Film Die „Goldene Ära“ des chinesischen Films

Dreharbeiten zu “Let the Bullets Fly” 2010, Foto: Hai
Dreharbeiten zu “Let the Bullets Fly” 2010, Foto: Hai | © ImagineChina

Die Einnahmen an den chinesischen Kinokassen haben sich in den letzten acht Jahren vervielfacht, der Kassenschlager Let the Bullets Fly durchbrach 2010 als erster chinesischsprachiger Film die „100-Millionen-Dollar-Marke“. Ein Grund zum Jubeln?

Der folgende Artikel erschien am 9. März 2011 in der chinesischen Zeitung International Herald Leader. Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz veröffentlicht eine gekürzte Version.

„2010 wurden an chinesischen Kinokassen über 10 Mrd. Yuan umgesetzt. Dies hat die Situation am bisher von importierten Blockbustern dominierten Filmmarkt verändert.“ So äußerte sich der Vizeminister für Propaganda Sun Zhijun (孙志军) am 28. Februar 2011 auf einer Pressekonferenz, die das Amt für internationale Kommunikation des Chinesischen Zentralkomitees anlässlich der Vertiefung der kulturellen Strukturreform abhielt. 

Kinoeinnahmen von 10 Mrd. Yuan – diese Zahl lässt die Filmschaffenden, die lange Jahre in bescheidenen Dimensionen denken mussten, frohlocken: Endlich ist sie da, die „Goldene Ära“ des chinesischen Films.

Gleichzeitig müssen wir uns jedoch einige bittere Tatsachen vergegenwärtigen, die von dieser Jubelstimmung verdeckt werden: Wenn etwa nicht mehr ein Filmkunstpreis, sondern der Platz im Club der 100-Millionen-Yuan-Regisseure als höchste Auszeichnung gilt; wenn die Kunst dem Streben nach hohen Kassenerfolgen unterlegen ist; wenn die Leute zwar wieder ins Kino gehen, ihnen aber nur eine minimale Anzahl von Filmen zur Auswahl steht; wenn die Arthouse-Kinos nicht aus den roten Zahlen kommen, während die kommerziellen Kinoketten erbarmungslos expandieren. 

Lange Zeit hat sich der chinesische Film zwischen System und Markt nach vorne getastet und läuft nun unweigerlich Gefahr, von seinem selbst erschaffenen Feind verschlungen zu werden. Dabei gilt: Je mehr Gewinne der Markt bereithält, mit desto härteren Bandagen wird gekämpft.

2010 – Siegeszug des chinesischen Films?

Es wird gesagt, 2010 habe der chinesische Film seinen Siegeszug angetreten. Gemäß den Daten, die die bei der State Administration for Radio, Film and Television (SARFT) angesiedelte Filmbehörde Anfang 2011 bei ihrer jährlichen Generalbesprechung veröffentlichte, brach der chinesische Film 2010 quer durch alle Kategorien die Rekorde der letzten Dekade: 526 Spielfilme wurden 2010 produziert, womit China weltweit auf Platz drei liegt. Die Kinoeinnahmen stiegen auf über 10 Mrd. Yuan, ein Wachstum von mehr als 60 %. 17 nationale Filmproduktionen durchbrachen die 100-Millionen-Yuan-Marke. 63 Produktionen räumten auf 25 Filmfestivals 89 Preise ab. Der Katastrophenfilm Aftershock von Feng Xiaogang (冯小刚), dessen persönlicher Einnahmerekord 2010 bei über einer Milliarde Yuan lag, spielte sensationelle 673 Mio. Yuan ein und begründete so den Kassenschlager-Mythos des chinesischen Films. Und nach den Huayi Brothers ging mit der Bona Film Group schließlich eine weitere private Filmgesellschaft erfolgreich an die Börse.

Früher wurde in der Branche selbstironisch darüber gewitzelt, dass der gesamte chinesische Filmsektor pro Jahr weniger Gewinne einfahre als das Internetportal QQ. In der Tat nimmt sich das Marktvolumen des chinesischen Films verglichen mit anderen Branchen eher bescheiden aus. Das Beachtliche ist sein Wachstumstempo: Zwischen den Einspielergebnissen von 2002, die nicht einmal eine Milliarde ausmachten, und den über 10 Mrd. von 2010 liegen gerade einmal acht Jahre.

Noch vor wenigen Jahren schien ein Einspielergebnis von über 100 Mio. Yuan nur ein schöner Traum zu sein, aber heute gilt das kaum mehr als spannendes Ziel, heute strebt ein Regisseur eher die Aufnahme in den „100-Millionen-Dollar-Club“? an. Ganz konkret hat der Regisseur Jiang Wen (姜文) den Ehrgeiz der chinesischen Regisseure geweckt. Seine künstlerischen Positionen und metaphorischen Tricks mögen zwar alle von großer Bedeutung sein, doch der handfestere und zugleich stärkere Reiz geht von den Zahlen seines Film Let the Bullets Fly aus: Mit einem Einspielergebnis von gut 700 Mio. Yuan hat er als erster chinesischsprachiger Film die „100-Millionen-Dollar-Marke“ geknackt. 

