Theater Grosser Auftritt für chinesisches Theater in Düsseldorf

Szene aus „Der Fall der Götter“
Szene aus „Der Fall der Götter“ | © Düsseldorfer Schauspielhaus

Im Frühjahr 2009 wird das Düsseldorfer Schauspielhaus Stücke von fünf chinesischen Dramatikern in deutscher Sprache präsentieren. Der Dramaturg Christoph Lepschy war im Oktober 2008 in Peking und erzählt, wie es zu dieser Initiative kam.

Im Frühjahr 2009 wird das Düsseldorfer Schauspielhaus fünf chinesische Dramatiker mit jeweils einem Stück in deutscher Sprache präsentieren. Der Dramaturg Christoph Lepschy war im Oktober 2008 in Peking und erzählt im folgenden Interview, wie es zu dieser Initiative kam und was man in Düsseldorf außerdem plant.

ML: Guten Tag Herr Lepschy! Wie kommt es, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus sich für chinesisches Theater interessiert? 

CL: Bei dem Intendantenwechsel vor zweieinhalb Jahren, mit dem Amélie Niermeyer ans Düsseldorfer Schauspielhaus kam, haben wir uns unter anderem überlegt, in welchen internationalen Bezügen die Stadt steht. Dabei stellten wir fest, dass Düsseldorf in den letzten Jahren seine Beziehungen zu China intensiviert hat, 2005 ist Düsseldorf beispielsweise Partnerstadt von Chongqing geworden. Vor diesem Hintergrund habe ich mich gefragt „Was passiert eigentlich im chinesischen Theater?“ und habe angefangen zu recherchieren. Mein Eindruck war, dass das chinesische zeitgenössische Theater in Deutschland ein weißer Fleck ist. Es gibt zwar immer wieder chinesische Kulturfestivals, aber die Wahrnehmung von chinesischer Kultur ist doch häufig auf Peking-Oper und Staatszirkus beschränkt - in letzter Zeit ist noch die Bildende Kunst hinzugekommen. Eine Ausnahme bildete ein umfassendes Kulturfestival unter dem Titel Umweg über China, das 2007 im HAU in Berlin stattfand. Nach allem, was in China vor sich geht, müsste es doch interessant sein zu schauen, wie bzw. ob sich diese Umwälzungen und Veränderungen in der Theaterkultur niederschlagen. 

Eigentlicher Auslöser war dann ein chinesisches Theaterstück, das mir der Sinologe Andreas Guder empfohlen hat. Daraus ergab sich die Begegnung mit der Regisseurin Cao Kefei (曹克非). Sie hat zehn Jahre lang in der Schweiz gelebt und ist von daher eine sehr gute Mittlerin zwischen den Kulturen, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie viel deutsche Kultur nach China gebracht hat: Sie hat Thomas Bernhard und Marius von Mayenburg übersetzt, kennt sich sehr gut in der zeitgenössischen Dramatik aus. So wurde sie zur Partnerin, Beraterin und Co-Kuratorin dieses Projekts. Wenn ich hier in China mit chinesischen Theaterleuten spreche, stellt sich ja immer wieder die Frage nach der Verständigung: Worüber redet man eigentlich, wenn man vom „Zeitgenössischen“ spricht, was meint man, wenn man nach einer bestimmten Form der Dramaturgie sucht. Wir sind ja nicht auf klassische Handlungsdramaturgie fixiert, die in China vorherrschend ist, sondern suchen auch andere, offene Formen. Da ist Cao Kefei eine wunderbare Vermittlerin.

ML: Gibt es am Düsseldorfer Schauspielhaus auch noch weitere Länder- oder Kulturschwerpunkte?

CL: Wir haben gerade ein Festival zum amerikanischen Gegenwartsdrama gemacht und arbeiten auch mit Kollegen aus Israel zusammen. Das Düsseldorfer Theater hat eine lange Tradition in internationaler Zusammenarbeit, es ist Gründungsmitglied der Union des Théâtres de l’Europe (UTE), in der heute die wichtigsten und größten Theater Europas miteinander verbunden sind. Von daher existiert in Düsseldorf bereits eine internationale Plattform, die wir jetzt über die Grenzen Europas hinaus erweitern möchten.

ML: Fünf chinesische Dramatiker sollen 2009 in Düsseldorf vorgestellt werden. Steht schon fest, wer das sein wird? Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

CL: Die Autoren stehen noch nicht hundertprozentig fest, die Auswahl hat sich jetzt aber schon auf einige wenige Personen und Stücke konzentriert. Wir suchen nach zeitgenössischen Stücken, das ist das zentrale Kriterium.

ML: Das Teehaus von Lao She (老舍) ist also schon zu alt?

