Interview mit Pat-to-Yan Erster Hongkonger Teilnehmer am Stückemarkt

Pat-to Yan
© Pat-to Yan

Der Hongkonger Drehbuchautor und –regisseur Pat-to-Yan war Gast des 53. Theatertreffens in Berlin im Mai 2016. Sein neues Stück „A Concise History of Future China“ schaffte es unter die Auswahl der finalen Fünf auf dem Stückemarkt. Damit ist er der erste Hongkonger dessen Werk für den Stückemarkt ausgewählt wurde. Kurz nach seiner Rückkehr gab Yan dem Goethe-Institut ein exklusives Interview und erzählte von seinen Erfahrungen auf dem Stückemarkt, wie sein Stück ausgewählt wurde und was für ein Feedback er dort bekam.

Herr Pat-to-Yan, Sie kommen gerade aus Berlin zurück, wo Sie am Theatertreffen teilgenommen haben. Können Sie uns von Ihrer Reise erzählen?

Mein Stück A Concise History of Future China wurde als eines von fünf Stücken in die Auswahl des Stückemarktes des Theatertreffens (als Teil der Berliner Festspiele) 2016 aufgenommen. Es wurde an sechs Tagen aufgeführt, und ich nahm insgesamt an drei Veranstaltungen teil: an einer szenischen Lesung zu meinem Stück A Concise History of Future China, als Leiter bei einem Workshop und außerdem mit dem Stück Posthuman Condition an einem Pitch für den Stückemarkt. Ich war bei vielen Workshops dabei, habe mir unterschiedliche szenische Lesungen und Performances angeschaut, und ich hatte Gelegenheit drei von zehn der herausragenden deutschsprachigen Stücke zu sehen, die für das diesjährige Theatertreffen ausgewählt wurden. Daneben gab es natürlich jeden Abend ab 11 Uhr noch etliche Empfänge und Parties.

Nach welchen Kriterien werden die Stücke von der Jury ausgewählt? Was macht Ihr Stück so besonders?

Kathrin Röggla, Mitglied der Jury, stellte auf der Eröffnungszeremonie die Frage: Was sind die essenziellen Bestandteile eines Theaterstücks? Ist ein gespielter Dialog von Menschen ein echter Dialog? Oder lediglich das Material des Schauspielers? Geht es ausschließlich um die Kraft der Worte? Oder handelt es sich dabei nur um eine lange Aneinanderreihung von Vorträgen? Will man damit wirklich etwas erschaffen oder sich nur aufspielen? Hans-Werner Kroesinger, ebenfalls Juror, meint er verfolge seinen ganz eigenen Ansatz: Wenn ihn ein Stück immer wieder zum Lachen bringe und ihn aufs Neue zum Nachdenken anrege, dann sei es ein Stück, das die Wahl wert sei.

Kathrin Röggla erklärt in der Broschüre zum Stückemarkt, warum A Concise History of Future China gewählt wurde: „Sich an die Zukunft zu erinnern ist heute harte Arbeit. A Concise History of Future China widersetzt sich einer linearen narrativen Dramaturgie und arbeitet in sehr verdichtet poetischen Verflechtungen die grausamen Phantasmen einer gegenwärtigen Gesellschaft der Ungleichzeitigkeiten heraus, die zu jedem Rückfall in die Barbarei bereit ist – ob es nun um staatlich organisierten Organraub geht oder um gedungene Mörder. Ein Stück, in dem diese Phantasmen so real klingen, die Möglichkeit des Verwechselns von Realität und Traum so naheliegend scheinen, dass uns ihre Mächtigkeit schaudern macht. Was, wenn sich diese Alpträume längst vernetzt haben und gegen unsere Zukünfte antreten?“

Können Sie etwas vom Bewerbungsprozess erzählen?

Beim diesjährigen Berliner Theatertreffen kam erstmals ein neues Pitching-Verfahren zum Einsatz. Daran nehmen die fünf Theaterstücke teil, die es in die finale Runde des Stückemarkts schaffen. Jeder Teilnehmer beziehungsweise jede teilnehmende Gruppe bekommt zehn Minuten Zeit, um das eigene Werk zu präsentieren, danach stehen noch einmal zehn Minuten zur Verfügung, um sich den Fragen der vier Juroren zu stellen. Das ganze Pitching wird live im Internet übertragen und nachdem alle fünf Gruppen ihre Präsentation beenden, gibt es eine Stunde lang die Möglichkeit online für seinen Favoriten abzustimmen. Teilnehmen können alle Internetuser weltweit. Das so ausgewählte Gewinnerstück wird in den Spielplan 2017 des Dortmunder Theaters aufgenommen. Für die Präsentation habe ich die erste Szene aus Posthuman Condition (后人类状况) ausgewählt. Posthuman Condition (后人类状况) ist das zweite Stück aus der Reihe Posthuman Itinerary (后人类旅程), zu dem A Concise History of Future China den Auftakt bildet. Ich habe Sean Curren and Ma Jiayu (马嘉裕) als Schauspieler eingeladen und außerdem den erfahrenen Theatermanager Chen Huiyi (陈惠仪) als Produzenten ins Boot geholt. Obwohl letztlich die Gruppe aus Slowenien gewonnen hat, haben wir doch viel Zuspruch vom Publikum erfahren.

Das Interessanteste daran war, dass wir am Tag nach dem Pitching einer älteren Dame begegneten, die dann ganz von selbst auf mich zukam. Sie fragte mich, wo ich so großartige Schauspieler gefunden hätte und wie ich einen englischsprachigen Schauspieler für mich hatte gewinnen können. Ich erklärte ihr, dass Sean Curren ein schottischer Schauspieler sei, der schon seit mehreren Jahren in Hongkong arbeitet. Sie fragte mich, in einem noch gespannteren Ton: „Werden Sie dieses Stück noch weiterentwickeln?“ – „Ja“, antwortete ich.