Interview mit Bi Feiyu Jeder lebt doch mit seinem eigenen „blinden Fleck“

Blinde Masseure bieten ihre Dienste an. Mai 2008, Stadt Neijing, Provinz Sichuan
Blinde Masseure bieten ihre Dienste an. Mai 2008, Stadt Neijing, Provinz Sichuan | © www.icpress.cn

Der aktuelle Roman Die Masseure des Autors Bi Feiyu (毕飞宇) handelt vom Alltag blinder Masseure in China. Im Interview mit der Wochenzeitung Southern Weekly meint der Autor, dass beim Umgang mit Behinterten in der chinesischen Gesellschaft noch einiges zu verbessern sei.

Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz beginnt in Kooperation mit der Wochenzeitung Nanfang Zhoumo (Southern Weekly), einer der progressivsten Zeitungen in China, eine neue Reihe: Interessante Artikel und Kommentare werden in unregelmäßigen Abständen übernommen und in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Die Artikel werden von Fall zu Fall durch die Redaktion gekürzt, aber nicht inhaltlich oder formell bearbeitet. Deutschsprachige Leser können so einen authentischen Einblick in die in China diskutierten Themen gewinnen – müssen sich aber auch auf andere Darstellungs- und Ausdrucksweisen einlassen. Im Hinblick auf den Gastlandauftritt Chinas auf der Frankfurter Buchmesse 2009 hat die Redaktion als ersten Beitrag aus Southern Weekly ein Interview mit dem Schriftsteller Bi Feiyu zu seinem neuesten Buch Die Masseure (Tuina) ausgewählt, welches den Umgang mit Menschen mit Behinderungen in der chinesischen Gesellschaft beleuchtet.

Der 2008 im Pekinger Volksliteraturverlag erschienene Roman, der den Alltag und die Gedankenwelt blinder Menschen darstellt, ist in China ein Publikumserfolg. Dies zeigt, dass das Thema viele Menschen interessiert. Ein positiver Impuls für die Belange von Menschen mit Behinderungen ging sicherlich von den Paralympics aus, die im September 2008 in Peking ausgetragen wurden. Trotzdem ist im Umgang mit Behinderten in der chinesischen Gesellschaft noch einiges zu verbessern, meint Bi Feiyu. Seine eigene Annäherung an das Thema war allerdings auch einmal von Vorurteilen geprägt…

Das Interview erschien in der Ausgabe vom 6. Mai 2009 der Wochenzeitung Nanfang Zhoumo. Bei der deutschen Übersetzung handelt es sich um eine gekürzte Version.

Die Idee zu dem Roman Die Masseure habe er bereits seit 20 Jahren mit sich herumgetragen, sagte Bi Feiyu im Interview. Nach Abschluss seines Studiums der Chinesischen Sprache und Literatur an der Pädagogischen Universität in Yangzhou 1987 wurde ihm eine Stelle an der Hochschule für Sonderpädagogik in Nanjing zugeteilt: „Damals hatte ich das Gefühl, dass mein berufliches Leben für immer mit dem Schicksal der Behinderten verbunden sein würde, dass meine Aussichten sehr düster seien und ich keinerlei Zukunft hätte.“ So durchlebte Bi Feiyu gleich zu Anfang seiner beruflichen Laufbahn eine große seelische Krise.

Fünf Jahre später wechselte er zur Nanjinger Tageszeitung und arbeitete dort als Journalist. Im Jahr 2007 entschied er sich, einen Roman über Menschen mit Behinderung zu schreiben: „Es war kurz nach Neujahr, als mich ein blinder Freund fragte, warum ich eigentlich noch keinen Roman über blinde Menschen geschrieben hätte. Ich war sehr überrascht und fragte zurück: „Wollt ihr denn, dass ich über euch schreibe?“, und er antwortete: „Ja, natürlich“, denn es sei doch noch nie ein Roman über ihr Leben geschrieben worden. Von da an suchte Bi Feiyu ganz bewusst den Kontakt zu blinden Menschen. Eine bis dahin verschlossene Welt tat sich ihm auf.

NFZM: Was für eine Welt ist die Welt der Blinden? Wie unterscheidet sie sich von unserem alltäglichen Leben?

Bi Feiyu: Wenn man keine Kinder hat, dann sieht man auf der Straße auch keine Kinder. Hat man aber Kinder, dann sieht man auf den Straßen überall Kinder. Als ich anfing, mich für das Leben von Blinden zu interessieren, merkte ich, dass sie in unserem Leben überall präsent sind.

Was ihr Naturell betrifft, kann man sagen, dass sie sehr offen und zuversichtlich sind. Ja, man kann sagen, dass sie viel offener sind als ich. Sonst hätte ich den Roman nicht geschrieben. Immer wenn ich mit ihnen zusammen war, haben sie mir mehr Freude bereitet als ich ihnen. Ich muss sagen, dass mich ihr Optimismus tief beeindruckt hat.

