Umwelt Daoismus, Konfuzianismus und die Umwelt

Tempel auf dem von den Daoisten verehrten Berg Maoshan in der Provinz Jiangsu
Tempel auf dem von den Daoisten verehrten Berg Maoshan in der Provinz Jiangsu | Foto: ARC/Victoria Finlay, via flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

In aller Stille entwickeln sich daoistische und konfuzianische Gruppen zu einer einflussreichen Kraft für ein grüneres China.

Im September 2013 wurde eine ungewöhnliche Umweltorganisation an einem der ältesten und bedeutendsten Orte Chinas ins Leben gerufen – der Songyang-Akademie (嵩阳书院) in Dengfeng in der Provinz Henan. Die im 11. Jahrhundert gegründete Bildungseinrichtung war eine der vier großen Akademien des alten Chinas. Sie war ursprünglich ein buddhistisches, ab Anfang des 7. Jahrhunderts daoistisches Kloster. Ab 1035 lehrte man hier konfuzianisches Gedankengut. 

Das ist alles nur eine Randnotiz der Geschichte verglichen mit den zwei alten Zypressen auf dem Gelände, die 110 vor Christus bereits so verehrt wurden, dass auch Han-Kaiser Wu ihnen huldigte.

In Gegenwart dieser beiden großen alten Bäume wurde die International Confucian Ecological Alliance (ICEA) gegründet. Das ist die erste explizit konfuzianische Organisation, die sich Umweltbelangen widmet, mit denen sich nicht nur China, sondern (wie der Name der Organisation andeutet) die ganze Welt konfrontiert sieht. 

Die Konfuzianer haben zwei Städte als Modell konfuzianischer ökologischer Werte auserkoren: Konfuzius’ Geburtsort Qufu in der Provinz Shandong und Dengfeng. Das gehört zu ihrer Mitgliedschaft im Green Pilgrimage Network (GPN), in dem Pilgerstätten aus aller Welt in ihrem Bestreben vereint sind, Pilgerreisen umweltverträglicher zu gestalten. 

Noch in diesem Jahr soll mit der Ausarbeitung eines Achtjahres-Umweltaktionsplans begonnen werden, der die 500 konfuzianischen Tempel und Dutzende Akademien einschließen wird.

Zudem ist geplant, in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium 100 Vorträge über Konfuzianismus und Ökologie zu finanzieren und ein Wissenschaftsgremium einzurichten, das sich um Forschungsarbeit zu konfuzianischen Werten und Ökologie kümmert. Im nächsten Jahr soll der 2565. Geburtstag von Konfuzius mit einer großen Versammlung zum Thema Ökologie in Peking gefeiert werden. 

Anfang November 2013 kündigte die Vereinigung der Daoisten Chinas im Asia House in London die Fortführung ihrer 20-jährigen Arbeit im ökologischen Bereich an. Der Präsident der Vereinigung Meister Ren Farong (任法融) schilderte in einer eindrucksvollen Rede das Engagement der Religion beim Schutz der heiligen Berge, bei der Entwicklung umweltverträglicher Pilgerreisen in China sowie bei der Bekämpfung des illegalen Handels mit wildlebenden Tieren durch die Rückführung der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) auf die Basis der Pflanzenheilkunde.

All diese Bemühungen zeugen davon, dass die Suche nach einem Lebensweg, der den tiefverwurzelten kulturellen Traditionen, Weisheiten und Erkenntnissen Chinas Rechnung trägt, nun eine breite Bewegung nicht nur unter Jugendlichen, sondern unter Angehörigen aller Altersgruppen ist. Daoismus und Konfuzianismus als die beiden in China entstandenen geistigen und philosophischen Traditionen stehen im Zentrum der Wiedergewinnung einer explizit chinesischen Haltung zum Thema Umweltschutz.

Als die Daoisten vor 20 Jahren ihr erstes Bekenntnis zu Daoismus und Umweltschutz veröffentlichten, arbeiteten sie vier Prinzipien heraus.

1. Der Erde folgen 

Die Erde respektiert den Himmel, der Himmel folgt dem Dao, und der Dao folgt dem natürlichen Lauf aller Dinge. Die Menschen sollten dabei helfen, dass alles sich so entwickeln kann, wie es in seiner Natur liegt. Wir sollten den Weg des Nichteingreifens kultivieren und die Natur unberührt lassen.

In einer Ende der 1990er-Jahre durchgeführten Studie über die neun wichtigsten heiligen Berge Chinas (fünf daoistische, vier buddhistische) fand man heraus, dass auf den heiligen Bergen, die nach der Kulturrevolution wieder zum Zentrum einer der religiösen Gemeinschaften wurden, dank deren Hilfe die Artenvielfalt sehr viel deutlicher ausgeprägt ist als auf vergleichbaren Bergen. Daraufhin entwickelte man in daoistischen Tempeln ein Programm zur Identifizierung einheimischer und bedrohter Arten und richtete Tierpflegestationen ein. 

