Bildung „Anti-Parents“ – wieso Kinder ihre Eltern als „Plage“ bezeichnen

Newsgroup „Anti-Parents - alle Eltern eine Plage“
Newsgroup „Anti-Parents - alle Eltern eine Plage“ |

In einer chinesischen Internet-Newsgroup drücken junge Menschen ihren Unmut gegen ein veraltetes Bildungssystem und konservative Eltern aus. Der Autor wirbt für Verständnis für die Eltern.

Dieser Kommentar erschien erstmals im Juli 2010 bei www.eeo.com.cn (Economic Observer) 

Im Juli 2010 erschien in der Southern Weekend in großer Aufmachung ein Bericht, dessen Titel allein schon provozierte: „Die Post-80er Kids bezeichnen ihre nach 1950 geborenen Eltern als ‘Plage’“. Anlass des Beitrags war eine Newsgroup, die unter dem Namen „Anti-Parents - alle Eltern eine Plage“ (seit Januar 2008, Anm.d.Red) bei der chinesischen Online-Community Douban registriert ist.

Die Eltern der Mitglieder dieser Diskussionsgruppe sind überwiegend Grundschullehrer und in den Augen ihrer Kinder die „letzten Vollstrecker des verknöcherten staatlichen Erziehungsapparats.“ Ihre Kinder haben zwar „die beklemmende und langweilige Grundschulzeit hinter sich gelassen, und doch ist nicht daran zu denken, jemals aus der Obhut der Eltern entlassen zu werden.“

Der Zeitungsartikel löste große Diskussionen aus, denn dass man Eltern als „Plage“ beschreibt, ist für manchen schlichtweg unvorstellbar. Dabei handelt es sich bei diesen jungen Leuten meist keineswegs um pietätlose und kaltblütige Monster, sie greifen lediglich zu solch drastischen Worten, um ihren Widerstand gegen ein veraltetes Bildungssystem, ein erdrückendes familiäres Umfeld und gegen konservative Eltern auszudrücken. Doch verglichen mit einigen Vertretern der „Neuen Kulturbewegung“, die bereits über neunzig Jahre zurückliegt, ist diese „Rebellion“ der Jungen gegen ihre Eltern kaum der Rede wert.

Die „Neue Kulturbewegung“, gekennzeichnet durch den Ausbruch der „Vierten-Mai-Bewegung“ 1919, hatte sich „Antifeudalismus“, „Demokratie“ und „Wissenschaft“ auf die Fahnen geschrieben. Dabei war es ein wichtiges Anliegen des „Antifeudalismus“, sich gegen das feudale Familiensystem und den Kern dieser Ordnung zu wenden: Das Patriarchat, „Die Väter auf den Prüfstand zu stellen“, war damals das zentrale Thema vieler neuartiger literarischer Werke. Ba Jins (巴金) Roman Die Familie stieß bei unzähligen jungen Menschen auf Zustimmung. Dabei war es eigentlich Wu Yu (吴虞) gewesen, Ba Jins Lehrer während dessen Studiums in Chengdu, welcher dem Kampf gegen das „patriarchale“ Familiensystem an vorderster Front den Weg bereitet hatte. Wu Yu verurteilte die feudale Autokratie und das Sippensystem, in deren Zentrum die kindliche Pietät des Konfuzianismus stand, denn für ihn war die feudalistische Clanstruktur der Ursprung der Autokratie und also die Wurzel allen Übels. Sie galt es, ein für allemal umzustürzen und auszumerzen. Hu Shi (胡适) nannte ihn den „Straßenfeger der chinesischen Geisteswelt“, einen „alten Helden aus Sichuan, der den Konfuzius-Laden mit bloßen Händen zerschlug“. Nachdem das Verhältnis Wu Yus zu seinem Vater so unversöhnlich geworden war wie Feuer und Wasser, sprach er in seinen Tagebuchaufzeichnungen von jenem nur noch als dem „alten Teufel“, und als sein Vater schließlich das Zeitliche gesegnet hatte, schrieb Wu Yu seinen beiden Töchtern, die in einem Internat untergebracht waren: „...teile ich euch mit, dass der alte Teufel sich nun direkt in die Unterwelt begeben hat, um mich anzuschwärzen.“ Wie viel extremer ist das ausgedrückt als die Rede von der „Elternplage“.

