Fokus: Kitsch Kitsch und das „Das Echte“

Während des chinesischen Neujahrsfestes zum Jahr der Schlange 2013 in einem Freizeitpark in Peking
© Li Wenming, ImagineChina

Mit dem Begriff Kitsch hat sich Eva Lüdi Kong besonders in ihrer Tätigkeit an der Chinesisch-Deutschen Kunstakademie auseinandergesetzt. Doch auch abseits davon stellt sich ihr im chinesischen Alltag die Frage nach Kitsch auf Schritt und Tritt: Ein Erlebnisbericht.

Eine chinesische Kunststudentin malt Blumen. Hellblauer Hintergrund, weißlichblaue Vase, darin Blumen in zarten Farben. Der aus Deutschland eingeflogene Dozent meint höflich: „Schön gemalt. Wirkt nur ein bisschen kitschig, das Hellblau.“

Ihre Kommilitonin hat mit Pastellkreide eine Frühlingslandschaft gemalt, verschwommenes Hellgrün und Rosa, am Himmel zwei kleine Vögel. Der Kommentar von deutscher Seite: „Die Vögel sind zu viel. Das macht es wirklich zu kitschig.“

Ein Student zeigt einen selbst gedrehten kurzen Spielfilm, mit einschlägigem Plot und Fernseh-Stereotypen, am Anfang der unglücklich Verliebte seufzend neben welkenden Blumen, am Ende ein Kühlschrank mit herausrinnender Blutlache. „Das ist so kitschig, das es schon wieder gut ist! Das muss doch eine Parodie sein!“, lautet hier der Kommentar des deutschen Dozenten. Der Student aber besteht darauf, es nicht anders zu meinen, als er es gefilmt habe.

Allmählich wird in diesem kulturübergreifenden Unterricht der Begriff „Kitsch“ zu einem Wort, über das sich die chinesischen Studierenden beklagen: Warum werden wir immer in diese Ecke geschoben? Was soll das eigentlich heißen, kitschig?

Der Versuch, die Sache auf Chinesisch zu umschreiben ist denn auch alles andere als einfach . Am besten funktioniert wahrscheinlich der Begriff mèisú (媚俗): sich dem Volkstümlichem anbiedern. Etwas umgangssprachlicher der Ausdruck súqì (俗气): Vom Geschmack niederer Volksschichten. Oder was oft standardmäßig als Übersetzung verwendet wird ist yōngsú (庸俗): Mittelmäßig, auf Allerweltsniveau. Bezeichnenderweise aber in jedem Fall sú (俗). Das Schriftzeichen sú bezeichnet 1. traditionelles Volksbrauchtum, 2. die große Masse, 3. niederen Geschmack, 4. das Profane im Gegensatz zum Religiösen.

Was ist nun so „volkstümlich-ordinär“, „niedrig“ oder „mittelmässig“ an dem Hellblau? Warum sollen die beiden Vögel im Bild vom profanen Geschmack niederer Volksschichten zeugen? Es ist verwirrend bis unverständlich.

In der Tat müsste man nun den Studierenden eine ganze Bandbreite von Facetten aufzählen, um klar zu machen, was der Hinweis „ein bisschen kitschig“ beinhaltet, und nicht alle davon wären ohne weiteres nachvollziehbar. Ein Versuch, Kitsch zu umschreiben, könnte folgendes beinhalten:

Das Klischeehafte

Von einem deutschen Blickpunkt aus gesehen, sollten Stereotypen und Klischees hinterfragt und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. Im chinesischen Sprachgebrauch hingegen sind klischeehafte Umschreibungen und Verhaltensformen alltäglich, keiner stösst auf Kritik, wenn er etwa Franzosen als romantisch und Deutsche als akkurat bezeichnet.

Zu Symbolträchtiges

Das Symbol, seit Hegel als Kennzeichen einer niederen Stufe der Entwicklung betrachtet, ist als künstlerisches Stilmittel im Allgemeinen nicht gern gesehen . Ganz anders im chinesischen Umfeld, wo Symbolen bis heute eine wichtige Rolle zukommt, sei es in Form von Glückssymbolen, in der traditionellen Bildsprache und nicht zuletzt auch als Statussymbol.

Billige Imitation

Bekanntlich ist in China die Hemmschwelle zur Imitation nicht hoch, da traditionellerweise der Weg zur Meisterschaft über die Imitation des Meisters erfolgt. Nur bleibt die Frage, ob der Weg zu gelungenem chinesischem Möbeldesign zwingend über die Imitation europäischer Barockmöbel führen muss.

