Bildung Erfolg versus Glück? Eine chinesische Selbstreflexion zur Erziehungsdebatte

Schüler der Oberstufe stehen vor dem Prüfungsraum Schlange, um an der Hochschulaufnahmeprüfung (gaokao) teilnehmen zu können.
Schüler der Oberstufe stehen vor dem Prüfungsraum Schlange, um an der Hochschulaufnahmeprüfung (gaokao) teilnehmen zu können. |

Ist das Buch Die Mutter des Erfolgs der chinesischstämmigen US-Amerikanerin Amy Chua tatsächlich ein Triumphlied auf das chinesische Erziehungsmodell – oder nicht vielmehr eine erfolgreiche Umsetzung des „American Dream“?

Kaum sind die Chinesen mit Vorfreude auf eine bessere und friedlichere Zukunft in das Jahr des Hasen gestartet, drängt sich in chinesischen Internetseiten und -Foren zum Thema „Kindererziehung“ ein anderes Bild auf: Thema ist die Tiger-Mutter Amy Chua mit ihrer Strenge, Grausamkeit und Erfolgssucht. Nein, es geht nicht um den Erfolg ihrer eigenen Karriere als Juraprofessorin in der Yale-University, sondern um den Erfolg einer „chinesischen Mutter“, die aus ihren Töchtern zwei musikalische Wunderkinder machen wollte und eine von beiden bis in die Carnegie Hall gebracht hat: für sie ein traumhafter Moment des Glanzes, Jubels und des Mutterstolzes, das sie ihrem äußerst autoritären „chinesischen Erziehungsmodell“ verdanke.

Die Begeisterung über diesen Triumph scheinen aber nicht alle Mütter in und aus China zu teilen. In der Fülle der Kommentare tauchen nicht selten Stimmen auf wie: „Amy Chua vertritt keineswegs DIE chinesische Mutter“. Bei Jugendlichen und Erwachsenen wird eher eine Ambivalenz spürbar, die Bewunderung der Chua-Familie voller erfolgreicher Immigranten-Akademiker mischt sich mit der kritischen Hinterfragung des Verständnisses des chinesischen Bildungsideals: Ist es wirklich CHINESISCH, rundum disziplinierte, unglaublich leistungsfähige und super gehorsame Kinder heranzuziehen? Ist es nicht die größte Gefahr für ein gerade vom quantitativen Wachstum berauschtes Land, das Überlieferte und Befohlene ohne Reflexion und Kritik zu übernehmen und vorgegebene Leistungsziele auf Kosten der Individualität und des freien Denkens zu erreichen? Für Amy Chua scheint die eigene „chinesische Identität“ in dem von ihr inszenierten Erziehungskampf selbstverständlich zu sein. China mit seinen Bildungsproblemen freilich kümmert sie wenig. Schließlich erzählt ihr Buch in Verkleidung eines Kulturkonflikts nichts Anderes als eine neue Fassung des American Dreams.

Der Immigrationskomplex, das pseudo-chinesische Erziehungsmodell und der amerikanische Erfolg

Ab der ersten Zeile des Buches, unter dem Kapiteltitel „Die chinesische Mutter“, stellt Frau Professor Chua ihre Hauptthese vor: Chinesische Eltern mit den von ihnen kontrollierten und deswegen erfolgreichen Kindern stehen westlichen Familien mit ihren verwöhnten und deshalb erfolglosen Kindern gegenüber. Kühne und apodiktische Sätze wie „Tatsache ist, dass chinesische Eltern sich Dinge leisten können, die in westlichen Augen undenkbar sind“, „Keine chinesische Mutter hätte es je zugelassen“ oder „Die Chinesen machen vieles anders als die Menschen aus dem Westen“ sind nicht nur für Kenner komparatistischer Forschung über chinesische und europäische Erziehung eine Ohrfeige, sondern lösen auch bei vielen „westlichen“ Eltern ein Kopfschütteln aus.

