Interview mit Prof. Dr. Harald Welzer „China sollte Deutschland in der Energiewende überholen“

Auf einem Reisfeld im Dorf Pixianling in der Provinz Jiangxi ist der Boden dieses Jahr so ausgetrocknet, dass sich dort nichts mehr säen lässt;
Auf einem Reisfeld im Dorf Pixianling in der Provinz Jiangxi ist der Boden dieses Jahr so ausgetrocknet, dass sich dort nichts mehr säen lässt; | © ImagineChina

Harald Welzer beschreibt die Linien der Gewalt im 21. Jahrhundert: Konflikte um Ressourcen, Kriege gegen eigene Bevölkerungen, Wellen von Klimaflüchtlingen und Terrorismus.

Ihr Buch "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" wurde jetzt in China unter dem Titel „Ungleiche Welt: Wofür im 21. Jahrhundert Kriege geführt werden“ veröffentlicht. Wie finden Sie den chinesischen Titel Ihres Buchs?

Den finde ich sehr gut, weil die Folgen des Klimawandels global sehr ungleich verteilt sind. Während beispielsweise Mitteleuropa zunächst nicht sehr viel zu befürchten hat, haben andere Weltregionen schon heute stark unter der Klimaerwärmung zu leiden.

„Man sollte nicht alle Fehler reproduzieren, die die westlichen Länder gemacht haben"

Was macht aus ihrer Sicht den Unterschied zwischen „Klimakriegen“ und Kriegen um Ressourcen aus?

Gewaltkonflikte haben nie nur eine einzige Ursache. So wirkt sich eine verheerende Dürre in einem Staat mit schwacher Staatlichkeit und fehlendem Katastrophenschutz anders aus als in einem reichen Land mit guten Versorgungseinrichtungen. Dort, wo direkt das Überleben, etwa durch fortschreitende Wüstenbildung, bedroht ist, drohen Gewaltkonflikte, die sich bei schwacher Staatlichkeit schnell in Kriege verwandeln können. Das gilt etwa beim Schwinden basaler Ressourcen wie Wasser oder fruchtbare Böden. Andere Ressourcenkonflikte entstehen durch Zugänge zu bisher nicht ausbeutbaren Rohstoffen, wie etwa in der Arktis, wo das Eis schmilzt und Ressourcen zugänglich werden, ohne dass die Besitzverhältnisse geregelt wären.

China sieht sich zunehmend mit großen Umweltproblemen konfrontiert. Was denken Sie, was sollte die chinesische Regierung tun, um diese in den Griff zu bekommen?

Man sollte nicht alle Fehler reproduzieren, die die westlichen Länder gemacht haben, zum Beispiel Mobilität sehr stark durch Infrastrukturen zu gewährleisten, die auf das Auto ausgerichtet sind. Und Konsum zu einem Wert an sich zu machen. Die chinesische Philosophie und Tradition hat genug zu bieten, um China nicht allein nach den Kriterien von Wachstum und Effizienz auszurichten.

Eines der in China meistdiskutierten Themen der letzten Monate ist die grassierende Luftverschmutzung. Besonders in Peking ist die Qualität der Atemluft sehr schlecht, die Werte werden oft als akut gesundheitsgefährdend eingestuft. Große Städte wie Peking und London werden sich auch in Zukunft mit schweren Umweltproblemen konfrontiert sehen. Wie können wir dem entgegentreten?

Als die Leute noch Fahrrad gefahren sind, gab es diese Probleme nicht. In Westeuropa erlebt das Fahrrad als großstädtisches Verkehrsmittel eine Renaissance, in China verschwindet es.

„Es wird keinen Klimakrieg geben, sondern eine Vertiefung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit"

Welche der weltweit bekannten Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels sollten von der chinesischen Regierung übernommen werden?

Die chinesische Regierung sollte alles zur Kenntnis nehmen, was im Bereich der erneuerbaren Energien und der Entkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch entwickelt wird und in dieser Hinsicht den Ehrgeiz haben, weltweit führend zu werden. Sie sollte Deutschland in der Energiewende überholen.

China befindet sich in Asien in enger Nachbarschaft zu Japan, Korea und anderen Ländern. Die von China verursachte Umweltverschmutzung hat auch Auswirkungen auf diese Länder. Glauben Sie, dass das Klima in Zukunft ein wichtiger Faktor für die internationalen Beziehungen in Nordostasien sein wird?

Ja. Spätestens in ein bis zwei Jahrzehnten, wenn die wirklich gravierenden Folgen der Klimaerwärmung spürbar werden.

Sind Sie optimistisch in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen den Großmächten in der Klimafrage? Wie kann man die vorhandenen Interessenkonflikte überwinden?

Ich bin sehr pessimistisch, weil die internationalen Klimaverhandlungen von nationalen Eigeninteressen und nicht von globaler Verantwortung getrieben sind.

Wenn es zu Klimakriegen kommt, welche Auswirkungen wird das auf die globale Zukunft haben?

Es wird keinen Klimakrieg geben, sondern eine Vertiefung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit im globalen Maßstab. Das erzeugt Gewaltkonflikte, deren Ausgang nicht vorhersehbar ist. 

Harald Welzer , geboren 1958, ist Direktor von „Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit“ und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.