Stadtgeschichten: Beijing Smog über Peking

Blick vom Balkon des Goethe-Instituts Peking im 17. Stock in Richtung Westberge
Blick vom Balkon des Goethe-Instituts Peking im 17. Stock in Richtung Westberge | © Stefanie Thiedig

Der erste offizielle Smog-Alarm in der Geschichte Chinas ließ die Welt aufhorchen, und Pekings Luftverschmutzung bleibt ein globales Thema. Unser Praktikant zieht auf der Suche nach Überlebenden durch die grauen Schwaden.

Seit dem 12. Januar 2013 überschlagen sich die internationalen Meldungen über die Smog-Katastrophe in Peking. Die Stadtregierung hatte an diesem Tag zum ersten Mal in der Geschichte der VR China eine offizielle Smogwarnung herausgegeben – und damit ein neues Kapitel des chinesischen Umgangs mit Umweltproblemen aufgeschlagen. Der Smog lässt Peking bis zum heutigen Tag nicht los, und jeder kennt die grauen Bilder, die Peking zum globalen Symbol der Luftverschmutzung werden ließen.

Von den 31 Tagen im Januar 2013 gab es laut einer Untersuchung des Instituts für Meteorologie der Stadt Peking 23 Smog-Tage, das heißt Tage, an denen die Feinstaubbelastung in Peking den vom chinesischen Umweltministerium festgelegten Richtwert von 75 Mikrometern pro Kubikmeter Luft überstieg. Werte unter einer Belastung von 50 Mikrometern gelten weltweit nach den Richtlinien der WHO als unbedenklich für die Gesundheit. Der Spitzenwert, der im Januar in Peking gemessen wurde, betrug laut dem Air Quality Index für Peking, einem Live Feed der amerikanischen Botschaft zur Luftqualität, jedoch 993 Mikrometer pro Kubikmeter. Dies bestätigten letztlich auch chinesische Medien und Messstationen. Besonders gefährlich für den Menschen sind dabei die PM2,5-Partikel in der verschmutzten Luft. Die Atemwege können diese Partikel (Particular Matter), deren aerodynamischer Durchmesser kleiner als 2,5 Mikrometer ist, nicht mehr filtern, durch die Lungen können sie so direkt ins Blut gelangen. 

Im Januar war eine Gesamtfläche von bis zu 1,43 Millionen Quadratkilometern, in seinen Ausmaßen viermal so groß wie Deutschland, vom Smog bedeckt, betroffen waren circa 800 Millionen Menschen – selbst nach Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Laut Experten sind es vor allem vier Faktoren, die zu der derzeitigen Verschmutzung beigetragen haben: Chinas rasantes Wirtschaftswachstum, die Energiewirtschaft des Landes, die immer noch größtenteils auf die Verbrennung von Kohle angewiesen ist, die stetig steigende Anzahl von Autos, die sich durch Chinas Straßen drängen, und klimatische und topologische Besonderheiten wie Pekings Kessellage. 

Für einen kleinen Teil der Bevölkerung ist der Smog ein Segen. Wie in den Fällen des Milchpulverskandals 2008, oder des verseuchten Trinkwassers von 2011 sind es gewiefte Geschäftsleute, die als erstes die Zeichen der Zeit zu deuten und aus der Not ein Geschäft zu machen vermögen. So wurden etwa auf der beliebten chinesischen Online-Shoppingseite 360buy.com seit Anfang Januar 600% mehr Luftfilter verkauft als im letzten Jahr, und auch für die Hersteller von Atemschutzmasken ist 2013 sicherlich ein sehr gutes Jahr. Ein anderes Beispiel für gelungenes Marketing lieferte unlängst der chinesische Millionär und selbsterkorene Philanthrop Chen Guangbiao (陈光标), als er gefolgt von seinem Kamerateam gratis Dosen gefüllt mit Frischluft in den Straßen Pekings verteilte. Chen lässt sich gerne als Wohltäter des Volkes feiern und kommuniziert diese Botschaft offen in seinen Werbevideos. Dies zeigt sich auch in der Gestaltung seiner Frischluft-Dosen, die neben dem im Coronaglanz erstrahlenden Antlitz des Millionärs auch mit der Unterschrift „好人“ (Gutmensch) bedruckt wurden – wer die Gratisdose verpasste oder wem nach mehr Frischluft dürstet, der findet sie für 5 RMB (60 Cent) im Supermarkt.

Für den Rest der Pekinger Stadtbevölkerung war das Eingeständnis der Regierung zwar nicht überraschend, aber trotzdem verändert der jetzt offener verhandelte Diskurs über die ökologischen Probleme Chinas das Bewusstsein. Statt in Panik zu geraten, nehmen es die meisten Pekinger mit der sprichwörtlichen chinesischen Gelassenheit, und versuchen beispielsweise, den Smog mit einer gesunden Portion Galgenhumor zu nehmen. Ein beliebter Witz, der im Januar in Peking zu hören war, handelt von einem Gespräch zweier Männer in Peking: Sagt der eine verblüfft zum anderen: „Ich war gestern am Tian’anmen Platz und konnte den Vorsitzenden Mao nicht mehr sehen.“ Der andere antwortet: „Heute sehe ich ihn nicht einmal mehr aus meinem eigenen Portemonnaie heraus lachen.“ 

Auf Weibo, dem chinesischen Twitter, überschlagen sich die Hashtags mit Smogbezug, den gesamten Januar über war die graue Masse das prominenteste Thema. Tags wie „Sprengt die Skala“ (爆表) oder „Smogverhangener Himmel“ (雾霾天) wurden zu populären Phrasen und wurden knapp 4 Millionen Mal angeklickt. Der Hashtag „Ich will kein menschlicher Staubsauger sein“ (我不要做人肉吸尘器) veranlasste knapp 8,5 Millionen Nutzer zu einem Kommentar. Auch beliebt bei den Mikrobloggern waren Fotos von bekannten Orten, auf denen man durch einen undurchdringlichen Giftstoffschleier außer Grau kaum etwas erkennen konnte. Diese Bilder waren es auch, die ihre visuelle Wirkung im Westen entfalteten.

Die Regierung sah sich durch den gesteigerten Druck aus der Öffentlichkeit gezwungen, Sofortmaßnahmen einzuleiten, wobei einige Maßnahmen eher auf Kosten der Bevölkerung gingen, als den wirklichen Übeltätern in Sachen Verschmutzung einen Riegel vorzuschieben. Der ohnehin schon angespannten Volksseele gefielen Vorschläge wie der Verzicht auf Feuerwerk zum Frühlingsfest oder die Abschaffung der beliebten Straßen-Barbeques (烧烤) aber gar nicht, weshalb einige verärgerte Netizens eine Parodie des beliebten Volkssongs „Ich halt‘s nicht mehr aus“ (伤不起) aufnahmen. In ihrer Version „Verschmutzung zum Frühlingsfest, ich halt‘s nicht mehr aus“ (春节污染伤不起) beklagen sie die Seelenlosigkeit von Industrie und Wirtschaft, die auf Kosten der Bevölkerung riesige Gewinne einfahren. In ihrem Lied rufen sie aber auch dazu auf, individuell Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht erlebt China gerade die Geburtsstunde einer von der breiten Öffentlichkeit getragenen Umweltbewegung, wie sie sich auch im England der 1950er Jahre nach der Smogkatastrophe in London formierte.