Fragt man aber, worin der Erfolg besteht und wohin der Erfolg führt, dann enthüllt sich dieser propagierte Dualismus „chinesisch versus westlich“ als Trugbild: Anerkennung und Auszeichnungen gelten als Erfolgsbeweis des Erziehungsmodells – welcher nur zu weiteren Erfolgen, noch mehr Anerkennung und Auszeichnungen führen soll. Die Tigermutter hält das in Amerika durchaus bekannte Modell, dass Erfolg bei Kindern automatisch kommt, wenn man Freude an einer Sache hat, für „westlich“ und naiv: „Spaß macht gar nichts, solange man nicht gut darin ist; chinesische Eltern wissen das.“ Und: „Beharrliches Üben, Üben, Üben ist das Fundament herausragender Leistung“. Würde man Amy Chua fragen, worin ihrer Meinung nach Erfolg bestehe, so könnte sie ihrer Überzeugung entsprechend womöglich antworten: „Genius is one percent inspiration, ninety-nine percent perspiration“ – wer jedoch hat dies tatsächlich gesagt? Kein Chinese, sondern der US-amerikanische Wissenschaftler Thomas Edison, der nicht nur mit der Erfindung der Glühbirne weltberühmt wurde. Während der Spruch von Edison ganz häufig an der Wand in chinesischen Klassenzimmern geschrieben steht und kein Schüler in China diese universale Leistungsethik als eine nur amerikanische Weisheit missverstehen würde, besteht Frau Chua im ganzen Buch auf dieser Formel, die aus ihrer Sicht im Gegensatz zu westlichen Ansätzen steht: Die chinesische Erziehungsmethode bedeute extreme und rastlose Arbeitsanstrengung für einen steilen Aufstieg, auch in einem Bereich wie der klassischen Musik. Dass beispielsweise Ludwig van Beethoven bekanntlich einen Vater mit einem ähnlichen Ehrgeiz und der gleichen Erziehungsmethode hatte, scheint Amy Chua zu ignorieren. Was sie für unabdingbar hält, ist die Abgrenzung von dem „westlichen“ Modell der Kuschelpädagogik – ungeachtet traditionsreicher westlicher Erziehungsregeln wie „Übung macht den Meister“. Sie definiert ihre Erziehungspraxis als spezifisch chinesisch und nimmt die chinesische Identität als einzige Stütze für ihre Aufforderung, immer noch mehr zu üben. 

Ihre sogenannte „chinesische Erziehung“, die dem durch die Anerkennung Anderer bestätigtem Erfolg statt der individuellen Vervollkommnung dient, kennt offenbar auch den Reichtum der chinesischen Bildungsvorstellungen nicht. Verblüfft wäre Frau Chua – die nur ein uraltes Yijing, den Klassiker Das Buch der Wandlungen, als chinesischen Fetisch zu Hause aufbewahrt und selbst kein Chinesisch spricht – wenn sie erfahren würde, dass Konfuzius die von ihr vielfach verhöhnte Freude und Liebe in der Erziehung am höchsten schätzt: „Wer etwas kennt, reicht nicht heran an jenen, der es liebt; und der es liebt, reicht nicht heran an jenen, den es freut.“ Noch weiter entfernt ist ihre „chinesische Erziehung“ vom Idealziel des Lernens im konfuzianistischen Kanon Die große Lehre: „Der Weg der Großen Lehre besteht darin, klare Tugend erstrahlen zu lassen, das Volk zu lieben und bei dem höchsten Gut innezuhalten.“

Nein, was Amy Chua mit ihrem vermeintlich chinesischen Erziehungsmodell anstrebt, ist kein chinesisches Bildungsideal, sondern schlicht das amerikanische Ideal des Erfolgs: Höchstleistungen in der Schule, musikalische Bildung als Dekor eines Mittelschichtwohlstands, das erfolgreiche Studium an einer Ivy League University und der Ruhm des erfolgreichen asiatischen Immigranten. Letztendlich sind weder ihr Zweck, noch ihre Methode, den Zweck zu erreichen, CHINESISCH.

