Porträt Zang Kexin (臧可心)

Zang Kexin
Zang Kexin | Foto: privat

Die junge Künstlerin wurde 2012 von der Art Cologne für das Förderprogramm "New Positions" ausgewählt. Ihre Werke werden vom 24. Juni bis 23. September 2012 in der Gruppenausstellung Based in China im Ernst Barlach Museum Wedel gezeigt.

Zang Kexin (臧可心) wurde 1978 in Peking geboren. Sie kam 1999 nach Deutschland, um an der Staatlichen Fachhochschule Darmstadt zu studieren. Später wechselte sie nach Karlsruhe zu den Abteilungen Visuelle Kommunikation und Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung, wo sie Schülerin des Fotografen Thomas Struth war und 2006 ihren Abschluss machte.

Im Schaffen Zang Kexins überwiegen konzeptionelle Werke, oft wird Fotografie eingesetzt, und in nicht wenigen Arbeiten kommt eine Kombination aus Einflüssen der traditionellen Kultur Chinas und des deutschen Rationalismus zum Ausdruck. Zang Kexins Werke wurden in Deutschland schon oft gezeigt, unter anderem 2006 in der Ausstellung totalstadt. beijing case des ZKM – Museum für Neue Kunst in Karlsruhe. Außerdem widmeten ihr das KunstHaus Potsdam sowie Berliner Kunstgalerien wie die von Alexander Ochs und Klara Wallner Einzelausstellungen. 2012 wurde Zang Kexin von der Art Cologne für das Förderprogramm "New Positions" ausgewählt. 

Neben der konzeptionellen Kunst hat sich Zang Kexin u.a. mit dem Bereich Grafikdesign befasst. Der 2003 von ihr herausgegebene fünfteilige Sammelband Europäische Plakatkünstler sowie das Werk Topo-Typo - Die Grafikdesign-Ausbildung in Deutschland erschienen im People's Fine Arts Publishing House.

Vom 24. Juni bis 23. September 2012 sind Zang Kexins Werke in der Gruppenausstellung Based in China im Ernst Barlach Museum Wedel in der Nähe von Hamburg zu sehen. 

1) Womit haben Sie sich in der letzten Zeit beschäftigt?

Da ich vor kurzem von der Art Cologne 2012 für das Förderprogramm "New Positions" ausgewählt worden bin, hatte ich das Glück, auf dieser internationalen Kunstmesse eine Einzelausstellung zu bekommen. Derzeit werden meine Werke im Rahmen von Gruppenausstellungen im Collegium Hungaricum Berlin und im Ernst Barlach Museum Wedel in der Nähe von Hamburg gezeigt. Gleichzeitig bereiten mein Mann und ich gerade unsere eigene Kulturstiftung vor, deren Ziel darin liegen soll, Kunst zu sammeln und Kultur- und Kunstprojekte zu kuratieren und zu organisieren. Ich hoffe, dass die offizielle Gründung dieser Stiftung bald erfolgen kann.

2) Wann und wie kamen Sie zum ersten Mal in Berührung mit Deutschland? 

1999 bin ich zum Studium nach Deutschland gekommen, und seitdem pendle ich zwischen China und Deutschland und bin - neben anderem – kreativ künstlerisch tätig. Man kann sagen, Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich kenne mittlerweile weit mehr Deutsche als Chinesen.

3) In welcher Weise hat die Begegnung mit Deutschland Ihr Schaffen oder Ihr Leben beeinflusst?

Ich bin mit der traditionellen chinesischen Kultur groß geworden, aber jetzt bezeichnen mich viele chinesische Freunde, wenn sie mich treffen, als sehr „deutsch". Wobei ich denke, dass diese beiden Kulturen im Grunde viele Gemeinsamkeiten haben; in manchen Situationen hat man das Gefühl, sich umso mehr an diese sehr "deutschen" Vorstellungen gewöhnen zu können, je "chinesischer" man ist. Denn einige Aspekte der wahren chinesischen Tradition stehen mit der deutschen und westlichen keineswegs in Widerspruch. So bewundern z.B. viele Chinesen die "Gewissenhaftigkeit" und "Genauigkeit" der Deutschen, während das meiner Meinung nach früher auch Tugenden im traditionellen chinesischen Wertekanon waren, nur sind diese traditionellen Werte manchem bereits abhanden gekommen. Deshalb denke ich, dass mir das Leben in Deutschland tatsächlich viel mehr zu meinem „wahren Ich“, zur Entfaltung meiner selbst, verhilft.

