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Freud und Leid alternativer Kinos
Im Buchladen „Pornos“ gucken

Vortrag und Q&A zu dem Thema „Womit experimentiert experimentelle Kunst?“
Vortrag und Q&A zu dem Thema „Womit experimentiert experimentelle Kunst?“ | © Youandme Space

„Wind und Regen kommen herein, aber auch Freunde, um Filme zu sehen“ - so stellt sich Kong Yuanzi, Der leere Hof (空院子), auf WeChat vor und beschreibt damit ziemlich gut den Stand von Alternativkinos und unabhängigen Vorführräumen in China: trotz ihres Nischenplatzes und anderer Schwierigkeiten, sind sie vital und leidenschaftlich und finden ihr Publikum.

Von Zhang Zongxi (张宗希)

Unabhängige Filme bieten den Zuschauern Inhalte und Seherfahrungen, die sich vom Unterhaltungskino, von Internet-Videoportalen oder den Fernsehprogrammen deutlich unterscheiden. Die Themenfülle garantiert dem unabhängigen Film Zuschauer und Aufmerksamkeit. Ob in Buchhandlungen Pekings und anderer chinesischer Städte, Organisationen von Filmfans oder Kunsträumen, an vielen Orten gibt es regelmäßige Filmveranstaltungen.

Filmvorführungen in unabhängigen Buchläden     

Im Januar 2016 habe ich anlässlich der vom Buchladen One Way Street (单向街) organisierten Filmreihe In Bildern schreiben (在影像中写作) den Film Poet on a Bussiness Trip (诗人出差了) von Ju Anqi 雎安奇gesehen. Die Hauptrollen darin spielten der Dichter Shu (竖) und seine Gedichte. Der Filmemacher Wang Bing (王兵), Regisseur des Dokumentarfilms Tie Xi Qu: West of the Tracks (铁西区) fasste die Geschichte des Films mit den Worten zusammen: „Am Anfang Sex, am Ende Impotenz.” Das klingt nach Porno und recht hart, verschaffte dem Film aber, ob absichtlich oder nicht, große Aufmerksamkeit. Es gibt zwar Nacktszenen im Film, aber die sind weder erotisch noch pornografisch. Im Gegenteil, es gibt einen Realismus, den jeder, der schon mal in einem Kleinstadthotel übernachtet hat, nachvollziehen kann: so wundert es niemanden, wenn achtlos Müll in die Ritze zwischen Bett und Wand geworfen wird, die schwarz-weißen Bilder lassen das Chaos vergessen und geben dem Ganzen Poetik und ein reinigendes Gefühl. Auf der anderen Seite verstärken die 16 per Voice-over und in Titeln rezitierten Gedichte von Shu das Zusammenspiel von Poesie und Bildern.

Die Buchhandlung One Way Street (单向街) wählte für diese Reihe zehn Filme aus: bei einigen führten Schriftsteller selbst Regie, andere erzählten über deren Leben, darunter sowohl Spielfilme als auch Dokumentarfilme, in denen nach der besonderen Beziehung von Literatur und Film gefragt wurde. Die Organisatorin der Veranstaltung Zhang Weina (张维娜) erklärte dazu, dass der Laden Filme und vor allem Dokumentarfilme mit einer besonderen und humanistischen Sichtweise zeige, die inhaltlich wie auch ästhetisch überzeugen. Dabei seien sie nicht auf Themen oder bestimmte Regisseure beschränkt. Natürlich gelte es, politische Risiken zu vermeiden, aber bislang gab es noch keine politisch so sensiblen Filme. Die Zusammenarbeit mit den Regisseuren basiert auf gegenseitigem Vertrauen, nur selten spielt dabei Geld eine Rolle.

Vor einiger Zeit hat Zhang Weina zusammen mit dem unabhängigen Kritiker Shui Guai (水怪) die Filmreihe Neue Welle nach '85 (85后鲜浪潮影像展) organisiert, für die sie 17 Buchläden aus 13 Städten des Landes zusammenbrachten. Das waren dann noch mehr Gelegenheiten, an den verschiedensten Orten Filme zu sehen, die nicht auf die große Leinwand kommen. Und besonders legt Zhang Weina noch das Programm des Shanghaier Jifeng Buchladens(季风书园) ans Herz.

Das inoffizielle Kinokollektiv

Anders als der Buchladen One Way Street entstand das Cinephile Collective Qifang (齐放) aus der Zusammenarbeit des Indie Workshops (影弟工作室) mit landesweit zehn alternativen Vorführstätten. Die Orte und Organisationen unterstützen sich gegenseitig und zeigen von Qifang organisierte Filmreihen. Die mit Produktion und Verleih von Arthouse-Filmen befasste Kommunikationsfirma Heaven Pictures (天画画天文化传美工司) aus Peking und die Non-Profit-Organisation CNEX sind bei der Finanzierung unabhängiger Filme behilflich.

Auch  Echo Books and Cafe (回声书店) aus Dalian macht bei Qifang mit. Seine Inhaberin Frau Han erzählt uns, dass im Buchladen vor allem chinesische Dokumentarfilme gezeigt werden, denn die seien spannender als Spielfilme. Es kämen vor allem Leute, die das offizielle Kinoangebot nicht glücklich macht. Zwar seien es nicht allzu viele, aber sie müssen damit ja auch kein Geld verdienen, die Einnahmen aus Buchladen und Café decken die Kosten. Und dass hier auch Filme laufen, soll gar  nicht an die große Glocke gehängt werden.

