Bühne Jongky Goei bringt deutsche und chinesische Tänzer zusammen

Zhang Yixiang (张翼翔): “Märchen”
Zhang Yixiang (张翼翔): “Märchen” | Foto: Ye Jin

Im April 2010 wurden in Peking unter dem Titel Workshop Choreographien junger chinesischer Tänzer gezeigt. Sie entstanden im Rahmen einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit.

„Als am Chinesischen Staatsballett 2009 der Generationswechsel von der Direktorin Zhao Ruheng (赵汝蘅) zu Feng Ying (冯英) stattfand, sagte ich zu Feng Ying als neuer Direktorin, dass wir für unsere Zusammenarbeit vielleicht eine ganz neue Form finden könnten.“ Diese Worte stammen von Jongky Goei (魏进荣), der als Sohn von Einwanderern aus der chinesischen Provinz Fujian in Indonesien geboren wurde und aufwuchs – und der im April 2010 den ersten internationalen Ballettworkshop zur Ausbildung junger chinesischer Choreographen in Peking initiierte. Mit 19 Jahren ging Goei nach Deutschland und ist nun schon seit langem in der europäischen Tanzwelt aktiv. Vor dem Hintergrund seiner west-östlichen kulturellen Prägung und aus seinem individuellen Ansatz heraus begann er über das Stuttgarter Ballett und andere Bühnen seine umfangreiche Zusammenarbeit mit der chinesischen Tanzwelt. Nachdem er mit dem Chinesischen Staatsballett an Projekten wie Romeo und Julia und Onegin gearbeitet hatte, folgte im Frühjahr 2010 nun ein Ballettworkshop: Am 24. und 25. April 2010 zeigten mit Wang Qi (王琪), Wang Sizheng (王思正), Zhang Yixiang (张翼翔) und Zhang Zhenxin (张镇新) vier junge chinesische Ballerinen und Balletttänzer die Früchte ihrer ersten Schritte als Choreographen. Gemeinsam mit den beiden Jungchoreographen Jiri Bubeníček vom Dresden SemperOper Ballett und Terence Köhler vom Bayerischen Staatsballett brachten sie sieben ganz unterschiedliche Ballettkreationen auf die Bühne.

Stuttgart als Modell

Das Stuttgarter Ballett steht als das beste deutsche Ballettensemble beispielhaft dafür, wie man in Europa seit den 1960er Jahren in Form von Workshops nicht nur herausragende Tänzer ausbildet, sondern sie zugleich in ihrer Kreativität fördert. Diese Kreativität umfasst Bereiche wie Choreographie und künstlerische Konzeption, aber auch die Leitung einer Balletttruppe. Viele ehemalige Ensemblemitglieder des Stuttgarter Balletts sind durch diese Schule gegangen und arbeiten mittlerweile als international renommierte Choreographen oder Ensembleleiter, unter ihnen John Neumeier, Choreograph am Hamburg Ballett, der im Januar 2010 die Kameliendame nach Peking brachte. Abgesehen davon, dass man die Weiterentwicklung der eigenen Truppe im Auge hat, eröffnet die Entwicklung ihres kreativen Potenzials auch den Tänzern mehr Zukunftschancen. Nachdem es mit dem Chinesischen Staatsballett bereits mehrmals Kooperationen bezüglich des Spielplans gegeben hatte, gab es bei dem diesmaligen Workshop zwei entscheidende Momente: Zum einen versuchten sich erstklassige Tänzer im Choreographieren, zum anderen wurde die Fähigkeit angeregt, neue Ballettstücke zu kreieren.

Unter den vielen ausgezeichneten Tänzern des Chinesischen Staatsballetts wurden vier ausgewählt, die den gesamten Prozess von der Konzeption, über die künstlerische Gestaltung und die Proben bis hin zur Aufführung selbst gestalteten, und sich sogar um die Details von Kostümen, Bühnenbild und Beleuchtung kümmerten. „Sie waren mit ziemlichem Eifer und Enthusiasmus bei der Sache und ganz schön kreativ“, formulierte es Jongky Goei. Das derzeitige starre Bildungssystem in China bringt eine sehr einseitige Ausbildung mit sich, und in der tänzerischen Ausbildung ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt. Eine offensichtliche Folge davon ist, dass den meisten Tänzern die Fähigkeit zum eigenständigen Denken fehlt. Durch den permanenten routinemäßigen Drill und den eintönigen Alltag in der Truppe haben sich die meisten Tänzer daran gewöhnt, sich in alle möglichen „Arrangements“ zu fügen. Sie hinterfragen niemals, warum man etwas tut, welchen Sinn es hat oder ob es Alternativen dazu gäbe. Vereinzelt wird sich vielleicht ein Tänzer mit besonders hoher Auffassungsgabe zu einem konkreten Punkt Gedanken machen, etwa über die technische Ausführung einer Bewegung oder die Interpretation einer Rolle, doch das ist auch schon das höchste der Gefühle. Darüberhinaus gehen Phantasie und Kreativität in einem sich Tag für Tag mechanisch wiederholenden Alltag unter.

