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Fokus: Mauern
Gated Communities – virtuelle Mauern

Gated Community, Abbotsford, British Columbia
Foto: Design Pics / Bert Klassen © Picture Alliance/DPA.

In vielen Ländern ziehen sich Wohlhabende in Gated Communities zurück. In Deutschland haben sich diese abgegrenzten Wohnanlagen bisher nicht durchsetzen können. Wieso ist das so?

Seit Ende der 1990er-Jahre Gated Communities vor allem in den USA aus dem Boden schossen, war bei vielen die Sorge groß, dass diese abgeschlossenen Wohnsiedlungen bald auch in Deutschland das Bild der Städte prägen könnten. Das Konzept wanderte jedoch zunächst vor allem in die aufstrebenden Entwicklungsländer: In den Metropolen Chinas, Indiens und Brasiliens lässt sich die Oberschicht gern in komfortablen Wohnanlagen einmauern, in denen oft private Sicherheitsdienste nach dem Rechten schauen.

In Deutschland hingegen haben sich Gated Communities bislang nicht wirklich durchsetzen können. Und die wenigen, die es gibt, tauchen als Symptom einer auseinanderfallenden Gesellschaft regelmäßig in Medienberichten auf: das „Arcadia“ in Potsdam, der „Marthashof“ im Berliner Innenstadtbezirk Prenzlauer Berg, die „Heine Gärten“ in Düsseldorf. Das liegt zum Einen daran, dass das allgemeine Sicherheitsgefühl im globalen Maßstab relativ hoch ist und sich Wohlhabende auch dann frei bewegen können, wenn sie nicht hinter hohen Mauern leben. Zum Anderen hat es aber auch damit zu tun, dass die Deutschen Öffentlichkeit und Gemeinwesen einen hohen Wert beimessen. Das schlägt sich auch im Stadtraum nieder: Wer sich für alle sichtbar einmauert und so aus der Allgemeinheit zurückzieht, verspielt viel soziales Kapital.

Demokratischer Stadtraum

Gerade in Berlin formiert sich regelmäßig lautstarker Widerstand, wenn Räume, die vorher jedem zugänglich waren, privatisiert und eingemauert werden, und nur noch denjenigen Zutritt gewähren, die es sich leisten können. Die meisten Berliner verstehen ihre Stadt als einen Raum, in dem sich die Menschen unabhängig von Kontostand, Herkunft oder Geschlecht begegnen können sollten. Im Sommer 2014 hat eine Bürgerinitiative eine Volksabstimmung über eine Bebauung des ehemaligen Flughafens Tempelhof mitten in Berlin erzwungen. Beim Urnengang hat sich schließlich eine Mehrheit dafür ausgesprochen, den riesigen Park unangetastet zu lassen, damit er weiter jedermann zugänglich bleibt.

Spätestens seit der gesamte Ostteil der Stadt vier Jahrzehnte lang eingemauert war, haben Mauern in der deutschen Hauptstadt einen schlechten Ruf. Bei einer Konferenz über Stadtplanung und Kapitalismus sagte der bekannte Architekt David Chipperfield im Frühjahr 2014: „Berliner haben eine sehr starke Vorstellung davon, wie ihre Stadt aussehen sollte. Wenn hier ein neues Hochhaus geplant ist, diskutieren die Medien das Projekt tagelang. Die Londoner bemerken neue Hochhäuser hingegen erst, wenn sie sie nicht mehr zählen können.“

Der Mensch ist ein Unterschiedswesen

Der renommierte Soziologe Georg Simmel hat den kommunalen Charakter des urbanen Raums in Deutschland schon 1903 in seinem Essay Die Großstadt und das Geistesleben beschrieben. Er war monatelang mit dem Notizblock durch Berlin gelaufen, das damals eine der größten und am dichtesten besiedelten Städte der Welt gewesen ist, und ist der Frage nachgegangen, wie all diese Leute es hier nur aushalten. Sein Befund: Der Großstädter hält sein wechselhaftes Umfeld nicht nur aus, er genießt es sogar und profitiert davon.

Der Mensch, so Simmel, sei „ein Unterschiedswesen“, dessen Geist von einem schnellen Wechsel der Eindrücke stimuliert werde: „Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens – stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewusstseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes.“

Unsichtbare Mauern

Das Leben in der Stadt erweitere schon deshalb den Horizont, weil man sich permanent zu verschiedenen Eindrücken, Meinungen, Weltbildern verhalten müsse. Das fördere Toleranz, den Austausch von Ideen und schließlich Innovation. Durch Gated Communities wird Lebensraum in der Stadt, ja das städtische Leben selbst, allerdings in ein Produkt umgewandelt, das sich zwangsläufig nur dann profitabel verkaufen lässt, wenn der Zugang begrenzt ist. Dazu muss man es mit Mauern umgeben und vermarkten. Die organische, soziale Entwicklung einer Stadt wird so unterbunden.

Neuere Studien zeigen nun, dass in Deutschland Mauern oft gar nicht unbedingt notwendig sind, um die gleichen Wohnbedingungen herzustellen, die in anderen Ländern Gated Communities bieten: Die Vermarktung, die städtebauliche Gestaltung und vor allem der Preis fungieren bei neuen, luxuriösen Wohnkomplexen sozusagen als virtuelle Mauern. Anders als konventionelle Gated Communities entstehen diese so genannten „Urban Villages“ oft nicht in suburbanen Gegenden, sondern in den Innenstädten und führen mittelbar zu einer „Verhäuslichung der Städte“: Die abgegrenzten Höfe sind friedlich, homogen und vorhersehbar. Gesellschaftliche Spannungen werden in dieser Arena nicht mehr ausgetragen.

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