Das Luoyang-Filmarchiv (洛阳电影资料馆) ist ebenfalls Teil des Qifang Kinokollektivs. Die Institution, deren Name so offiziell klingt, ist in Wirklichkeit eine rein gemeinnützige Organisation von Filmenthusiasten. Einer der Organisatoren erklärt uns, dass das Archiv aus gemeinsamen Filmabenden und Diskussionen unter Nutzern der Online-Kulturplattform Douban hervorging.

Anders als die erwähnten Buchläden und Cafés haben sie keine feste Einnahmequelle, sondern finanzieren sich durch Sponsoring und Unterstützung der Filmfans. Jeder von ihnen geht einem Beruf nach und sie treffen sich nur zu den Vorführungen, diskutieren miteinander und verbreiten die Neuigkeiten in Chats und Blogs. Unabhängige Filme sind dabei nur ein kleiner Teil des Programms, zu dem auch Filmklassiker oder Arthouse-Filme gehören. Der Regisseur Jia Zhangke (贾樟柯) gab dem Archiv auf den Weg,  eine „Bilderwelt für Freigeister“ zu sein (影像视界,自由精神).

Alternative Kunsträume

Neben den Buchläden und dem Kinokollektiv entstanden in letzter Zeit allerorts Kunsträume, die sich der Videokunst und unabhängigen Filmen widmen. Der You and Me Space (你我空间) beispielsweise wurde im Juni 2015 vom Kurator Hu Zhen (胡震) und dem Künstler Yang Fan (杨帆) gemeinsam als alternativer Kunstraum in Guangzhou gegründet und hat seinen Sitz in der Aula des Kunstviertels Xiaozhoucun (小洲村). Um Ausstellungskosten zu decken und Kunstevents zu organisieren, werben sie Gelder ein, was zwar nicht immer einfach ist, aber zu gelingen scheint.

Hier wurden zum Beispiel preisgekrönte Experimentalfilme des Beijing Independent Filmfestivals (BIFF) gezeigt. Die Veranstaltung entstand in Zusammenarbeit mit dem Li Xianting Filmfund (栗宪庭电影基金) und hatte sich zum Ziel gesetzt, das unabhängige Denken und den freien Geist in Guangzhou zu verbreiten. Das Kunstviertel Xiaozhoucun ist ein touristischer Ort, der gleich neben dem Campus der Uni liegt. Hinzu kommt, dass jedes Jahr tausende Studenten hierher kommen, um an der Aufnahmeprüfung der Kunstakademie teilzunehmen. Es gibt also verschiedenste potentielle Besucher, die meisten von ihnen Studierende. Das Xiaozhou-Video-Projekt (小洲影响计划) kommt ebenfalls gut an, auch wenn ein paar Gästebucheinträge an der Gegenwartskunst zweifeln oder sie geschmacklos finden.

„Als wir den You and Me Space aufbauten, beschäftigte uns einerseits die Abkapselung und Stilisierung der Kunstszene, die sich damit auch einschränkt. Und andererseits“, so Hu Zhen, "spürten wir deutlich, dass zwischen der Verbreitung moderner Kunst und ihrer Wahrnehmung durch die Gesellschaft eine große Lücke klafft, die zu Missverständnissen und ernsthaften Irritationen führt. Nehmen wir zum Beispiel die Videokunst: aus diesen oder jenen Gründen werden hervorragende Werke häufig nur kurz gezeigt. Deshalb haben wir als Kunstraum in einem öffentlichen Gebäude das Xiaozhou-Video-Projekt und andere Events auf kommunaler Ebene entwickelt. Wir wollen damit die Gegenwartskunst und besonders die Videokunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Eine ähnliche Institution ist Wu Wenguangs (吴文光) Caochangdi Workstation (草场地工作站, jetzt nicht mehr in Caochangdi). Jedes Jahr im April und Mai werden hier Dokumentarfilme gezeigt. In Peking und Guangzhou gibt es das sogenannte Video Bureau (录像局), das sich um Sichtung, Archivierung und Vorführung dieser Filme kümmert.

Unabhängige Filme zeigen – ein schwieriges Kapitel: mal Regen und mal Sonnenschein

Die Einschränkungen und Verbote von unabhängigen Filmfestivals, wie dem Beijing Independent Film Festival (北京独立影像展) , dem Dokumentarfilmfestival South of the Clouds (Yunfest, 云之南记录影像展), dem China Independent Film Festival (CIFF, 中国独立影响年度展) oder dem Chongqing Independent Film and Video Festival (CIFVF, 重庆民间映画交流展) haben in der Vergangenheit immer wieder die Aufmerksamkeit ausländischer Medien auf sich gezogen, doch die Vorführungen des Li Xianting Filmfunds (栗宪庭电影基金) laufen ohne Probleme. Wang Shu (王姝) vom Filmfund erzählt, dass im Kong Yuanzi 空院子 – im leeren Hof jeden Monat zwei Filme mit anschließendem Filmgespräch gezeigt werden. Bislang gab es noch nie Ärger mit der Zensur. In seinem Beitrag für das Xiaozhou-Video-Projekt schreibt Li Xianting (栗宪庭), der unabhängige Film sei in erster Linie Kunst. Selbst wenn sich die Bedingungen in China verändern, und der unabhängige Film sowie der Austausch darüber nicht mehr der Gegenstand von Zensur sein sollte, , besäße er weiterhin seinen eigenen kulturellen Wert.

Die Vorführung unabhängiger Filme ist gemeinnützig und nicht gewinnorientiert, trotzdem gibt es immer wieder Schwierigkeiten. In den großen Städten wird genau registriert, was läuft. Aber man kann den Austausch nicht ganz unterbinden. In kleineren Städten geht es mehr darum, den Zuschauern ein Fenster zu öffnen. Gerade deshalb verdienen die kleinen und inoffiziellen Orte, an denen unabhängige Filme gezeigt werden, unsere ganze Unterstützung.

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