Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Fokus: Auszeit
Unter der Trauerweide

Trauerweide
Foto: Art G., CC BY 2.0, via flickr

Das sommerliche Lesen unter einer Trauerweide in einem Thermalbad im Dorf ihrer Kindheit: Für Terézia Moras Auszeit ist dieser Baum geradezu lebensnotwendig.

Von Terézia Mora

Meine Auszeit hat etwas mit Bäumen zu tun. Vor allem mit einem Baum: der riesigen Trauerweide auf dem Gelände des Thermalbades, in dem ich, seitdem ich ein Kind war, meine Sommer verbringe. Es gibt dort drei Trauerweiden, so groß wie drei Einfamilienhäuser, die herunterhängenden Zweige gerade abgeschnitten, so, dass ein erwachsener Mensch gerade noch darunter stehen könnte. Aber im Allgemeinen sitze ich. Wenn noch eine Bank frei ist, dann auf einer Bank, aber meist auf einer Decke auf dem schütteren Gras. Und dann lese ich.Ich habe das Privileg, dass all meine sogenannten Auszeiten im Sommer beinahe so lang sind, wie sie noch in meiner Kindheit waren, als ich noch Sommerferien hatte. Damals wie heute habe ich die Tage mit Lesen und Schwimmen verbracht, nur das Verhältnis hat sich umgekehrt: Heute lese ich mehr und schwimme weniger. Das Thermalbad hat zwei Becken, ein warmes (mindestens 38 Grad) und ein „kaltes“ (mindestens 28), und das ganze Dorf (700 Personen) hält sich irgendwann im Laufe des Tages in diesen beiden Becken auf. Da suche ich mir nicht immer einen Platz dazwischen. Meine Tochter vertritt mich, sie hat es leicht, sie ist erst sechs Jahre alt, sie kann den ganzen Tag schwimmen. Und ich sitze unter der Trauerweide und lese.

Die neuen ungarischen Bücher des Jahres erscheinen jeweils im April und im Juni, zu „Buchfestival“ und „Buchmesse“, im Juli komme ich dazu, setze mich unter die Trauerweide, und schaue mir an, „was sie gemacht haben“. Außerdem, da meine Mutter Mitglied in einem Buchclub im nahen Österreich ist, schaue ich mir an, was sie so in dem Buchclub lesen. Meist österreichische Literatur. Dann lese ich, was ich im Laufe des ersten Halbjahres von der deutschen und der internationalen Literatur versäumt habe zu lesen. Dann lese ich, was ich von den Klassikern bis heute nicht gelesen habe. Das ist im Grunde alles, was ich tue. Schreiben ist mir in Anwesenheit meiner Familie nicht möglich. Sie sagen, sie verstehen es, was es bedeutet, zu schreiben, was es dazu braucht an Abgeschiedenheit, aber selbstverständlich verstehen sie es nicht wirklich. In einem Haus, das drei Zimmer hat, in dem sich sechs Personen aufhalten, ist es schlicht und ergreifend unmöglich, einen Raum für sich allein einzunehmen.

Es ist mir noch nie gelungen, eine Tür länger als fünf Minuten geschlossen zu halten. Man muss sich das so vorstellen, wie in einem dieser Unterhaltungsfilme über chaotische italienische Familien, in denen – voller Herz natürlich, und umso lauter lärmend – jeder durch jeden hindurch rennt. Außer, dass wir Ungarndeutsche sind und schon sechs von uns ausreichen, dasselbe alles durchdringende Chaos zu erzeugen, wie die Film-Italiener zu zwölft. (So viel zu den Klischees. Die immer irgendwie zutreffen und gleichzeitig ist es immer genau andersherum.) In der Heldenerzählung über einen Schriftsteller/eine Schriftstellerin würde dann trotzdem eine/r dasitzen, mitten in Gerenne und Geschrei, und mit dem unermüdlichen Klappern einer mechanischen Schreibmaschine seinen/ihren Teil zur Kakophonie beitragen, aber im wahren Leben läuft das anders.

Auszeit heißt also vor allen Dingen: nicht zu schreiben. Aufzugeben, von vornherein. Zuzulassen, dass man vertrieben ist aus dem Innersten. Was natürlich nur geht, weil man weiß, dass diese Auszeit vorbeigehen wird, dass man wieder die Gelegenheit erhalten wird, zu schreiben. Man selbst sein. Gäbe es diese Chance nicht, müsste man sie sich nehmen – das heißt: die bestehende Konstruktion auflösen. Man müsste gehen. Und ich bin ja auch gegangen. Das ist jetzt ziemlich genau 25 Jahre her. Ich bin gegangen, um eine Tür länger als fünf Minuten geschlossen halten zu können. Zwei Stunden sind das Minimum. Darunter muss man nicht versuchen, so etwas wie einen Roman schreiben zu wollen. Dass man noch ein anderes Leben hat, ist die eine Voraussetzung, um den Chaosfilm, der Familienleben nun einmal ist, für die kurze Weile von fünf bis sechs Wochen jedes Jahr einfach mit sich geschehen zu lassen.

