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Gesellschaft und Medien
Lu Min: Drei deutsche Schlüsselworte

Lu Min mit Irmy Schweiger in Göttingen
Lu Min mit Irmy Schweiger in Göttingen | © Lu Min

Die Deutschen sind pünktlich und lesefreudig, so der Eindruck der chinesischen Autorin Lu Min (鲁敏), die im Juni 2010 vier Wochen als „Artist in Residence“ in Göttingen verbrachte.

Von Lu Min

Im Juni 2010 war die chinesische Autorin Lu Min (鲁敏) aus Nanjing für vier Wochen „Artist in Residence“ an der Abteilung Interkulturelle Germanistik der Universität Göttingen.

Ein Monat in Deutschland – die Hälfte der Zeit arbeitete ich und nahm an sechs, sieben Veranstaltungen zum Kulturaustausch teil; die andere Hälfte der Zeit reiste ich durchs Land und besichtigte einige Orte. Jede Veranstaltung, jede Exkursion hatte ihren eigenen Reiz, doch im Nachhinein sind es ein paar Schlüsselworte, die mir im Gedächtnis bleiben werden.

Der schöne Augenschein

Über die Schönheit europäischer Kleinstädte ist man sich unter den Reisenden dieser Welt wohl einig. Doch erst wenn man direkt vor Ort ist und Göttingen einmal mit den Augen einer „Ortsansässigen“ betrachtet, erfasst man die vielen Details. Beispielsweise die in Form und Stil so abwechslungsreichen Einfamilienhäuser und Gärten, die man dort in kleinen Gassen findet; insbesondere die Schillerwiese und der Göttinger Wald gegenüber meiner Unterkunft waren traumhaft schön. Ich nutzte jede freie Minute, um dort zu joggen und mich an Duft und Schönheit doppelt zu berauschen. Davon, wie sehr die Deutschen nach optischer Perfektion streben, mag besonders die Restaurierung von Sehenswürdigkeiten einen Eindruck vermitteln.

Im Bereisen alter Städte bin ich etwas dogmatisch, am liebsten würde ich die berühmten Sehenswürdigkeiten stur nach Plan „abhaken“. So nahm die Komödie ihren Lauf: Aus der Entfernung war ich stets freudig überrascht, doch wenn ich näher und kam und schließlich den Kopf hob, sah ich: Ah, hier wird gebaut! Was ich eben von weitem erblickt hatte, war nicht als eine gigantische Plakatwand gewesen! Dabei betrieb diese Kulissenmalerei ihr Blendwerk mit höchstem ästhetischem Anspruch. Größenverhältnisse, Farbton, Dekor, ja auch Dreidimensionalität wurden so weit als möglich nachgeahmt, und ab und zu passte sogar die Hintergrundfarbe des Himmels. Fast konnte man es für echt halten und manchmal musste man schon mit der Nase daran stoßen, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen: Doch nur ein gemaltes Trugbild! Dieses Phänomen ist mir wirklich auf Schritt und Tritt begegnet: Beim Kölner Dom, dem rosa Rathaus in Bonn, der Heiliggeistkirche in Heidelberg vor dem Doppelturm der Alten Brücke und der Brücke über den Main-Donau-Kanal, über die man muss, wenn man in die Bamberger Altstadt will; auch bei der weitläufigen Münchener Residenz und der senfgelben Theatinerkirche. Schließlich war ich schon gar nicht mehr enttäuscht, sondern nannte mich nur im Stillen eine „Pechmarie“: Lebt in China in einer Stadt, in der kein Tag vergeht, ohne dass an einer Straße gebaut oder ein Haus hochgezogen wird, und als sie nach Europa kommt, um hier alte Gassen und Städte zu sehen, wird schon wieder renoviert!

Die Restaurierung von berühmten Sehenswürdigkeiten sei in Deutschland gang und gäbe, tröstete mich ein ausländischer Student, der schon acht Jahre in Deutschland lebt. Da sich die Bauarbeiten stets über mehrere Monate oder sogar ein halbes Jahr hinzögen, sei es ganz normal, dass einem als Reisenden die Kopie der Realität auf Plakatwänden begegne. Dabei erzielt man nach einer langen Renovierungsphase folgenden visuellen Effekt: Es ist für niemanden zu erkennen, dass hier restauriert wurde, immer noch die alte gräuliche Patina, selbst die Jahrhunderte alten Wasserflecken am Sockel einer Statue hatte man wieder „hingekriegt“. Diese Form der Instandsetzung und deren Zeitaufwand sollte man verstehen und gutheißen – gut, ich bin einverstanden und bereit, mein „Pech“ zu akzeptieren.