Was „Einflüsse“ betrifft, ist da natürlich auch noch ganz sicher mein Mann Michael Schirner zu erwähnen, den ich ja in Deutschland kennengelernt habe.

4) Was war Ihr schönstes Erlebnis in Deutschland? 

Meinem Eindruck nach gab es eigentlich nur schöne Erlebnisse, es ist schwer, ein "schönstes Erlebnis" auszumachen. Wenn man den Alltag durchweg glücklich verbringt, ist das vielleicht das Schönste. So habe ich zum Beispiel, egal ob in Düsseldorf oder in Berlin, immer nah an einem Fluss gewohnt, an dessen Ufer ich oft spazieren gehen oder Fahrrad fahren konnte. So ein Leben nah an der Natur mag ich sehr, das erfüllt mich ungemein.

5) Was war Ihr unerfreulichstes Erlebnis in Deutschland?

Manchmal kommt es vor, dass Deutsche, die über China gar nicht Bescheid wissen, in meiner Gegenwart in einem unsachlichen Tonfall ihre Meinung zu Dingen in China kundtun, ohne mich dabei nach meiner Meinung zu fragen. Ich denke, sie wollen einfach nur zeigen, wie profund ihr Wissen ist und wie viel sie Zeitung gelesen haben. In solchen Momenten bleibt mir nichts anderes übrig, als sie mit der Toleranz, wie wir sie in der chinesischen Kultur finden, lächelnd anzuschauen.

6) Haben Sie eine deutsche Lieblingsspeise?

Himmel un Ääd – eine rheinische Spezialität mit Blutwurst, Kartoffelpüree und Apfelkompott.

7) Was ist für Sie „typisch deutsch“?

Die hochentwickelte Industrie. Aus kaltem Stahl in den Händen eines Deutschen kann ein Kunstwerk werden. Besonders stark empfindet man das, wenn man minimalistische Kunst mag. Der Pfeiler auf einem Bahnsteig, der Schornstein einer Fabrik, selbst ein Mülltrenn-Container schafft es, eine materielle Ästhetik zu generieren. Hier spielt vieles aus der deutschen Vorstellungswelt mit hinein: Pragmatismus, Liebe zum Detail... .

8) Welche Kulturleistung aus Deutschland beeindruckt Sie am meisten?

Im klassischen Bereich sehr vieles, doch das führe ich hier nicht weiter aus. Unter den Errungenschaften moderner Kultur beispielsweise die Avantgardemusik oder Techno. Besonders erwähnenswert sind auch die deutschen Printprodukte. Ihre hohe Qualität hat mich tief beeindruckt. Das ist auch der Grund, warum ich in meinem dritten Jahr in Deutschland Bücher über deutsche Grafik und die Ausbildung in diesem Bereich herausgegeben habe. Mir gefallen auch die Zeitungen in Deutschland sehr. Die Deutschen betreiben das Zeitungsmachen mit dem gleichen Ernst wie die Buchherstellung. Davon sollten wir lernen.

9) Mit wem in Deutschland würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Realisierbares würde einen Tausch unnötig machen, deswegen möchte ich gerne einen Tag mit Kanzlerin Merkel tauschen.

10) Welche Gewohnheit oder Idee aus Deutschland würden Sie gerne in China übernehmen?

Das ausgeprägte gesellschaftliche Verantwortungsgefühl der Deutschen und ihre Selbstdisziplin. Außerdem könnten wir von ihrem Bewusstsein für die Bewahrung des materiellen und immateriellen Kulturerbes etwas lernen.