2. Harmonie mit der Natur

Im Daoismus besteht alles aus den beiden gegensätzlichen Kräften des Yin und Yang. Die beiden Kräfte stehen in permanentem Konflikt mit allem. Wenn sie einen harmonischen Zustand erreichen, erzeugen sie Lebensenergie. Wer dieses Prinzip versteht, wird die Natur nicht ausbeuten, sondern sie gut behandeln und von ihr lernen.

Das ist die philosophische, spirituelle und physiologische Grundlage eines Programms der Daoisten, das sich gegen die Verwendung von Inhaltsstoffen in der Traditionellen Chinesischen Medizin richtet, die aus bedrohten Tierarten wie Tiger, Elefant und Nashorn gewonnen werden. Die Daoisten lehren mittlerweile, dass ein Medikament nicht wirken wird, wenn die Gewinnung von dessen Inhaltsstoffen das Gleichgewicht von Yin und Yang in der Welt stört, Tiere bedrohter Arten verletzt oder anderen Lebewesen Schmerzen zufügt. Tatsächlich wird die Einnahme eines solchen Medikaments einem schaden. 

3. Zu erfolgreich 

Man sollte keine Entwicklung anstreben, die der Harmonie und dem Gleichgewicht der Natur entgegenläuft, und sei sie auch von großem unmittelbaren Interesse und Vorteil. Das unersättliche Verlangen des Menschen führt zum Raubbau an natürlichen Ressourcen. Zu erfolgreich zu sein, heißt sich auf dem Weg der Niederlage zu befinden.

Die Kritik am Konsumverhalten ist im ökologischen Programm der Daoisten tief verankert und manifestiert sich beispielsweise in der „Bewegung der drei Stäbchen“. Es fiel auf, dass die Menschen mit zunehmendem Wohlstand große Bündel Räucherstäbchen in die Tempel brachten, um sie an den Schreinen anzuzünden, als ob sie die Gottheiten durch Überfluss beeindrucken könnten. Also führten die Daoisten eine Regel der Schlichtheit ein. Drei Räucherstäbchen genügen – eines für den Himmel, eines für die Erde, eines für einen selbst. Diese kleine Botschaft verdeutlicht eine große Idee zum nachhaltigen Lebenswandel. 

4. Artenvielfalt

Das einzigartige Werteverständnis der Daoisten kommt darin zum Ausdruck, dass der Daoismus Wohlstand an der Artenvielfalt misst. Wenn alle Dinge im Universum sich gut entwickeln, dann geht es auch der Gesellschaft gut. Wenn nicht, befindet sich das Königreich im Niedergang. Mit dieser Sicht werden Regierung und Volk dazu ermutigt, die Natur zu schützen.

Oft versuchen Umweltschutzbewegungen, ein Gefühl der Schuld und Angst zu erzeugen. Doch das funktioniert nicht. Daher fördert der Daoismus eine positive Sicht auf den natürlichen Reichtum der Natur und sieht darin einen Grund zur Freude. Der Louguantai-Tempel in der Provinz Shaanxi, wo Laozi der Legende nach den Daodejing (道德经), das wichtigste Buch der Daoisten verfasste, ist zum Zentrum der daoistischen ökologischen Bewegung geworden. Mit monatlich stattfindenden Zeremonien wird der Kreislauf der Natur gefeiert. Diese Veranstaltungen ziehen Tausende Besucher aus der nahegelegenen Stadt Xi’an an, die wieder im Einklang mit dem Rhythmus der Natur leben wollen.

Der Konfuzianismus ist neu in dieser Bewegung, doch das erste Bekenntnis der Religion zur Umwelt aus dem Jahr 2013 zeigt, wofür man sich in den nächsten Jahren engagieren will: für eine „nachhaltige, harmonische Beziehung zwischen Mensch und Natur.“ 

Wie es im Buch der Urkunden (尚书), das zu den Fünf Klassikern der chinesischen Literatur gehört, so treffend in Kapitel 22 ausgedrückt wird: „Tue einfach, was recht und angemessen ist, und alles wird gut sein.“ 

Kooperation mit chinadialogue

Dieser Artikel erschien erstmals bei unserem Partner chinadialogue, einer nichtkommerziellen Organisation, die die Förderung des Umweltdialogs zwischen China und der Welt zum Ziel hat. Wir veröffentlichen an dieser Stelle regelmäßig ausgewählte Beiträge der chinadialogue-Website. Wenn Sie mehr zu chinesischen Umweltthemen erfahren möchten, besuchen Sie chinadialogue.net