Bildung Deutsch als Fremdsprache und Germanistik in China

Literatur fuer Germanisten
Literatur fuer Germanisten | Foto:ML

Im Jahr 1871 wurde "Deutsch als Fremdsprache" erstmals in China angeboten. Heute studieren etwa 1.500-2.000 Studierende in China Germanistik, rund 25 Hochschulen und Universitäten bieten das Fach an, und das Interesse steigt stetig an.

Die Geschichte von Deutsch als Fremdsprache in China reicht bis in das Jahr 1871 zurück. Mit dem Ziel, Dolmetscher für den diplomatischen Dienst auszubilden, wurde Deutsch im Gründungsjahr des wilhelminischen Kaiserreiches in den Fächerkanon der im Jahre 1862 gegründeten Pekinger Fremdsprachenhochschule (Tongwenguan) integriert. Dort lehrte man die deutsche Sprache eng verknüpft mit anwendungsorientierten Fächern wie Mathematik, Naturwissenschaften, Jura und Ökonomie.

Mit der Besetzung der Jiaozhou (Kiautschou)-Bucht in der Provinz Shandong 1897 etablierte Deutschland sich in China als Kolonialmacht, hielt sich jedoch im Bereich des Kulturimports durch religiös motivierte Bildungseinrichtungen (Missionsschulen) im Gegensatz zu England, Frankreich und vor allem den USA deutlich zurück. Die deutschen Schulgründungen in Qingdao und Shanghai waren vor allem zweckorientiert und sollten der Vermittlung technisch-naturwissenschaftlicher oder medizinischer Sachkenntnisse dienen, um der deutschen Industrie neue Absatzmärkte zu sichern.

Kurze Blüte der Germanistik 

Ganz andere Vorzeichen trägt die Entwicklung des Faches Germanistik vor 1949: Germanistische Philologie in China war eng verbunden mit der Bewegung des 4. Mai (Wu-si yundong) von 1919: Die Aufwertung der Umgangs- gegenüber der alten Literatursprache, die Betonung des Individuums und die Verbreitung westlicher Philosophie und Erziehungswissenschaft waren nur einige Eckpunkte auf dem Weg in eine moderne, westlich orientierte Gesellschaft, die den Intellektuellen als einzige Chance für die Zukunft erschien.

Das Studium deutscher Literatur in einem 1922 an der Universität Peking eingerichteten Hauptfachstudiengang Germanistik sollte Ideen und Vorstellungswelten der deutschsprachigen Literatur den Veränderungsbestrebungen verfügbar machen: Nach einem zweijährigen Sprachpropädeutikum bildeten deutsche Klassiker sowie mediävistische Inhalte (Gotisch, Althochdeutsch) die Hauptinhalte des vier weitere Studienjahre umfassenden Germanistikstudiums.

Doch ehe Germanistik als Institution in China richtig Fuß fassen konnte, war sie in den 30er Jahren unter dem Regime der Guomindang Tschiang Kai-Sheks (蒋介石,1887-1975) als Institution bereits wieder verschwunden.

Trotzdem prägte die erste Generation chinesischer Germanisten um Feng Zhi (冯至), den „Nestor“, ihr kleines Fach: Mit viel Eigeninitiative wurde das Erscheinen der ersten germanistischen Literaturlexika und Literaturgeschichten möglich. Übersetzungen und interpretatorische Auseinandersetzungen mit Faust, Werther, Wallenstein, Immensee und den Heine-Gedichten bestimmten die frühen Aktivitäten politischer Idealisten, die viele chinesische Germanisten damals waren.

Die Phase der Wiedergeburt: 1949-1979

Mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 veränderte sich der „Schwebezustand” der Trennung von Germanistik und Sprachunterricht. Der Aufbau des neuen sozialistischen Staates vollzog sich in den frühen 50er Jahren in fester ökonomischer wie politischer Abhängigkeit von der UdSSR. Damit war der Weg geebnet für eine Zusammenarbeit auch mit der DDR.

Die ersten Germanistikabteilungen wurden an der Fremdsprachenhochschule Peking (1949, heute: Fremdsprachen-Universität), der Universität Nanjing (1947 bzw. 1952), der Universität Peking (1952) und der Fremdsprachenhochschule Shanghai (1956, heute: Fremdsprachen-Universität) eingerichtet. Konferenzen zur Übersetzungsarbeit (1951) und zur literarischen Übersetzung stärkten die Übersetzungstätigkeit als Schwerpunkt der jungen volksrepublikanischen Germanistik. Die Zusammenarbeit mit der DDR stand auf germanistischem Gebiet bis zu Beginn der 60er Jahre deutlich im Mittelpunkt und zwei Linien der wissenschaftlichen Arbeit prägten nun die Aktivitäten der Germanisten: Einerseits wurde sozialistische deutsche Literatur wie zum Beispiel Werke von Anna Seghers, Bertolt Brecht, dem jungen Stefan Heym oder Friedrich Wolfs Dramen übersetzt, andererseits standen sie vor der Herausforderung, einen umfassenden Überblick über die deutsche Literatur vom Hochmittelalter bis in die Gegenwart zu schaffen. Das vielleicht bekannteste Ergebnis dieser Bemühungen bildet die Kurze Geschichte der deutschen Literatur von Feng Zhi unter Mitarbeit des DDR-Germanisten Hans Marnette aus dem Jahre 1959.

Nach 1949 beherrschte ein deutlicher Pragmatismus die Entwicklung des Faches. Die Sprachlehre wurde neben die Philologie oder sogar über sie gestellt, Dolmetscher- und Übersetzerausbildung bildeten Schwerpunktaufgaben.

