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Literatur
Sich in der fremden Sprache häuslich einrichten

Porträt Luo Lingyuan, Foto Milena Frech
Porträt Luo Lingyuan, Foto Milena Frech | Copyright: Luo Lingyuan

1990 kam Luo Lingyuan nach Deutschland - aus "romantischen" Gründen. 2007 erhielt sie den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis für deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache. Hier erzählt sie, warum sie auf Deutsch schreibt.

Von Ute Gebina Gareis

Bis China hat es Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), der deutsche Literat und Botaniker französischer Herkunft, nicht geschafft. Er ist auf seiner dreijährigen naturwissenschaftlichen Forschungsreise nur bis Manila gekommen. Aber in seiner Phantasie ist der an Sprachen interessierte Wissenschaftler Chamisso sehr wohl in China gewesen: In seiner Erzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte, einem Märchen mit autobiographischen Zügen, lässt Chamisso seinen unglücklichen, durch einen Pakt mit dem Teufel um seinen Schatten gebrachten Helden auf seiner Flucht aus der Heimat in einer Landschaft mit Reisfeldern landen. Dort hört er "seltsame Silben". Zwei Chinesen reden ihn "mit landesüblichen Begrüßungen in ihrer Sprache" an. Möglich war Schlemihl diese Reise nach China durch das Tragen von Siebenmeilenstiefeln, einem in Märchen gängigen Mittel zur Überwindung großer Entfernungen.

Für ihre Reise in umgekehrter Richtung – von China nach Deutschland - hat Luo Lingyuan das Flugzeug gewählt. 1963 in China geboren, mit einem Jahr Deutschunterricht an der Shanghaier Fudan-Universität im Gepäck, kommt sie 1990 nach Deutschland; nicht wie einst Chamisso als Flüchtling nach dem Verlust der Heimat, sondern aus "romantischen" Gründen.

"Chinesen lernen wahnsinnig schnell."

Aus der Reise wird ein langer Aufenthalt. Das magere Deutsch der Studienzeit lässt Luo hinter sich. "Chinesen lernen wahnsinnig schnell", sagt sie. Eines Tages dann legt sie los: Sie schreibt ihre erste Erzählung in deutscher Sprache. "Durch das Schreiben in Deutsch muss ich mich mit der Sprache noch mehr, noch intensiver beschäftigen. Dadurch lerne ich. " Der ersten Erzählung folgen weitere zehn, gesammelt erscheinen sie in dem Buch Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!, für das sie 2007 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis erhält. Der Preis wird von der Robert Bosch Stiftung an deutsch schreibende Autoren nicht-deutscher Muttersprache verliehen.

An einem Abend im August, am 6. Tag der Adelbert-von-Chamisso-Woche, veranstaltet vom Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin-Mitte, sitzt Luo Lingyuan in einer leuchtend roten Bluse strahlend vor dem Portrait des Adelbert von Chamisso und trägt mit geübter, klarer Vorlese-Stimme aus ihrem Roman Die chinesische Delegation vor. "Ist es eine wahre Geschichte? " wird sie gefragt. "Eine ziemlich wahre Geschichte, obwohl alles erdacht ist." Aus diesem Satz spricht ihre Fabulierlust, die den stellenweise absurden, flott erzählten und mit Situationskomik durchsetzten Roman so kurzweilig macht. Man sieht es Luo an: Sie mag die deutsche Sprache, sie hat Spaß an ihr. Und sie scheint sich in ihr wohl zu fühlen. Fühlt sie sich im Deutschen zu Hause? "Nein, noch nicht ..., ich hoffe ... vielleicht in zehn Jahren."

"Durch die Sprache erreicht man die Menschen."

Einige Wochen vor diesem Abend im Brecht-Haus geht sie in einem Gespräch über Sprache und Heimweh ohne zu zögern auf die immer wieder gerne gestellte Frage ein: "Es heisst, man sei in einer Sprache angekommen, wenn man in dieser Sprache träumt. Träumen Sie in Deutsch?" "Manchmal, ja. Da höre ich im Traum jemanden schöne oder komplizierte Sätze sagen. Dann wache ich auf und bin ganz überrascht." "Überrascht?" "Ja, weil es Sätze sind, die ich selber eher nicht sage, weil ich nicht wagen würde, so kompliziert zu sprechen. Aber eigentlich muss ich die Sätze ja wohl selber formuliert haben, wenn ich sie im Traum höre." Luo lacht. Nachdenklich beantwortet sie die nächste Frage: "Wenn Sie eine Scheu vor komplizierten deutschen Sätzen haben, warum schreiben Sie in Deutsch?" "Ich lebe in Deutschland. Durch die Sprache erreicht man die Menschen. Und umgekehrt: Deutschland erreicht mich, Deutschland kommt mir näher." Auf diesem Weg der Annäherung ist nun das nächste Buch bereits geschrieben. Es erscheint 2008 unter dem Titel Nachtschwimmen im Rhein. In Deutsch. "Haben Sie eigentlich Heimweh nach der chinesischen Sprache?" " Ja, immer". "Und was tun Sie dagegen?" "Ich lese viel. Von meinen Reisen nach China komme ich immer mit einem schweren Koffer voller Bücher zurück."

Luo Lingyuan hat sich im fremden Deutschen häuslich eingerichtet. Die "seltsamen Silben" des Chinesischen aber bleiben möglicherweise noch eine ganze Weile ihr Zuhause.

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