Berlinale-Blogger 2014 „Wu Ren Qu“: Ein chinesischer Western

Wu Ren Qu
Wu Ren Qu | © China Film Company

Ning Haos „Wu Ren Qu“ wird vom Berlinale-Publikum gut aufgenommen und zeigt, wie gut chinesische Adaptionen westlicher Genres funktionieren können.

Drei chinesische Filme haben es in den diesjährigen Wettbewerb geschafft: Tui Na (推拿, engl. Titel: Blind Massage), Bai Ri Yan Huo (白日焰火, engl. Titel: Black Coal, Thin Ice) und Wu Ren Qu (无人区, engl. Titel: No Man's Land). Kein anderes Land ist so präsent. Diese drei chinesischen Filme demonstrieren die Bandbreite des aktuellen chinesischen Kinos. Tui Na führt Lou Yes (娄烨) charakteristischen Filmstil fort, indem er eine Gruppe blinder Masseure begleitet und deren Hoffnungen, Enthusiasmus und Enttäuschung nachfühlt. Bai Ri Yan Huo ist ein noir thriller, der den dunklen Geheimnissen hinter einer Mordserie in Nordchina auf den Grund geht. Mein persönlicher Favorit ist Wu Ren Qu, ein China-Western, der sich durch seinen feinsinnigen schwarzen Humor auszeichnet. Die Filmcrew besteht aus altbekannten Filmfestival-Gesichtern. Der Regiesseur Ning Hao (宁浩) war im Forum der Berlinale 2005 bereits mit Mongolian Ping Pong (绿草地) vertreten. Die Hauptdarstellerin Yu Nan (余男) spielte bereits in Wang Quan’ans Tuya’s Marriage (图雅的婚事) mit, der 2006 den Goldenen Bären gewann. Wu Ren Qu ist kein crowd pleaser wie Ning Haos Kassenhit Crazy Stone (疯狂的石头) aus dem Jahr 2006, oder Crazy Racer (疯狂的赛车) aus dem Jahr 2009, aber an seinem narrativen Stil, der Rolle chinesischer Dialekte und dem gekonnten Einsatz von schwarzem Humor wird die Kontinuität seines Werkes durchaus deutlich. Doch Wu Ren Qu ist noch zeitloser, als seine anderen Werke – das ist ein Glück, denn der Film ist bereits fünf Jahre alt. Nachdem er im Jahr 2009 fertiggestellt wurde, verzögerte sich der Filmstart aufgrund der Bedenken von Zensoren immer wieder. Dennoch wirkt er auch jetzt frisch und zeitgemäß. Die Zeit von Drehende bis Filmstart vertrieb sich das Darstellerduo Xu Zheng (徐峥) und Huang Bo (黄渤) unter anderem mit Lost in Thailand (人再囧途之泰囧) aus dem Jahr 2012, dem kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten in der chinesischen Filmgeschichte, bei dem Xu Zheng auch selbst Regie führte.

In der Geschichte von Wu Ren Qu verweben sich die Fäden der Charaktere zu einer chinesischen Version von The Good, The Bad and The Ugly (dt. Titel: Zwei glorreiche Halunken, Anm. d. Übs.). Der gewiefte Anwalt Pan Xiao (潘肖), der als „The Bad“ beginnt, sich aber im Laufe des Films als „The Good“ entpuppt, die Prostituierte, die behauptet eine professionelle Tänzerin zu sein, der Boss der Falkenhändler als „The Bad“ (Falken scheinen so etwas wie das Wappentier der diesjährigen Wettbewerbsfilme zu sein, auch in Claudia Llosa's Aloft sind sie die Hauptpersonen) und sein Angestellter Lao Er (老二) als „The Ugly” begegnen sich gegenseitig, teils zufällig, in der Taklamakan Wüste in der nordwestlichen Xinjiang-Provinz. Es ist ein idealer Ort für einen Western: die Landschaft offen und der Kamerablick ungehindert. Nur eine Hauptstraße führt durch die Wüste, wo sich die gesamte Handlung abspielt.

Der Film macht sich über seine grotesken Gestalten lustig und begegnet der Isolation, der Armut und den teils zweifelhaften Moralvorstellungen aus dem chinesischen Inland ganz unbeschwert. Damit unterscheidet er sich klar von den meisten chinesischen Beiträgen auf Filmfestivals.

Durch die vage Referenz an das Genre des Westerns, verbindet sich der Film mit einem breiteren Kino-Kanon und dem internationalen Publikum ohne sich selbst zu exotisieren. Der Realität des chacun-pour-soi im materialistischen Zeitalter begegnet er leichtfüßig, und erspart dem Publikum ein allzu dunkles Porträt von Misere und zwischenmenschlichem Misstrauen. In leicht pervertierter Weise, trotz viel Blutvergießens und den überzogenen Charakteren, ist Wu Ren Qu damit ein Film, der die hellen Seiten der Menschlichkeit zelebriert.

Passenderweise ist dann auch die Filmcrew während der Berlinale gut aufgelegt und beweist ihren Sinn für Humor. So meint Xu Zheng während des Q&A, er sei seit dem Dreh vor fünf Jahren so gealtert, habe so viel zugenommen und so viele Haare verloren, dass ihm kaum noch jemand glauben würden, er habe in Wu Ren Qu mitgespielt.