Berlinale-Blogger 2015 Ein schonungsloser Blick: „River Road“

Der Weg zum Fluss
Der Weg zum Fluss | Li Ruijun

Li Ruijuns „River Road“ schildert die Einschnitte im Leben der Yuguren in der Provinz Gansu und regt uns zum Nachdenken über das an, was wir im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung verloren haben.

Wie schon in meinem ersten Beitrag erwähnt, freut es mich zu sehen, wie chinesische Minderheiten auf der Berlinale 2015 mit eigener Stimme sprechen. Ihre vielseitigen, facettenreichen Beiträge beweisen, dass sich in der Volksrepublik neben dem von Han-Chinesen dominierten Kino ein dynamisches, alternatives Filmschaffen etabliert hat. So erzählt Li Ruijuns (李睿珺) River Road (家在水草豐茂的地方) eine sehr persönliche, umweltbewusste Geschichte über die Yuguren (裕固族) in Gansu (甘肅省), der Heimatprovinz des Regisseurs. Begleitet von der Musik des renommierten iranischen Komponisten Peyman Yazdanian machen sich zwei getrennt aufgewachsene Brüder auf den Weg durch das versteppte Land, um nach ihren Eltern zu suchen. Im Gegensatz zur Enge urbaner Filmwelten schwelgt River Road in grenzenloser Weite. Die Landschaft erstreckt sich bis zum Horizont, die Sonne scheint ungehindert. Der Rhythmus der Reisenden wird durch die Handkamera physisch spürbar. Diese Stilmittel verleihen der Schilderung des Nomadendaseins einen besonderen Charme. Immer wieder fängt die Kamera ausgedehnte Wüstenflächen, ausgetrocknete Flüsse, versiegte Brunnen, verdorrtes Weideland und verlassene Städte ein.

Und so wird nur allzu offensichtlich, dass Li auf ein Volk im Niedergang aufmerksam macht, das sich kaum der Zerstörung seines Lebensraums und der Übernahme materialistischer Lebensweisen erwehren kann. Aus Viehzüchtern werden Goldgräber, aus Weideland Wüsten, Kamele werden von Baggern verdrängt. Auch die yugurischen Sprachen geraten in Vergessenheit. Das wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass die beiden jungen Protagonisten der Sprachen ihres Volkes nicht mächtig sind und ihren Text auf Grundlage von Aufnahmen älterer Yuguren auswendig lernen mussten. Indem er das Leben einer bedrohten Kultur nachzeichnet, verleiht dieser leise Film den Nomaden, den Menschen abseits der breiten Masse und den Ungehörten mit aller Nachdrücklichkeit eine Stimme. Er bietet uns einen schonungslosen Blick auf die drastischen Folgen des permanenten Raubbaus an der Natur, für den wir alle verantwortlich sind