Vortäuschen einer heilen Welt

Was im deutschen Verständnis als „die ganze Wahrheit verhehlend“ wahrgenommen wird, ist im chinesischen Alltag der gute Ton gegenüber der Außenwelt; man zeigt das, was dem Wunschbild entspricht, schließlich sollen „häusliche Missstände nicht nach draußen dringen“ (家丑不外流). Auch die traditionelle Malerei kennt das Prinzip des Nehmens und Weglassens (取舍): Was dem harmonischen Ganzen des Bildes förderlich ist, wird ins Bild aufgenommen, was hinderlich ist, wird weggelassen.

Unechte Mythen, insbesondere Nationalmythen

Wo man in der Volksrepublik im Allgemeinen für nationale Mythen und Patriotismen empfänglich ist und sie nicht ungern pflegt, ist Deutschland als gebranntes Kind besonders auf der Hut und entsprechend kritisch.

Verniedlichung und süßliche Sentimentalität

Nicht zuletzt fällt natürlich die Verniedlichung und das süßlich Sentimentale am augenfälligsten in die Kategorie „Kitsch“ und findet sich wohl überall in der Welt bei Souvenirartikeln und anderen nutzlosen kleinen Objekten, welche „verkitscht“, das heißt mit billigen Effekten schnell verkauft sein wollen.

All diese Facetten verständlich zu machen, scheint nun in der Tat sehr schwierig. Das Hellblau, versuchen wir der Studentin zu erklären, ist nicht etwa „volkstümlich“, sondern stört eher deshalb, weil es an den blauen Himmel einer Postkartenidylle erinnert. Das macht das Bild, zusammen mit den Blumen im Vordergrund, irgendwie ein wenig zu schön. Umgangssprachlich ausgedrückt: „有点假“ – ein bisschen unecht. An diesem Punkt ruft die Studentin: „Ach so, ich verstehe!“

Ein bisschen kitschig – ein bisschen unecht

Im Chinesischen ist das Empfinden für die Kategorien zhēn (真) und jiǎ (假) – das Wahre/ Echte und das Falsche/ Unechte – gerade in der Kunst sehr geläufig und vertraut und könnte womöglich die Kitsch-Diskussion zusammenfassend umschreiben: Das Klischee zeigt nicht die ganze Wahrheit, die Imitation ist ein falsches Abbild, die heile Welt entspricht nicht der wahren Welt, der Mythos nicht den wirklichen Begebenheiten. Hier aber zucken wir Deutschsprachigen zusammen und wenden sofort ein: Was soll denn „das Wahre“ sein? Es gibt keine feste Wahrheit. Es lässt sich seit der Postmoderne nicht mehr mit Begriffen wie „wahr“ oder „echt“ argumentieren. Ob vielleicht deshalb das Wort „Kitsch“ – als eine Art Stellvertreter für die Wahrheitsdiskussion in der Kunst – so obsessiv benutzt wird?

Undifferenzierte Toleranz

„Kitsch“, als einer der übersetzungsresistentesten deutschen Begriffe, ist in anderen europäischen Sprachen längst als Fremdwort in den Sprachgebrauch eingegangen. Dies dürfte im Chinesischen kaum geschehen. Was aber in China mit dem Begriff öfter geschieht, illustrieren Übersetzungsbeispiele aus dem Internet:

„Typischer Vergnügungspark-Kitsch“ zum Beispiel wird im Chinesischen zu 经典的游乐园设计: „Klassisches Vergnügungspark-Design“. Der abwertende Unterton fällt weg, und was bleibt sind die Plastikschlösser, Enten-Tretboote und Disney-Häschen eines chinesischen Vergnügungsparks als allbekannte akzeptierte Normalität.

Der Satz „Im Dezember war ganz Shanghai voll von Kitsch“ wird zu: „Im Dezember war ganz Shanghai voll von Festtagsdekorationen“ (节日装饰品). Der ganze chinesische Weihnachtskitsch mit all seinen Plastiktannenbäumen, aufblasbaren Weihnachtsmännern, Goldflimmer und farbig blinkenden Elektrolämpchen auf einmal ganz neutral einfach nur hübsche Dekoration?

Die Toleranz gegenüber äußeren Einflüssen ist in China definitiv groß, aber nicht immer differenziert. Und so geschieht es denn eben auch, dass mitunter Dinge, die im deutschen Verständnis als Kitsch wahrgenommen werden, hier in China als normale Erzeugnisse westlicher Herkunft, wenn nicht gar westlicher Standards erscheinen.