Es gibt Leute, die sagen, dass mein Roman so gar nicht der Welt der Blinden ähnelt. Ich frage dann immer zurück, was sie denn eigentlich über Blinde wissen? Muss ein Roman die Welt der Blinden als düster und kalt beschreiben, damit er glaubhaft wirkt? Die Erwartungshaltung an Literatur ist eine sehr kategorische, was ich völlig absurd finde. Negative kulturelle Traditionen wirken immer noch sehr stark, nach wie vor werden die Menschen in Klassen eingeteilt und Menschen mit Behinderung nicht geachtet. Was ich eigentlich zeigen möchte, ist, wie schwer das zwischenmenschliche Verstehen ist. In meinem Roman gibt es sehr viele Dissonanzen oder Störungen wie z.B. bei den beiden Figuren Zhang Zongqi und Sha Fuming: Beide sind blind und kommen eigentlich recht gut miteinander aus. Ihre Schwierigkeiten miteinander entstehen aufgrund von Verdächtigungen. Tragödien solcher Art sind nicht spezifisch für Blinde, sondern kommen in der ganzen Gesellschaft vor. Sehr viele Tragödien geschehen aufgrund von unbesonnenen Verdächtigungen. Menschen in einer gesunden Gesellschaft sollten sich untereinander nicht mit so viel Misstrauen begegnen, aber Chinesen sind nun mal nicht immer leicht zu verstehen.

NFZM: Was haben Sie gemacht, um zu verstehen, auf welche Weise Blinde die Welt wahrnehmen?

Bi Feiyu: Der Tastsinn ersetzt bei Blinden das Sehen. Ich habe inzwischen viel Erfahrung im Umgang mit ihnen. Wenn man drei, vier Tage mit ihnen zusammen ist, hat man auf jeden Fall viel Körperkontakt mit ihnen. Wenn wir uns treffen, dann wird viel geredet und wir berühren uns auch häufig. Man sitzt zusammen, hält sich an den Händen, auch andere Bewegungen sind wichtig. Verhält man sich anders als sie, dann ist es schwer, Zugang zu bekommen. Blicke haben in diesem Roman eine große symbolische Bedeutung und spielen auch am Ende des Romans eine große Rolle.

Ein jeder von uns lebt mit seinem „blinden Fleck“, eingeschlossen in seiner eigenen Begrenztheit. Die Eingeschränktheit der Blinden hat mir die Begrenztheit von uns gesunden Menschen deutlich vor Augen geführt. Wir können mit Blicken kommunizieren, jemanden mit den Augen fixieren. Diese Blicke können manchmal Brücken schlagen, manchmal aber auch eine Wand errichten und trennen. Als gesunder Mensch habe ich mich der Blinden bedient und mit Die Masseure eine verkehrte Welt beschrieben. Ihre Schicksale und ihre Erfahrungen sind die gleichen, wie wir sie erleben. Um es ganz deutlich zu sagen: Ich wollte mit diesem Roman die Blindheit der Menschheit beschreiben.

NFZM: Wie ist Ihre Meinung zu bereits erschienenen Romanen, die das Leben von Blinden beschreiben?

Bi Feiyu: Ich habe mir viele Werke, in denen es um Blinde geht, angeschaut, und habe festgestellt, dass sie im Wesentlichen zwei Funktionen haben. Entweder dienen die Blinden als Spiegel, um normale Menschen zu beschreiben, oder sie dienen als Symbol, um gesellschaftliche Probleme zu verdeutlichen oder um zu philosophieren. Und einige andere Romane bedienen sich Menschen mit einer Behinderung,, um Vorbildcharaktere zu schaffen.

Die meisten Menschen reagieren sofort mit Teilnahme, wenn man über Blinde spricht und empfinden sie als sehr bedauernswert. Dies sind hehre Gefühle, doch Mitgefühl kann auch Verletzungen erzeugen. Mitleid und Teilnahme gehören sicherlich zu den besten Gefühlsregungen von uns Menschen, allerdings kommt es darauf an, wie wir sie äußern. Sie sollten nicht huldvolle Zuwendungen sein, die wir gnädigen Herren gleich Untergebenen zukommen lassen. Das wäre ganz falsch. Wie zum Beispiel vor laufenden Kameras Behinderten Geldgeschenke zu überreichen, das spricht ebenfalls nicht für wahres Mitleid und aufrichtige Teilnahme.

Bevor ich mit dem Schreiben begann, war ich mit einigen blinden Freunden essen und habe mit ihnen über mein Vorhaben und darüber, was sie davon halten, gesprochen. Einer von ihnen sagte: „Ohne Anteilnahme kann man unmöglich über die Blinden schreiben.“

Als ich Die Masseure beendet hatte, fragte mich ein Schriftsteller mit Bedauern, warum mein Roman keinerlei symbolische Bedeutungen beinhalte. Es gäbe keinerlei positive oder optimistische Elemente. Mit meiner Entscheidung, behinderte Menschen als gewöhnliche Menschen zu beschreiben, war es auch unumgänglich, ihre hässlichen und bizarren Seiten zu beschreiben. Hier zwei Beispiele: Das erste ist das pöbelhafte Benehmen des Masseurs Wang und das zweite ist die Szene, als Zhang Zongqi ins Bordell geht und die Mädchen als „Liebesdienerinnen“ bezeichnet. Chauvinistisches Denken ist in der chinesischen Unterschicht immer noch weit verbreitet. Diese Aspekte konnte ich in dem Roman nicht weglassen.