„Selbst aus einer leidgeprüften Schwiegertochter wird irgendwann eine Schwiegermutter“ heißt es im Chinesischen, und auch der „alte Held des ‘Antifeudalismus’“ entging diesem traditionellen Schicksal nicht. Wu Yu war stets darum bemüht, das Leben seiner Töchter einschließlich ihrer Ehen zu kontrollieren, und so wurden die Gegensätze zu seinen Töchtern ebenso unüberbrückbar wie sie es einstmals zu seinem Vater gewesen waren. In seinem Tagebuch schrieb er über die Töchter, sie seien „wenig verständig und ihre Schriftsprache miserabel. Ich weiß nicht, was aus ihnen einmal werden soll, wenn sie mit diesem Niveau zum Studium nach Peking kommen, ich fürchte, sie werden mir nur zur Last fallen.“ Über sein Verständnis von elterlicher Liebe schrieb er: „Über eines bin ich mir im Klaren, lieber möchte ich andere betrügen, als dass andere mich betrügen; nicht nur Cao Mende (曹孟德, der als rücksichtslos bekannte General Cao Cao, Anm. d. Übers.) hat so gedacht, wahrscheinlich ergeht es den meisten Kindern auf der Welt so.“

Alle Kinder dieser Welt durchlaufen seelische Prozesse, die mit denen Wu Yus mehr oder weniger vergleichbar sind, nur sind die Konflikte nicht immer so heftig wie diejenigen, die Wu Yu mit seinem Vater und seinen Töchtern austrug. Die meisten Jugendlichen stören sich daran, dass ihre Eltern konservativ und altmodisch sind, doch sind sie selbst erst einmal Eltern, erscheinen sie ihren Kindern ebenso unaufgeklärt, ja unerträglich. Der Artikel in der Southern Weekend berichtet auch von Fang Xin (方馨), einem tragenden Mitglied der Gruppe „Anti-Parents“, die seit der Geburt ihrer Tochter den Großteil ihrer Energie in diese investiert. Ihre Mutter, die sie früher als furchtbar überfürsorglich empfunden hatte, behauptet heute von Fang Xin, „sie würde es doch genauso machen wie ihre Eltern und der armen Enkeltochter schon ganz früh die eigenen Idealvorstellungen überstülpen.“ Es gibt offensichtlich nichts Neues unter der Sonne, und die Geschichte von Wu Yu wiederholt sich Generation für Generation wieder.

Warum bringen es chinesische Eltern nicht fertig, ihren Kindern, wie es in westlichen Industrieländern wie England, USA oder Kanada üblich ist, volle Freiheit zu lassen, damit diese ihre natürlichen Anlagen entfalten und unbeschwert heranwachsen können? Es werden doch wohl kaum alle chinesischen Erziehungsberechtigten hartherzig veranlagt sein?

Geht man den Ursachen auf den Grund, so gilt es, abgesehen von der objektiven Tatsache, dass in China infolge der Überbevölkerung erbitterte Konkurrenz herrscht, außerdem festzustellen, dass zwar die Qing-zeitlichen Mandschu-Kaiser bereits vor einem knappen Jahrhundert abgedankt haben, sich aber in China bis heute kein Gesellschaftssystem mit einem fairen Wettbewerb und einem ausgereiften Rechtssystem etabliert hat, in welchem einerseits das Privatrecht umfassend geschützt und andererseits die öffentliche Macht effektiv begrenzt wären. Das Bildungssystem jedoch ist ein zentraler Bestandteil des gesamten Gesellschaftssystems und die exakte Verkörperung dieses Makrogefüges. Im Hinblick auf die Zukunft des Nachwuchses kommen die Eltern nicht umhin, ihr Kind in ein Korsett zu zwängen, damit es sich an die zahlreichen ungerechten und unmenschlichen, geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Gesellschaft gewöhnt. Das geht den Kindern nicht selten gegen die Natur, und so schlägt Liebe schnell in Hass um.