Orientierungsmassstäbe für das neureiche Kleinbürgertum

Interessant in dieser Hinsicht ist die neue Kultur des chinesischen xiaozi (小资), des neureichen Kleinbürgertums. Was für Maßstäbe hier die Orientierung bestimmen, zeigt der Blick in eine neureiche Pekinger Villa:

„Vor einer hohen, von Marmorsäulen eingefassten Fensterfassade stehen überdimensionierte Sofas und Sessel mit geschwungenen goldenen Holzrahmen und türkisblau gemustertem Samtbezug. Der große Glastisch in der Mitte ist an den Ecken mit Elefantenköpfen verziert, zwischen den Sesseln steht ein Arrangement mit hölzernen Giraffen, auf einem hohen Tischchen im Ming-Stil ein altmodisches Telefon mit digitaler Anzeige. Ein Fernseher mit übergroßem Flachbildschirm steht auf einem Marmorsockel in einer Wandnische, Ölbilder klassischen Stils hängen an tapezierten Wänden, und hoch oben ist ein zwei Meter langes Marmorrelief angebracht, auf dem sich eine nackte Frau an ein Tier schmiegt. Nebenan ein Wintergarten mit vielen Bäumchen, Büschen und Blumen, dort schwimmen Goldfische in gewundenen Bächlein, ein hölzernes Brückchen führt zu einer Insel mit Gartenschaukel, dazwischen stehen Marmorstatuen, Gänse aus Gips, Pflanzen-Arrangements aus Plastik.“

„Was für ein unglaublicher Kitsch!“, denkt der Besucher aus Deutschland sprachlos höflich lächelnd. „Ach, so wunderschön, wie für eine Prinzessin!“, ruft die Tochter der chinesischen Kollegin entzückt. Doch war das nicht eigentlich als Schau eines gehobenen westlichen Lebensstandards gemeint?

Wo liegt das Problem? Wohl im eingangs erwähnten 媚 mèi, „Anbiedern“ aus dem Begriff 媚俗 mèisú. Hier zwar nicht im Sinne eines Anbiederns an eine chinesische Volkstümlichkeit im traditionellen Sinn gemeint, sondern im Sinne missverstandener Ideen von westlichem Wohlergehen, die sich aus Filmsets seichter Fernsehfilme nähren. Die Schau ist „unecht“, ist Nachahmung, sie ist unzeitgemäss und überladen.

Deutsches Design: Streng und freudlos

Doch wenden wir einmal den Blick und betrachten von außen her, was für Maßstäbe die Orientierung im deutschsprachigen Raum beherrschen: Deutsches Design etwa wird in China als streng und freudlos empfunden, es ist zu hart und zweckorientiert, zu eintönig und gradlinig.

Deutsche Piktogramme etwa werden aus chinesischer Sicht oft als sì píng bā wěn (四平八稳) bezeichnet: Zu sehr in sich gesetzt, ohne Schwung und Dynamik, kurz: einfach nicht ansprechend. Ihre chinesischen Pendants sind dynamisch, geschwungen, narrativ – oder aus anderem Blickwinkel: umschweifig, schnörkelhaft, zu wenig vereinfacht. Bei einer bewertenden Betrachtung kann hier allzu bald auch der Begriff „Kitsch“ ins Spiel kommen, wo er – aus kulturvergleichender Perspektive betrachtet – vielleicht besser nicht bemüht werden sollte.

Wer im deutschen Sprachgebrauch etwas als Kitsch bezeichnet, stellt sich damit selbstredend auf eine Warte des guten Geschmacks. Doch sind wir nun wirklich so geschmackvoll, oder sind wir einfach nur stur, trocken und lustlos?

Ein einziger, großangelegter Kitsch

Nach dem Durchblättern einer jener chinesischen Hochglanzzeitschriften, die heutzutage das Chinabild im Ausland zu prägen versuchen, zerstreuen sich die Zweifel. Es wäre überheblich, nur den anderen, etwas ungewohnt üppigeren Geschmack als Kitsch zu bezeichnen, vielmehr geht es letztlich um eine fehlende Aufrichtigkeit im Umgang mit dem real Erlebten. In diesem Sinne stellt sich die Frage, ob „Kitsch“ nicht vielleicht DER Begriff wäre für China, ein China nämlich, das seine neue Kultur dadurch zu bilden versucht, dass es sich einem imaginierten Blick von außen anbiedert.

Wenn China nur noch aus Bildern von der Großen Mauer und Pandabären, lächelnden Ausländern im Peking-Opern-Gewand, roten Trommeln mit goldenen Drachen, Taiji-Übenden vor aufgehender Sonne besteht, wenn sich jeder befragte Chinese als glücklich bezeichnet, wenn junge Frauen vor papierblumengeschmückten Bäumchen fürs Foto posieren und am Ende bei allem, ob zuhause oder gegen außen, nur noch das gültig ist, was dem Wunschbild entspricht – wäre das nicht einfach ein einziger großangelegter Kitsch?

Vielleicht würde sich dann das Wort wandeln und die Bedeutung „idealtypische Schönheit“ annehmen. Oder vielleicht würde sich die chinesische Gesinnung wandeln und man würde sich zu überlegen beginnen, weshalb man so viel Kitsch produziert, genießt und mitmacht?