Laut einem Interview, das Gao Jun (高军), stellvertretender Generalmanager bei der New Film Association, dem International Herald Leader gab, befindet sich die chinesische Filmindustrie derzeit auf einem rasanten Entwicklungskurs. Dabei nähre sich das Wachstum nicht allein von der derzeit ausgegeben Förderpolitik für die einzelnen Filmbranchen, sondern vielmehr aus zahlreichen branchenfremden Investitionen. Dass 2010 ein Film wie Avatar auf dem chinesischen Festland 1,3 Mrd. Yuan einspielte, hat deutlich gemacht, welches Potential im chinesischen Filmmarkt steckt. In der Folge hat branchenfremdes Kapital, darunter aus dem Immobiliensektor und aus dem Ausland sowie Risikokapital, den „großen Kuchen“ des chinesischen Filmmarkts ins Visier genommen. Die diversen Kapitalzuflüsse haben die chinesische Filmlandschaft in gewisser Weise bereichert. Auf der Leinwand eifern Komödien, Krimis, Liebesfilme und Thriller um die Wette, die chinesische Filmbranche erfährt einen Entwicklungsschub und die Gewinne haben insgesamt kräftig zugelegt. Alles deutet darauf hin, dass der chinesische Film seine beste Zeit erlebt. 

Eine Kinokette, null Auswahl

Doch in gewisser Weise erlebt er auch seine schlechteste Zeit. Der Regisseur Zheng Dongtian (郑洞天) legte im Januar 2011 auf dem elften Cross-Strait & Hong Kong Film Director Seminar Zahlen vor, die eine ganz andere Sprache sprechen: „Von den insgesamt 626 Filmen, die 2010 gedreht wurden, gingen nur etwa 120 über Kinoketten in die Verwertung. Über 500 der Filme hat also nie ein Zuschauer zu Gesicht bekommen. 80 % der Filme sind nach ihrer Fertigstellung einfach in der Schublade verschwunden.“ Dabei entfielen von den 10,17 Mrd. Yuan, welche die über Filmketten vertriebenen rund 120 Filme einspielten, über 2 Mrd. Yuan auf Aftershock und Avatar, auf welche somit ein Fünftel der gesamten Einnahmen entfiel. Der Rest bestand aus ein paar Räuberpistolen, billigen und niveaulosen Klamotten oder unseriösen, klamaukartigen „Historienfilmen“. So kam es, dass im Februar ein Kritiker in der Shanghaier Tageszeitung Wenhuibao die Frage stellte: „Wie wäre es mit mehr Auswahl für das chinesische Publikum?“

Hier wird eine weitere Misere der chinesischen Filmindustrie offensichtlich: Trotz des erstaunlichen Entwicklungstempos kann nicht verborgen bleiben, dass der chinesische Film sich nach wie vor im Anfangsstadium befindet. Einmal davon abgesehen, dass der Markt die „Verfeinerung der Nachfrage und vernünftige Diversifizierung der Zielgruppen“ gar nicht leisten kann – denn die Crux liegt vor allem darin, dass die Plattformen für den Filmkonsum zu eng ausgelegt werden – besteht das weit größere Problem darin, dass das Kapital den profitorientierten Kinoketten den Grundsatz diktiert: „Lieber ein paar Leinwände mehr in den Boomtowns, als zehn neue Kinosäle in der Provinz“. Nur aus 224 Städten von Chinas 2.800 Städten ab Kreisebene liegen uns Kasseneinnahmen vor, was bedeutet, dass die nahezu 6.000 Leinwände in den 1.800 Kinos, die es derzeit in China gibt, sich auf diese gut 200 Städte konzentrieren.

Nehmen wir einmal an, die Kinos würden in China wirklich überall aus dem Boden sprießen, würden dann in der Filmkultur tatsächlich „hundert Blumen blühen“? Ganz gewiss nicht, denn nicht die Kinos selbst entscheiden über die Auswahl der Filme, sondern die Kette, zu der sie gehören. Ein Branchenkenner analysiert: Wenn eine Filmgesellschaft einen Film in den Verleih gibt, besteht sie auf Mindestumsätze an der Kasse. Auch wenn die Kinos rein theoretisch Filme direkt über den Verleiher beziehen könnten, werden sich beinahe alle Filmverleiher dafür entscheiden, ihre Filme an eine Kette zu verkaufen und nicht an einzelne Kinos – dieser Unterschied ist so deutlich wie bei Einzelhandel und Großhandel. Die Realität der Kinos sieht also so aus, dass diese nur an Filme herankommen, wenn sie sich mit einer Kette zusammentun; und aus der Perspektive der Kinoketten: warum sich mit den unterschiedlichen Vorlieben des Publikums auseinandersetzen und das Programm auf die einzelnen Regionen abstimmen, wenn sich doch manche Filme an den Kinokassen als Universallösung für alle Altersklassen erweisen?