Der Dschungelkrieg schon im Kindergarten? - Rettet die Kinder!

Nicht, dass ich hier alle Erfolge der Chua-Familie in Amerika entwerten will. Nicht, dass ich die Augen vor der mit gleicher Härte und Kontrolle geführten Kinder- und Schulerziehung im jetzigen China verschließe, als ob ich als Chinese nichts davon wüsste. Im Gegenteil: Hineingeboren in eine Akademikerfamilie, habe auch ich eine ähnliche Erziehung vor allem in meiner Schulzeit erlebt und die Wichtigkeit von Bestnoten in allen Prüfungen und von einem Eintritt in eine Eliteuniversität als Erfolgskriterien für ein Kind nur allzu gut gekannt. Auch jetzt erlebe ich – selbst Dozent an einer chinesischen Eliteuniversität – ständig den Leistungsdruck meiner eigenen Studenten und die Notwendigkeit von „Übung, Übung, Übung als Fundament herausragender Leistung“. Anders als Frau Chua würde ich dies aber keineswegs als eine überlegene „chinesische“ Erziehungsmethode aufblasen wollen, sondern halte gerade die einseitige Betonung der Leistungsfähigkeit für gefährlich, mit der Klarheit, um mit Thomas Mann zu sprechen, „welche zwischen dem Notwendigen und dem Wünschbaren unterscheidet und das Notwendige nicht ohne weiteres, mit fatalistisch-unkritischer Begeisterung, als das Wünschbare akklamiert“."

Und einfach sehr bedauernswert finde ich, dass die fatalistisch-unkritische Begeisterung für den Erfolg leider in China, wenngleich ohne das Etikett des chinesischen Erziehungsmodells, sehr verbreitet ist, und dass die leidvolle Ellbogenkonkurrenz und der Leistungswahn mittlerweile auch schon im Kindergarten grassieren. Der eigentlich auf die menschliche Vervollkommnung zielende und zuletzt bei der Olympiade 2008 in China häufig verwendete Aufruf „Schneller, Höher, Stärker“ wird deformiert und immer frühzeitiger zum beinahe kollektiven Zwang unter chinesischen Eltern: Wie Amy Chua kümmern sich viele von ihnen darum, wie ihr Kind z. B. schon in der Mittelschule den eigentlich für Studenten gedachten Englischkurs durchlaufen kann, um alle anderen Kindern einmal problemlos überholen zu können – wobei natürlich alle anderen Kinder seitens ihrer Eltern unter dem selben Druck stehen…

Ein gefährlicher chinesischer „Zeitgeist“, der dem starken Wirtschaftswachstum entsprechen mag. Während die einseitige Fixierung auf Wirtschaftskennziffern eine zunehmende soziale Schieflage erzeugt, lehnen sich immer mehr Eltern und Kinder gegen das rücksichtlose Erfolgsfieber und die leistungsorientierte Schulbildung auf. Nicht nur die verdrängte Vielseitigkeit der Bildungstradition gilt es zu revitalisieren, auch die von Amy Chua als „westlich“ geächtete Vorstellung der Individualität spielt in der Erziehungsdebatte eine immer größere Rolle. 

Leicht ist es nicht, in der chinesischen Erziehung einen Balanceakt zwischen der notwendigen Übung der Leistungsfähigkeit und der wünschenswerten Entwicklung der individuellen Kreativität zu schaffen. Unüberhörbar ist dennoch der immer lautere Ruf nach einer Reform der Kindererziehung, die statt des Erfolgs das Glück ins Zentrum rücken soll. Ein Nachklang des Appells von Lu Xun (鲁迅) – seinerzeit einer der schärfsten Kritiker der dogmatischen, also falsch verstandenen konfuzianischen Bildungstradition – dessen Erzählung Tagebuch eines Verrückten mit den Worten schließt: „Rettet, rettet die Kinder...“

