Gesellschaft und Medien Chinesische Kampfkünste in Deutschland

Junge Deutsche üben Kungfu in Hannover
Junge Deutsche üben Kungfu in Hannover | Foto: Qing Mu

Chinesische Kampfkünste sind in Deutschland sehr populär. Doch bei den aus China „exportierten“ Stilen handelt es sich bereits um moderne Varianten einer traditionellen Kampfkunst.

Kai Filipiak lehrt Sinologie an der Universität Leipzig – und forscht über die Geschichte und die Kultur des „Wushu“, wie der Sammelbegriff für die traditionellen chinesischen Kampfkünste lautet. Worin für ihn die Faszination des „Wushu“ besteht, verriet Filipiak in einem Vortrag, den er am 15. April 2008 am Frankfurter China-Institut hielt: Es ist vor allem die kulturelle Vielschichtigkeit und Multifunktionalität dieser Bewegungskünste.

Kampfkunst als Kultur

So beispielsweise findet sich in den überlieferten Schriften zur Kampftechnik auch die altchinesische Zahlensymbolik, wo etwa die „5 Organe“ des Menschen bestimmten Körpergliedern, Materialien und kämpferischen Praktiken zugeordnet werden. Dem entsprechend erfüllten auch die einzelnen überlieferten Kampftechniken im alten China recht unterschiedliche Funktionen: Sie waren Teil einer militärischen Strategie, dienten dem Angriff oder der Selbstverteidigung. Zugleich aber waren sie eingebettet in eine durch daoistische und buddhistische Elemente geprägte Gedankenwelt. Insofern wurden sie auch als Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheitsvorsorge verstanden.

Von der Kampfkunst zur Sportart

Mit dem Einbruch der westlichen Moderne drohte das Wissen um die „Wushu“-Kampfkünste verloren zu gehen. Doch in den 1920er und 1930er Jahren kam es zu einer Wiederbelebung. Sun Yatsen; der erste Präsident eines republikanischen China, befürwortete die Erneuerung der alten „Wushu“ als „Guoshu“: als nationales Kulturgut und Teil der patriotischen Selbstbehauptung Chinas. So wurden die einstigen Kampfkünste zu modernisierten Sportarten ummodelliert: Stile wurden vereinheitlicht, die Lehrerausbildung standardisiert.

Wushu im Westen

Dass chinesische Kampfkünste in den 1970er Jahren zunächst in den Vereinigten Staaten populär wurden, ist nicht zuletzt auf einschlägige Filme und Fernsehserien zurückzuführen. Es war vor allem der Schauspieler und Kampfkunstsportler Bruce Lee (李小龙), der mit effektvollen Kampfdarbietungen in den sogenannten „Kungfu“-Filmen (Enter the Dragon, 1973) das Publikum vor allem in Hongkong und in den USA begeisterte.

Wushu in Deutschland

Die in den Filmen gezeigten Kampfkunsttechniken begeisterten zahlreiche Jugendliche aus dem Einwanderermilieu und den sozialen Brennpunkten westlicher Großstädte. Showgruppen, wie etwa das Dacascos Kung Fu Show Team, das Mitte der 1970er Jahre aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland übersiedelte, beeindruckten auch das deutsche Publikum mit ihren akrobatischen Kampfkunstdarbietungen, in denen sich oft chinesische mit südostasiatischen Stilen mischten. In deutschen Großstädten entstanden bald zahlreiche Kampfkunst-Studios und eine Wing-Tsun-Akademie.

Shaolin-Mönche in Deutschland

Mit der Öffnung der Volksrepublik China Mitte der 1980er Jahre kamen vermehrt chinesische Kampfkunstlehrer nach Deutschland. Neben Taiji- und Qigong-Kursen, die heute in fast jeder deutschen Stadt angeboten werden, ist man längst auch auf die Kampfkunstdarbietungen der buddhistischen Mönche des Shaolin-Klosters aufmerksam geworden. 2001 wurde ein „Shaolin Tempel Deutschland“ in Berlin gegründet, der seit 2002 von einem eigens vom Abt des berühmten Songshan Shaolin-Klosters entsandten Großmeister geleitet wird. Neben Qigong, Taiji und Kongfu finden dort auch Seminare statt, die sich mit dem Zen-Buddhismus beschäftigen. Denn längst sind es nicht mehr nur Jugendliche aus den sozialen Unterschichten, die unterschiedliche „Kongfu“- Stile trainieren. „Sanfte“ und weniger kriegerisch anmutende Bewegungsstile, wie etwa Qigong werden von zahlreichen Angehörigen der deutschen, akademischen Mittelschicht praktiziert: nach Feierabend, als Ausgleich zum anstrengenden Berufsalltag oder als Möglichkeit, seelischen Stress abzubauen. Und so bieten auch manche Wellness-Hotels in deutschen Kurorten Qigong-Kurse an.

Kampfkunst als Sinnsuche

Als faszinierend empfinden viele Deutsche die traditionellen chinesischen Gesundheits- Konzeptionen. Auch die buddhistischen, bzw. daoistischen Vorstellungen, die sich in einzelnen Übungen ausdrücken, stoßen auf großes Interesse: Man erhofft sich von ihnen Denkanstöße, die dazu beitragen könnten, die Probleme der eigenen Lebensführung besser zu bewältigen. Ob derartige Motive auch die deutschen Olympioniken bewegt haben mögen, einen Tageskurs bei den Berliner Shaolin-Mönchen zu belegen? Jedenfalls trainierten im November 2007 mehr als zwanzig deutsche Sportler, die an der diesjährigen Olympiade in Peking teilnehmen werden, Qi Gong und Shaolin-Gongfu unter der Anleitung des chinesischen Großmeisters und eines Meisters vom Shaolin Tempel Deutschland. Auf den Erfolg darf man jedenfalls gespannt sein!