Berlinale-Blogger 2014 Xi You: Eine meditative Filmreise

Lee Kang-Sheng in „Xi You“
Lee Kang-Sheng in „Xi You“ | © House on Fire

Tsai Ming-liang nimmt uns mit „Xi You“ und der klug gewählten Kameraperspektive, dem wunderschön eingesetzten Licht und der Darbietung von Lee Kang-sheng und Denis Lavant mit auf eine nachdenkliche Reise.

Eigentlich hatte ich keine rechte Lust, als ich im CineStar am Potsdamer Platz zur Spätvorstellung von Tsai Ming-liangs (蔡明亮) Xi You (西遊, englischer Titel: Journey to the West) eintraf. Der Tag war sehr lang gewesen. Zwölf Stunden war ich zwischen dem Ticketschalter für die Presse, der Presselounge, verschiedenen Kinos und Cafés hin und hergerannt und wollte mich nur noch mit einer guten Tasse Tee auf meinem Sofa ausruhen. Doch unbewusst spürte ich, dass ich diesen Film anschauen musste. Also betrat ich das gigantische CineStar IMAX und ließ mich kurz vor Beginn des Films auf einem der großen, bequemen Kinosessel nieder. Es war zauberhaft. Diese 56 Minuten waren mein Zen-Moment auf der Berlinale. 

Tsai Ming-liangs Werk hat mir schon immer gefallen, auch als ich noch nicht reif genug war, um dessen Finesse und Erhabenheit vollständig würdigen zu können. In Vive l’Amour – Es lebe die Liebe (爱情万岁), Der Fluss (河流) und What Time Is It There? (你那边几点) erfuhr ich etwas über Liebe, Jugend, Sexualität, Vagabundenleben und Zeit; ich war fasziniert von seiner Beschreibung urbaner Räume in The Skywalk Is Gone (天桥不见了); ich wurde Zeuge der Isolation von Menschen in Städten und ihrem Versuch der Kontaktaufnahme in Der letzte Tanz (洞) und Das Fleisch der Wassermelone (天边一朵云); ich war bewegt von seiner Darstellung von Migranten, Arbeitern und sozial Benachteiligten in I Don't Want to Sleep Alone (黑眼圈) und Stray Dogs (郊游). 2012 sah ich den 27-minütigen Walker auf der Viennale, der lang in mir nachhallte. Was für ein fantastisches Meisterwerk über Zeit, Rhythmus und Leben, was für eine scharfe Beobachtung der modernen Urbanität. In diesem Kurzfilm sieht man den kahlgeschorenen Lee Kang-sheng (李康生) im Gewand eines buddhistischen Mönchs, wie er zunächst die Treppen in einem Gebäude hinuntergeht und dann in das geschäftige Treiben Hongkongs eintaucht. Er läuft extrem langsam und vorsichtig, barfuß und schweigend, und blickt während des gesamten Films zu Boden. Passanten starren ihn an, fotografieren ihn oder streifen ihn flüchtig, doch all dies lässt den Gehenden unberührt. Ruhig und würdevoll läuft er gedankenfrei und entzieht sich dem weltlichen Leben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Walker mich noch eine ganze Weile nach der Vorstellung zum Nachdenken über das Gehen und das Leben brachte.

Xi You ist eine Fortführung des Projekts, und wie es sich entwickelt hat, erfüllt mich mit großer Freude. Dieses Mal beginnt der Film mit einer überlangen Nahaufnahme von Denis Lavants Gesicht vor einem dunklen Hintergrund. Sein auf die große Leinwand im IMAX projiziertes Gesicht lädt uns ein, sorgfältig jeden seiner Atemzüge, jede Falte, jedes winzige Härchen und jede noch so kleine Bewegung seiner Gesichtsmuskeln zu studieren. Es folgen lange, statische Einstellungen von verschiedenen Orten in Marseille, wo der wieder als Mönch gekleidete Lee Kang-sheng so langsam läuft, dass die Bewegungen kaum wahrnehmbar sind. Die Einwohner von Marseille reagieren ganz anders als die von Hongkong; sie sind sichtlich weniger beeindruckt von dem ungewöhnlichen Verhalten des Fremden und zücken nicht ihre Smartphones und Tablet-PCs. Gegen Ende des Films bewegt sich Lee Kang-sheng auf einer geschäftigen Straße aus dem Bild heraus; Denis Lavant folgt ihm mit der gleichen feierlichen und ergebenen Körperhaltung, bis auch er nicht mehr zu sehen ist. In der letzten, langen Einstellung scheint Tsai Ming-liang mit dem Zuschauer ein Versteckspiel treiben zu wollen. Die Kamera fängt eine Collage von Spiegeln ein, die Menschen zeigen, wie sie aus allen Richtungen auf einen Platz strömen oder ihn verlassen. Es obliegt dem Publikum, den rotgekleideten Mönch ausfindig zu machen, ebenso wie Michael Haneke uns auffordert, uns auszumalen, was am Ende von Caché tatsächlich vor der Schule geschieht.

Die Leinwand-Begegnung von Lee Kang-sheng und Denis Lavant ist für jeden Cineasten ein berührender Moment. Hier trifft nicht nur Ost auf West, sondern Tsai Ming-liangs gesamtes filmisches Schaffen fließt in das französische Kino ein, und zwei Ausnahmeschauspieler sind in einem Film vereint.

Das anschließende Publikumsgespräch mit Denis Lavant machte das Erlebnis für mich noch eindrücklicher. Auch er hatte den Film gerade zum ersten Mal gesehen. Es gibt wohl keine bessere Art, über Zeit und ein halbes Jahrhundert Filmgeschichte zu sinnieren, als sein müdes Gesicht und seine einzigartige Körpersprache zu beobachten. Als ich das CineStar im Sony Center verließ, war ich nicht nur erleuchtet und beschwingt, sondern fühlte mich wie nach einer langen Meditation.