Ein Hollywood – zwei Schicksale

Bezüglich der für alle Generationen geeigneten Kassenschlager führt der Hollywoodfilm zweifelsohne ein traumhaftes Dasein. Lässt man einmal die letzten 15 Jahre anhand der Liste der importierten Blockbuster, angefangen bei dem Thriller Auf der Flucht (1993) bis zu Avatar, Revue passieren, so werden Filme, welche „die herausragenden zivilisatorischen Errungenschaften der Welt und die zeitgenössische Filmkunst spiegeln“ in China fast ausschließlich durch Hollywood repräsentiert.

Mit dem Geschmack der Chinesen hat es allerdings etwas Eigenartiges auf sich: Egal ob ein Film ein raffinierter und ausgesuchter Leckerbissen ist oder nur uniformes Fast-Food, wenn er nur mit dem Etikett „Import“ versehen ist, wird er automatisch zum Kassenschlager. Die 24 Import-Filme des Jahres 2010 brachten es bei durchschnittlichen Einnahmen von 168 Mio. Yuan insgesamt auf beinahe vier Mrd. Yuan. Avatar nicht mitgezählt, haben sogar jene Filme, die nach dem sogenannten Blocksystem im Paket mit eingekauft werden und erst später als im Rest der Welt in die chinesischen Kinos kommen, die 100-Millionen-Yuan-Hürde genommen. Erst recht aber haben Disney und Warner Brothers jeweils neue chinesische Rekorde aufgestellt. Der florierende chinesische Filmmarkt entwickelt sich mehr und mehr zum weltweit zweitgrößten Markt für Hollywoodfilme. 

Ebenso wie die unverhältnismäßige gigantische finanzielle Ausbeute dieser Filme ist es ebenfalls bar jeder Vernunft, dass es neben den Kassenschlagern aus Hollywood Spitzenfilme gibt, die das chinesische Publikum niemals zu Gesicht bekommt. Die Importquote erlaubt jährlich nur 20 Blockbuster mit Gewinnbeteilung für die Verleiher und dazu etwa 20 Filme aus allen Ländern und Genres, die mit im Paket gekauft werden müssen. Deshalb haben die chinesischen Zuschauer 2009 mit Ausnahme von 2012 und The Transformers eine Reihe an Meisterwerken verpasst, wie den südkoreanischen Thriller Mother, das Kriegsdrama Hurt Locker, die Filmkomödie Julie & Julia, Das weiße Band und den Animationsfilm The Fantastic Mr. Fox.

„Das Ausgehungertsein nach Filmen ist die Hauptursache für die cineastische Geschmacklosigkeit im heutigen China“, sagt Gao Jun. „Dass noch der mieseste Blockbuster über 100 Mio. einspielen kann, liegt daran, dass die Leute außer den Blockbustern keine anspruchsvollen Filme gesehen haben. Dass der schwachsinnigste Hollywoodfilm über 100 Mio. bringt, liegt daran, dass die Kinobesucher nicht in den Genuss von mehr Filmen aus Hollywood kommen, die ihren Eintrittspreis wert sind. Es ist an der Zeit, Filme unterschiedlicher Herkunft auf den Markt zu lassen und den Filmgeschmack des chinesischen Publikums von Grund auf zu schulen.“ Gao Jun ist weiter der Meinung, dass für den chinesischen Film weder der Boykott von Hollywood und noch die Ablehnung der Kommerzialisierung noch die Expansion der Kinoketten das Gebot der Stunde sein sollte, sondern dass vielmehr bei der Auswahl der Filme angesetzt werden und den wieder in die Kinos strömenden Zuschauern ein breiteres Angebot ermöglicht werden sollte. Li Yus (李玉) Film Buddha Mountain, der am 4. März 2011 in die chinesischen Kinos kam, ist in gewisser Weise ein Durchbruch. „Man muss den Leuten erklären, dass Film außer Kommerz noch etwas anderes bedeutet, nämlich Kunst.“ 

Entsprechend dem Abkommen Chinas mit der WTO dürfen ab dem 19. März 2011 ausländische Filme direkt auf den chinesischen Markt kommen. Das bedeutet, dass die Importquoten, die dem chinesischen Publikum jahrelang lästig waren, allmählich der Vergangenheit angehören werden. Während die Filmimporte die Strukturen des chinesischen Films aufbrechen helfen, werden die Karten auch in Bezug auf Mechanismen und Finanzmarkt des Films neu gemischt werden müssen: Vielleicht werden einige Verleihfirmen entstehen, die verschiedene Zielgruppen bedienen, vielleicht wird es Filmstätten für unterschiedliche Geschmäcker geben, vielleicht wird für die diversen Filmgenres ein Umfeld eines faireren Wettbewerbs geschaffen werden. Erst wenn es soweit ist, werden wir mit Fug und Recht über die „Goldene Ära“ des chinesischen Films sprechen.