Die deutsche Pünktlichkeit

Bei öffentlichen Veranstaltungen versteht sich Pünktlichkeit von selbst, aber auch bei Privataktivitäten wie Grillen im Grünen oder einer Familienfeier verabredet man sich auf die Minute genau. Da ich auch in China Termine gerne einhalte, war das für mich keine große Umstellung. Bemerkenswert ist jedoch das Zeitgefühl der Deutschen Bahn. Das Netz der Deutschen Bahn ist weit verzweigt und der Reisende bei jeder Fahrplanauskunft und Ticketreservierung hinsichtlich Fahrkartenerwerb und Anschlussverbindung vollkommen auf sich selbst gestellt. Trotzdem kommen selbst Alleinreisende wie ich, die völlig unerfahren und orientierungslos sowie der deutschen Sprache nicht mächtig sind, ohne größere Hindernisse vom Fleck. Im Nachhinein habe ich das der Pünktlichkeit der Züge zu verdanken, gab es doch bei den Abfahrtszeiten von den einzelnen Stationen kaum Abweichungen. Hatte ich die Bildschirmanzeigen im Zug und auf dem Bahnsteig übersehen, die Einfahrtsankündigung im Abteil nicht verstanden und auch den Ankunftsplan, der am Sitzplatz bereit lag, nicht lesen können, genügte es, die korrekte Zugnummer herauszusuchen und einen Blick auf die Armbanduhr zu werfen. Wenn ich dann zu gegebener Zeit aus dem Zug stieg, konnte nichts schief gehen. Diese Art der Genauigkeit schätze ich außerordentlich, und eine ähnliche Präzision gilt in Deutschland auch für den öffentlichen Busverkehr. An jeder Haltestelle hängt ein Zeitplan, auf dem für jeden Tag die Zeiten für alle Fahrten jeder Buslinie aufgelistet sind. Man muss sich dem eigenen Terminkalender entsprechend lediglich einen Zeitpunkt aussuchen und auf den Bus warten. Ich habe gewartet, und er kam auf die Minute genau! Dass in der Stadt ein Bus so pünktlich fährt wie ein Zug – Respekt!

Die Wahrnehmung der Zeit, das Läuten der Kirchenglocken, vor allem in den kleinen Städtchen, wo zu jeder vollen Stunde die Glocken gemächlich und feierlich zu läuten beginnen, als würden sie die Zeit auf besondere Weise streicheln und verabschieden; und dann die in ganz Deutschland paarweise auftretenden Glockentürme, am eindrucksvollsten der Glockenturm in Rothenburg ob der Tauber, in dem vier stilistisch unterschiedliche Glocken übereinander angeordnet sind! Nicht zu vergessen die unzähligen Wanduhren, die man allerorts an Läden und Plätzen, Haltestellen und Informationsschaltern in allen Variationen vorfindet. Jede für sich pünktlich wie ein gewissenhafter, aber geschwätziger Freund, der dich in einem fort ermahnt: „Sieh doch, schon so spät!“. Da verwundert es dann auch nicht, dass die Deutschen, egal ob sie in der U-Bahn, in der S-Bahn oder im ICE sitzen, einen höchst geschäftigen Eindruck machen. Während sie entweder lesen, irgendein Formular ausfüllen oder am Laptop arbeiten, bin ich allein auf eine andere Art beschäftigt als sie: Ich habe zu tun, ihnen zuzusehen oder aus dem Fenster zu schauen.

Die Freude am Lesen

So bin ich nun beim dritten Schlüsselwort angelangt, und das steht im Zusammenhang mit meinem diesmaligen Kulturaustausch: Das Lesen. Lesen die Deutschen denn lieber als die Chinesen? Die richtige Antwort darauf kenne ich zwar nicht, aber nach ihrem Verhalten zu urteilen, sieht es ganz danach aus. Nachdem ich an etlichen kleineren und größeren Lesungen, szenischen Lesungen und Autorendiskussionen sowie an Übersetzer- und Komparatistik-Symposien teilgenommen habe, kann ich sagen, dass hier eine relativ hohe Professionalität herrscht. Dabei sieht man vielen Besuchern sofort an, dass es sich um ganz normale Leute handelt und keineswegs um Professoren oder Wissenschaftler. Mit welcher Ernsthaftigkeit und Verve sie jedoch über Literatur diskutieren ist wirklich erstaunlich! Auch dass – wie eben erwähnt - in jedem Verkehrsmittel jemand liest, kann als Beweis gelten. Bei jedem noch so cool gestylten Mädchen ist damit zu rechnen, dass sie aus ihrem Täschchen ein dickes Buch hervorholt, in dem ganz akkurat ein Lesezeichen klemmt. Beispielsweise habe ich einen Teenager gesehen, der gleich nachdem er eingestiegen war, ganz systematisch seine Schultasche und seine Jacke ablegte, die geliebte Lektüre herausnahm und sich für den Rest der Fahrt in diese vertiefte ohne noch einmal den Blick zu heben.

Es gab auch deutsche Freunde, die zu mir meinten, ich sollte mich nur nicht täuschen lassen, meistens handele es sich doch nur um Bestsellerromane oder Schmöker - wie dem auch sei, es ist trotz allem lobenswert und wenn auch nur aus der Perspektive der Verlage. Natürlich spielt auch die Umgebung eine Rolle. Die öffentlichen Verkehrsmittel in China sind meistens überfüllt und schwanken so, dass man in dem Gedränge kaum dazu kommt, einen Sitzplatz zu ergattern, ein Ort zum Wohlfühlen ist das nicht. Zudem wird gerne laut geredet und telefoniert, und über Fernsehbildschirme im Abteil wird man permanent mit Werbung bombardiert. Wie sollte man da noch lesen? So ist es in den öffentlichen Verkehrsmitteln in China meist so, dass jeder einen Stöpsel im Ohr hat und Musik hört oder an seinem Handy herumspielt und SMS verschickt. Auch ich käme nicht auf die verrückte Idee, in einem öffentlichen Verkehrsmittel in China zu lesen.

Nichtsdestotrotz stimmt mich die Situation in Deutschland optimistisch: Was nicht ist, kann noch werden und die Enttäuschung ist die Mutter der Hoffnung – eines Tages, wenn wir in China lesefreundlichere Verkehrmittel und öffentliche Räume haben, wird die Lesequote der Chinesen erfreulich in die Höhe schnellen, so märchenhaft schnell wie das chinesische Bruttoinlandsprodukt!

 

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