Ich wollte die Blinden in meinem Roman nicht nur halb beschreiben. Immer wenn ich beim Schreiben auf solche Aspekte stieß, empfand ich dies als eine große Prüfung – schließlich habe ich es aber so geschrieben, wie ein Schriftsteller es meines Erachtens schreiben sollte. Viele Menschen fragen mich, was das Schwierigste beim Schreiben sei, und es ist genau dieser Entscheidungsprozess. In meinen früheren Romanen habe ich sehr häufig die gesellschaftlichen Zustände kritisiert, wie zum Beispiel im letzten Roman Die Ebene, und viele meiner literarischen Figuren geraten ja gerade aufgrund der gesellschaftlichen, geschichtlichen und ideologischen Gegebenheiten in solche Lebenslagen wie die der beiden erwähnten Figuren in dem Roman Die Masseure. In dem Roman Die Masseure gibt es diese ideologische Kritik nicht. Das von mir beschriebene Leben der Masseure hat nicht viel mit der Gesellschaft und dem ideologischen Bewusstsein zu tun. Als ich anfing, zu schreiben, tat ich es mit viel Sympathie und Wärme für die Blinden und so ist ein sehr warmherziger Roman entstanden.

NFZM: Wenn man diesen Aspekt betrachtet, was ist dann der Unterschied zwischen Die Masseure und anderen Werken?

Bi Feiyu: Ich habe bisher noch kein Buch gefunden, in dem wirklich ernsthaft über blinde Menschen geschrieben wird, weder in China noch im Ausland. Das Buch, das wirklich in ihr Innerstes und in ihren Alltag eingedrungen wäre, habe ich noch nicht entdeckt. Deshalb wollte ich diesen Roman schreiben. Ich glaube, es gibt in China keinen Schriftsteller, der die Blinden und ihr Leben so gut kennt wie ich.

Für mich gibt es abgesehen von dem biologischen Merkmal keinerlei Unterschied zwischen ihnen und uns. Das Leben der Blinden ist überhaupt nicht tragisch, ganz im Gegenteil, es ist eigentlich ziemlich heiter und vergnügt. Es ist ein Teil unseres ganz alltäglichen Lebens. Man braucht wirklich nicht zu meinen, dass die Welt besonders trostlos wäre, wenn man mit behinderten Menschen zusammen ist. Nein, überhaupt nicht. In ihrem Leben gibt es auch Freude und Glück, das einzige Problem ist, dass der Alltag aufgrund ihrer Blindheit nicht so glatt verläuft. Aber ganz egal auf welche Unannehmlichkeiten und Hindernisse sie stoßen, sie sehnen sich genau so nach Freude und Glück wie wir.

NFZM: Aber das Ende Ihres Romans ist doch so gar nicht glücklich und zufriedenstellend, sondern vielmehr ziemlich tragisch.

Bi Feiyu: Aber so ist doch die Realität. Glück und Zufriedenheit sind nun mal selten. Ich hoffe immer sehr, dass ein Roman einen runden, glücklichen Schluss hat, aber ich achte auch darauf, dass das Ende nicht ein von mir konstruiertes ist. Bei den Romanen heutzutage ergibt sich der Schluss ganz selbstverständlich aus dem Verlauf des Erzählten, und das ist auch das, was ich anstrebe.

Ich habe im Ausland bemerkt, dass dort niemand behinderten Menschen auf der Straße hilft. Sorglos und zufrieden fahren sie mit Elektrorädern herum und kaufen ein. Warum brauchen sie keine Hilfe von anderen Menschen? Weil sie in einer Gesellschaft leben, die ihnen ein gutes Versorgungssystem bietet, die sie unterstützt und respektiert. Diese Art von Hilfe ist ihnen nicht peinlich. Wenn man ihre Ruhe und Gelassenheit sieht, dann merkt man, dass sich die Gesellschaft um sie kümmert. Aber in unserer Gesellschaft können Sie feststellen, dass ein behinderter Mensch sich sehr zurückhaltend und vorsichtig verhält. Er hat das Gefühl, dass sich nur wenige Menschen um ihn kümmern. Aber auch ein behinderter Mensch hat seinen Stolz, und er wird sich in einer Gesellschaft, die nicht für ihn sorgt, als Schwächling fühlen.

In Nanjing gibt es zwar überall blindengerecht gepflasterte Bürgersteige, aber trotzdem befinden sich auf den Wegen Kanalschächte, nicht selten ohne Deckel, oder Strommasten, an denen sie vorbei laufen müssen, so dass sich die Blinden nicht auf diese Wegführungen verlassen können. Unsere Gesellschaft schuldet den Blinden, den Behinderten etwas. Das ist aber noch nicht in den Köpfen der Städter drin. Man kann also durchaus sagen, dass unser menschliches Miteinander noch sehr zu wünschen übrig lässt. Die größte Hilfe für die Behinderten ist eine gute Gesellschaft und nicht, ihnen über die Straße zu helfen.