Mit der ersten Phase der Kulturrevolution (1966-1976) zwischen 1966 und 1970 kam der Hochschulbetrieb einschließlich der Institution Germanistik faktisch zum Erliegen. Germanisten wie Feng Zhi wurden wie die meisten Intellektuellen zur körperlichen Arbeit auf das Land geschickt, wo sie trotzdem weiter übersetzten. Nach 1970, in der zweiten Kulturrevolutionsphase, erteilte man jedoch an den sogenannten ABS-Hochschulen (ABS = Arbeiter, Bauern, Soldaten) wieder deutschen Sprachunterricht, um Vermittler für den Maoismus-Export in die deutschsprachigen Länder auszubilden.

Zu Beginn der 70er Jahre verbesserten sich nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Oktober 1972 auch die Kulturbeziehungen zur Bundesrepublik Deutschland. Das Kulturabkommen zwischen China und der Bundesrepublik folgte im Jahre 1979.

Tendenzen der Reform- und Öffnungspolitik nach 1979

In den 80er Jahren wurde das Fach Germanistik in China wieder zu einem Instrument deutsch-chinesischen Austausches – diesmal nicht mit der DDR, sondern mit der Bundesrepublik. Bedeutsam ist dabei der Anteil deutscher Fördermaßnahmen für Aufbau und Fortentwicklung des Hochschulfaches in China. Beispielhaft zu nennen ist die Entwicklung von zahlreichen Lektoraten für deutsche Sprache, Literatur und Landeskunde über den DAAD.

Gegenwärtig studieren etwa 1500-2000 Studierende in China Germanistik und werden von ca. 300 Lehrkräften an rund 25 Hochschulen und Universitäten unterrichtet. Die Zahl der Germanistikstudierenden in China steigt in den letzten Jahren leicht an, was sich auch an den Neugründungen von Germanistikabteilungen vor allem in einigen Binnenregionen ablesen lässt.

Begrenzte Mittel und der wachsende Praxisdrucktragen dazu bei, dass die chinesische Germanistik heute in erster Linie ein Lehrfach mit nur bescheidenen Forschungsmöglichkeiten ist. Sprachunterricht einschließlich Übersetzungübungen dominieren das Lehrangebot und erst im weiterführenden Graduiertenstudium beginnen Literatur(wissenschaft) und Sprachwissenschaft einschließlich der Deutschdidaktik eine wichtige Rolle zu spielen. Die Rahmenpläne für das Grund- und Hauptstudium, die seit Ende der 80er Jahre ausgearbeitet wurden, sehen zusätzlich landeskundliche Informationen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien, Gesellschaft, Geschichte, Geographie, Tourismus und zu den Beziehungen Chinas zu den deutschsprachigen Ländern ausdrücklich vor.

Heute stehen Übersetzungsarbeiten stark im Mittelpunkt germanistischer Aktivitäten in China. Die Arbeiten reichen von Neuauflagen Weimarer Klassiker bis zu Romanen H.G. Konsaliks. Der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wird durchaus Interesse entgegengebracht, ohne dass diese in Details oder ihren Hauptströmungen wirklich bekannt ist. Hier bleibt noch viel Vermittlungsarbeit zu leisten. Beachtet wird ebenfalls Literatur, die das Eigene, also Chinesisches, aus fremder Sicht widerspiegelt. Auch der umgekehrte Weg wird beschritten: Der Shanghaier Germanist Yuan Zhiying steht mit seinem Aufsatz „Das Deutschlandbild in der chinesischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ stellvertretend für diese Mittlerarbeit chinesischer Germanisten.

Im Bereich der Sprachwissenschaft und Didaktik spielen Arbeiten zur kommunikativen Didaktik und zur interkulturellen Kommunikation zwischen Chinesen und Deutschen seit Ende der 1990er Jahre eine Hauptrolle.

Die jüngsten Entwicklungen

Die Lehre der deutschen Sprache steht weiterhin im Zentrum germanistischer Aktivitäten. Darüber hinaus möchten die Entscheidungsträger des Faches das Deutschlandwissen ihrer Absolventen auf eine breitere Wissensgrundlage stellen. Vorbilder dazu liefern aus dem französischen und angelsächsischen Raum stammende „German-Studies-Konzepte“.

Der Pekinger Germanist Wang Jingping (王京平) fordert zwei Eigenschaften junger Germanisten heute: Sprachliche Handlungsfähigkeit und Handlungsfähigkeit zwischen den Kulturen sollen sie erwerben. Erstere soll Fachabsolventen besser als früher befähigen, den kulturellen Gewohnheiten der deutschsprachigen Länder gemäß sprachpraktischer und damit sprachlich angemessener agieren zu können. Letztere soll Wissen über eigene und fremde Verhaltensweisen bereitstellen, die es beispielsweise einem Übersetzer ermöglicht, nicht Gesagtes in eigener Initiative dem fremdkulturellen Gegenüber zu erläutern bzw. „implizit mit zu übersetzen.“

Damit das Fach überhaupt attraktiv bleibt, darf es jedoch nicht allein beim klassischen Berufsbild des Übersetzers oder der Fremdsprachensekretärin bleiben. Am Ende könnten idealerweise einmal Absolventen – vorzugsweise mit Master-Abschluss – stehen die aktiv Projekte des chinesisch-deutschen Kulturaustausches vorantreiben – vom Musikmanagement bis zum Literaturaustausch. Da ist derzeit noch sehr der Wunsch der Vater des Gedankens – doch eine mögliche Richtung chinesischer Germanistik im 21.Jahrhundert scheint immerhin vorgezeichnet.