Natürlich glaube ich nicht, dass man aus jedem erstklassigen Tänzer automatisch einen hervorragenden Choreographen machen kann, oder umgekehrt, ja in den meisten Fällen wird aus einem guten Tänzer wahrscheinlich kein begabter Choreograph werden. Trotzdem ist die künstlerische Arbeit für die Schulung der Vorstellungskraft und der Kreativität der Tänzer unerlässlich und von elementarer Bedeutung. Sie kann die Tänzer geistig befreien, ihre eigenständige Urteilskraft schulen und ist eine wirksame Methode, um auch in der Performance ein höheres Niveau zu erlangen. Doch die eigentliche Bedeutung des Workshops lag darin, dass er dem Chinesischen Staatsballett und den chinesischen Tänzern neue Türen aufgestoßen und neue Möglichkeiten vor Augen geführt hat.

Es fehlt ein originelles Repertoire

Ein anderes Thema ist die Frage der Originalität. Das Chinesische Staatsballett hat in den vergangenen Jahren Hervorragendes geleistet, das meiste davon jedoch in der Lehre und bei Wettbewerben. Obwohl das Chinesische Staatsballett sich mutig um einen originellen Spielplan bemüht, besteht doch noch ein großer Abstand zu den traditionell großen Ballettnationen und den internationalen Spitzenensembles. Einer der ausschlaggebenden Gründe für diese Diskrepanz ist, dass man über kein aussagekräftiges Repertoire an neuen Stücken verfügt. Um es deutlich zu sagen, das chinesische Ballett hat seit dem Roten Frauenbataillon und dem Weißhaarigen Mädchen, beide aus den 1960er Jahren keine großen Ballettstücke mehr hervorgebracht, kein Werk mehr, dessen chinesische Besonderheit die östliche Ästhetik repräsentiert hätte. Obwohl spektakuläre Bühnenstücke wie Die Rote Laterne oder Der Päonienpavillon sogar auf Welttournee gingen, bleibt nach Beendigung des Spektakels nüchtern festzustellen, dass dies lediglich zwei brauchbare Versuche waren. In erster Linie ermöglichten sie dem Filmregisseur Zhang Yimou (张艺谋) und dem Theaterregisseur Li Liuyi (李六乙), sich auch einmal am Ballett zu versuchen, doch tänzerisch hat man hier keine großen Sprünge gemacht. Auch wenn der Trend und die Marschrichtung richtig sind – wenn man das chinesische Ballett an die Weltspitze bringen will, liegt noch ein langer Weg vor uns. Ich denke, dieser Workshop war ein vorbildliches und erfolgreiches Beispiel dafür, wie man in der Welt des Tanzes neue Talente entdecken und Tänzer zu Reflexionen über und Experimenten im Tanz animieren kann. Wenn solche Workshops in Zukunft regelmäßig stattfinden könnten und noch mehr Tänzern offen stünden, dann wäre der Tag, an dem Ballett aus China seine Blüte erlebt, gewiss nicht mehr weit. 

Am Ende hatte der Workshop für das Publikum sieben Stücke auf die Bühne des Tianqiao-Theaters gebracht. Auch wenn die Stücke noch etwas unausgereift wirkten, übertrug sich die in ihnen enthaltene Kraft der Hoffnung auf die Zuschauer. Auch dass der Workshop durch den öffentlichen Kartenverkauf seine Markttauglichkeit bewies, ist ein erwähnenswerter Lichtblick. Hoffen wir, dass sich dieses Modell in Zukunft fortsetzen und dem chinesischen Ballett und Tanz zukünftig mehr Möglichkeiten eröffnen wird.