CL: Ja, natürlich. Uns interessiert, wie zeitgenössische, also lebende Autoren, das, was gerade in der Gesellschaft geschieht, wahrnehmen, reflektieren, in Dramatik umsetzen, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Ein anderes Kriterium ist die sprachliche oder literarische Qualität, wir suchen Texte, die der Mühe einer Übersetzung und dem Anspruch an Übertragbarkeit standhalten. Viele Stücke – und das gilt nicht nur für die chinesische Dramatik – eignen sich einfach von vornherein nicht für eine Übersetzung, weil sie von ihrem literarischen oder inhaltlichen Gewicht her die Übertragung nicht überstehen würden. Wir suchen außerdem etwas Kulturspezifisches, ja, etwas typisch Chinesisches – soweit es das gibt. Der Zuschauer könnte durchaus eine bestimmte Fremdheitserfahrung machen, wenn er diesen Stücken in Deutschland begegnet.

ML: Steht also schon jemand fest?

CL: Ja, es stehen schon zwei Stücke fest. Eines ist von Guo Shixing (过士行), Cesuo heißt das Stück – Das Klo. Es nimmt übrigens die Struktur von Das Teehaus auf und reflektiert die Veränderung der öffentlichen Toilette vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen in den 70er, 80er, 90er Jahren. Also gewissermaßen vom Gemeinschaftsklo zum Einzelklo.

Und das andere ist Ba Yue Xue von Gao Xingjian (高行健), das Stück gibt es schon in englischer Übersetzung (Snow in August). An Gao Xingjian kommt man nicht vorbei, wenn man sich mit chinesischem Theater beschäftigt. Und dann haben wir noch einen jungen Dramatiker aus Hongkong, voraussichtlich jemand aus Taiwan und aus Shanghai.

ML: Wie haben Sie denn die Autoren und die Stücke gefunden – da Sie ja selber kein Chinesisch können und nur die wenigsten Stücke in einer Übersetzung vorliegen dürften?

CL: Mit Unterstützung einiger Sinologen, allen voran Dr. Andreas Guder von der FU Berlin. Außerdem hat uns Cao Kefei beraten, die sich wiederum mit vielen chinesischen Kollegen besprochen hat. Es entstanden deutschsprachige Synopsen, Auszugsübersetzungen, etc., das war ein Prozess, den wir inzwischen über fast drei Jahre verfolgen.

ML: Sie sind in den vergangenen Jahren oft in China gewesen und sicher auch viel ins Theater gegangen – was hat Sie besonders beeindruckt?

CL: Sehr interessant fand ich eine Neuinszenierung von Lai Sheng-chuan (赖声川), also Stan Lai, einem taiwanesischen Regisseur, das Stück heißt Secret Love in Peach Blossom Land und ist eigentlich ein moderner Klassiker. Lai hat das Stück mit dem Hong Kong Repertory Theatre und einer gemischt kantonesischen und Pekinger Besetzung hier in Peking inszeniert. Das war vor allem interessant, weil er da zwei Theatersprachen aufeinander treffen ließ, nämlich den sehr amerikanisch geprägten, psychologischen Realismus, mit dem die Pekinger Schauspieler gearbeitet haben und eine zitierte Xiqu –Spielweise, also tradioneller Oper, mit der die kantonesischen Schauspieler gearbeitet haben. Überhaupt ist der Rückgriff auf diese Operntradition, der ja auch im Gegenwartstheater immer wieder stattfindet, sehr interessant. 

Die Frage, wie geht man mit den Traditionen um, dieses Verhältnis von Erbe und Auftrag, ist ja bei uns eher ein Thema für Sonntagsreden. Dass das hier eine Rolle spielt, hat, glaube ich, sehr mit der Kulturrevolution zu tun – und mit einer erst allmählich einsetzenden Auseinandersetzung damit. Das ist zum Beispiel etwas, das mir in Gesprächen mit chinesischen Theatermachern immer wieder begegnet: Für sie ist das Interessante an der Auseinandersetzung mit Deutschland die Frage des Umgangs mit der eigenen Geschichte, gerade im Zuge dessen, was ’68 passiert ist. 

ML: Ich denke, da besteht – was die Vermittlungstätigkeit betrifft – ein relativ großer Anspruch an Sie.

CL: Es ist schwierig, aber letztlich ist das immer so, sobald man sich außerhalb seines Kontexts bewegt. Man muss sich also gut überlegen, wie man die Beteiligten integriert. Insofern ist ein zentraler Teil unseres Projektes, chinesische und deutsche Autoren in Düsseldorf zusammenzubringen. Aber es gibt ja auch schon einige zeitgenössische deutsche Autoren, die ins Chinesische übersetzt sind und aufgeführt wurden, zum Beispiel Feuergesicht von Marius von Mayenburg oder Dea Lohers Klaras Verhältnisse. Und Gesine Danckwart hat gerade ein Projekt über China gemacht, die Theaterinstallation Ping Tang Tales, die in diesem Jahr in Berlin aufgeführt wurde. Also, es gibt Anknüpfungspunkte genug in Deutschland.

ML: Herr Lepschy, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für das Projekt!