mäandern die Tage dahin, und alles bekommt langsam seinen eigenen, sehr angenehmen Rhythmus.

Und für die Ohren, dem wichtigsten Instrument bei der täglichen Arbeit mit Sound, ist das dreiwöchige Dasein in der Natur die ideale Erholung. Stille, gerade in den Bergen, ist ein so seltenes Gut, dass man zunächst fast verwirrt ist von dem fehlenden Grundsound der städtischen Umgebung. Da schwillt das Grundrauschen in den eigenen Ohren erst mal zur selbst mitgebrachten Lärmbelästigung an. Aber der Fokus verändert sich und der Effekt nimmt ab, sobald der Stress, der noch in den Knochen sitzt, abgeschüttelt ist.

Musikhören bekommt hier plötzlich einen anderen Stellenwert. Insgesamt brauche ich die sowieso kaum, zumal urbane Musik in dieser Umgebung nicht gut funktioniert, allenfalls, um mal einen Kontrapunkt zu setzen. Aber die meisten Playlisten auf dem iPhone bleiben ungehört, und wenn mal Musik da sein soll, dann in erster Linie auf den Autowegen. Der analytische Blick verliert seinen Stellenwert und wird ersetzt durch eine fast filmmusikalische Untermalung der eigenen Bewegung in der Welt. Ein reiner Wohlfühlfaktor.

Die Wirkung der Berge

Stadt – und vor allem deren Soundkulisse – kann ich jetzt nur noch in minimalen Portionen vertragen. In der Abgeschiedenheit der Berge fühle ich mich wohler. Dörfer mit einer übersichtlichen Zahl von Cafés oder Bars sind zwischendurch allerdings willkommen. Ein paar Pastis wollen schließlich auch getrunken sein. Das Zelt wird eher im Grünen aufgeschlagen, am liebsten auf den unauffälligen und luxusfreien Campingplätzen. Und neben ein paar reinen Entspannungstagen ist Wandern und Klettern der Kern meiner Erholung. Als Frühaufsteher genieße ich vor allem die zwei bis drei Morgenstunden in der Natur. Da kreisen die Gedanken dann auch mal um musikalische Ideen. Und die euphorisierenden Gedanken und Pläne, die dabei entstehen, haben Raum zur Entfaltung. Da muss man auch mal die eine oder andere Skizze mit dem Telefon aufnehmen. Einige Cafés und hoffentlich viele berauschende Bergtouren später ist das Ende dieser Reise greifbar.

Und schon ist man wieder auf dem Rückweg. Mit den Bildern der letzten drei Wochen im Kopf, die dann langsam verblassen werden. Die Ohren sind wieder sensibilisiert für die musikalische Arbeit. Fast schade, dass sie sich bald wieder mit ganz anderem Material herumschlagen müssen. Da kommt immer wieder der Gedanke auf, ob es nicht erstrebenswert wäre, naturnäher zu leben. Aber ist urbane Musik möglich in einer so genügsamen Umgebung?

Thomas Klein, freischaffender Musiker, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Er spielt seit 20 Jahren in der international bekannten Elektronik-Band Kreidler, und betreibt diverse Soloprojekte wie Sølyst, fauna und Clyne. Er produziert Musik für Filme, Hörspiele und klangkünstlerische Arbeiten, in Kooperationen mit Künstlern wie Mischa Kuball und Dunja Evers und hat in diversen Schauspielproduktionen in Köln und Düsseldorf musikalisch mitgewirkt.