Die andere Voraussetzung ist die erwähnte Trauerweide im Thermalbad. Das Dorf, aus dem ich komme, ist klein und es hat kaum Felder, weil es anstatt der Felder eine Zuckerfabrik hatte, in dem beinahe die gesamte Dorfbevölkerung arbeitete. Für den Geruch der Silage und der Melasse, dem schlammfarbenen Rauch aus den Schornsteinen und dem gelblich-braunen Belag auf den Straßen, Zäunen und Hauswänden bekamen wir: gut asphaltierte Straßen, eine Straßenbeleuchtung, im Winter einen Schulbus, ein Kulturhaus, einen Fußballverein sowie, am wichtigsten: das Thermalbad. Die Fabrik sponserte das Bad, das kleine, dafür aber nahe und billige süße Leben für seine Arbeiter. All das geschah zu Zeiten des Kommunismus. Welcher nun seit 25 Jahren vorbei. Die Fabrik wurde dem österreichischen Besitzer zurückgegeben, der sie vor wenigen Jahren schließen ließ. Das Bad wird nun von der Gemeinde gesponsert, also: von uns selbst. Wir unterhalten unser eigenes Bad – und die Frage ist jedes Jahr, wie lange noch. Jedes Jahr lautet die spannende Frage: Wird das Bad im Sommer öffnen, werde ich unter der Trauerweide sitzen können? Sollte ich eines Tages nicht mehr unter der Trauerweide sitzen und lesen können, wird sich mein Leben im Sommer grundsätzlich ändern. Oder nicht. Vielleicht wird sich nur der Ort ändern. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mir einen anderen Baum suchen werde, unter dem ich diese fünf oder sechs Wochen jeden Tag einige Stunden relativ ungestört lesen kann. Wenn ich schon nicht schreiben kann, dann will ich wenigstens lesen können. Ein Leben ohne eines von beiden ist mir nicht einmal vorstellbar. Ich glaube nicht, dass ich das aushalten könnte. Jedenfalls nicht unter Wahrung meiner Gesundheit. Meine feste Überzeugung ist, dass Menschen wegen solcher Sachen, der Nichtverfügbarkeit eines Baumes, zu Sucht-/Betäubungsmitteln greifen.

Mein Traum für die Zukunft wäre, nicht nur im Sommer, sondern jeden Tag meines Lebens unter einem Baum zu sitzen. Ich würde nichts mehr wollen, weil ich nichts anderes mehr brauchen würde. Ich bräuchte auch keine Auszeit mehr. Es gäbe nur noch die Zeit. Sie wäre ganz und gar mein. Unter meinem Baum würde die Zeit ganz und gar die meine sein. Wenn mir das Schicksal gnädig wäre, würde ich unter diesem Baum sterben, mein letzter Blick würde in seine Krone fallen, oder, meinetwegen (falls ich nicht mit dem Gesicht nach oben läge) auf seine Borke, auf eine freiliegende Wurzel oder ein ebenfalls gefallenes Blatt. Soviel. Der Mensch, der keine Auszeit mehr braucht, weil er dort ist, wo er verweilen kann bis zum Schluss. Wenn ich daran denke, bin ich heute schon froh.

Die Schriftstellerin Terézia Mora wurde 1971 in Sopron in Ungarn geboren und wuchs zweisprachig ungarisch und deutsch auf. 1990 ging sie nach der politischen Wende zum Studium der Hungarologie und Theaterwissenschaft nach Berlin. Nach einer Ausbildung zur Drehbuchautorin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie dffb machte sie sich seit 1998 als freie Autorin einen Namen. Parallel ist sie seit vielen Jahren als Übersetzerin aus dem Ungarischen tätig. Terézia Mora arbeitet derzeit an dem dritten Band ihrer Trilogie um den IT-Spezialisten Darius Kopp, einer Fortsetzung der bereits erschienenen Romane Der einzige Mann auf dem Kontinent und Das Ungeheuer. Die mehrfach preisgekrönte Autorin wurde zuletzt 2013 mit dem Deutschen Buchpreis für ihren Roman ausgezeichnet.

 

Top