Die Mütter und Väter der Mitglieder von „Anti-Parents“ sind das Exempel par excellence. Unter ihnen sind Grund- und Mittelschullehrer, Krankenhausärzte, kleine Beamte oder untere Verwaltungsangestellte in Staatsbetrieben, die anders als die betuchten Reichen und Mächtigen nicht über die kapitalen Mittel verfügen, ihre Kinder über die vielen Begrenzungen des derzeitigen Systems hinwegzuheben, oder sie sogar kurzerhand ins Ausland schicken; andererseits geht es ihnen auch nicht wie den bedauernswerten Bauern und arbeitslosen Arbeitern, die zwar auch Wünsche und Träume haben, aber nicht in der Lage sind, ihren Kindern die notwendigen materiellen Voraussetzungen und Beziehungen zu bieten. Die Eltern aus der Mittelschicht hingegen haben die Unerbittlichkeit des gesellschaftlichen Wettbewerbs vor Augen und sind mit dem Katalog ungeschriebener Gesetze wohlvertraut. Niemals würden sie es zulassen, dass sich ihre Kinder wie die Motten ins Feuer stürzen, indem sie sich gegen ein an allen Ecken und Enden ungerechtes System auflehnen, und so können sie nur darauf hinwirken, dass sich der Nachwuchs anpasst. Sie sind sich wohl bewusst, dass es mit der sogenannten „Qualitätsbildung“, welche die ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit fördern soll, nicht weit her ist, und dass ihr Kind, sobald es auch nur einen Deut nachlässt, Gefahr läuft, bei der Prüfung zu einem höheren Bildungsweg eiskalt ausgemustert zu werden. Sie wissen, dass es sich vorteilhaft auf die Jobsuche nach dem Universitätsabschluss auswirken wird, wenn sie ihrem Kind noch zur Studienzeit zum Parteibeitritt verhelfen. Ihnen ist klar, dass ihr Kind am Arbeitsplatz vom Chef mehr Wertschätzung erfährt, wenn sie aus einem widerspenstigen einen angepassten und gefügigen Charakter gemacht haben. Welcher Vater oder welche Mutter würde es, solange sich das alles nicht grundsätzlich ändert, zulassen, dass das eigene Kind gleich den „Zehntausend Arten unter einem eisigen Himmel um die Freiheit kämpft“? Das beste Beispiel hierfür ist jene Fang Xin, die sich nach der Geburt der eigenen Tochter ihrer Mutter wieder annäherte. Warum nur lässt sie sich von einer Kommilitonin aus Hongkong Milchpulver per Express schicken? Weil sie vermeiden möchte, dass ihre Tochter durch mit Melamin gestrecktes Pulver Schaden nimmt. Warum nur möchte sie eine Wohnung im Schulbezirk kaufen, und tut alles dafür, dass ihre Tochter von der Grundschule bis zur Universität nur die besten Erziehungsanstalten in Peking besucht? Weil sie das Ungleichgewicht der chinesischen Bildung zur Genüge kennengelernt hat, und weiß, dass es bei den Schulen, die man im Rahmen der neunjährigen Schulpflicht zu durchlaufen hat, innerhalb derselben Stadt, ja sogar innerhalb eines Stadtviertels bezüglich der Bildungsqualität Unterschiede wie Tag und Nacht gibt.

Nur wer Kinder hat, kennt das Leid der Eltern, besagt eine Redensart, und ebenso könnte man hinzufügen, nur wer Kinder hat, versteht ihre Ohnmacht. Es sieht so aus, dass den Eltern gar nichts anderes übrig bleibt, als eine „Plage“ zu sein und ihren Kindern ein durch die heutige Zeit erforderliches und extrem unbequemes „Korsett“ anzulegen. Über die Gründe, die die Eltern zur „Plage“ machten, sollten die mittlerweile erwachsenen Söhne und Töchter, die ihren Eltern einstmals mit Groll begegneten, einmal nachdenken.