Vom Anti-Dekadenzroman zum Bildungsroman: ein interkultureller Ausblick

Die Rettung der Kinder liegt Amy Chua allerdings schon am Herzen. Jedoch in ganz anderer Hinsicht: Ihre Furcht vor dem Niedergang, dem leistungsmäßigen Verfall der dritten Generation, kommt dem westlichen und auch chinesischen gebildeten Leser, unabhängig von einem eventuell existierenden Immigrantenhintergrund, vertraut vor. Ja, das ist die Geschichte der Buddenbrooks, des deutschen Dekadenzromans par excellence, dessen chinesische Übersetzung seit Jahren auch in das Bücherregal der neuen gebildeten Mittelschicht in China gehört. Die Furcht vor solch einem Verfall begründet Chuas Rückgriff auf ein radikales Gegenmodell: Kontrolle und Härte als unerlässliche Notwendigkeit in der Erziehung der dritten Immigranten-Generation.

Ironischer Weise verwendet sie dabei ein Mittel, das genau das Kennzeichen der im Verfall begriffenen Buddenbrooks darstellt: Musik. „Klassische Musik war das Gegenteil von Niedergang, das Gegenteil von Trägheit, Vulgarität und Verwöhntheit. Meinen Kindern bot sie eine Chance, etwas zu erreichen, das ich nicht erreicht hatte.“ Die Tiger-Mutter verhehlt nicht ihre Instrumentalisierung der klassischen Musik als Bremse gegen den Niedergang und Antrieb für die Fortentwicklung der Familie auf eine höhere Stufe. Über die ästhetische Bildung der Persönlichkeit, die künstlerische Anschauung und Gestaltung und die dadurch inspirierte Kreativität nachzudenken, scheint die „chinesische Mutter“ weder Zeit noch Interesse zu haben. Wir bekommen nur zu lesen, wie sie Kunstgeschmack als Investitionsgrundlage begreift und die Liebe zur Musik als Nebeneffekt des Erfolgsstrebens anerkennt. Was Amy Chuas Erziehungsmodell niemals leisten kann, ist die Entdeckung der Individualität in der Kunst, die nicht zuletzt in der deutschen Bildungsroman-Tradition wertgeschätzt wird.

Aber die Autorin, die auch ihre Niederlage offenlegt, ist durchaus ehrlich. Wenn man ihr Buch mit Geduld bis zum Ende liest, lässt sich eine womöglich von Chua so nicht geplante Entwicklung entdecken: Nicht nur das Misslingen bei Louisa sondern auch der Sieg bei Sophia beweisen die Unzulänglichkeiten der pseudo-chinesischen Erziehung. Was Sophias Verständnis der Klavierkunst und ihre Aufführung im entscheidenden Moment zum Aufschwung bringt, ist nicht die tausendhaft wiederholte Übung, sondern Professor Yangs Anweisung, sich in die Temperatur und Farbe eines Stücks einzufühlen und die Musik entsprechend zu erfassen. „In dem Moment“, so der Gedanke der erfolgreichen Tochter Sophia während ihres Spiels in der Carnegie Hall, „wurde mir klar, wie sehr ich diese Musik liebte.“

Damit verlässt Amy Chuas Buch den bislang am west-östlichen Kulturkonflikt aufgehängten Diskurs und spannt eine Brücke hin zum interkulturellen Verständnis der menschlichen Bildung. Denn auch im alten China wurden die Lehrjahre des künftigen Literaten-Beamten, der in der Auseinandersetzung mit Gelehrten die Welt und sich besser begreifen sollte, als elementar wichtig erachtet. Die Bildungsideale in China und dem Westen lassen sich nicht klar trennen, es gibt in den Entwicklungen beider durchaus Ähnlichkeiten, gerade im Bestreben, die individuelle Entwicklung zu fördern. Womöglich besteht darin die versteckte Pointe des Buchs: die verschiedenen Erziehungstraditionen in einen Dialog zu überführen.